Ludwig PavoniLUDWIG PAVONI

(1784 – 1849)

PRIESTER UND GRÜNDER
DER KONGREGATION DER SÖHNE DER MARIA IMMACULATA

Seligsprechung: 14. April 2002
Heiligsprechung: 116. Oktober 2016
Fest: 1. April

LUDWIG PAVONI wurde am 11. September 1784 als erstes von fünf Kindern des Adeligen Alessandro Pavoni und der Edlen Lelia Poncarali in Brescia geboren. Bei der Taufe erhielt er den Namen Ludwig. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er zwischen Brescia und dem Landhaus in Alfianello, in einer Zeit, die durch große politische und soziale Veränderungen gekennzeichnet war: die Französische Revolution (1789), die Schreckensherrschaft der Jakobiner (1797) und die napoleonische Herrschaft mit ihren verschiedenen Benennungen.

Als Kind lebte Pavoni mehr oder weniger in einer Frauenwelt: Außer seiner Mutter gab es da noch fünf Tanten, von denen drei verheiratet und zwei Nonnen waren, sowie die sechs Kusinen des Vaters, der bei Ludwigs Geburt bereits 64 Jahre alt war. Seine erste Ausbildung erhielt er im Konvent des hl. Dominikus, wo er Dominikus Ferrari, den künftigen Bischof von Brescia, zum Lehrer hatte. Mit zehn Jahren wurde er zur Erstkommunion zugelassen. Adelige Herkunft und Vermögenslage gestatteten Ludwig eine vorzügliche philosophische, humanistische, künstlerische und technisch-praktische Ausbildung. Als er sah, wie das Volk zunehmend verarmte und selbst die von der revolutionären Welle getragenen großzügigen Ideale von Freiheit und Gleichheit untergingen, fühlte er sich, angesichts des napoleonischen Einmarsches, als Neunzehnjähriger zum Priestertum berufen und  beschloss 1803, sich für die christliche, humane und soziale Befreiung der Entrechteten zu opfern, wenngleich die Zeiten für die Kirche nichts Gutes versprachen. Da er nicht im Seminar studieren konnte, weil dieses aufgehoben worden war, erfolgte seine Vorbereitung unter der privaten Anleitung verschiedener Priester. 1805 starb der Vater, woraufhin sich Ludwig nun noch mehr in das Studium vertiefte und die freie Zeit dafür verwendete, die Kinder zu unterweisen.

Nach der Priesterweihe in der Kirche S. Pietro in Oliveto am 21. Februar 1807 wurde Pavoni der unweit von seinem Zuhause gelegenen Pfarrei S. Lorenzo zugewiesen. Als junger Priester investierte er seine ganze Kraft und sein gesamtes Vermögen in den Dienst an den Ärmsten, indem er mitten unter den jungen Leuten in den Oratorien (Jugendzentren) arbeitete, die überall in der Stadt von Priestern eröffnet wurden, denen die christliche Erziehung der Jugend am Herzen lag.

In dieser Zeit, in der auch seine Mutter starb (1809), hatte er eine entscheidende Begegnung mit Bischof Gabrio Maria Nava, der 1808 nach Brescia gekommen war und den jungen Priester – Pavoni war gerade einmal 28 Jahre alt – 1812 zu seinem Sekretär wählte. Von da an bis 1818, also zwischen dem Zusammenbruch des napoleonischen Reiches und der 1814 in der Lombardei und im Veneto einsetzenden österreichischen Restauration, unterstützte Pavoni den Eifer des Bischofs bei der Belebung der Diözese und beim Kampf für die Freiheit der Kirche, ohne seine Tätigkeit für die Jugend zu vernachlässigen. Im Zuge dieser engagierten Teilnahme am Leben der Ortskirche erkannte er die Situation der Jugend und widmete sich mit seiner ganzen Schaffenskraft jedem, der es nötig hatte. Für jene ausgegrenzten Jugendlichen, denen der Besuch anderer Jugendeinrichtungen aufgrund ihrer extremen Armut versagt blieb, eröffnete Pavoni 1812 sein eigenes Oratorium. Gleichzeitig verschrieb er sich, wie der Bischof bemerkte, „der Unterstützung der Priester, damit sie in erster Linie die Jugendlichen und speziell die Ärmsten unter ihnen, die es am meisten brauchten, unterweisen und mittels Predigten, Katechesen und geistlicher Übungen überzeugen, und dies mit beispielhaftem Erfolg“. 1814 gab Pavoni seinem Werk eine genaue Struktur mit breiter wohltätiger und sozialer Komponente, beschränkt auf Heranwachsende und Jugendliche. Schon bald aber musste er die Zwecklosigkeit seines Engagements im Rahmen der traditionellen Formen von Katechese und Fürsorge für jene „absolut mittellosen und wirklich armen“ jungen Menschen erkennen, die auf sich allein gestellt und ohne jedes Erziehungsmodell seitens der Familie gezwungen waren, Leistungen feilzubieten, die ihrem Alter und ihrem persönlichen und moralischen Status nicht entsprachen. Pavoni entwickelte daher ein religiös, moralisch und human-professionell vollständiges Ausbildungsprogramm, um die Jugendlichen am äußersten Rand der Gesellschaft zu einer neuen christlichen Arbeiterklasse zu erziehen.

Der Bischof in seinem Weitblick verzichtete mithin auf seinen Sekretär, ernannte diesen am 16. März 1818 zum Kanonikus der Kathedrale und vertraute ihm die Rektoratsbasilika San Barnaba an. Pavoni löste sich von allen familiären Bindungen und von der Obsorge für seine Güter und widmete sich fortan ausschließlich seinem Werk. Nachdem er mittlerweile festgestellt hatte, dass nicht wenige der Heiminsassen, vor allem die mittellosen, in ihrem Einsatz nachließen und vom rechten Weg abkamen, wenn sie sich in die Arbeitswelt eingliedern sollten, die allerdings kein gesundes moralisches und christliches Umfeld garantierte, beschloss er, „ein privates Wohltätigkeitsinstitut bzw. Handwerkerkolleg zu gründen, in dem zumindest die Waisen bzw. die von ihren Eltern vernachlässigten Kinder aufgenommen, gratis verpflegt, christlich erzogen und für die Erfüllung beliebiger Aufgaben vorbereitet werden, um sie zu wertvollen Glaubensmitgliedern und zu für Gesellschaft und Staat nützlichen Bürgern heranzubilden“. In der ihm zur Verfügung stehenden kleinen Wohnung beherbergte er sieben Waisen. Ein Werktisch und ein Schuhmachermeister verkörperten anfangs die neue Berufsschule; doch innerhalb von drei Jahren, 1821, wurde aus der kleinen wohltätigen Familie das Istituto San Barnaba. Den wichtigsten Handwerkszweig bildete die Druckerei, die von Pavoni als „Typographische Lehranstalt“ gedacht war und als die erste Graphische Schule Italiens betrachtet werden kann. 1823 entwickelte sich daraus ein echtes Verlagshaus.

Im Lauf der Jahre wurden am Istituto San Barnaba immer mehr Handwerkszweige angeboten. So zählte Pavoni 1831 bereits acht Werkstätten: Typographie und Chalkografie (Kupferstechkunst), Buchbinderei, Papierwarenhandlung, Silberbearbeitung, Schmiedehandwerk, Tischlerei, Drechslerei und Schusterhandwerk.
Das Istituto San Barnaba vereinigte zum ersten Mal sowohl einen erzieherischen als auch einen beruflichen und fürsorglichen Aspekt, doch das eigentlich Besondere, die „charakteristische Idee“ des neuen Instituts, war, dass „die armen, von ihren Eltern und nächsten Angehörigen verlassenen Kinder dort all das fanden, was sie verloren hatten... nicht nur Essen, Kleidung und eine Ausbildung im Lesen und Schreiben sowie in bestimmten Fertigkeiten, sondern auch Vater, Mutter, eine Familie, die ihnen unglücklicherweise versagt geblieben war und mit der sie nun alles bekamen, was ein Armer bekommen konnte und woran er seine Freude haben konnte“.
In diesem Zusammenhang hatte Pavoni zudem die Idee, sich die Strukturen der Druckerei zunutze zu machen, „insbesondere mit dem heiligen Zweck, die Verbreitung guter Bücher zu erleichtern, die für eine Gesellschaft unabdingbar sind, damit sie ihre Sitten ändert“. Kurz, der Katalog reichte von großen Werken der Theologie und Philosophie bis zu Handbüchern für Predigt und Apologetik, Katechismus, biblischer Literatur, von den Klassikern für die Schule bis zum Theater für die Jugendlichen.

Während der Cholera des Jahres 1836 „wurden durch eine schlichte Einladung der Gemeinde und ohne Anspruch auf Spesenersatz in dem frommen Heim unzählige Kinder, auch solche, die noch nicht arbeiten konnten, wohlwollend aufgenommen, verköstigt und in einer echten väterlichen Liebe erzogen“. So steht es in den Akten der außerordentlichen Sitzung vom 21. August 1841 der Gemeinde Brescia. Ein österreichischer Inspektor war völlig überrascht zu sehen, dass die Knaben von S. Barnaba nicht in Gemeinschaftsschlafsälen, sondern in wohnlichen kleinen Zimmern untergebracht waren. Und da die Gemeinde für die „Waisen der Barmherzigkeit“ keine Berufsschulen organisieren konnte, unterrichtete sie Pavoni unentgeltlich in den seinen, wobei er lediglich erzieherische Anforderungen stellte. Gleichzeitig dachte er auch an die Bauern und entwarf eine Landwirtschaftsschule; 1841 nahm er Taubstumme in das Institut auf. Da die bäuerlichen Siedlungen von Saiano stetig wuchsen, beherbergte er auch die Waisen der Umgebung. Am 3. Juni 1844 wurde er vom Kaiser mit dem Orden der Eisernen Krone ausgezeichnet.

Für den Erhalt und den Fortbestand des Instituts hegte Pavoni seit langem den Plan, mit seinen eifrigsten jungen Männern „eine reguläre Kongregation zu gründen, die sich, verbunden durch das Band der christlichen Nächstenliebe und aufbauend auf dem Fundament der evangelischen Tugenden, ausschließlich der Beherbergung und Erziehung der vernachlässigten Pflegebefohlenen widmen und sich bereit erklären sollte, ihre Hilfestellung auch auf die vielen empfehlenswerten Unternehmen auszudehnen, die mangels fähiger Handwerksmeister zuweilen mit Vorurteilen und Belastungen zu kämpfen haben“. So schrieb er bereits 1825 Kaiser Franz I., anlässlich von dessen Besuch in Brescia. 

Nach Erhalt der Zustimmung für die Zwecke der Kongregation mittels Dekret vom 31. März 1843 von Seiten Papst Gregors XVI. erhielt er schließlich am 9. Dezember 1846 die kaiserliche Approbation. Msgr. Luchi, Generalkapitel-Vikar, errichtete am 11. August 1847 in Anwendung der vom Heiligen Stuhl gewährten Vollmacht die Kongregation der Söhne von Maria Immakulata (oder Söhne der Unbefleckten Maria???) kanonisch, heute bekannt als Pavonianer. Nachdem Pavoni am 29. November formell seinen Rücktritt vom Kathedralkapitel erklärt hatte, legte er am 8. Dezember 1847, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, im Alter von 63 Jahren die ewige Profess ab, während ihm nur noch 15 Monate  vom Leben blieben. Am Tag nach dem Ausbruch der Zehn Tage von Brescia, am Samstag, den 24. März 1849, gelang es ihm, mit seinen Knaben aus der bombardierten Stadt zu fliehen. Nachdem er in Saiano mit unheilbar kranken Lungen angekommen war, verschlechterte sich sein Zustand am 26. März weiter, sodass er am Morgen des 1. April 1849, Palmsonntag, mit den Worten starb: „Trocknet eure Tränen. Mein Körper muss gehen, mein Herz aber bleibt bei euch.“ Seine sterblichen Überreste ruhen im Heiligtum Santa Maria Immacolata in Brescia, via Pavoni, 11.

Am 14. April 2002 wurde Ludwig Pavoni von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Papst Franziskus hat ihn am 16. Oktober 2016 heiliggesprochen

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 6