Albert MarvelliALBERT MARVELLI

(1918 – 1946)

INGENIEUR

Seligsprechung: 5. September 2004
Fest: 5. Oktober

ALBERT MARVELLI wurde am 21. März 1918 als zweites von sechs Kindern von  Alfredo Marvelli und Maria Mayr in Ferrara geboren. Der Vater war Bankdirektor, die Mutter gehörte als Tochter der Marchesa Geltrude Granello di Casaleto einer Adelsfamilie aus Ferrara an, die deutscher Abstammung war. Albert und seine Geschwister Adolfo, Carlo, Lello, Giorgio und Geltrude verlebten eine ruhige Kindheit. Er wurde tief religiös erzogen, die Eltern gaben ihm ein beispielhaftes christliches Leben vor, das ganz der Arbeit, der Unterstützung der Armen, der Verteidigung von Wahrheit und Gerechtigkeit gewidmet war. Vor allem die Mutter zeichnete sich durch eine außergewöhnliche Hinwendung zu den Armen aus.

Bis zum 12. Lebensjahr besuchte Albert die Volksschule in Ferrara. 1930 übersiedelte seine Familie endgültig nach Rimini. In dieser Stadt vollzog sich fortan seine Reifung als Mensch und als Christ und spielte sich der Großteil seiner Aktivitäten im religiösen wie zivilen Bereich ab. Hier besuchte Albert die „Chiesa Nuova“ von Santa Maria Ausiliatrice, die den Salesianern anvertraut war. Zur Bildungsarbeit im familiären Raum gesellte sich damit auch noch jene des salesianischen Oratoriums und in besonderer Weise der Katholischen Aktion, der Albert sofort beitrat, wobei er seinen Glauben durch eine entscheidende Wahl zur Reifung führte: „Mein Programm lässt sich in einem Wort zusammenfassen: heilig.“

Er betete mit Andacht, lehrte mit Überzeugung den Katechismus, legte Eifer, Nächstenliebe und Gelassenheit an den Tag. Marvelli hatte einen starken Charakter, war standhaft, entschieden, zielstrebig, großzügig. Mit 15 Jahren war er schon „delegierter Anwärter“ der Katholischen Aktion. Mit diesen „seinen“ Knaben begann er eine intensive und langwierige Arbeit und hielt den Kontakt auch aufrecht, als er schon erwachsen und mit Studium und Arbeit beschäftigt war. Zu Marvellis Freunden zählte nicht zuletzt der große Regisseur Federico Fellini, der ebenfalls aus Rimini stammte, von der Volksschule an sein Schulkollege war und eine lebendig Erinnerung an ihn bewahrte. Als sportlicher und dynamischer junger Mann liebte Marvelli alle Sportarten, darunter Tennis, Handball, Athletik, Fußball, Schwimmern, Bergsteigen. Seine große Leidenschaft aber galt dem Radfahren, diente ihm das Fahrrad doch auch als bevorzugtes Fortbewegungsmittel bei seinem Apostolat und seiner karitativen Tätigkeit. Seine Sensibilität befähigte ihn dazu, mit Leichtigkeit auf den andern zuzugehen, Sport und Spiel freudig zu teilen, mit Entschiedenheit und Überzeugung zum Gebet einzuladen, zu korrigieren und mit liebevoller Autorität zu ermahnen, auch sich selbst, vor allem aber dann, als die Familie vom Tod des Vaters getroffen wurde. Die gesamte Verantwortung lastete nun auf seinen Schultern, zusammen mit der Mutter musste er sich um die Familie kümmern, wobei er für die Geschwister fast zu einem zweiten Vater wurde. Es waren dies die schwierigen Jahre des Erwachsenwerdens, wie er in seinem Tagebuch vermerkte: „Die größte Gefahr für einen jungen Mann ist zuerst durch die Augen, dann durch die Ohren gegeben. Wer diese Sinne zu beherrschen weiß, das Sehen und das Hören, hat schon einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Vollkommenheit getan. Ich leugne nicht, das es schwierig ist, doch mit Gottes und Marias Hilfe gelingt es. Genau das versuche ich zu tun. Herr, bekämpfe meinen Stolz und meine Überheblichkeit!“

Marvellis Tagebuch, geschrieben zwischen 1933 und 1946, zeigt uns die tiefsten Beweggründe für seinen religiösen Einsatz. Mit 15 Jahren hatte er in einer plötzlichen Erleuchtung eine Begegnung mit dem Herrn, die sein kurzes Leben prägen sollte: „Ich bin aus Jesus geboren und will ganz ihm gehören“, schreibt er. Und zu Ostern 1935 notiert er in seinem Tagebuch: „Der Weg der Vollkommenheit ist ein schwieriger, ich weiß das, aber mit der Hilfe Jesu ist nichts unmöglich.“ So zimmerte sich Marvelli ein kleines Programm für sein spirituelles Leben zurecht: „Morgens Gebet und, wenn möglich, etwas Meditation, einmal am Tag ein Besuch in der Kirche und so oft als möglich Empfang der Sakramente, jeden Tag den Rosenkranz beten, sich bei keiner Gelegenheit zum Übel verleiten lassen, abends Gebet, Meditation, Gewissenserforschung, in allen schwierigen Momenten Anrufung der Hilfe Jesu.“

Marvelli besuchte schließlich die Universität in Bologna, wo er durch seine Beteiligung an den Aktivitäten der Katholischen italienischen Universitätsföderation (FUCI) kulturell und spirituell reifte. Zu seinem Vorbild wählte er den Seligen Piergiorgio Frassati. In seiner Zeit als Student widmete sich Marvelli der geistlichen Lektüre über die Enzykliken und die Reden des Papstes. Als Meditationstexte hingegen verwendete er die damals üblichen. Nach Erlangung des Ingenieurdiploms am 30. Juni 1941 arbeitete Marvelli einige Monate lang bei Fiat in Turin. Im gleichen Jahr wurde er zum Militärdienst einberufen, den er zunächst in Triest und dann in Treviso ableistete, wobei er den Krieg mit Entschiedenheit verurteilte: „Möge für alle Völker Frieden und Gerechtigkeit kommen und der Krieg für immer aus der Welt verschwinden!“ Da seine drei Brüder an der Front im Einsatz waren, kehrte Marvelli nach dem Militärdienst zu seiner Arbeit bei Fiat zurück.

Nach den tragischen Ereignissen vom 25. Juli 1943, dem Fall des Faschismus und der deutschen Besetzung italienischen Bodens am 8. September 1943 ging Marvelli wieder nach Rimini und engagierte sich im Werk der Nächstenliebe. Nach jedem Bombardement gehörte er stets zu den Ersten, wenn es darum ging, den Verwundeten zu helfen, die Hinterbliebenen zu trösten, den Sterbenden beizustehen und Verschüttete aus den Trümmern zu holen. Aber es gab nicht nur Schutt und Asche, sondern auch Hunger. Marvelli verteilte alles, was er bekommen konnte, unter den Bedürftigen: Matratzen, Decken, Töpfe. Er ging zu den Bauern und Händlern und kaufte alle möglichen Lebensmittel. Dann fuhr er mit voll beladenem Fahrrad zu den Kranken und Hungernden. Zuweilen kam er ohne Schuhe und Rad nach Hause: er hatte denen gegeben, die es nötiger hatten als er.

In der Zeit der deutschen Besatzung konnte Marvelli viele junge Menschen vor der Deportation retten. Da er gut Deutsch konnte, übernahm er sogar eine leitende Stelle bei der Organisation T.O.D.T., um den italienischen Gefangenen zu helfen. In einer mutigen und heroischen Aktion gelang es ihm, bereits versiegelte und in der Station Santarcangelo zur Abfahrt bereitstehende Waggons zu öffnen und daraus Männer und Frauen zu befreien, die für die Konzentrationslager bestimmt waren. Er missbrauchte seine Position auf exzessive Weise, sodass ihn die Deutschen eines Tages verhafteten. Im Kerker traf er auf unzählige Menschen, die alle mit Problemen zu kämpfen hatten. In starrer Haltung vernahm er ihre schmerzlichen Schilderungen. Eines Tages sagte er entschlossen: „Seid ganz ruhig, ich werde dafür sorgen, dass ihr noch heute Nacht nach Hause kommt!“ Marvelli organisierte die Flucht. Er präsentierte sich den Wachen auf Deutsch, wobei er falsche Dokumente vorwies, indem er sich des Schreibnamens seiner Mutter, Mayr, bediente. Einmal aus dem Gefängnis draußen, kehrte er mitten in der Nacht zurück, um die anderen zu befreien, die so zu ihren Familien zurückkehren konnten. „Oft kam er mit irgendeinem Armen nach Hause, der beim Bombardement alles verloren hatte“, erinnerte sich die Mutter. „Er verköstigte ihn, gab ihm etwas zum Anziehen. Selbst die Matratze aus seinem Bett hat er den armen Leuten gegeben, und er selbst schlief ohne.“

 

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 6