Joseph Vaz

SIGMUND FELIX FELIŃSKI

 

(1822 – 1895)

 

ERZBISCHOF VON WARSCHAU GRÜNDER

DER KONGREGATION DER FRANZISKANERINEN DER
FAMILIE MARIENS

 

Heiligsprechung: 11. Oktober 2009     Fest: 17. September

 

Der heilige Sigmund Felix FeliNski wurde am 1. November 1822 in Wojutyn in der Diözese Łuck, Pfarre des lateinischen Ritus von Skricze in Wolhynien, damals polnisches Territorium (heute Ukraine), in einer adeligen und tief  religiösen Familie geboren; er war das siebte von elf Kindern (das dritte von sechs Überlebenden) des Gerhard Feliński und der Ewa Wendorff. Er wurde im Schoß der Familie großgezogen und besuchte die Schule in Nieświcz. Mit elf Jahren verlor er den Vater. Fünf Jahre später, 1838, wurde die Mutter von der russischen Regierung verhaftet und wegen ihrer patriotischen Aktivitäten, die auf die Unterweisung und die soziale und wirtschaftliche Verbesserung der Situation der bäuerlichen Bevölkerung abzielten, nach Sibirien deportiert. Erst 1844 kehrte sie wieder zurück.  Nach Gymnasialstudien in Łuck, Klewań un Krzemienic studierte Feliński von 1840 –1844 Mathematik an der Kaiserlichen Universität von Moskau. Im Anschluss daran arbeitete er bei seinem Tutor Zenon Brzozowski in Sokołówka in Podolien (Ukraine). 1847 ging er nach Paris, wo er Kurse an der Sorbonne und am Collège de France besuchte, die Repräsentanten der großen polnischen Emigration kennenlernte, wie den Fürsten Adam Czartoryski, General Władyslaw Zamoyski und Adam Michiewicz, und mit dem Schriftsteller und Nationaldichter Julius Słowacki freundschaftliche Bande knüpfte. 1848 nahm er am Aufstand gegen die Preußen in der Region Poznań teil. Das Scheitern dieser Aktion und der Tod des Freundes Julius Słowacki führten ihn in den Jahren 1848–1850, als er Hauslehrer der Kinder von Eliza und Henon Brzozowski war, nach München und Paris, wo er die religiöse Dimension seines Daseins zu vertiefen gedachte. Dieser Prozess trug bei ihm auch zur Reifung des Priesterberufs bei.  1851 kehrte Feliński in die Heimat zurück, trat in das Diözesanseminar von Żytomierz ein und studierte an der Römisch-Katholischen Kirchlichen Akademie von Petersburg. Hier wirkte er, nach der Priesterweihe am 8. September 1855, bis 1857 als Kaplan der Dominikaner in der Pfarrei der hl. Katharina und ab 1857 als Spiritual der Studenten der Kirchlichen Akademie. Im gleichen Jahr gründete er in Petersburg das Armenhaus und die Kongregation der Franziskanerinnen der Familie Mariens (Abb. 11, S. 195). 1861 wurde er zum Professor für Philosophie ernannt.  Am 6. Januar 1862 ernannte ihn Pius IX. zum Erzbischof und Metropoliten von Warschau. Am 26. Januar empfing Feliński in der Kirche zum hl. Johannes von Jerusalem in Petersburg die Bischofsweihe. Am 31. Januar verließ er die Hauptstadt in Richtung Warschau, wo er am 9. Februar eintraf – zu einem tragischen Zeitpunkt für Kirche und Nation. In Warschau herrschte der von den Russen herbeigeführte Belagerungszustand; seit vier Monaten waren alle Kirchen auf Veranlassung der kirchlichen Behörden zum Zeichen des Protests gegen die Eindringlinge geschlossen. In Befolgung der Normen des Kanonischen Rechts und der Direktiven des Heiligen Stuhls erneuerte Feliński am 13. Februar 1862 die Weihe der Kathedrale, die von der russischen Armee am 5. Oktober 1861 entweiht worden war, und ließ am darauffolgenden Tag sämtliche Kirchen der Hauptstadt im Rahmen der Feier des vierzigstündigen Gebets und der Aussetzung des Allerheiligsten wieder öffnen. Am 16. Februar 1862 hielt er feierlich Einzug in die Kathedrale von Warschau, doch regierte er die Diözese nur für 16 Monate, vom 9. Februar 1862 bis 4. Juni 1863, misstrauisch beäugt sowohl von Teilen der Gesellschaft als auch vom Klerus selbst und verbunden mit provokanten Aktionen der russischen Regierung, die ihn vor den Augen des Volkes bloßstellte, indem sie ihn der stillschweigenden Mitarbeit mit den Regierenden bezichtigte. Nahezu jeden Tag registrierte man neue Gründe für einen Zusammenstoß mit der Regierung der Besatzer und der sog. „Partei der Bewegung“.  Obwohl ihn diese Schwierigkeiten bedrückten, widmete sich Feliński mit apostolisch-pastoralem Eifer der religiösen und moralischen Erneuerung der Nation, um die Einmischung der Regierung in die inneren Angelegenheiten der Kirche zu unterbinden. Er führte Pastoralvisitationen in den Pfarreien und bei den karitativen Einrichtungen durch. Um dem Theologiestudium Impulse zu geben, reformierte er den Unterrichtsplan der Kirchlichen Akademie von Warschau und der Diözesanseminare; er hob das spirituelle und intellektuelle Niveau des Klerus und setzte sich für die Freilassung der inhaftierten Priester ein. Die Priester verpflichtete er zur Verkündigung des Wortes Gottes, zur Pflege der Katechese, zur Gründung von Volksschulen und zur moralischen Erneuerung der Nation, „um eine zufriedene, gläubige und aufrichtige neue Generation zu schaffen“. Sein besonderes Augenmerk galt den Armen, insbesondere den Kindern, zu deren Wohl er in Warschau ein Heim und eine Schule gründete, die er der Obsorge der aus Petersburg herbeigerufenen Schwestern der Familie Mariens übergab.  Aufgrund der tragischen Erfahrung der unmittelbaren Teilnahme am Aufstand von 1848 versuchte er das polnische Volk von einer neuerlichen Revolte gegen den russischen Eindringling abzuhalten, wobei er andererseits ernormen Mut im Anprangern der von der repressiven Regierung geübten Missbräuche bewies. Nach dem Ausbruch des Aufstandes im Januar 1863 zum Zeichen des Protests gegen die blutige Unterdrückung durch die Regierung zog er sich am 12. März vom Staatsrat zurück und beschwor Zar Alexander II. in einem Brief vom 15. März, den blutigen Repressalien ein Ende zu setzen. Im gleichen Atemzug protestierte er gegen die Hinrichtung des Kapuziners Agrypin Konarski, Kaplan der Aufständischen. Dieser wurde am 12. Juni 1863 erhängt.  Mit dem von ihm bewiesenen Mut und der Unterhaltung von Geheimverbindungen mit dem Heiligen Stuhl ohne Zwischenschaltung der Regierung – womit er sich, abgesehen von direkten Beziehungen, einem ausdrücklichen Verbot der zaristischen Gesetzgebung mit der Strafe des Exils widersetzte – machte sich Feliński bei den russischen Behörden so verhasst, dass er am 14. Juni 1863 von Warschau nach Russland gebracht und nach einer Internierung in Gatcina von Zar Alexander II. ins Exil nach Jaroslawl an der Wolga, im Herzen Russlands, verbannt wurde.  Dort blieb er 20 Jahre. Obwohl überwacht und jeder bischöflichen Jurisdiktion entzogen, engagierte er sich besonders für die geistliche und menschliche Betreuung der Katholiken vor Ort und der Exilierten in Sibirien. Es gelang ihm auch, in Jaroslawl eine katholische Kirche zu bauen, um die dann eine Pfarre gegründet wurde. Mit seiner moralischen Haltung stieg er im Ansehen der Bewohner, sodass er den Beinamen der „heilige polnische Bischof “ erhielt.  Im Zuge der Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der russischen Regierung wurde Feliński 1883 freigelassen, doch durfte er nicht nach Warschau zurückkehren. Leo XIII. schrieb ihm am 15. März desselben Jahres den Titularsitz von Tharsus zu. „Außer einigen Zeichen des Wohlwollens von Seiten des Papstes bei einer Audienz in Rom“, gab es für Feliński  keine weiteren „Anerkennungen“.  Die letzten 12 Jahre seines Lebens verbrachte Msgr. Feliński im Halbexil im südöstlichen Galizien, in Dżwiniaczka in der Diözese Leopoli (Lviv, Lemberg), unter österreichischer Herrschaft. Auch hier verstand er es, als „einfacher Priester“ zu wirken, und betrieb unter den Bauern polnischer und ukrainischer Herkunft eine intensive Seelsorge. Als Kaplan der öffentlichen Kapelle des herrschaftlichen Hauses der Grafen Kęszycki und Koziebrodzki war er intensiv in der Seelsorge tätig, weshalb die Bewohner der Umgebung nach Dżwiniaczka strömten. Auf eigene Kosten errichtete er im Dorf eine Schule, die erste in der Geschichte dieser armen Region, eröffnete ein Kinderheim, und baute die Kirche und den Konvent der Schwestern der Familie Mariens.  In der Freizeit widmete er sich dem Schreiben und der Vorbereitung der Veröffentlichung der Werke, die er im Exil von Jaroslawl an der Wolga verfasst hatte. Zu den wichtigsten gehören: Spirituelle Konferenzen (Lemberg 1885, Warschau 1903); Paulina, Tochter von Ewa Feliński (Lemberg 1885); Glaube und Atheismus gegenüber dem persönlichen Glück (Lemberg 1886); Unter Führung der Vorsehung (Krakau 1888); Christliches und atheistisches Wissen im Verhältnis zum sozialen Einsatz (Lemberg 1889); Vorträge über Berufungen (Krakau 1890); Erinnerungen (Krakau 1897, Lemberg 1911, Warschau 1986).  Msgr. Feliński starb am 17. September 1895 in Krakau im Ruf der Heiligkeit und wurde zunächst (20. September) dort und dann (10. Oktober 1895) in Dżwiniaczka beerdingt. 1920 wurden seine sterblichen Überreste nach Warschau überführt und am 14. April 1921 in den unterirdischen Gewölben der Johanneskathedrale feierlich beigesetzt, wo sie heute noch ruhen – umgeben von der Wertschätzung und Verehrung für den verbannten Hirten, den Apostel der nationalen Verständigung und der evangelischen Brüderlichkeit, den Gründer der Franziskanerinnen der Familie Mariens, der als Vorbild für ein Leben gilt, welches Gott, dem Nächsten, der Kirche und dem Vaterland geweiht war.  Seine Gestalt ist dauerhaft als Erzbischof von Warschau, Hirte im Exil, Asket, Schriftsteller und entschiedener Verteidiger der Menschen in die Geschichte eingegangen und wird nicht nur auf polnischem Boden, sondern auch in Russland, Weißrussland, Litauen und in der Ukraine verehrt.  Die Kongregation der Franziskanerinnen der Familie Mariens erfüllt ihre apostolische Aufgabe in Polen, Brasilien und Rom. Erzbischof Feliński stand schon zu Lebzeiten im Ruf eines heiligmäßigen Priesters und wurde als „Märtyrer für Kirche und Nation“ bezeichnet.   Am 18. August 2002 wurde Sigismund Felix Feliński von Papst Johannes Paul II. in Krakau, Polen, seliggesprochen. Papst Benedikt XVI. sprach ihn am 11. Oktober 2009 heilig.

 


 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Benedikt