Friedrich Ozanam

FRIEDRICH OZANAM

(1813 – 1853)

ADVOKAT U. UNIVERSITÄTSDOZENT
MITBEGRÜNDER DER VINZENZKONFERENZEN

Seligsprechung: 22. August 1997
Fest: 8. September

ANTON FRIEDRICH OZANAM wurde am 23. April 1813 als fünftes von vierzehn Kindern (von denen nur drei überlebten) der Eheleute Jean Antoine Ozanam und Marie Nantes, Abkömmlingen einer alten jüdischen Familie aus Bresse (Lyon), in Mailand geboren und auf den Namen Anton Friedrich getauft. Der Vater, napoleonischer Offizier der italienischen Armee, hatte sich in Mailand niedergelassen und dort nach der Promotion in Medizin als Spitalsarzt zu praktizieren begonnen. Als Mailand durch die Verträge von 1815 an Österreich fiel, kehrte die Familie Ozanam nach Lyon zurück, wo Friedrich eine glückliche Kindheit verbrachte. Als Jugendlicher erlitt er 1819 aber eine schwere Typhuserkrankung und musste ein Jahr später den Tod seiner Schwester Elsa miterleben.

Am 8. April 1821 trat er in das Königliche Kolleg ein, wo er die humanistischen Studien absolvierte. Um das fünfzehnte Lebensjahr von einer schweren inneren Glaubenskrise erschüttert, hatte er das Glück, seinen Philosophieprofessor, Abt Noirot, an seiner Seite zu wissen, der ihn mehr als jeder andere darin unterstützte, sich im Wirrwarr der gegensätzlichen Ideen zurechtzufinden, aus dem er schließlich im Glauben gestärkt hervorging. Das ganze Leben Ozanams blieb vom wohlwollenden Einfluss dieses Priesters geprägt.

Als ihn der Vater nach Beendigung der Sekundarstudien 1831, im Alter von 18 Jahren, zum Jurastudium an die Sorbonne nach Paris schickte, war seine menschliche und moralische Grundhaltung bereits voll entwickelt. Er wollte unter allen Umständen seiner christlich-katholischen Berufung treu bleiben und machte den Vorsatz, sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, dass die Kirche einen Weg finde, sich in einer Gesellschaft, die sie bekämpfte und an den Rand drückte, präsent zu machen und ihre Botschaft zu vertreten.

In Paris war Ozanam zwei Jahre lang Gast des berühmten Wissenschaftlers André-Marie Ampère, des großen Erforschers der Elektrodynamik (heute noch trägt die Maßeinheit für die elektrische Stromstärke die Bezeichnung Ampere). Unter der Leitung des tiefgläubigen Mannes gesellte sich Friedrich zu den katholischen intellektuellen Jugendlichen um Emanuel Bailly, um die katholische Religion in den Bereichen Philosophie, Geschichte, Literatur und vor allem Soziologie zu verteidigen. So kam er auch in Kontakt mit wichtigen katholischen Denkern, wie Chateaubriand, Montalambert, Ballache und Lacordaire. In diesem Umfeld schloss er sich am 23. April 1833 einer kleinen Studentengruppe an der Sorbonne an, die sich zur ersten "Konferenz der Nächstenliebe" versammelte. Der Zweck war, sich ihrer Freundschaft im Zeichen des Glaubens und der Nächstenliebe zu versichern sowie durch Hausbesuche bei den Armen das eigene Christsein persönlich und authentisch zu bezeugen – um all jene Lügen zu strafen, die behaupteten, dass die katholische Kirche längst überholt sei und dem modernen Menschen nichts mehr zu sagen habe.

Diese Initiative führte schließlich zur Gründung des Vereins vom hl. Vinzenz von Paul, der einen raschen Aufschwung erlebte. Ozanam sollte zur Triebfeder dieser ersten Entwicklung werden. Gleichzeitig schrieb er in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften zu religiösen und gesellschaftlichen Themen und setzte sich für das gute Gelingen der berühmten Fastenpredigten des Abtes Lacordaire in Notre Dame ein, der großen Erfolg hatte, sodass sich Ozanam eine Zeit lang vom dominikanischen Ordensideal angezogen fühlte.

Am 30. April 1836 promovierte Ozanam in Jura, doch erreichte ihn wenige Tage später die Hiobsbotschaft vom Tode seines Vaters, der davon geträumt hatte, aus Friedrich einen Beamten zu machen. Dieser fühlte sich jedoch zum Studium der Literatur hingezogen, dem er gleichzeitig zum Rechtsstudium einen Großteil seiner Zeit gewidmet hatte. Er beendete auch dieses Studium am 7. Januar 1839 mit der Promotion, und zwar mit einer Dissertation über die Philosophie von Dante Alighieri. Nach Abschluss der Studien kehrte er nach Lyon zurück, um den Beruf eines Advokaten und Professors für Wirtschaftsrecht an der Universität auszuüben. Im selben Jahr verlor Ozanam auch seine Mutter.
1840 erhielt er den Ruf als Professor für fremdsprachige Literatur an die Sorbonne in Paris und am 23. Juni 1841 heiratete er Amelia Soulacoix, die Tochter des Rektors der Universität von Lyon, die ihm 1945 eine Tochter, Maria, gebar.
Nach seiner Ernennung zum Ordinarius an der Sorbonne 1844 knüpfte Ozanam freundschaftliche Beziehungen mit herausragenden Persönlichkeiten der literarischen und katholischen Welt, zu denen außer den bereits genannten Lacordaire, Montalambert, Bal­lache und Chateaubriand auch Lamartine, Lamennais, Ger­bet und Ampère jun. zählten.

Das Arbeitsprogramm stand für Ozanam von Anfang an fest, nämlich sich für die Darlegung der Wahrheit des Christentums durch die Analyse der Geschichte des Hochmittelalters einzusetzen, als die Kirche den germanischen Völkern das von der klassischen Antike übernommene reiche Erbe nahebrachte und dabei neue Ideen, Künste und Bräuche einführte. Den Abschluss dieser geschichtlichen Epoche bildete nach Ozanam das Denken und dichterische Schaffen Dante Alighieris. Die genannten Studien wurden als Produkt seines universitären Schaffens in mehreren Bänden veröffentlicht, die von der christlichen Kultur des 5. Jahrhunderts über die franziskanischen Dichter im Italien des 13. Jahrhunderts bis zu Dante und zur katholischen Philosophie des 13. Jahrhunderts reichen.

Mit ebensolchem Einsatz engagierte sich Ozanam im sozialen und politischen Bereich. Während der Revolution von 1848 stand er auf Seiten des Volkes gegen die Monarchie von Ludwig Philipp, weil er auf die Demokratie vertraute. Er wurde Nationalgardist und begleitete gemeinsam mit Bailly den mutigen Bischof Affre bei dessen vergeblichen Versuch, den Bruderzwist beizulegen und ein Blutvergießen zu verhindern, auf die Barrikaden. Im gleichen Jahr nahm er zusammen mit Lacordaire und Henri Maret an der Gründung der berühmten Zeitung L'Ere Nouvelle (Das neue Zeitalter) teil, die, wenngleich kurzlebig, so doch das bedeutendste Symbol des "französischen demokratischen Katholizismus" war. Der Staatsstreich von Napoleon III. am 2. Dezember 1851 setzte dem Blatt ein Ende.

Durch seine Lehrtätigkeit an der Universität, die ihn wiederholt zu Studienreisen durch ganz Europa veranlasste, gewann er neben der Kenntnis der Bedeutung der verschiedenen Sprachen auch eine detaillierte Sicht des täglichen gesellschaftlichen Lebens in den verschiedenen Regionen. So erkannte er genau, dass die politischen Probleme der Zeit sehr rasch von den sozialen überlagert würden. Er brachte daher mit voller Klarheit seine Gedanken zur Verteidigung der Arbeiter und des städtischen Proletariats zum Ausdruck, wobei er die Lösung des auf uneingeschränkte Konkurrenz ausgerichteten ökonomischen Liberalismus ebenso kritisierte wie die sozialistische Lösung Saint-Simons, welche die Überwindung des Leidens um den Preis der Unterdrückung der Freiheit versprach. Ozanam vertrat vielmehr eine auf Privateigentum gegründete Gesellschaftsform als Antwort auf ein Grundbedürfnis des Menschen, eine Arbeitsorganisation, die den Arbeitern und ihren Familien einen hinreichenden Lohn garantierte, eine angemessene Ausbildung mit staatlicher Unterstützung, Hilfswerke im Rahmen der Arbeiterschaft sowie die Achtung der Sonntagsruhe. Es sind dies einige jener Ideen, die ihn als einen der Initiatoren des Sozialgedankens der Kirche charakterisieren und im Besonderen als Vorläufer der Enzyklika Rerum Novarum Leos XIII., die 1891 veröffentlicht wurde.

Auf diese Gesellschaftsvision gründete Ozanam seine Teilnahme an den Aktivitäten des Vereins des hl. Vinzenz von Paul, wobei er sowohl in Frankreich als auch im Ausland häufig die Konferenzen besuchte, die er für die Jugendlichen als grundlegende Vorbereitung auf ihr soziales Leben betrachtete: "Sich dem Elend zu nähern, es mit Händen zu greifen, die Ursachen auszumachen und die Wirkung spürbar wahrzunehmen, in herzlicher Vertrautheit mit den Unterdrückten." In diesem Einsatz für das individuelle und soziale Wohlergehen war er ein großer Bewunderer Pius' IX., der ihn zweimal in Audienz empfing, und in dem er jenen großen Papst sah, der eine Versöhnung zwischen Kirche und moderner Gesellschaft herbeiführen würde.

Die gesamte universitäre, politische und soziale Tätigkeit Ozanams war stets eingebettet in eine umfangreiche literarische und publizistische Tätigkeit. Seit dem Jahre 1828 arbeitete er bei einer in Lyon erscheinenden Zeitschrift mit und in der Folge noch an mehreren Zeitungen, Zeitschriften und Veröffentlichungen. Seine Hauptarbeit bestand allerdings im Studium des Mittelalters, wie er selbst sagte: "Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Literaturgeschichte des Mittelalter vom 5. bis zum 13. Jahrhundert, bis Dante, zu schreiben. Doch befasse ich mich beim Studium der Literatur vor allem mit dem Wirken des Christentums." Die Einführung in dieses Monumentalwerk bildeten die an der Sorbonne gehaltenen Vorlesungen, die posthum unter dem Titel "La Civilisation au V siècle" veröffentlicht wurden.

Ozanams Leben währte allerdings nur sehr kurz. Bereits im Alter von 40 Jahren war sein Gesundheitszustand äußerst kritisch. Doch verstand er den Tod als bewusstes Angebot an Gott, auf alles, was er noch hätte tun können, verzichten zu wollen. Ozanam starb in Marseille am 8. September 1853, auf der Rückreise von Italien, wo er sich noch mit Freuden in den Dritten Orden des hl. Franziskus eingetragen hatte. Bei ihm waren seine Frau und Tochter, seine Brüder, von denen der eine Priester, der andere Arzt war, sowie die Vinzenz-Mitglieder von Marseille.

Seine sterblichen Überreste ruhen in der Krypta der Kirche Saint-Joseph des Carmes des Institut Catholique, rue de Vaugirard, Paris, Frankreich.

Am 22. August 1997 wurde Anton Friedrich Ozanam von Papst Johannes Paul II. in Paris seliggesprochen.

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 4