IV. RECHTSMEDIZINISCHES GUTACHTEN

Zur Veranschaulichung des Gesagten möge die Wiedergabe des rechtsmedizinischen Gutachtens im Fall Athialil durch die Consulta Medica dienen. Die Darlegung des Falles enthält die Biographie der betreffenden Dienerin Gottes, das Titelblatt und die Inhaltsangabe, das veröffentlichte Dossier der Positio super Miraculo sowie den Bericht über die Consulta Medica.

1. Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis

Die Selige Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis, Anna Muttathupadathu (1910 - 1946), Profess-Schwester der Kongregation der Klarissen des Dritten Ordens des hl. Franziskus, deren Fürbitte die unten geschilderte Heilung zugeschrieben wird, wurde am 19. August 1910 in Kudamaloor in der Region Apookara, Diözese Changanacherry (Indien), als Tochter einer alten, vornehmen Familie (Muttathupadathu), die letzthin allerdings große finanzielle Einbußen ertitten hatte, geboren. Die Geburt war von einem schweren Unfall der Mutter überschattet, die im 8. Monat ihrer Schwangerschaft auf einer Matte im Vorraum des Hauses schlief und dabei von einer Schlange, die sich an ihren Hals legte, abrupt aus dem Schlaf gerissen wurde: sie war darüber so erschrocken, dass sie wenige Tage später in einer Frühgeburt ein Mädchen zur Welt brachte, das den Namen Annakutty erhielt; drei Monate später starb die Mutter.
Die kleine Annakutty verbrachte ob des Fehlens der Mutter eine traurige Kindheit, die durch ihren Aufenthalt bei der Großmutter für einige Zeit erhellt wurde. Nach Erreichen des Schulalters im Jahre 1917 besuchte Annakutty die öffentliche Schule von Apookara. In Ermangelung einer katholischen Schule musste sie die hinduistische Schule besuchen. Nach Beendigung des ersten Zyklus übersiedelte das Mädchen, da es dort keine weitere Schulen gab, nach Muttuchira in das Haus ihrer Tante, Anna Murickal; diese begann jedoch schon bald, das Mädchen zur Heirat zu drängen, so dass Annakutty einen schweren Unfall provozierte, bei dem sie sich mehrere Verbrennungen an den Beinen zuzog - in der Hoffnung, dass die Tante dadurch von ihren Heiratswünschen Abstand nehme.
Nach Wiederaufnahme der Studien nach einer krankheitsbedingten Unterbrechung legte Annakutty 1927 die Prüfungen ab und trat 1928 in die Kongregation der Klarissen vom Dritten Orden des hl. Franziskus in Bharananganam ein, wo sie mit dem Namen Sr. Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis bedacht wurde. Die Zulassung zum Noviziat musste jedoch aufgrund einer sich lange hinziehenden Krankheit zunächst verschoben werden. Erst 1935 konnte sie in das Noviziat von Changanacherry eintreten, wo sie am 12. August 1936 die ewige Profess ablegte. Für kurze Zeit konnte sich Sr. Alfonsa dem Volkschulunterricht widmen, doch hinderte sie das neuerliche Auftreten von Schmerzen, unter denen sie von 1930 - 1946 litt, an einem normalen Leben. Sr. Alfonsa starb am 28. Juli 1946 im Konvent der Klarissen in Bharananganam. Am 13. April 1957 wurden ihre körperlichen Überreste in die Pfarrkirche überführt.
Am 8. Februar 1986 wurde Sr. Alfonsa von Papst Jobannes Paul II. in Kottayam in Indien selig gesprochen.

2. Positio Super Miraculo

Die Positio super Miraculo der Heilung, die der Fürsprache Sr. Alfonsas von der Unbefleckten Empfängnis zugeschrieben wird und von den Aktoren der Causa dem Urteil der Heiligsprechungskongregation zwecks Anerkennung der Unerklärbarkeit beigelegt wurde (Abb. 1), weist folgende Struktur auf (Abb. 2) und schließt mit dem Bericht der Consulta Medica, der hier in der Übersetzung nach dem Original vorgelegt wird:

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Bericht

über die Sitzung der Consulta Medica der Heiligsprechungskongregation
vom 6. Dezember 1984
zum vorgelegten klinischen Fall für die Seligsprechung der oben genannten
Ehrw. Dienerin Gottes

Am 6. 12. 1984 versammelte sich um 10.30 Uhr im Kongress-Saal der Heiligsprechungskongregation die Consulta Mediea zur Beurteilung der Heilung von Thomas Abraham Athialil.
Die Sitzung fand in Anwesenheit S. E. Mons. Traiano Crisan, Sekretär der Heiligsprechungskongregation, des Rev.mo Mons. Fabijan Veraja, Untersekretär, und des Rev.mo Anton Petti, Generalglaubensanwalt, statt.
Die Consulta Medica bestand aus dem Präsidenten, Prof. Raffaello Cortesini-Finali, Dr. Bonatti Anton, Prof. Ortona Alois und Prof. Gatta Fabrizio. Abwesend wegen Indisposition Prof. Giunchi Josef.
Sekretär: Dr. MarcellusMeschini.

a) Sachverhalt
Thomas Abraham Athialil kam am 1. Oktober 1936 in einer normalen Entbindung zur Welt. Von Geburt an waren die Missbildungen, die er aufwies, für jeden offensichtlich: an beiden Beinen kongenital verdrehte Füße. Als das Kind zu gehen begann, berührte es den Boden jeweils mit dem Fußrücken. Es gibt sehr viele nichtfachliche Zeugen, die übereinstimmend von dieser Deformierung berichten, und auch die Ärzte, die den Kleinen untersuchten, bestätigen, dass die Missbildung hochgradig, bilateral und von Geburt an gegeben war. Es wurde jedoch keine chirurgisch-orthopädische Behandlung vorgenommen (man beschränkte sich auf das Auflegen von Pfauenfett.) Da man die Krankheit sich selbst überließ, wurden die angeborenen Anomalien durch das Gehen schließlich irreversibel.
Am 27. 1. 1947 organisierten die Familienmitglieder des verkrüppelten Jungen eine Pilgerreise zum Grab der Dienerin Gottes Alfonsa von der Unbefleckten Empfängnis. In der Nacht vom 29. zum 30. Jänner 1947 verschwand die Deformation und der Bub konnte normal zur Schule gehen. Alle Zeugenaussagen stimmen in der Feststellung überein, dass die Heilung plötzlich, vollständig und dauerhaft war. Dies wurde von den ärztlichen Gutachtern "ab inspectione" bestätigt, die lediglich leichte Modifizierungen der Fußsohlen und Fußrücken feststellten, welche auf die vorangegangene schwere Missbildung zurückzuführen waren; die normale Funktionalität war jedoch voll gegeben.

b) Rechtsmedizinische Gutachten
Der Präsident der Consulta Medica bringt im Namen aller Mitglieder sein Bedauern über den plötzlichen Tod des Kollegen Mario Costici zum Ausdruck, dessen Gutachten wegen ihrer klaren und sorgfältigen Formulierung, hervorgegangen aus einer breiten wissenschaftlichen Kenntnis und einer überaus langen Erfahrung im Bereich der Kinderorthopädie, hochgeschätzt waren. An die Stelle des Verstorbenen trat Prof. Fabrizio Gatta.

1. Experte: Es handelte sich um eine angeborene Deformierung, die durch fachliche wie nichtfachliche Zeugen leicht objektivierbar war. Aufgrund der Rückständigkeit des Landes (es gab nicht einmal elektrisches Licht) fehlten die radiologischen Untersuchungen. Das Wunderbare an dem Ereignis in der Nacht vom 29. zum 30. Jänner 1947 besteht nicht nur in der Schnelligkeit, mit der sich die Heilung vollzog, sondern auch in der Tatsache, dass bei so tiefsitzenden Deformierungen die Knochenveränderungen irreversibel sind (vor allem bei Sprung-, Kahn- und Fersenbein) und sich unter dem Gewicht und durch das Gehen noch verstärkten. Das Fußgewölbe ist selbst nach orthopädischen Operationen nicht völlig wiederherzustellen. Im vorliegenden Fall gab es keinerlei Eingriff und die Rückkehr zur anatomisch-funktionalen Normalität erfolgte, nach Anrufung der Dienerin Gottes, im Verlauf der genannten Nacht auf eine Weise, die natürlich nicht zu erklären war. Die 1981, 31 Jahre nach der Heilung, durchgeführten Kontrollen veranlassen zu der Überzeugung, dass diese vollständig und definitiv war und mit menschlichem Wissen nicht erklärbar ist.
2. Experte: Das Kind kam problemlos zur Welt, doch merkten die Hebamme und die Mutter des Kleinen (wie dann auch die Verwandten und Besucher) sofort, dass das Kind beide Füße verdreht hatte. Die ersten Lebensjahre waren besonders mühselig, weil der Kleine den Boden mit den Fußrücken berührte, die Fußsohlen waren nach innen gerichtet, die Fersen gingen nicht am Boden an und die Zehen waren gekrümmt.
Die Diagnose birgt keinerlei Zweifel, auch nicht darüber, dass es sich um eine angeborene und tiefsitzende Missbildung handelte. Die Prognose war infaust "quoad valetudinem", denn die Deformierung musste sich, sofern nichts dagegen unternommen wurde, notgedrungen verschlechtern. Über die Vollständigkeit und Endgültigkeit der Heilung gibt es zahlreiche Zeugenaussagen, auch von Ärzten: eine Kontrolle wurde 34 Jahre nach der Heilung durchgeführt.
Das Ereignis lässt sich nach menschlichem Wissen nicht erklären.

c) Gutachten der anderen Mitglieder und gemeinsame Diskussion
Der Rest der Consulta Medica stimmte mit den Aussagen der beiden Experten "ex officio" hinsichtlich der Möglichkeit, trotz mangelnder radiologischer Untersuchungen vor der Heilung zu einer sicheren Diagnose zu gelangen, überein. Auch Vollständigkeit und Endgültigkeit wurden von allen Mitgliedern der Consulta Medica als Besonderheiten des Ereignisses anerkannt, um einen Fall zu beschreiben, der aufgrund des nachweislichen Fehlens jedweder Therapie nicht natürlich erklärt werden kann.
Da sich in der Beurteilung seitens der einzelnen Mitglieder der Consulta Medica grundsätzlich sofort völlige Übereinstimmung abzeichnete, war es möglich, nach kurzer Diskussion zu folgenden Definitionen zu gelangen.

d) Schlussdefinitionen

Diagnose
: "Beide Füße kongenital verdreht, tiefsitzende Missbildung, in der Form varus-equinus-adductus-supinatus" (4 von 4).

Prognose: Infaust quoad sanationem ohne angemessenen Eingriff" (4 von 4).

Therapie: "Nicht gegeben" (4 von 4).

Art der Heilung: "Plötzlich, vollständig, dauerhaft, nicht erklärbar auf der Grundlage gängiger wissenschaftlicher Erkenntnisse" (4 von 4)

.........Der Sekretär ............................................. ... Der Präsident
DR. MarcellusMESCHININN ...........PROF. RAFFAELLO CORTESINI-FINALI

Nr. 270 / 601
Romae, die 7-I-1985 .........................................................REVISA
...................................................................................TRAIANUS CRISAN
........................................................................................ a Secretis "46

46 Alfonsae ab Immaculata Conceptione Positio super miraculo. - Sacra Congregatio pro Causis Sanctorum, P. N. 778 (1985), Relatio Consultae Medicae, S.1-4.

I.Geschichte - II. Kanonisationsverfahren - III. Consulta Medica - IV. Medizinisches Gutachten - V. Theologische Begutachung - VI. Wunderheilung

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch