Virginia Centurione Bracelli

VIRGINIA CENTURIONE
BRACELLI
(verw. Bracelli)

(1587–1651)

GRÜNDERIN
DES INSTITUTS U. L. F. VON DER ZUFLUCHT AUF DEM KALVARIENBERG
UND DER TÖCHTER U. L. F. AM KALVARIENBERG

Heiligsprechung: 18. Mai 2003
Fest: 15. Dezember

Die heilige VIRGINIA CENTURIONE verw. BRACELLI wurde am 2. April 1587 als Tochter des Dogen der Republik Genua, Giorgio Centurione, und der aus altem Adel stammenden Lelia Spinola in Genua geboren, zwei Tage später getauft und in der Folge zu einem soliden Leben in festem Glauben erzogen. Aufgrund ihrer Vorliebe für religiöse Praktiken erkannte sie schon bald ihre Be­rufung zum Ordensstand und vertraute ihrer Mutter an, dass sie in ein Kloster eintreten wolle. Doch diese starb und Virginia konnte ihr Vor­haben nicht umsetzen, weil sie der Vater, ohne sie zu fragen, Gaspare Bracelli versprochen hatte, dem Spross einer vornehmen und reichen Genueser Familie und Erben großer Besitzungen, der allerdings von Natur aus zu einem lasterhaften Leben und zum Glücksspiel neigte. Als Virginia davon erfuhr, brach sie in Tränen aus, willigte jedoch aus Gehorsam dem Vater gegenüber in die Heirat ein, die am 7. Ja­nuar 1602 stattfand.

Die Ehe war für Virginia eine echte Schule der persönlichen Heiligung. Als Lichtblick erwiesen sich ihre beiden Töchter Lelia (*1604) und Isabella (*1605). Die üble Veranlagung ihres Gemahls kam aber schon bald zum Durchbruch und zehrte ihn, der von schwacher Konstitution war, in fünf Jahren fern der Familie völlig auf. Virginia, die alles versucht hatte, um ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen, eilte an sein Krankenlager und pflegte ihn an Leib und Seele. In der Gnade Gottes erneuert, starb er am 13. Juni 1607. Noch am gleichen Tag besiegelte die kaum 20-jährige Virginia mit dem Gelübde immerwährender Keuschheit ihre vollkommene und unwiderrufliche Hingabe an Gott. Das vom Vater unterbreitete Angebot für eine zweite Ehe lehnte sie entschieden ab. Sie widmete sich fortan der Arbeit, der Erziehung ihrer beiden Töchter und bereits 1607 der Verbreitung des „Werkes der armen Landkir­chen“, das sie mit Geld- und Sachspenden unterstützte. 1625 grün­dete sie vier Schulen zur spirituellen Formung und beruflichen Ausbildung verlassener Kinder; weiters stellte sie die Hälfte ih­res Einkommens für die Betagten und Kranken zur Verfügung. Als die beiden Töchter schließlich versorgt waren und die häuslichen Pflichten sie nicht mehr so vereinnahmten, widmete sie sich voll und ganz den Armen.

Die Gelegenheit dazu bot sich von selbst im Winter des Jahres 1624/25, als Genua von Flüchtlingsströmen aus dem west­lichen Ligurien überschwemmt wurde, in das französisch-piemontesische Truppen eingefallen waren. Eines Nachts vernahm Virginia das Wimmern eines kleinen Mädchens, das man in der Kälte allein auf der Straße zurückgelassen hatte. Sie nahm es ihn ihr Haus auf und sagte zu ihm: „Du bleibst jetzt als meine Tochter bei mir.“ Schon bald waren es 15 Mädchen und allen gab Virginia zu essen und Geborgenheit. Es war dies der Grundstein für eine Familie, in der Hunderte von Opfern jener tragischen Ereignisse, die Genua und Norditalien um 1620 erschütterten, Zuflucht fanden. Auf den Krieg folgte die Rezession; dann führten der Ausbruch einer Hungersnot und die Pest zu unvorstellbarem Elend.

Virginia, die bereits 1626 zugunsten der Armen auf ihren gesamten Besitz verzichtet hatte, dehnte ihre karitative Tätigkeit weiter aus und rief die Gemeinschaft der Helferinnen der Frauen von der Barmherzigkeit ins Leben, denen sie sehr weise Regeln gab. Ihr Programm wurde noch differenzierter, als sie einige Jahre später die Hundert Frauen der Barmherzigkeit, Beschützerinnen der Armen Jesu Christi zur häuslichen Unterstützung Notleidender gründete, vor allem jener, die sich schämten, um Hilfe zu bitten. Mit dem Titel „Mutter der Barmherzigkeit“ bedacht, begab sie sich schließlich in die berüchtigtsten Viertel der Stadt. Die mit Sklaven beladenen Galeeren bestieg sie ebenso wie sie zu dem überfüllten Lazarett vordrang, in dem unsägliche Not herrsch­te. Dabei setzte sie – ungeachtet der Drohungen, Hiebe und Steinwürfe der Gegner – ihr Programm zur sozialen und moralischen Unterstützung der Ar­men um. Nebenbei erklärte sie den Kindern den Katechismus, verkündete das Evangelium, betete gemeinsam mit den Menschen vor den marianischen Bildstöcken den Ro­senkranz und gründete den „Verband der Blinden“ für spirituelle Lobgesänge.

All diese Aktivitäten mündeten in das „Werk der Zuflucht“, das entstand, um den vielen verlassenen und gefährdeten Mädchen, die sie in ihrem Haus beherbergte, eine angemessene Unterbringung zu bieten. Die jungen Frauen kamen aus den unterschiedlichsten Familien, und das an und für sich große Haus erwies sich als unzureichend. Virginia wandte sich daher an die befreundete Herzogin Placida Spinola, die von den Franziskanern den Kon­vent von Monte Calvario mit der angrenzenden Kirche erworben hatte. Unter Bedachtnahme auf den wohltätigen Zweck stellte ihr Donna Spinola das Gebäude zunächst unentgeltlich und später dann gegen eine bescheidene Jahresmiete zur Verfügung. Für Virginia handelte es sich aber nicht bloß um einen Ortswechsel, sondern um eine Perspektive für die Zukunft. Am 13. April 1631 verließ sie ihr Haus für immer und zog mit ihren vierzig Schützlingen in das Kloster Maria Heimsuchung auf dem Monte Calvario, das sie unter den Schutz „Unserer Lieben Frau von der Zuflucht“ stellte. Dann mietete sie noch weitere Häuser und baute schließlich auf dem Hügel Carignano ein eigenes Haus, das zum Mutterhaus des Werkes wurde.

Inzwischen traf sie unter den von ihr Beherbergten eine qualitative Auslese. So entstanden einerseits „die eigentlichen Ordensschwestern“ und andererseits die „Laientöchter“ oder einfachen Helferinnen. Erstere mussten, wie Virginia 1634 schrieb, wie Nonnen in einer wahrlich vollkommenen Gemeinschaft leben, zwar ohne Gelübde, jedoch unter strengster Beachtung der Regeln. Daraus gingen ihre „Ordensfrauen“ hervor, die weder „Nonnen“ noch „Schwestern“ im eigentlichen Sinn waren, weil sie sonst nach damaligem Ordensrecht in Klausur hätten leben müssen. Offiziell entstand die Institution am 13. April 1631 als eine Gruppe von Franziskaner-Terziarinnen, die sich dem Apostolat unter den Armen, Kranken und Jugendlichen widmeten. Wie dem hl. Vin­zenz von Paul schwebte auch Centurione Bracelli die Gründungr eine Gemeinschaft von Schwestern mit Privatgelübden vor, die ihr Apostolat außerhalb der Klausur frei ausüben konnten. Sie sollten sich nicht durch Kleidung oder Klausur unterscheiden, sondern durch ihren heiligmäßigen Lebenswandel und den Dienst an den Armen, selbst unter Einsatz des eigenen Lebens.

Virginia CenturioneErst im 20. Jahrhundert wurden ihre Schwestern kirchenrechtlich in jeder Hinsicht zu „Schwestern mit offiziellen Gelübden in einer nicht klausurgebundenen Gemeinschaft“. Der 13. April 1631 bezeichnete somit das Gründungsdatum zweier neuer Frauenkongregationen, die auch heute noch im Dienst der Armen wirken: die Schwestern Unserer Lieben Frau von der Zuflucht auf dem Kalvarienberg und die Töchter Unserer Lieben Frau am Kalvarienberg, jene Schwestern und Töchter also, die Virginia al­lein kraft ihres mitreißenden Beispiels heranbildete, indem sie mitten unter ihnen lebte, die Mahlzeiten mit ihnen einnahm und sich dabei oft mit dem begnügte, was die an­deren übrig ließen. Sie pflegte deren Wunden und reinigte sie von den Insekten.

Als ihre Kräfte, krankheitsbedingt, zu schwinden begannen, machte sie zum Ausgleich zu­nehmend ihren Einfluss bei kirchlichen und politischen Obrigkeiten gel­tend. Beim Erzbischof verwandte sie sich für die Einführung der 40-stündigen Anbetung des Allerheiligsten und die Abhaltung von Volksmissionen, denen die Stadtmissionare von S. Carlo ihre Gründung verdanken. Sie predigte auch selbst eine „Volksmission“ und engagierte sich als Friedensvermittlerin zwischen den hass­erfüllten bewaffneten Parteien. 1637 erreichte sie, dass Maria zur „Königin von Genua“ erklärt wurde.

Virginia starb am 15. Dezember 1651. Es war ein erbaulicher Tod. „Virginia, wir werden zum Haus des Herrn gehen“, sagte ihr Bruder am Sterbebett; „Ja, wir werden dorthin gehen... Gott hat gesiegt“, gab sie zur Antwort. Und dann: „Mein Herz ist bereit, Herr.“

Da sie als „Heilige“ betrachtet wurde, versuchte man Teile ihrer Kleider als Reliquien zu entnehmen. Durch das entschlossene Eintreten des Erzbischofs von Genua wurde der Leichnam den Schwestern übergeben, die ihn in ihrer Kirche Unserer Lieben Frau von der Zuflucht beisetzten, wo er dann für 150 Jahre mehr oder weniger selbst bei den von ihr gegründeten Schwestern in Vergessenheit geriet. Erst am 20. September 1801 entdeckten einige Arbeiter, die im Zuge der aufgrund der napoleonischen Gesetze erfolgten Unterdrückung vieler Klöster mit dem Abriss des ehemaligen Klarissenkonvents beschäftigt waren, in dem von ihnen geöffneten Bleisarg den noch flexiblen Körper von Virginia Centurione Bracelli, deren Name aus der dort unmittelbar nach dem Tod angebrachten Inschrift hervorging.

Die Behörden versuchten vergeblich, das außergewöhnliche Ereignis geheimzuhalten. Das Volk sprach von einem Wunder, und ein wegen seiner radikalen Abneigung gegen die Kirche unverdächtiger Notar, der dann aufgrund der wunderbaren Heilung seiner Tochter auf die Fürbitte von Centurione Bracelli zum Protagonisten einer eben so radikalen Bekehrung wurde, bezeugte dies ohne Vorbehalte, wobei er auch die Besonderheit der noch lebendigen Pupillen – „klares Saphirblau“ – hervorhob. Tatsächlich war der Leichnam frisch und flexibel geblieben, als befinde er sich im Schlaf.

1868 wurde der unverweste Leichnam in die neue Kirche des Mutterhauses der Suore di N. S. del Rifugio in Monte Calvario, viale Virginia Centu­rione Bracelli n. 13, Genova-Marassi, überführt, wo er auch heute noch das Ziel von Pilgern ist.

Am 18. Mai 2003 wurde Virginia Centurione Bracelli von Papst Johan­nes Paul II. heiliggesprochen, der sie am 22. September 1985 in Genua seliggesprochen hatte.


Italienisch

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 5