Raphael Kalinowski

RAPHAEL VOM HL. JOSEPH KALINOWSKI

(1835 – 1907)

PROFESSPRIESTER
DES ORDENS DER UNBESCHUHTEN KARMELITEN

Heiligsprechung: 17. November 1991 Fest: 15. November

Der heilige RAPHAEL VOM HL. JOSEPH KALINOWSKI wurde am 1. September 1835 als zweites Kind der polnischen Adelsfamilie Andreas Kalinowski und Josephine Polońska in Vilnius, der Hauptstadt des heutigen Litauen, geboren und am darauffolgenden 9. September auf den Namen Joseph getauft. In der Familie erhielt er eine profunde religiöse Erziehung.

 Für seine ersten Studien wurde er in das Institut der Adeligen von Vilnius eingeschrieben, in dem der Vater Mathematik unterrichtete. Er machte so große Fortschritte, dass er mit Bestnoten abschloss. Auf Wunsch des Vaters besuchte er anschließend gemeinsam mit seinem Bruder zwei Jahre lang (1851/52) die Schule für Agronomie Hory-Horki in Russland, weil in Litauen und Polen kein Hochschulunterricht zugelassen war. Da er keinerlei Interesse an Agronomie hatte, begab er sich 1853 in die Hauptstadt des russischen Großreiches, nach St. Petersburg, um an der Hochschule für Brücken- und Straßenbau zu studieren. Da dort alles belegt war, inskribierte er notgedrungen an der Militärakademie für Ingenieurwesen und gewann mit seiner Zurückhaltung und seiner Ehrlichkeit, in einem etwas schwierigen Umfeld, die Sympathie von Kollegen und Professoren. Er beschloss das Triennium mit Auszeichnung und erwarb den Titel eines Ingenieurs sowie den Offiziersgrad. Unmittelbar darauf wurde er an derselben Akademie zum Assistenten für Mathematik ernannt.
 Da sich Kalinowski im Militärbereich und im Großstadtmilieu gleichermaßen unwohl fühlte, kehrte er St. Petersburg den Rücken und engagierte sich fortan auf eigene Initiative bei dem Eisenbahnprojekt Kursk-Kiev-Odessa und in Zusammenhang mit der berühmten Festung von Brest-Litowski, zu deren Erhaltung und Entwicklung er 1860 als leitender Ingenieur entsandt wurde. 1861 eröffnete er in der Stadt eine unentgeltliche Sonntagsschule für die arme Jugend, wo er selbst unterrichtete, und setzte sich dafür ein, dass sich die Bevölkerung nicht von den Versuchen der Zaren beeinflussen ließ, die radikale Trennung von Rom zu erreichen. 1862 wurde er zum Generalstabschef des zaristischen Heeres ernannt.

 Als es 1863 zum polnischen Aufstand gegen die russische Herrschaft kam, schied Kalinowski – da er nicht gegen sein eigenes Volk kämpfen konnte – aus dem russischen Heer aus und kehrte nach Warschau zurück. Hier kollaborierte er mit den Aufständischen und nahm aus Liebe zu Vaterland und Kirche von der Nationalregierung das Amt des Kriegsministers in Litauen an, jedoch unter der Bedingung, niemals ein Todesurteil aussprechen zu müssen. Daraufhin ging er nach Vilnius und richtete, ohne Wissen der Angehörigen, in seiner Wohnung das Hauptquartier ein. Die Anführer des Aufstandes fielen jedoch alle in die Hände der Russen und wurden im Schnellverfahren verurteilt und gehängt, während zahlreiche Bürger nach Sibirien deportiert wurden. Kalinowski blieb als einzige Führungsperson in Freiheit, aber nicht lange, wie er selbst erzählt: „Um Mitternacht vom 12. auf den 13. März 1864 (24.–25. März nach westlichem Kalender) weckte mich eine Stimme und fragte: Wohnt hier dieser flüchtige Ingenieur, Hauptmann Kalinowski? – Ja, der wohnt hier, antwortete ich. Es war der Chef der Stadtpolizei. Ziehen Sie sich bitte an... Sie entschuldigen, aber ich muss sie verhaften. Ich verbeugte mich wortlos. Der Herr in seiner Güte half mir, Ruhe zu bewahren.“

 Kalinowski wurde eingesperrt und am 2. Juni 1864 zum Tod verurteilt; das Urteil wurde jedoch dann in zehn Jahre Zwangsarbeit in Sibirien umgewandelt, um zu vermeiden, dass ihn das Volk zum Märtyrer aurief.

 Am 29. Juni 1864 verließ er Vilnius in einer langen Reihe von Deportierten und erreichte nach neun Monaten harten Marsches durch Sibirien Ussolé in der Nähe des Bajkalsees, wo er unter schwierigen Bedingungen in den Salzminen am Fluss Angara arbeitete. Er trug alles in Gelassenheit und Wohlwollen. Kalinowski war wie ein Engel, den der Herr gesandt hatte, um all die Unglücklichen auf ihrem Gang und während der arbeitsreichen Jahre in den Salzminen von Ussolé zu stützen. Seine Nächstenliebe und sein Altruismus, sein Leben im Gebet und seine erkennbare Einheit mit Gott brachten ihm uneingeschränkte Wertschätzung und Vertrauen ein.

 1868 belegte ihn die zaristische Regierung anstatt weiterhin mit Zwangsarbeit mit dem Exil in Irkutsk, wo er bis 1872 blieb und sich gemeinsam mit Don Christoph Szwernicki MIC der Unterweisung der Jugendlichen, größtenteils Kinder von Ausgewiesenen, widmete. 1872 erhielt er die Erlaubnis sich in Perm im Uralgebiet und dann in Smoleńsk niederzulassen.

 1874 wurde Kalinowski auf Intervention seiner Familie frei gelassen, mit dem Verbot, sich in Vilnius niederzulassen. Er ging daher nach Warschau, wo ihm aufgrund seiner Erfahrung und seiner aufrechten moralischen Haltung der Posten als Hauslehrer des jungen August Czartoryski, des Sohnes von Prinz Ladislaus, in Paris angeboten wurde. Kalinowski zog mithin in den Palast der Familie Czartoryski, das Hotel Lambert auf der Insel von Saint-Louis in Paris. Drei Jahre lang begleitete er den jungen Prinzen überall hin. Wegen dessen Tuberkulosekrankheit lebte er mit ihm in den verschiedensten klimatischen Gegenden Frankreichs und der Schweiz. Kalinowski hatte merklichen Einfluss auf die Entfaltung des Innenlebens des Prinzen. So wuchs dieser heran, bis er schließlich offen seine Priesterberufung kundtat. 1887 trat Prinz August bei den Salesianern ein, wo er vom Gründer selbst, dem hl. Johannes Bosco, empfangen wurde; später wurde er seliggesprochen.

 Joseph Kalinowski hingegen verließ Frankreich am 16. Juli 1877 und trat in den Orden der Unbeschuhten Karmeliten in Graz, Österreich, ein. Am 26. November begann er das Noviziat und nahm den Ordensnamen Raphael vom hl. Joseph an. Nach Beendigung des Noviziats am 26. November 1878 legte er die zeitlichen Gelübde ab und begab sich zu philosophischen und theologischen Studien nach Györ in Ungarn. Nach Abschluss derselben folgte am 27. November 1881 die feierliche Profess. Die theologischen Studien setzte er dann im Kloster von Czerna bei Krakau fort, wo er am 15. Januar 1882 die Priesterweihe empfing. Anschließend wurde er zum Vize-Novizenmeister und kurz darauf zum Prior des Konvents von Czerna ernannt.

 Da Kalinowski schon seit langem mit den Unbeschuhten Karmelitinnen in Kontakt stand, bei denen eine Tante seines ehemaligen Zöglings August wohnte, half er diesen spirituell sowie bei der Gründung der Klöster von Przemyśl und Lemberg. Er war ihr Beichtvater, Spiritual, Generalvisitator und Provinzvikar. Um den Wiederaufbau des polnischen Karmel voranzutreiben, der nach Jahren der Unterdrückung eine Hochblüte religiöser Berufungen erlebte, eröffnete er am Stadtrand von Wadowice ein kleines Haus zur Aufnahme von Jugendlichen, die sich dem Herrn weihen wollten. Diese Einrichtung verwandelte sich innerhalb weniger Jahre in einen großen Komplex, „Hügel des hl. Joseph“ genannt. Hier verbrachte Kalinowski seine schönsten Jahre, wobei er sich in erster Linie einem verstärkten religiösen Leben sowie der spirituellen Führung und Erziehung der jungen Kandidaten für den Karmel widmete. Die Berufungen nahmen zu und die Konvente der polnischen Karmeliterprovinz füllten sich mit Leben. Somit wird P. Raphael zu Recht als Erneuerer des polnischen Karmel angesehen. Sein apostolischer Eifer scheute keine Mühen, wenn es darum ging, die Gläubigen zu stärken und den ihm von den Oberen anvertrauten Aufgaben Rechnung zu tragen.

 Die letzen Jahre seines Lebens verbrachte Kalinowski in konzentrierter Forschung, was zur Veröffentlichung der Chroniken des Karmel führte. 1904 wurde er von den Oberen beauftragt, seine Memoiren zu schreiben, da man sich der Bedeutung seiner Erfahrungen und seiner Ausdruckskraft bewusst war. Davon zeugen seine Schriften, die in sechs Bänden mehr als 2.500 Seiten umfassen und von der Katholischen Universität Lublin sowie vom Verlag der Unbeschuhten Karmeliten von Krakau herausgegeben wurden. Sie enthalten seine Briefe, die Erinnerungen, Konferenzen und asketisch-spirituelle Texte. Die Schriften stellen eine universale Berufung zur Vollkommenheit, zur Heiligkeit dar, die ihre Wurzeln in der Taufe hat. Jeder Christ soll diese durch Gebet, Werke brüderlicher Nächstenliebe, Buße und Treue zu den Pflichten des je eigenen Lebensstandes erlangen.

 Als Slawe, der mit den verschiedenen Riten und Kirchen Russlands vertraut war, fühlte Kalinowski von Jugend an das Problem der Einheit der Christen, wobei er hinsichtlich der ökumenischen Frage eine ganz eigene Vision entwickelte: „Heilige Einheit! Heilige Union!“, schrieb er in der Abhandlung, die er auf dem Marianischen Kongress in Lemberg 1904 vorstellte. „Schon dieses eine Wort erfüllt das Herz mit Trauer, da sie noch nicht verwirklicht ist, gleichzeitig aber entfacht es die Flamme der Hoffnung.“ Und er fügte hinzu: „Es wird die Unbefleckte Jungfrau sein, die das Volk geneigt macht, in dem viele edle und Frieden suchende Herzen in Richtung einer solchen Einheit schlagen.“ Und als guter Karmelit scheute er keine Anstrengung, für die Einheit der Christen zu arbeiten. So besuchte er 1896 den griechisch-katholischen Metropoliten von Lemberg, um über die Möglichkeit der Gründung einiger Karmelitenklöster des orientalischen Ritus zu beraten, die zu Zellen der Einheit werden sollten.

 1906 wurde Kalinowski noch einmal zum Prior des Konvents von Wadowice gewählt, doch nur mehr für kurze Zeit. Aufgerieben von den Anstrengungen und Leiden und vom ganzen Volk verehrt, starb er am 15. November 1907 in dem von ihm gegründeten Konvent in Wadovice. Der Leichnam wurde nach Czerna bei Krakau überführt und auf dem dortigen Klosterfriedhof beerdigt. Sein Grab wurde bald zum Ziel von Pilgerströmen.

 Am 22. Juni 1983 wurde Raphael vom hl. Joseph Kalinowski von Papst Johannes Paul II. in Krakau seliggesprochen und am 17. November 1991 heiliggesprochen.


Italienisch

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 5