Joseph Vaz

ROSA VENERINI

(1656 – 1728)

GRÜNDERIN
DER KONGREGATION DER
MAESTRE PIE VENERINI

Heiligsprechung: 15.10.2006
Fest: 7. Mai

Die heilige Rosa Venerini wurde als Tochter von Goffredo Venerini und Marzia geb. Zampicchetti am 9. Februar 1656 in Viterbo, Italien, geboren. Der Vater, geb. am 3. März 1612 in Castelleone di Suasa (Ancona), studierte Medizin in Rom und ließ sich nach erlangter Doktorwürde in Viterbo nieder, wo er als Arzt im Ospedale Grande arbeitete, mit Erfolg. Die Mutter, geb. am 24. Januar 1617 in einer alteingesessenen Familie in Viterbo, heiratete mit 15 Jahren Clemente Spisa Leonardi, der jedoch nach zwei Jahren ohne Nachkommen starb. Marzia lebte fortan 16 Jahre lang als Witwe, bevor sie schließlich 1650 im Alter von 33 Jahren den damals 38-jährigen Dr. Venerini ehelichte. Aus der Verbindung gingen vier Kinder hervor: Domenico, Maria Magdalena, Rosa und Orazio.

Rosa verbrachte ihre Kindheit wohlbehütet im Kreise der Familie. Sie war von Natur aus überdurchschnittlich begabt und sehr feinfühlig. Während ihrer Ausbildung, bei der sie ihre zahlreichen Talente voll entfalten konnte, starb der junge Mann, in den sie sich verliebt hatte. Daraufhin legte sie das Gelübde ab, sich vollkommen Gott zu weihen. Um dieses Gelöbnis auch in die Tat umzusetzen, trat sie im Herbst 1676 mit Erlaubnis des Vaters als Externe in das Dominikanerinnenkloster Santa Maria in Viterbo ein. Von ihrer dort lebenden Tante Anna Cecilia lernte sie, im Schweigen und Meditieren Gott zu erkennen. Rosa blieb jedoch nur kurz im Kloster, denn der frühe Tod des Vaters am 29. Januar 1677 zwang sie, nach Hause zurückzukehren, um der kranken Mutter beizustehen. Das Jahr 1680 sollte dann zu einem Jahr der Freude und zugleich der großen Trauer werden. Im Januar 1680 heiratete ihre Schwester Maria Magdalena, im Februar starb ihr Bruder Domenico, der Arzt, im Alter von 27 Jahren und am 24. Oktober starb die Mutter, die den Verlust des Sohnes nicht verkraftete. Zurück blieben Rosa und Orazio, Doktor der Rechte. Um dem Leben dennoch einen Sinn zu geben und vom Wunsch beseelt, etwas für Gott zu tun, begann Rosa im Mai 1684 die Mädchen und Frauen der Umgebung in ihrem Haus zu versammeln, um gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Die Gespräche vor und nach dem Gebet öffneten ihr die Augen für die triste Realität von damals: Die Frau war Sklavin der kulturellen, moralischen und spirituellen Armut. Rosa begann zu verstehen, dass sie der Herr für eine viel höhere Aufgabe ausersehen hatte. Nach und nach erkannte sie die Dringlichkeit, etwas für die christliche Ausbildung der Jugend zu unternehmen – keine sporadischen Zusammenkünfte, sondern eine Schule im wahrsten Sinne des Wortes. Am 30. August 1685 verließ Rosa das Elternhaus mit Erlaubnis ihres Bruders, wie sie schreibt, und mit den notwendigsten Habseligkeiten, jedoch voll des inneren Dranges, sich für die Ehre Gottes, das geistige Wohl der Menschen und insbesondere für die armen Mädchen einzusetzen, die mehr als alle anderen jedweder Bildung für Glauben und Leben entbehrten.

Mit Zustimmung des Bischofs von Viterbo, Kard. Urbano Sacchetti, und unter Mitarbeit zweier Gefährtinnen, Gerolama Coluzzelli und Porzia Bacci, gründete sie mit Unterstützung des Jesuiten Ignazio Martinelli die Schule der „Maestre Pie Venerini“ nach den Vorstellungen, die sie im Gebet und im Blick auf die reale Lebenssituation der Frauen und Mädchen gewonnen hatte. Dies sollte auch die  Geburtsstunde einer neuen religiösen Gemeinschaft gleichen Namens ohne Gelübde sein, deren religiöses Leben geprägt war von der ignatianischen Spiritualität, weshalb sie in Verehrung des hl. Ignatius, den sie zu ihrem Patron erwählten, schwarze Gewänder trugen. Ihr Hauptanliegen war es, den armen Mädchen aus dem Volk eine umfassende Ausbildung für das gesellschaftliche und christliche Leben angedeihen zu lassen. Damit hatte Rosa Venerini ohne viel Aufhebens den Weg für die erste „Öffentliche Mädchenschule Italiens“ bereitet – bescheiden in den Anfängen, prophetisch aber in der Tragweite: die menschliche Förderung und die spirituelle Hebung der Frau waren eine Gegebenheit, deren Anerkennung sowohl von kirchlicher als auch von staatlicher Seite nicht lange auf sich warten ließ.
Doch aller Anfang war schwer. Das Projekt stieß auf den Widerstand des Klerus, der damit seine Monopolstellung auf den Katechismusunterricht gefährdet sah. Das größte Misstrauen schlug ihr allerdings von Seiten des konservativen Bürgertums entgegen, das sich über die Kühnheit dieser Frau empörte, der die Bildung der Mädchen aus niedrigem Stand ein Herzensanliegen war. Rosa begegnete dem Unverständnis mit ihrer Liebe zu Gott und der ihr eigenen Kraft und setzte den Weg fort, den sie eingeschlagen hatte, zumal sie nunmehr vollends überzeugt war, dass dies im Plane Gottes lag.

Auf Anraten von P. Martinelli nahm sie schließlich auch Mädchen aus vornehmen Familien auf. Und die Früchte sollten ihr recht geben. Selbst die Pfarrer konnten sich von der moralischen Erneuerung überzeugen, die das erzieherische Werk bei den Mädchen und Müttern bewirkte. Sein Ruf verbreitete sich über die diözesanen Grenzen hinaus. Kardinal Marco Antonio Barbarigo, Bischof von Montefiascone, erkannte die Genialität des Projekts von Viterbo und berief die Gründerin in seine Diözese. Venerini nahm die Einladung an und errichtete in den Jahren 1692 bis 1694 in Montefiascone und der Umgebung des Bolsenasees an die zehn Schulen. Während der Kardinal die materiellen Mittel zur Verfügung stellte, kümmerte sich Rosa um die Bewusstseinsbildung der Familien, bildete die Lehrerinnen aus und organisierte den Lehrplan. Als sie nach Viterbo zurückkehren musste, um ihr dort begonnenes Werk zu konsolidieren, vertraute sie das Lehrpersonal und die Leitung der Schulen einer jungen Frau namens Luzia Filippini an, die später eine eigene Gemeinschaft gründete und 1930 heiliggesprochen wurde.

Nach der Eröffnung von Schulen in Viterbo und Montefiascone folgten weitere Schulen in Latium. Im Mai 1707 eröffnete Luzia Filippini eine Schule in Rom, die anfänglich sehr erfolgreich war, aber bald mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, weil Filippini des Quietismus bezichtigt wurde. Sie kehrte nach Montefiascone zurück und bat Rosa Venerini, sie zu vertreten. Diese nahm die Bitte an und reiste im Dezember desselben Jahres nach Rom. Doch die Schülerinnen, an die jüngere Filippini und deren besondere Art von Spiritualität gewöhnt, lehnten sie ab. Also ging Rosa 1708 wieder nach Viterbo. Der Misserfolg in Rom hatte sie tief getroffen. In der römischen Kurie und in der Bevölkerung entstand ein gewisses Misstrauen dem Institut von Viterbo gegenüber und Rosa konnte zwischen 1708 und 1713 lediglich zwei neue Schulen eröffnen, während die Schulen der Filippini um 1711 beachtliche Verbreitung fanden. Sechs lange Jahre musste Venerini warten, bis sie das Vertrauen der Behörden wiedererlangte. Angespornt von P. Martinelli, der  im römischen Versagen auch einen Verlust für die Gesellschaft Jesu sah, machte sich Rosa neuerlich auf den Weg nach Rom. Am 8. Dezember 1713 gelang es ihr mit Hilfe von Abt Giacomo Degli Atti, in der Pfarrei S. Venanzio im Zentrum von Rom eine Schule einzuführen. Ab diesem Zeitpunkt ließ sie sich dauerhaft in Rom nieder. Mit der Gründung der römischen Schule bekam das Institut einen eigenen Kardinalprotektor.

Der bis dahin rein auf Erfahrung aufgebaute Unterricht verlangte nunmehr eine Systematisierung. So verfasste und veröffentlichte Venerini 1714 in Rom eine Broschüre von 83 Seiten über die an den Schulen von Viterbo praktizierten Übungen zur Einführung der Mädchen in das christliche Leben. Sie erhoffte sich damit für die neue Einrichtung die Anerkennung der kirchlichen Behörden.

Die Schule in Rom fand großen Anklang und allgemeine Wertschätzung bis in die obersten Etagen, sodass am 24. Oktober 1716 Papst Clemens XI. höchstpersönlich, in Begleitung von acht Kardinälen, die Schule besuchte, um dem Unterricht beizuwohnen. Am Ende desselben sagte der Papst voller Bewunderung zur Gründerin: „Signora Rosa, Sie tun, was Wir nicht tun können. Wir bedanken uns sehr, denn mit diesen Schulen werden Sie Rom heiligen.“ Nach diesem Besuch wurde die Schule am 26. November 1716 in ein geeigneteres Haus in der Nähe des Platzes und der Pfarre S. Marco verlegt. Von diesem Augenblick an ersuchten Statthalter und Kardinäle um Schulen für ihr jeweiliges Terrain. Auf diese Weise nahm die Arbeit der Gründerin aufgrund der Reisen und Anstrengungen zur Bildung neuer Gemeinschaften an Intensität zu, wurde aber auch mit vielen Freuden belohnt. Wo immer eine neue Schule entstand, war schon bald eine moralische Erneuerung der Jugend spürbar.

Die Schulen der Venerini waren unentgeltlich, um armen Mädchen eine Ausbildung zu ermöglichen. Der Unterhalt wurde von den Gemeinden, kirchlichen Einrichtungen und edlen Spendern getragen. So konnte Maestre PieVenerini durch ihren unermüdlichen Einsatz 40 solcher Schulen ins Leben rufen, bis sie am 7. Mai 1728 in der Schule S. Marco in Rom im Alter von 72 Jahren im Rufe der Heiligkeit starb. Ihrem Wunsch entsprechend wurde sie in der nahegelegenen Kirche Il Gesù beerdigt. Der Ruf der Heiligkeit, der sie im Leben wie im Tod begleitete, hat die Jahrhunderte bis heute überdauert. Die sterblichen Überreste wurden am 7. Januar 1952 in die Kapelle des Generalatshauses der Maestre Pie Venerini in der Via Giuseppe Gioacchino Belli, 31, überführt.
Nach dem Tod der Gründerin erlebte das Institut durch die Unterdrückung des Jesuitenordens 1773, die napoleonischen Wirren und die verschiedenen diözesanen Abhängigkeiten eine sehr abwechslungsreiche Geschichte. Die Einrichtung entwickelte sich als Gesellschaft gemeinsamen Lebens ohne Gelübde. Am 20. Juli 1923wurden die Maestre Pie Venerini als Kongregation diözesanen Rechts anerkannt, am 13. Juni 1926 folgte die Bestätigung der Konstitutionen. Heute sind die Maestre Pie Venerini in Europa, Asien, Afrika und Amerika tätig.

Rosa Venerini wurde am 4. Mai 1952 von Papst Pius XII. seliggesprochen und am 15. Oktober 2006 von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen.

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Benedikt