Julia ValleJULIA NEMESIA VALLE

(1847 – 1916)

PROFESSSCHWESTER
DER KONGREGATION DER BARMHERZIGEN SCHWESTERN
DER HL.JOHANNA ANTIDA THOURET

Seligsprechung: 25. April 2004
Fest: 18. Dezember

JULIA NEMESIA VALLE wurde am 26. Juni 1847 als Tochter von Anselm Valle und Maria Christina Dalbard in Aosta geboren und noch am gleichen Tag in der alten Kollegiatskirche von Sant’Orso auf den Namen Julia getauft. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in der friedvollen Umgebung ihrer bürgerlichen, vor allem aber glaubensstarken Familie, die sich nach dem Tod zweier vor Julia geborener Kinder über die Geburt eines weiteren Kindes, Vincenzo, freuen durfte. Der Modesalon der Mutter und die intensive Geschäftstätigkeit des Vaters sicherten einen gewissen Wohlstand.

Die Freude war jedoch nur von kurzer Dauer. Als Julia vier Jahre alt war, starb die Mutter. Die beiden Waisen wurden zunächst der Obhut der Verwandten väterlicherseits in Aosta anvertraut, dann jenen mütterlicherseits in Donnaz, ebenfalls im Aostatal. Hier fanden sie ein ruhiges Umfeld vor; schulische Ausbildung, Katechismusunterricht und die Vorbereitung auf die Sakramente erfolgten zu Hause unter der Leitung eines Priesters und Freundes der Familie.

Als Julia elf Jahre alt war, wurde sie zur Vervollkommnung ihrer Ausbildung in ein Pensionat nach Besançon in Frankreich geschickt, das von den Barmherzigen Schwestern geleitet wurde, die am 10. April 1799 von der hl. Johanna Antida Thouret in Besançon gegründet worden waren. Die Trennung von der Familie, vor allem von ihrem Bruder, für den sie mütterliche Gefühle hegte, war ein neuer Schmerz für sie, eine neue Erfahrung der Einsamkeit, die sie zu einer tiefen Freundschaft mit „dem Herrn, der ihre Mutter bei sich hatte“, führte.
In Besançon eignete sich Julia ein gutes Französisch an, bereicherte ihre Bildung, entwickelte hausfrauliche Qualitäten und eine sanfte Güte, die sie liebenswert und aufmerksam für die anderen machte. Nach fünf Jahren, 1863, kehrte sie in ihr Tal zurück, fand jedoch ihr Haus in Donnaz nicht mehr vor. Ihr Vater, der ein zweites Mal geheiratet hatte, war nach Pont Saint Martin gezogen. Dort traf sie allerdings auf eine gespannte familiäre Situation, in der das Zusammenleben nicht leicht war. Ihr Bruder Vincenzo konnte es nicht ertragen und verließ mit 16 Jahren das Haus. In einer langen Umarmung versprach er Julia, zu schreiben; aus unerfindlichen Gründen hörte sie jedoch nie mehr etwas von ihm. Dieser Schmerz begleitete sie ein Leben lang. Julia blieb, sie war 18 Jahre alt. Aus ihrer Einsamkeit erwuchs der Antrieb, nach dem zu suchen, was ihr die Familie nicht geben konnte; auf jene zu schauen, welche die gleichen schmerzlichen Erfahrungen machten wie sie; Gesten zu finden, die allen gegenüber Freundschaft, Verständnis und Güte zum Ausdruck brachten. In ihrem Herzen trug sie bereits das Geheimnis einer herausragenden Berufung, nämlich dem Herrn in den Armen zu dienen.
In Pont Saint Martin hatten sich gerade zu der Zeit die Barmherzigen Schwestern niedergelassen. Julia traf bei ihnen ihre Lehrerinnen aus Besançon wieder, die Töchter der hl. Johanna Antida Thouret, die sie unterstützten und ihr Mut zusprachen. Sie beobachtete ihren Lebensstil der Hingabe an Gott und den Nächsten und beschloss, eine der Ihren zu werden. Als ihr der Vater eine gute Ehe in Aussicht stellte, zögerte Julia nicht. Sie hatte versprochen, ihr Leben ganz Gott zu weihen, und wünschte nichts sehnlicher als Barmherzige Schwester zu sein.

Am 8. Dezember 1866, mit 19 Jahren, begleitete sie der Vater nach Vercelli, zum Kloster Santa Margherita, wo die Barmherzigen Schwestern ein Noviziat unterhielten. Am 5. Januar 1867 konnte sie das Noviziat beginnen. Für Julia begann ein neues Leben in Frieden und Freude, wenngleich unter den Tränen einer nicht leichten Trennung. Es ging um den Einstieg in eine tiefere Beziehung mit Gott,  um sich selbst und die Kommunität besser kennenzulernen, um bereit zu sein, dorthin zu gehen, wohin Gott sie berufen würde. Täglich erkannte sie, was sie verlieren und was sie gewinnen würde: „Jesus, nimm mein Gewand von mir und bekleide mich mit dem Deinen. Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich...“, war das Gebet, das alle Schritte ihres Lebens begleitete.
Mit dem Ordenskleid, das sie am 29. September 1867 erhielt, bekam sie auch einen neuen Namen: Schwester Nemesia. Es ist dies der Name eines Märtyrers der ersten Jahrhunderte. Sie war zufrieden und machte den Namen zum Lebensprogramm: Jesus bis zum Letzten ihre Liebe bezeugen, um jeden Preis, für immer. Sie blieb im Noviziat bis zur Erlangung des Diploms als Volksschullehrerin.

Anfang 1868 wurde sie zum Unterrichten nach Tortona in das St. Vinzenz-Institut geschickt. Dort gab es eine Volksschule, Bildungskurse, ein Erziehungsheim und ein Waisenhaus. Sie unterrichtete in der Volksschule und in den höheren Kursen Französisch.

Am 15. Oktober 1873 legte Nemesia nach einem Exerzitienkurs in Vercelli die ewigen Gelübde ab. Nach Tortona zurückgekehrt, war sie wieder überall dort zu finden, wo es eine niedrige Arbeit zu verrichten oder ein Leiden zu lindern gab, wo Unannehmlichkeiten ruhige Beziehungen verhinderten, wo Mühen, Schmerz und Armut das Leben einschränkten. Schon bald ging im Institut und in der Stadt der Spruch: „Oh, das Herz von Schwester Nemesia!“ Ein jeder war überzeugt, in diesem Herzen, das grenzenlos zu sein schien, einen besonderen Platz zu haben: Schwestern, Waisenkinder, Schülerinnen, Familien, Arme, Kleriker des nahegelegenen Seminars suchten sie auf, als ob sie die einzige anwesende Schwester im Haus wäre.

Als Schwester Nemesia 1886 mit 40 Jahren zur Oberin der Kommunität ernannt wurde, war sie völlig konsterniert, doch ermutigte sie ein Gedanke: Oberin sein heißt „dienen“, folglich würde sie sich grenzenlos verausgaben können, und voller Demut nahm sie den Aufstieg in Angriff. Die Linien ihres Programms waren gezogen: „Den Schritt beschleunigen, ohne zurückzuschauen, nur das eine Ziel vor Augen: „Gott allein! Ihm die Ehre, den anderen die Freude, mir selbst den dafür zu zahlenden Preis, leiden, aber nie Leiden verursachen. Ich werde streng mit mir sein und den Mitschwestern meine ganze Liebe geben: Liebe, die sich gibt, ist das Einzige, das bleibt.“

Nemesias Nächstenliebe kannte keine Grenzen. In Tortona wurde sie „unser Engel“ genannt. Diese Nächstenliebe erreichte ohne Schwierigkeiten auch das Große Seminar neben dem Institut, die Seminaristen und Kleriker. Oft sah man Battista, den treuen Diener des Seminars, mit einem dicken Bündel Talaren oder einem großen Sack Strümpfe unter dem Arm; still und leise begab sich der gute Mann zum Büro der Oberin, wobei er ständig um sich blickte, aus Angst, von einer Schwester gesehen zu werden, die ihm bestimmt vorwerfen würde, dass er die Gutmütigkeit jener „armen Frau“ allzu sehr ausnütze. Die gute Oberin hingegen empfing ihn immer so, als ob es das erste Mal wäre, als ob er mit einem Geschenk zu ihr käme. In der Tat trieb sie einen regelrechten Kult mit den Berufungen zu einer speziellen Weihe: sie betete, machte beten und half konkret mit ihrer ganzen Kraft und auch über die „Geldbörse“ der anderen. Auf diese Weise konnte sie vielen mittellosen Seminaristen beistehen, denen es so trotz unendlicher Schwierigkeiten gelang, ihr Studium abzuschließen.

 

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 6