Andreas s Karl Ferrari

ANDREAS KARL FERRARI

(1850 – 1921)

KARDINAL
ERZBISCHOF VON MAILAND

Seligsprechung: 10. Mai 1987
Fest: 1. Februar


Andreas KARL FERRARI wurde am 13. August 1850 als erstes von vier Kindern der armen Schusterfamilie Josef Ferrari und Magdalena Longarini in Lalatta di Palanzano, Diözese Parma, Italien, geboren und am folgenden Tag auf den Namen Andreas s getauft. Da man dem Kleinen aufgrund seiner Schwäche kaum Überlebenschancen gab, brachte ihn die Mutter zum Marienheiligtum von Fontanellato, woraufhin er gesund wurde. Wie sich herausstellen sollte, besaß er große geistige Gaben. Nach Abschluss der Volksschule wurde Andreas s im Herbst 1861 nach Parma geschickt, um im dortigen Diözesanseminar mit den Gymnasialstudien zu beginnen. In Anbetracht seiner physischen Konstitution erhielt er die Erlaubnis, dem Unterricht als Externer zu folgen und bei einem Onkel zu wohnen, der Priester war und sich um die kulturelle und religiöse Bildung des Knaben kümmerte. Nach dem Gymnasium schrieb er sich in den Philosophiekurs ein, den er weiterhin als Externer im Seminar besuchte. Nach Beendigung der philosophischen Studien trat Andreas s 1869 als Interner in das Große Seminar ein, wo er mit dem Theologiestudium begann. Im letzten Theologiejahr, am 10. Dezember 1873, wurde Ferrari zum Priester geweiht und feierte am 21. des Monats beim Heiligtum der Madonna von Fontanellato seine Primiz.
 Nach Abschluss der theologischen Studien 1874 wurde er zum Pfarrer des Dörfchens Mariana ernannt, aber bereits am 4. Juli des Jahres als Koadjutor des Erzpriesters nach Fornovo versetzt. Auch diese Tätigkeit war nur von kurzer Dauer, denn im Herbst 1875 erhielt er seine Berufung als Pfarrvikar nach S. Leonhard, und im Oktober desselben Jahres ernannte ihn der Bischof von Parma zum Vizerektor des Seminars sowie zum Professor für Physik und Mathematik. 1877 wurde er Rektor des Seminars. Ab 1878 übernahm Ferrari einen Lehrauftrag für Fundamentaltheologie, Kirchengeschichte und Moraltheologie. 1885 gab er eine Summula Theologiae generalis in Druck, die drei Auflagen erreichte.

Seine Karriere schritt rasch voran. Zuerst wurde er in die Reihen der Kanoniker der Kathedrale aufgenommen. Am 25. November 1885 erhielt er auch das Amt eines Generalprovikars der Diözese und 1888 jenes des Prosynodalexaminators übertragen.
 Inzwischen war Ferraris Ruf sogar bis in den Vatikan vorgedrungen, sodass ihn Papst Leo XIII. am 29. Mai 1890 zum Bischof von Guastalla ernannte. Die Bischofsweihe erfolgte in Rom. Kaum hatte Msgr. Ferrari in der kleinen emilianischen Diözese mit seiner intensiven und unermüdlichen Arbeit begonnen, wurde er am 29. Mai 1891 auf den Bischofssitz von Como versetzt, wo er sein pastorales Projekt, mit dem er bereits in Guastalla Erfahrungen gesammelt hatte, weiter ausbaute. Durch Pastoralbesuche hielt er den direkten und ständigen Kontakt mit Klerus und Volk und durch aufmerksame Beobachtung der Zeichen seiner Zeit trug er zur seelsorglichen Belebung der zeitlichen Gegebenheiten bei. Im Konsistorium vom 18. Mai 1894 erfolgte Ferraris Ernennung und Proklamation zum Kardinal.

Der Bischofssitz von Mailand war mittlerweile vakant und so ernannte Leo XIII. Ferrari im Konsistorium vom 21. Mai 1894 zum Erzbischof von Mailand. Anlässlich seines Amtsantritts in der neuen Diözese fügte er seinem Taufnamen Andreas s noch den Namen Karl hinzu und unterstellte sich damit dem besonderen Schutz des großen Heiligen Karl Borromäus.

Bereits im März 1895 begann Ferrari in der Erzdiözese mit seinem ersten Pastoralbesuch, dem fünf weitere folgten. Bei diesen Anlässen unterhielt er sich mit den Gläubigen, befragte die Kinder über die Lehre Christi, spendete das Sakrament der Firmung und teilte die Kommunion aus. Häufig weihte er auch Kirchen ein. Zu diesen lokalen Ereignissen gesellten sich umfangreiche Einsätze auf Diözesanebene. So hielt Ferrari in den Jahren 1902, 1910 und 1914 Diözesansynoden ab und versammelte 1906 das Provinzialkonzil. Um die Evangelisierung voranzutreiben, organisierte er 1895 den nationalen Eucharistiekongress und 1897 den 15. Kongress für Sakrale Musik, bei dem aus Anlass der Ambrosius­-Feierlichkeiten der Name Lorenzo Perosi zu einem Begriff wurde; außerdem initiierte er die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis (1904) und der Erscheinungen von Lourdes (1908) sowie zum hundertsten Jahrestag der Kanonisation des hl. Karl Borromäus 1910; 1913 organisierte er die „Konstantinischen Wochen“ zum Gedenken an die Jahrhundertfeier des Toleranzedikts Konstantins d. Gr.

Neben seinem Einsatz zur Verbreitung des Glaubens zeigte Ferrari besonderes Interesse an den gesellschaftlichen Problemen. So richtete er im Seminar den Lehrstuhl für Sozialökonomie ein. Den Klerus ermutigte er, sich mit Enthusiasmus der verschiedenen sozialen Aufgaben anzunehmen, und führte die Arbeiter­-Seelsorger ein. Mit ihrer und anderer Priester Hilfe organisierte er Hunderte von Verbänden, Krankenkassen für die Bauern, kleine Kredite, gegenseitige Hilfeleistungen, Arbeiter­ und Bauernvereine sowie Arbeitsvermittlungsstellen. Für die Diözese gründete er den Foglio Ufficiale, der dann in Rivista Diocesana umbenannt wurde, und das theologisch­-philosophische Organ La Scuola Cattolica, um damit die Präsenz der Theologie in Italien neu zu beleben. Darüber hinaus förderte er die katholischen Jugendzirkel und Oratorien und versuchte, durch die Gründung von L‘Unione (später L‘Italia) die beiden katholischen Zeitungen von Mailand zusammenzulegen: L‘Osservatore cattolico und La Lega Lombarda. L‘Italia fusionierte schließlich mit L‘Avvenire d‘Italia von Bologna zum heutigen Avvenire.

All diese Bemühungen im sozialen Bereich, die vom Wunsch getragen waren, zwischen den einzelnen Parteien zu vermitteln, zogen aber nicht nur den Unmut jener auf sich, die Sündenböcke für diverse Zusammenstöße suchten, sondern auch den Verdacht der Antimodernisten, die in Ferrari einen „neuzeitlichen“ Bischof sahen. So gab man 1898, als in Mailand aufgrund sozialer Missstände schwere Unruhen ausbrachen, Ferrari die Schuld an allem. Aus Hass auf den italienischen Staat habe er die Auseinandersetzungen geschürt und unter dem Vorwand eines Pastoralbesuches in Asso am blutigsten Tag der Revolte die Flucht ergriffen. General Bava Beccaris widmete ihm, inmitten des Kanonendonners gegen die Arbeiterschaft, einen verächtlichen und beleidigenden Brief; die Presse fuhr ohne Umschweife mit Verleumdungen gegen ihn auf und schließlich ging noch das Gerücht um, dass Ferrari bereits am Ende sei und der Papst ihn in den Vatikan zurückbeordert habe. Ferrari aber blieb auf seinem Platz und hielt den Anfeindungen stand.

Einige Jahre später musste er ein noch heftigeres Gewitter innerhalb der Kirche über sich ergehen lassen. Während des Feldzuges der Antimodernisten in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts wurde Ferrari als Abweichler wenn nicht gar als Häretiker verdächtigt und als solcher von extremen katholischen Zeitungen öffentlich angegriffen. In die Anschuldigungen, die zunächst auch Papst Pius X. glaubwürdig erschienen, wurden das Seminar und der Klerus verwickelt. Weder die Richtigstellungen durch Ferrari selbst noch die von vielen Bischöfen und Kardinälen an den Vatikan gesandten Schreiben halfen, das Missverständnis aufzuklären. Ferrari hüllte sich damals in Schweigen, zog sich in das Gebet zurück und hoffte auf eine Beruhigung der Lage. Tatsächlich hörte man von Pius X. in den letzten Monaten seines Lebens die Worte: „Bei Ferrari haben Wir uns geirrt.“

In Ferraris letzten Lebensjahren unter dem Pontifikat Benedikts XV. verblasste der Antimodernismus und Ferrari nahm jene Tätigkeiten wieder auf, die für den ersten Teil seiner Amtszeit in Mailand bezeichnend gewesen waren. Nun aber plagte ihn ein anderes Übel, der Erste Weltkrieg, und so widmete er sich besonders Werken der Nächstenliebe zum Wohle aller Notleidenden. Er gründete in der Folge in Mailand das Haus des Volkes, das später als Kardinal Ferrari­-Werk bekannt wurde, und die von P. Gemelli und anderen Katholiken Mailands initiierte Universität vom hl. Herzen Jesu.

In den Monaten Juni und Juli des Jahres 1919 zeigten sich erste Krankheitssymptome. Ferrari wurde an Kehlkopfkrebs operiert und konnte nicht mehr sprechen. Also kommunizierte er schriftlich. Vom 14. November 1920 an war er an das Bett gefesselt. Es manifestierte sich damals ein einzigartiger Ausdruck christlicher Frömmigkeit: Tagtäglich zog eine nicht enden wollende Schar von Menschen aller Schichten am Bett des Sterbenden vo-rüber. Priester und Laien, Gläubige wie Ungläubige, Personen aus höheren Gesellschaftsschichten ebenso wie arme Arbeiter, Erwachsene und Kinder drängten an sein Krankenbett, nachdem sie in endlosen Schlangen oft stundenlang in der Kälte auf dem Platz vor dem erzbischöflichen Palais und im Hof ausgeharrt hatten.

Der bevorstehende Tod setzte dieser Apotheose ein Ende. Am Abend des 2. Februar 1921 starb Kardinal Ferrari im Ruf der Heiligkeit und wurde im Mailänder Dom beim Altar Virgo Potens bestattet.

Am 10. Mai 1987 wurde Andreas s Karl Ferrari von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Italienisch

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Band 2