Claudius Granzotto

CLAUDIUS GRANZOTTO
(Richard Viktor)

(1900 – 1947)

PROFESSBRUDER
DES ORDENS DER MINDERBRÜDER
(FRANZISKANER)

Seligsprechung: 20. November 1994
Fest: 15. August

CLAUDIUS GRANZOTTO wurde am 23. August 1900 als letztes von sieben Kindern des Antonio Granzotto und der Giovanna Scottà in S. Lucia di Piave, Provinz Treviso, geboren und am 2. September auf den Namen Richard Viktor getauft. Er wuchs im Kreis der Familie heran und besuchte dann die ersten zwei Klassen der Volksschule. Am 4. Januar 1910 starb der Vater im Alter von 65 Jahren. Im Oktober desselben Jahres empfing Richard die Erstkommunion und kam in die dritte Klasse Volksschule, die er aber ein paar Monate später aufgab. Er versuchte sich daraufhin als Schuster, doch wurde er auch dessen nach kurzer Zeit überdrüssig. Mit 13 Jahren fing er in der Tischlerei eines Schwagers in Brusegana als Geselle an, wo er jedoch das Spiel der Arbeit vorzog. Nach einem Jahr kündigte er und verdingte sich fortan als „Mädchen für alles“ bei seinem Bruder Giacinto Giovanni, der ein kleines Bauunternehmen leitete. In seiner Freizeit arbeitete er studenweise in einem Schusterladen. Als Maurer bewies Richard hingegen Genauigkeit und beispielhaften Einsatz. „Er hatte einen Blick für die Arbeit, die ihm aufgetragen war.“ Für jedes Problem, das sich im Maurerberuf stellte, hatte er eine Lösung parat, wobei er die Sicherheitsregeln einhielt und stets das bestmögliche Ergebnis bei geringstem Aufwand erzielte. Es war zu der Zeit, im Jahre 1915, dass Granzotto seine Leidenschaft für die Kunst, vor allem für die Bildhauerei entdeckte und seine ersten Arbeiten anfertigte.

Im November 1917, mit 17 Jahren, wurde Granzotto in die paramilitärische Truppe von Cadorna einberufen. Er war zunächst in Susegana und anschließend in Isola Vicentina aktiv. Mit Ende des Ersten Weltkrieges nahm er seinen Abschied, wurde jedoch erneut einberufen; es folgten Einsätze in Rom, Neapel, Bologna und in Albanien. Während dieser Zeit fiel er unter seinen Kameraden durch sein vorbildliches Verhalten auf, was ihm allgemeine Wertschätzung einbrachte. Nach seinem endgültigen Abschied vom Militär am 18. Oktober 1921 kehrte er nach Hause zurück und nahm seine Arbeit als Maurer wieder auf, um die durch den Krieg beschädigten Häuser in Stand zu setzen. Gleichzeitig ließ er bevorzugt seine künstlerische Ader spielen, ob nun als Maler oder Bildhauer – die Bewunderung seiner Altersgenossen und des Pfarrers war ihm sicher. Auf dessen Anregung hin schrieb er sich 1922 in eine Kunstschule in Conegliano (Treviso) ein und besuchte 1923 die private Kunstschule „Rinaldo Contardo“ in Venedig, wobei er innerhalb eines Jahres zwei Kurse absolvierte, die den ersten zwei Ausbildungsjahren am heutigen Kunstgymnasium entsprechen. Er setzte seine Studien am Kunstgymnasium der Akademie von Venedig bis 1925 fort und erhielt am Ende, mit der Reifeprüfung, den Titel eines Professors für Zeichnen. Granzotto übersiedelte an die venezianische Akademie der Schönen Künste und machte dort vier Jahre später, 1929, sein zweites Diplom, wobei er mit der Höchstzahl an Punkten den Titel eines Professors für Bildhauerei erlangte.

Im Laufe seiner akademischen Ausbildung musste Granzotto neben Arbeiten, die ihm von der Schule übertragen wurden, auch mehrere bildhauerische Werke schaffen. In dieser Zeit entstanden seine berühmten Statuen Die Seele und ihr Kleid, das Weihwasserbecken für die Pfarrkirche von S. Lucia und Die Verzweiflung des Judas.

Nach seiner Promotion folgte ein Auftrag dem andern. Granzotto richtete sich zu Hause eine Werkstatt ein. Doch war sein Leben in der Zwischenzeit wie verwandelt. Emsig bei der Arbeit, stets zufrieden und mit jedem in Harmonie, erfüllte er auch seine religiösen Pflichten. Er betete viel und mit großem Ernst in der Kirche und in seiner Werkstatt, beteiligte sich an der Katholischen Aktion, ging zur Messe und machte seine Aufwartung im Pfarrhaus. Zwischendurch wagte er auch einen gelegentlichen Ausflug mit dem Motorrad oder vergnügte sich beim Boccia-Spiel. Allüren und Eitelkeit waren ihm fremd, er las viel, gab sich immer sehr reserviert, inskribierte an der königlichen Oper und widmete sich der Kontemplation; Fragen der Politik berührten ihn nicht im Geringsten. Während sich aber vor den Augen des jungen Professors eine brillante Zukunft abzeichnete, spürte dieser in seinem Innern die Gnade des Herrn, die ihm den Sinn für das Religiöse in der Kunst und die christliche Frömmigkeit erschloss. Nacht um Nacht verbrachte er damals betend in der Pfarrkirche, wobei sich der Wunsch, in den Ordensstand zu treten, immer stärker aufdrängte. Die Gelegenheit für eine endgültige Entscheidung bot sich allerdings, als seine für das Forum Mussolini in Rom erstellte Arbeit La Volata durchfiel, die – obwohl zuerst angenommen und approbiert – abgelehnt wurde, weil sich die Kriterien der Kommission geändert hatten. Damals wurde ihm bewusst, dass die Welt nicht für ihn geschaffen war.

Zu Pfingsten 1932 hatte Granzotto eine schicksalhafte Begegnung mit dem Franziskaner Amadio Oliviero, der damals in der Pfarre als Prediger auftrat. Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die Granzotto zur franziskanischen Berufung führte, wie er später schrieb: „Vom Herrn besiegt und den Widerstand sowie die Schmähungen und den Spott von Freunden und Bewunderern überwunden, trat ich, nachdem ich dem Beispiel des hl. Franz von Assisi folgend die Einladung zum Priestertum abgelehnt hatte, am 7. Dezember 1933 in S. Francesco del Deserto in der venezianischen Lagune in den Orden der Minderbrüder ein.“

Ab seinem Eintritt in das Kloster arbeitete Granzotto mit großem Einsatz und Erfolg zur Ehre des Ordens. Während seines Probejahres errichtete er die Lourdesgrotte und fertigte die Statue der Unbefleckten Empfängnis in Chiampo (Vicenza) an. Am 7. Dezember 1935 wurde er als Laienbruder zum Noviziat zugelassen, nachdem er den Vorschlag, Priester zu werden, abgelehnt hatte. Bei dieser Gelegenheit nahm er den Namen Bruder Claudius an. Am 8. Dezember 1936 erhielt er die Zulassung zur Profess mit den einfachen Gelübden. Hernach schickte man ihn in das Kloster S. Francesco di Vittorio Veneto (Treviso), wo er sich als ein Beispiel an Tugend und Brüderlichkeit erwies. Gleichzeitig begann er mit den Arbeiten an drei Lourdesgrotten, betreute die Kranken, engagierte sich als Mesner, restaurierte die durch den Krieg beschädigten Klostermauern, half dem Koch und beim Geschirrspülen und ersetzte außerhalb der üblichen Zeiten den Pförtner.

Durch all diese Aktivitäten hinterließ Granzotto in zahlreichen Klöstern Venetiens, vor allem in jenen der Provinz Vicenza, unauslöschliche Spuren als begabter Künstler und außergewöhnlicher Mitbruder. In Bruder Claudius waren Charakter und Liebenswürdigkeit, künstlerisches Talent und Heiligmäßigkeit zutiefst ineinander verschmolzen, zumindest in der reifsten Phase seines Lebens und Wirkens. Er war überzeugt, dass Gott sich der Materie bedient, sie zum Leben erweckt, sie durch die Künstler von Sich sprechen macht. „Wenn Sie wüssten, Pater, wie viel ich gebetet habe, als ich die beiden Statuen des hl. Antonius und des gestorbenen Christus schuf... Wenn ich merkte, dass ich nicht vorankam, fiel ich in meiner Werkstatt auf die Knie, um zu beten und zu meditieren, bis ich eine Kraft, einen neuen Willen in mir spürte.“

Am 5. August 1947, nachdem Bruder Claudius schon eine Zeitlang Verfallserscheinungen gezeigt hatte und schließlich über Bewusstseinstrübungen klagte, stellte ein Arzt aus Arzignano einen Gehirntumor bei ihm fest, weshalb er ihm den Rat gab, sich sofort in das Spital von Padua einweisen zu lassen, was drei Tage später geschah. Bruder Claudius, der geschrieben hatte: „Herr, wenn Du mir Dornen zum Geschenk machst, so habe ich die Sicherheit, dass Du mein Leben als Opfer angenommen hast“, bewahrte seine Gelassenheit, akzeptierte das Abschlussgeschenk, mit dem Christus ihm seine besondere Zuneigung bekunden wollte, und fügte in seine Lebensregel ein: „... Wenn es mir wieder gut geht und ich entsprechend vorbereitet bin, werde ich den Herrn um eine Gnade bitten, die das Wertvollste ist, was er Seinen gläubigen Seelen zuteil werden lassen kann, nämlich: an Körper und Seele gekreuzigt und ganz in Seinem Martyrium der Liebe aufgezehrt zu werden.“ Tatsächlich hatte sein Leiden bereits das Endstadium erreicht, sodass er nach nur einer Woche, genau am 15. August 1947, am Tag der Aufnahme Mariens in den Himmel, im städtischen Krankenhaus von Padua im Ruf der Heiligkeit verstarb.

Seine sterblichen Überreste wurden zunächst in der Begräbnisstätte der Franziskaner auf dem städtischen Friedhof von Vittorio Veneto beigesetzt und dann am 31. Mai 1951 in das Marienheiligtum von Pieve di Chiampo, via Pieve, 86, überführt und zu Füßen der von ihm erbauten Lourdesgrotte bestattet, die – wie Claudius vorausgesagt hatte – „für viele Menschen zu einer Stätte des Gebets und der Begegnung mit Gott“ geworden war. An seinem zehnten Todestag, dem 15. August 1957, fand die Einweihung des neuen Museums von Bruder Claudius in Chiampo statt.

Durch sein Leben als Künstler, als Franziskaner und durch seinen Glauben an das Evangelium übermittelt Bruder Claudius eine Botschaft der Freude und der Hoffnung vor allem wie als Bildhauer seiner selbst: „Ich habe mich ganz Jesus verschrieben. Das hat mich sehr viel Mühe gekostet... Wir müssen Ihn an uns arbeiten lassen, sonst ist unser Leben vergebens.“

Am 20. November 1994 wurde Claudius Granzotto von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

 

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   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 3