REZENSIONEN

GW 2013/1

Berndt, Sebastian: Gott hasst die Jünger der Lüge: ein Versuch über Metal und Christentum. Metal als gesellschaftliches Zeitphänomen mit ethischen und religiösen Implikationen. Hamburg: tredition GmbH, 2012, 400 S., ISBN 978-3-8472-7090-4, Kart., EUR 16.80 [D], 17.30 [A]

Dr. Sebastian Berndt legt hier seine Doktorarbeit vor, die 2010 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt angenommen wurde. Die Arbeit ist aus einem persönlichen Interesse an harten Klängen verbunden mit der Frage entstanden, ob es nicht einen tieferen Zusammenhang zwischen Metal und Christentum gibt. Dieser Zusammenhang ist nicht gerade offensichtlich, zumal die Auseinandersetzung mit dem Metal sowohl im religiösen als auch im wissenschaftlichen Bereich zu wünschen übrig lässt. Um hier eine offene Diskussion zu führen, beschreitet Berndt den Weg der „Transversalität“, der Verschränkung der beiden „Welten“, zumal die postmoderne Gesellschaft durch voneinander unabhängige Welten geprägt ist.
Was die Welt des Metal betrifft, so lässt sich diese aufgrund der verschiedenen Ausprägungen der einzelnen Gruppen nur in Bezug auf ihre Musik definieren. Metal ist riffbasierte Instrumentalmusik mit hartem, kraftvollem, verzerrtem Sound und handwerklich technischem Anspruch. Unter Riff versteht man einen eigenständigen, melodisch-rhythmischen musikalischen Abschnitt, der unablässig unverändert wiederholt wird. Die Vorstellung von normalem Gesang wird durch Gekreische und Gebrüll bis hin zur Aufgabe des Anspruchs der Tonalität überschritten.
Nach einem kurzen Hinweis auf die geschichtliche Entwicklung des Metal wird die Kritik am Metal thematisiert. Dabei ist von Satanismus, Neuheidentum, Rechtsextremismus, Gewaltverherrlichung, Sex und Drogen die Rede. Zweifelsfrei behandelt die Gruppe Black Sabbath den Teufel in ihren Liedern. Dass die Metaller Satan verehren, anpreisen und für ihn predigen, gehört nach Berndt jedoch zu den unbelegten Behauptungen.
Eng mit dem Vorwurf des Satanismus ist die Ablehnung des Metal als heidnisch verbunden. Dabei geht es meist nicht um eine Selbstvergöttlichung, sondern vielmehr um eine Verehrung der Natur und die Nennung mythologischer Gestalten. Sofern germanischer Mythologie und germanischem Neuheidentum eine tiefere Bedeutung beigemessen wird, ist dies meist mit einer Ablehnung des Christentums verbunden. Hingegen widerspricht dem Vorwurf des Rechtsextremismus gegen den Metal das oft geäußerte Selbstverständnis als „unpolitisch“, sieht man vom Nationalsozialistischen Black Metal (NSBM) ab. Auf alle Fälle ist Metal eine aggressive Musik, was die Metaller jedoch als Qualitätsmerkmal bezeichnen, das dem Abbau von Frustrationen und Aggressionen diene. Allerdings blieben die Aufrufe zum Mord nicht immer ohne Folgen. Hier mag der Effekt der Gewöhnung wie bei Morddarstellungen im Kino einen Gewöhnungseffekt hervorrufen, doch bleiben die verbalen Aufforderungen zu Aggression und Mord grundsätzlich bedenklich, weil sie ein negatives Menschenbild zum Ausdruck bringen. Für die Metaller selbst dürften Gewaltdarstellungen nach Berndt unproblematisch sein, da sie von ihrer Herkunft her kaum Risikofaktoren aufweisen. Problematisch wird der Gewaltaufruf jedenfalls dann, wenn Kinder damit konfrontiert werden.
Hingegen ist der Vorwurf der Ekstase unangebracht, weil Ekstase nicht hervorgerufen werden kann und den Bezug zur Umgebung aufhebt. Auch für Trance fehlen im Metal die Voraussetzungen. Anders steht es mit dem Vorwurf, die Sexualität auf eine reine Triebbefriedigung zu reduzieren, wo der Mensch nur in seiner sexuellen Funktion gesehen wird. Das wiederum trifft jedoch nur auf einzelne Gruppen zu wie den Glam Metal und sicher auch auf einige Metaller, doch lehnen viele Gruppen und Metaller die Promiskuität rein schon aus gesundheitlichen und persönlichen Gründen ab.
In diesem Zusammenhang ist auch der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit zu sehen, zumal sich in der Wahrnehmung der Musiker aus der promisken Praxis tatsächlich eine Abwertung der Frauen als solche ergab. Auch der Vorwurf der Drogenanwendung ist nicht von der Hand zu weisen. So wird viel Alkohol konsumiert, auch Nikotin und Marihuana sind zu nennen, während härtere Drogen laut Berndt heute kaum noch zu finden sind.
Der Metal kann auch als Apokalyptik verstanden werden, da sich in ihm Charakteristika der Apokalyptik wiederfinden, nicht jedoch weil er die Apokalypse des Johannes als Inspirationsquelle verwendet.
Was das Werteverständnis betrifft, so nennen Metaller an erster Stelle nicht Spaß, Trinkgelage und Aggression, sondern Authentizität, Ehrlichkeit, Solidarität, Zusammenhalt, Gemeinschaftsgefühl, die nackte Wahrheit, Kompromisslosigkeit, Provokation, und Anderssein. Zudem ist ein für Außenstehende nur schwer als „metallisch“ nachvollziehbarer Wert die Familie. Für ebenso viele Metaller gibt es hingegen keine objektive Bestimmung von „gut“ und „böse“, womit das Spiel seinen freien Lauf nimmt und das Metalethos damit mehr Fragen aufwirft als es erklärt. Es gilt das Prinzip der Grenzüberschreitung in Musik, Inhalt, körperlichem Einsatz und ästhetischem Ausdruck.
Was schließlich die Herausforderung an die Theologie betrifft, so muss nach Berndt der christliche Glaube diese Welterfahrung des Metals als Erfahrung ernst nehmen und sich an der ihr innewohnenden Herausforderung bewähren, denn nach Gaudium et Spes sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Zudem gibt es kein Element der christlichen Botschaft, das nicht auch Antwort auf das Problem des Bösen wäre, wie dies die Metaller auf ihre Weise zum Ausdruck bringen. Hierin sieht der Autor den Anknüpfungspunkt eines offenen Gespräches nach innen und außen.
Betrachtet man schließlich die Arbeit als Ganzes, so muss man die klare Gliederung der Thematik, die Darstellung mit den zahlreichen Zitaten und Quellenangaben sowie den dialogoffenen Duktus der Ausführungen und vor allem den theologischen Zugang zu einem Thema hervorheben, dem man eher apologetisch gegenübersteht.
Das Buch schließt mit einem ausführlichen Quellennachweis mit Teil- und Kapitelanfangszitaten, Abbildungs-, Liedtext- und Literaturverzeichnis, gefolgt von einer Disco- und Filmographie, einem Verzeichnis von Bibelstellen sowie einem Personen- und Sachregister. Damit wird die Arbeit auch zur Fundgrube einer vertieften Metallerdiskussion.
Andreas Resch, Innsbruck

Bonhoeffer, Tobias / Gruss, Peter (Hg.): Zukunft Gehirn. Neue Erkenntnisse, neue Herausforderungen. Ein Report der Max-Planck-Gesellschaft. München: C. H. Beck, 2011, 304 S., 978-3-406-61642-6, Brosch., EUR 16.95

Die meisten der insgesamt zwölf Beiträge gehen von folgendem Dreiklang aus: Reflexion über die Vergangenheit der Hirnforschung – Analyse des aktuellen Standes – Prognose und Entwicklungsperspektiven. Die zentralen Schlüsselbegriffe und Schwerpunktthemen sind: Funktion und Entwicklung des Gehirns, die Sinne und das Gehirn, Lernen und Gedächtnis, Entstehung der Sprache im Gehirn, Emotionen, Erkrankungen (Schlaganfall, Parkinson, Multiple Sklerose), Belohnungen, Stammzellen als Hoffnungsträger, Hirn­vorgänge im Schlaf und im Traum, kleine Gehirne (Ameisen) und große Leistungen, die Bedeutung der Hirnforschung für Ethik und Recht. Am Schluss steht ein Fachgespräch. Die Gesprächspartner sind ein renommierter Hirnforscher (Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frank­furt) und ein Politikwissenschaftler und Philosoph. Die Autoren sind bekannte Hirnforscher, Mediziner, Neurologen, Kognitionswis­senschaftler, Biologen, Informationstheoretiker, Lernforscher, „Neuro­ethiker und Neurojuristen“ sowie Verhaltensforscher. Die meisten stehen wis­senschaftlich in engem Kontakt mit Max-Planck-Instituten. Einige sind dort als Direktoren tätig. Der Report der Max-Planck­-Gesellschaft über die Zukunft des Gehirns weist wissenschaftlich ein hohes Niveau auf.
Das Buch vermittelt grundlegendes Wissen über die Funktionen und die Ent­wicklung des Gehirns, unsere Fähigkeit zu lernen, etwas im Gedächtnis zu speichern und es abrufbereit zu halten. Es schildert, wie wir die ver­schiedenartigsten Belohnungen erkennen und beurteilen können. Weitere Beiträge informieren über die Zusammenhänge zwischen Hirnprozessen und Erleben, Verhalten und Handeln sowie über die Notwendigkeit und Funk­tionsweise des Schlafens. Ein Experte beschäftigt sich mit der wichtigen Frage: Welche Krankheiten des Gehirns gibt es und welche Therapieansätze werden zurzeit diskutiert (z. B. die Stammzellforschung). Philosophisch, gesellschaftspolitisch und juristisch ist die Diskussion über die Ergeb­nisse der Hirnforschung in Bezug auf Ethik, Recht und Freiheit des Men­schen sehr aktuell. Die zusammenfassende Würdigung der Beiträge des Bu­ches erlaubt nur punktuelle und exemplarische Hinweise auf wenige Aussagen unter besonderer Berücksichtigung der „Zukunft des Gehirns“. Die meisten Naturwissenschaftler gehen heute davon aus, dass alle kognitiven, psychischen und „seelischen“ Vorgänge auf biologischen und physikalisch‑chemischen Abläufen beruhen. Allerdings ist die Erkenntnis, dass die Na­tur in der Lage ist, ein Gebilde mit derart komplexen Leistungen wie das menschliche Gehirn entstehen zu lassen, immer noch faszinierend und überwältigend.
Das vorliegende Buch will ein „Lesebuch“ sein. Es spannt den Bogen von der Rolle der Stammzellen als Teil der lebenslangen Anpassungsfähigkeit des Gehirns über die Mechanismen des noch wenig erforschten Schlafes bis hin zur Diskussion moderner Bildgebung (Neuroimaging) für strafrechtli­che Zwecke. All diese Entwicklungen des menschlichen Gehirns betreffen unser Selbstverständnis und unsere Zukunft. Die Autoren wol­len zeigen, dass die Gehirnforschung einer der aufregendsten und inter­essantesten Wissenschaftszweige unserer Zeit ist. Die Gehirnforschung kann auch für das Rechtssystem einige Implikationen haben.
Trotz intensiver Forschungen sind wir heute noch sehr weit entfernt von einem Verständnis dessen, wie die Signale zentral von unserem Gehirn zu einem einheitlichen Bild unserer Welt im Kopf zusammengesetzt werden, wie unser Cortex funktioniert und wie unsere Wahrnehmung entsteht.
Ein interessantes Phänomen ist die „Neurobiologie der Belohnung“. Die Un­tersu-
chung der Belohnungsprozesse im Gehirn kann uns zeigen, wie Positi­ves (Belohnung) und Negatives (Risiko) von Nervenzellen (Neuronen) im Ge­hirn erkannt und bewertet wird und wie diese Information benutzt wird, um unter den verschiedenen Angeboten (Belohnungen) das beste auszuwählen. Das Gehirn wird hier als ein „informationsverarbeitendes System“ be­trachtet. Gesucht wird nach Signalen, die Belohnungs- und Risikoinfor­mation enthalten und zu adäquaten Entscheidungen führen. Eine besondere Funktion übernehmen diesbezüglich Dopaminneurone. Die Neurobiologie ist ein wesentlicher Schritt „weg vom Aberglauben und hin zu mehr eigener Verantwortung“. Die neuronalen „Wertsignale“ sind die wichtigsten Kompo­nenten für Entscheidungsprozesse im Gehirn. Von besonderer Bedeutung für die Wertentwicklung ist die Empathieforschung. Diese weist eine kultur- und eine neurowissenschaftliche Komponente auf. Es gibt heute eine in die Zukunft weisende, experimentell ausgerichtete „soziale Neurowissen­schaft“. An dieser Stelle wird auf die Bedeutung der „Spiegelneuronen“ hingewiesen. Mehrfach wird die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammen­arbeit betont, so etwa zwischen Strafrechtlern, Neurowissenschaftlern und Neuropsychiatern. Die Diskussion über die Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und freiem Willen ist ebenso wichtig wie die Auseinandersetzung mit den Verbindungen zwischen „Hirnforschung und Meditation“ (Suhrkamp, edition unseld, Band 4/2008).
Gottfried Kleinschmidt, Leonberg / D

Hasler, Felix: Neuromythologie: eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: transcript, 2012 (X-Texte), 260 S., ISBN 978-3-8376-1580-7, Brosch., EUR 22.80 [D]

Dr. Felix Hasler, Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität in Berlin und Wissenschaftsjournalist, setzt sich in diesem Buch mit den Möglichkeiten und Grenzen der Hirnforschung auseinander, die sich immer mehr anmaßt, alle Handlungs- und Denkebenen hirnphysiologisch erklären zu können. So triumphiert die vermeintlich exakte empirische Hirnforschung über die vermeintlich spekulativen und theoriengeleiteten Geisteswissenschaften. Das geht so weit, dass Forschungsaufträge und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften ohne hirnphysiologischen Bezug einfach abgewiesen werden. In letzter Zeit erhielten vor allem Magnetresonanz (MRT)-Scanner sogar den Ruf von echten „Objektivitätsmaschinen“. Dabei ist es nach Hasler auf dem Niveau einer Einzelperson meist unmöglich, eine bestimmte funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT-Scan) einer bestimmten experimentellen Bedingung oder Krankheitsdiagnose zuzuordnen. Was mit fMRT erfasst wird, sind die zeitlich aufsummierten und überlagerten Aktivitäten all dessen, was sich im Bereich des Gehirns von einigen Sekunden abspielt. Die zeitliche Auflösung der fMRT-Methoden ist viel zu grob, um die tatsächlich stattfindenden neuronalen Vorgänge überhaupt erfassen zu können. Hinzu gesellt sich noch die Frage, ob das Gehirn in seiner Größe wirklich so bedeutsam ist. So zeigte ein MRT-Scan bei einem hochbegabten und völlig normalen Studenten, dessen Schädelraum zu 95% mit Hirnflüssigkeit gefüllt war, lediglich eine dünne Schicht von Neuronen von vielleicht 1 cm Dicke. Offensichtlich werden Gedächtnisinhalte nicht einfach irgendwo in der einen oder andern Gehirnhälfte abgelegt. Es sei jedoch immer das Gehirn, das jegliche menschliche Erfahrung und Denkform, die moralischen Einsichten, künstlerischen Ausdrucksformen und religiösen Empfindungen bestimmt. Die Rede von einer Seele erübrigt sich daher. Allerdings ist die Frage des Bewusstseins nach wie vor ungelöst, obwohl die „quantum mind community“ seit 2003 eine eigene Fachzeitschrift, Neuroquantology, herausgibt und die Psychiatrie sich zur Neurowissenschaft mausert. Daran hat die pharmazeutische Industrie regen Anteil. Dies trotz der Tatsache, wie Hasler weiter ausführt, dass vor allem eine Reihe von Antidepressiva in ihrer Wirkung zu hinterfragen sind, zumal eine Suizidgefährdung im Raum steht. In diesem Zusammenhang verweist Hasler auch auf die naive und idealistische Annahme, dass Fachpublikationen Studiendaten einigermaßen objektiv und ausgewogen wiedergeben würden.
Was die psychischen Störungen betrifft, so gelang es bisher zwar nicht, per Hirn-Scan hypothetische Veränderungen des Gehirns nachzuweisen, wohl aber, dass bestimmte Psychopharmaka bei chronischer Verabreichung zu echten hirnmorphologischen Veränderungen führen. Dabei gehören psychische Störungen weltweit zu den bedeutendsten Ursachen krankheitsbedingter Individualität und gemäß WHO soll 2020 die Depression in Form von echten Depressionen, Erschöpfungssyndromen und Burnout in puncto Häufigkeit aller Krankheiten den zweiten Platz einnehmen.
Nach dieser Analyse der neurologischen Gesundheitsvorschläge und der Behebung psychischer Störungen geht Hasler in den Schlusskapiteln seiner Ausführungen auf die persönlichen und gesellschaftlichen Folgen eines Neurodeterminismus ein. Die Willensfreiheit gibt es nicht und auch das Ich-Verständnis ist eine Illusion. Dem hat die Rechtsprechung Folge zu leisten, zumal keiner anders kann, als er ist. Wenn das menschliche Verhalten nämlich hirnfunktionell und neurochemisch vorbestimmt ist, wird man Wege finden „ hirnphysiologisch Verdächtige“ zu selektieren. Sollte sich die Sichtweise durchsetzen, dass nicht Personen Verbrechen begehen, sondern ihre Gehirne, wird man gegen diese vorgehen. Wenn dabei die Gehirne in ganz spezifischen, körperlich bedingten Abhängigkeiten wie Drogensucht stehen, so mag dies hilfreich sein, doch soll dabei das Drogenüberschätzungs-Syndrom, nämlich der von der Gehirnforschung ventilierte Glaube an die Allmächtigkeit des Hirns, entsprechend relativiert werden. So schließt Hasler seine Ausführung mit der Feststellung: „Neuro-Skepsis statt Neuro-Spekulation“, zumal sich die Neurowissenschaft seit Überschreiten des Gipfels der überzogenen Erwartungen um das Jahr 2006 auf dem Abstieg in das Tal der Enttäuschungen befindet.
Dies auszusprechen erfordert einen gewissen Mut, den Halser in seiner Neuromythologie auf sich nimmt. Fachlich voll informiert, durchleuchtet er mit genauen Quellenangaben die Hirnforschung und ihre Aussagen mit offenen Hinweisen auf überzogene Behauptungen bis Lügen, um Markt und Diskussion zu bestimmen, ohne dabei allein schon bei der Frage des Bewusstseins auch nur ansatzweise echte Erklärungen bieten zu können. Man muss Hasler daher dankbar sein, dass er in breiter Kenntnis der Sachlage der Hirnforschung die gegebenen „Mythen“ aufzeigt, um jene Realitätskontrolle sicherzustellen, die dem Menschen in der Freiheit seines Bewusstseins eine persönliche Wertigkeit vermittelt.
Ein Literaturverzeichnis beschließt diese mutige und informative Arbeit. Auf ein Personen- und Sachregister hat man allerdings verzichtet.
A. Resch

Kandel, Eric: Das Zeitalter der Erkenntnnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute. München: Siedler Verlag, 2012, 704 S., ISBN 978-3-88680-945-5, Kart., EUR 39.99

Der bekannte Wiener Nobelpreisträger für Medizin und renommierte Hirn­forscher Eric Kandel hat in seinem neuen Spätwerk das umfassende Thema in fünf Haupt­teilen diskutiert. Am Anfang steht die „psychoanalytische Psychologie und Kunst der unbewussten Gefühle“. Teil zwei, drei und vier stellen die kognitive Psychologie der visuellen Wahrnehmung und der emotionalen Reak­tion auf Kunst, die Biologie der visuellen Reaktion auf Kunst sowie die Biologie der emotionalen Reaktion auf Kunst in das Zentrum. Im fünften Teil beschäftigt sich der Autor mit der „Entwicklung eines Dialogs zwi­schen bildender Kunst und Wissenschaft“. Die Schlüsselbegriffe dieses abschließenden Teils sind: künstlerische Universalien, das kreative Ge­hirn, Selbsterkenntnis, die neue „Biologie des Geistes und der neue Dia­log zwischen Kunst und Naturwissenschaft“. Damit wird ein Ausblick auf Zukunftsperspektiven gegeben. Kandel ist in Deutschland durch zwei­ vorangehende Werke bekannt geworden: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes (Frankfurt: Suhrkamp, 2006 – Rezension in: ABB-­Information Nr. 55/Juni 2006). Auch im zweiten Buch geht es um die Zu­sammenhänge zwischen dem Gedächtnis und der neuen Wissenschaft des Geis­tes (München: Pantheon Verlag, 2007 – Rezension in: Universitas Nr. 742, April 2008). Besonders hervorzuheben ist, dass das neue Werk hervorragend bebildert ist. Darüber stellen die korrespondierenden Zeichnungen über das menschliche Gehirn eine sehr wertvolle Verstehenshilfe dar. Einen wichtigen Schwerpunkt des Buches bilden die Werke und Arbeiten Sigmund Freuds, Arthur Schnitzlers, Gustav Klimts, Oskar Kokoschkas und Egon Schieles. Untersucht wird der Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft, dessen Wurzeln im „Wiener Fin de Siècle (1900)“ liegen. Kandel unter­scheidet drei Phasen: Am Anfang steht der Austausch von Erkenntnissen über unbewusste geistige Prozesse zwischen den Künstlern (Wien 1900) und Vertretern der „Wiener Medizinischen Schule“. Die zweite Phase in den 1930er Jahren wurde von der Wiener Schule der Kunstgeschichte ange­stoßen und führte den Dialog als Interaktion zwischen Kunst und Kognitionspsychologie (der Kunst) fort. Vor etwa zwanzig Jahren begann die dritte Phase. Hier erfolgte der Austausch zwischen der Kognitionspsychologie und der Biologie. Es entstand die „emotionale Neuroästhetik“. Sie analysiert die perzeptuellen, emotionalen und empathischen Reaktionen auf Kunstwerke.
Eine Aufgabe des 21. Jahrhunderts sieht Kandel darin, „die Biologie des menschlichen Geistes zu ergründen“. Mit einer neuen „Wissenschaft des Geistes“ können wir heute und in Zukunft eine Reihe kreativer Fragen über uns selbst formulieren: Was ist das Wesen von Gefühl, Empathie und Bewusstsein? Was verstehen wir unter dem „freien Willen“ und wo lie­gen seine Grenzen?
Neuere Untersuchungen über Regulierungssysteme liefern biologische Er­kenntnisse über Emotionen und die „emotionale Neuroästhetik“. Wir wissen inzwischen genauer, wie die Gehirne der Betrachter die in einem Kunst­werk dargestellten Gefühlszustände neu erschaffen und wie Emotionen, Imi­tationen und Empathie im Gehirn repräsentiert sind. Erst diese Einblicke in die Biologie und Kognitionspsychologie der Wahrnehmung, Emotion und Empathie hilft uns zu verstehen, „warum Kunst eine so starke Wirkung auf uns haben kann“. Ein gutes Beispiel liefert das Bild Gustav Klimts, „Judith“. Kandel beschreibt detailliert die Einzelmerkmale des Bildes und die korrespondierenden Neurotransmitter, die durch das Bild aktiviert werden können. So entsteht eine Wechselbeziehung zwischen Kunstwerk und Gehirn!
Im abschließenden 32. Kapitel seines Werkes beschäftigt sich Kandel nochmals mit dem „neuen Dialog zwischen Kunst und Naturwissenschaft“ und verdeutlicht in prägnanter Form das Ziel: «In diesem Buch habe ich mithilfe der expressionistischen Kunst von „Wien 1900“ und der neu ent­stehenden Biologie der Wahrnehmung, Emotion, Empathie, Ästhetik und Kreativität gezeigt, wie Kunst und Naturwissenschaft einander in spezifischen Aspekten bereichern können. Ich habe die potenzielle Bedeutung der neuen Biologie des Geistes als intellektuell einflussreiche Kraft verdeutlicht, als eine Quelle neuer Erkenntnisse, die einen Dialog zwischen den Naturwissenschaften und den Geistes- sowie Sozialwissenschaf­ten wahrscheinlich erleichtern wird. Dieser Dialog könnte uns helfen, die Hirnmechanismen besser zu verstehen, auf denen künstlerische oder auch naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Kreativität beruht, und eine neue Dimension der Geistesgeschichte eröffnen“ (S. 593).
Das Buch liefert somit viele Ansatzpunkte für die interdisziplinäre Dis­kussion. Anzumerken ist noch, dass die Übersetzung ins Deutsche (von Martina Wiese) hervor­ragend gelungen ist.
G. Kleinschmidt

Schetsche, Michael / Krebber, Kirsten (Hg.): Grenzpatrouillen: sozialwissenschaftliche Forschung zu außergewöhnlichen Erfahrungen und Phänomenen. Berlin: Logos, 2012, 338 S., ISBN 978-3-8325-3154-6, Brosch., EUR 49.00 [D]

Dr. Michael Schetsche und Kirsten Krebber M.A. vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg i. Br. präsentieren hier einen Sammelband zu außergewöhnlichen Erfahrungen. Schetsche ist Leiter der 2002 am IGPP eingerichteten Abteilung „Empirische Kultur- und Sozialforschung“ und stellt hier mit Frau Krebber in 12 Beiträgen das inhaltliche Spektrum der Arbeit seiner Abteilung vor, verbunden mit den persönlichen Forschungsinteressen der einzelnen Mitarbeiter. Es geht dabei um folgende Aufsätze, die im Lauf der Jahre entstanden sind:
Michael Schetsche und Ina Schmied-Knittel erörtern im Beitrag „Zur Einleitung: Krisen der Wirklichkeit“ die grundsätzliche Frage, was eigentlich geschieht, wenn im individuellen Leben oder im gesellschaftlichen System gemeinhin geltendes Wirklichkeitswissen in eine Krise gerät und sich Schockerfahrungen einstellen wie Krankheit, Tod, Naturkatastrophen, politisch-weltanschauliche Umbrüche, Identitätsbrüche oder auch Grenzerfahrungen, für die sich keine Erklärung findet.
Michael Schetsche, René Gründer, Gerhard Mayer und Ina Schmied-Knittel beschreiben in „Der maximal Fremde. Überlegung zu einer transhumanen Handlungstheorie“ den fremden Menschen im sozialen (alltäglichen) und im kulturellen (strukturellen) Sinn. Dabei erscheint der maximal Fremde als eine abgrenz-identifizierbare Wesenheit in Form einer relationalen Gegenkategorie, die das Verhältnis zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren in sozialer Situation beschreibt. Dies wird an drei Beispielen, dem Delphin, den extraterrestrischen Intelligenzen in der SETI-Forschung und den Dämonen im Exorzismus erläutert.
In „Zwischen Pragmatismus und Transzendenz – Außergewöhnliche Erfahrungen in der Gegenwart“ berichten Schetsche und Schmied-Knittel über eine Bevölkerungsbefragung, bei der die allgemeine Einstellung zu paranormalen Phänomenen und deren persönliches Erleben ermittelt wurden. Dabei zeigte es sich, dass solche Erfahrungen von den Betroffenen und ihrer Umgebung heute als Alltagswunder interpretiert werden, worüber zu sprechen ein soziales Risiko darstellt.
Im Beitrag „Nahtod-Erfahrungen“ bringt Ina Schmied-Knittel eine sehr abgewogene Zusammenfassung der diesbezüglichen Erfahrungen, Forschungen und Erklärungsversuche, wobei sie an der Echtheit des Phänomens festhält. Besonders beeindruckend sind jene Fälle, bei denen die Patienten sogar für einige Minuten hirntot waren.
Im Beitrag „Entführt! Von Irdischen Opfern und außerirdischen Tätern“ erörtert Michael Schetsche die vielen Behauptungen, nachts entweder auf einer Landstraße oder vom Schlafzimmer aus entführt worden sein, und spricht in diesem Zusammenhang von einem Phantom-Phänomen, einer Reaktion in der Begegnung des maximal Fremden.
Gerhard Mayer befasst sich in “Die Figur des Schamanen. Zur Attraktivität des Schamanismus in Modernen Gesellschaften“ mit dem Schamanismus, der in den letzten Jahrzehnten auch in den westlich-industrialisierten Kulturen ein verstärktes Interesse findet. Der Schamane ist eine Person, die sich darauf konzentriert, willentlich in veränderte Bewusstseinszustände einzutreten, um im Empfinden selbst oder mit seinem Geist (Geister) in fremde Reiche zu reisen und im Kontakt mit anderen Wesen der eigenen Gemeinschaft zu dienen. An diesem traditionellen Schamanenbegriff orientiert sich auch der westliche Neo-Schamanismus. Im Beitrag „Magier des 21. Jahrhunderts. Ein Versuch der Dimensionierung der Persönlichkeit des Magiers“ berichtet Gerhard Mayer über seine Feldstudie zur Rolle des zeitgenössischen Magiers, einer Person, die für sich selbst oder im Rahmen eines magischen Ordens westlicher Tradition Magie praktiziert.
René Gründer stellt in seinem Beitrag: „Asatrú in Deutschland. Strömungen einer alternativ-religiösen Bewegung“ die jüngste Aktualisierung eines alternativ-religiösen Programms vor. Der isländische Neologismus Asatrú (übersetzt mit Asen-Treue bzw. Asen-Glaube), deren Vorläufer sich schon im 19. Jahrhundert nachweisen lassen, bemüht sich um eine Wiederbelebung vorchristlicher Sitten- und Glaubensvorstellungen nord- und mitteleuropäischen Ursprungs. In „Coming Home or Drifting away? Wege zur Übernahme heterodoxer Glaubensvorstellungen und alternativer religiöser Weltanschauungen“ berichten Gerhard Mayer und René Gründer über eben diese alternativen religiösen Bestrebungen, die mit den traditionellen Formen von Religion konkurrieren, und stellen sie als Ausdruck der Suche nach einer Wiederverzauberung der säkularisierten Kultur der Spätmoderne des zwanzigsten Jahrhunderts dar.
Liane Hofmann thematisiert in ihrem Beitrag „Nun sag, wie hältst Du‘s mit Spiritualität und Religion? Ergebnisse einer bundesweiten Befragung unter psychologischen Psychotherapeuten“ das wachsende gesamtgesellschaftliche Interesse an Spiritualität und Religion. Insgesamt wurden 1700 Psychotherapeuten angeschrieben, 909 antworteten. Dabei konnte gezeigt werden, dass Spiritualität und Religiosität auch für Psychotherapeuten in der Bundesrepublik Deutschland wichtige und aktuelle Themenfelder darstellten.
Im Beitrag „Über Grenzen schreiben. Presseberichterstattung zu Themen aus dem Bereich der Anomalistik und der Grenzgebiete der Psychologie“ berichtet Gerhard Mayer über die Ergebnisse der diesbezüglichen Berichterstattung im Spiegel, in Bild und in Bild am Sonntag. In der Bild-Zeitung werden „Grenzgebiete“ unter dem Aspekt des Spektakulären, im Spiegel unter dem Aspekt der Bedrohung durch antiaufklärerische Umtriebe behandelt.
Ina Schmied-Knittel geht in ihrem Beitrag „Satanisch-ritueller Missbrauch als soziales Problem“ auf die in der Gesellschaft weitverbreitete Überzeugung ein, dass es sich bei Satanisten um Anhänger eines „destruktiven Kultes“ handle, der auch politische Auswirkungen habe.
Zum Schluss berichtet Michael Schetsche in „Soziale Kontrolle durch Pathologisierung? Konstruktion und Dekonstruktion ,Außergewöhnlicher Erfahrungen‘ in der Psychologie“, dass laut einer Untersuchung 72,8% der Erwachsenen in der Bundesrepublik in ihrem Leben mindestens eine Erfahrung gemacht haben, in denen Kräfte, Fähigkeiten oder Ereignisse eine Rolle spielen, die im herrschenden wissenschaftlichen Diskurs eindeutig als Täuschung hingestellt werden. Dahinter steckt ein soziales Kontrollinteresse. „Es geht um die wissenschaftliche Zurichtung des lebensweltlichen Denkens und das Eliminieren sozial und/oder politisch unerwünschter kollektiver Wissensbestände“ (S. 319).
Aus dieser kurz skizzierten Inhaltsangabe soll nicht nur die Vielfalt der Themen hervorgehoben werden, sondern vor allem auch die gesellschaftliche Bedeutung der Forschung im Bereich der Grenzgebiete, und zwar als Beitrag zur Freiheit der persönlichen Erfahrungsäußerung. Mit dieser Form der Erforschung der „Grenzgebiete“, die sich der konkreten Lebensäußerungen ohne vorgefassten wissenschaftlichen, religiösen oder politischen Filter annimmt, kann auch der sogenannte „Hinterhof“ des menschlichen Lebens gefahrlos betreten werden. Man kann daher den Herausgebern für diese Veröffentlichung nur danken. Die Beiträge informieren, geben aber auch Orientierungshilfen für die Beurteilung konkreter Fälle im Bereich der Grenzgebiete. Zudem ist jeder Beitrag mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis versehen. Der Verzicht auf ein Personen- und Sachregister ist allerdings gerade bei einer solchen Veröffentlichung unverständlich.
A. Resch

Strauch, Inge: Schlafgewohnheiten und Schlafqualität: von der späten Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Stuttgart: Schattauer, 2010, IX, 118 S., ISBN 978-3-7945-2789-2, Brosch., EUR 29.95 [D]

Frau Prof. Dr. Inge Strauch, Pionierin der Schlafforschung, legt hier eine Zusammenfassung der zahlreichen Befragungen zu Schlaf und Traum vor, die sie Jahre übergreifend vor allem im Saarland und in der Schweiz getätigt hat. Im Mittelpunkt des Berichtes stehen die Langzeitstudien, die mit neun Erhebungen die Altersspanne des zweiten und dritten Lebensjahrzehnts sowie eine Nachbefragung umfasst.
Der Schlaf spielt im Leben eine besondere Rolle. Er ermöglicht ein Abstandnehmen vom Alltag, eine Regeneration der psychischen und körperlichen Energie, kann aber auch zur Belastung werden, wenn man nicht einschlafen kann oder öfters aufwacht und insbesondere, wenn man schlaftrunken wird.
In der Forschung wird der Schlaf daher aus verschieden Blickwinkeln behandelt. In biologischer Sicht haben die Aufzeichnungen der Hirnströme, der Augenbewegungen und der Muskelspannung gezeigt, dass der Schlaf nach Häufigkeit und Stärke der Hirnströme verschiedene Stadien aufweist. Der tiefe Schlaf ist an langsamen und großen Wellen zu erkennen. Er stellt sich nach dem Einschlafen ein. Im Laufe der Nacht lösen die verschiedenen Schlafstadien einander ab und in regelmäßigen Abständen setzen die sogenannten REM-Phasen ein (Rapid Eye Movements), mit raschen Augenbewegungen, Unregelmäßigkeit von Atmung und Puls und einer Gehirnaktivität, die dem Wachszustand ähnelt.
Nach diesen einführenden Hinweisen folgt eine ausführliche Darstellung der Schlafgewohnheiten in ihrer Abhängigkeit von der Entwicklung der Persönlichkeit, der Beziehung zu den Eltern, den steigenden Anforderungen in der Schule, der Ausbildung und der zunehmenden Zeit, die mit Vergnügungen, Sport und Teilzeitarbeit verbracht wird.
Dabei ist nach Strauch im Umgang mit dem Schlaf das zweite Jahrzehnt von besonderer Bedeutung, weil Jugendliche im Laufe dieser Zeit ihre Schlafdauer verkürzen und die Kontrolle ihrer Schlafzeiten übernehmen.
In weiteren Ausführungen werden die Ergebnisse der Befragungen mit aufschlussreichem Datenmaterial in Form von Grafiken zu folgenden Schlafsituationen vorgestellt:
Die Einschlafsituation – Die Zeiten des Zubettgehens und des Aufstehens – Der Schlafverlauf und das Aufwachen am Morgen – Die Schlafdauer –Schlafbedarf und Schlafwunsch –Tagesbefinden und Tagesschlaf – Schlafstörungen.
In einer Nachbefragung nach 17 Jahren, bei der von 128 Personen immerhin noch 52 Männer und 58 Frauen die erneuten Anfragen beantworteten, fällt auf, dass die Schlafdauer abgenommen, der Schlafbedarf und der Schlafwunsch sich signifikant verringerten. Zudem ist bei Älteren eine Abnahme der Schlafqualität zu verzeichnen.
Insgesamt hat die Langzeituntersuchung von der späten Kindheit bis in das Erwachsenenalter nach Strauch deutlich gezeigt, dass sich Schlafgewohnheit und Schlafqualität vom zweiten bis zum fünften Lebensjahrzehnt parallel zur körperlichen Reifung und zur Persönlichkeitsentwicklung verändern. „Der Rhythmus von Wachen und Schlaf unterliegt zwar einer Gesetzmäßigkeit, aber darüber hinaus wird der Schlaf von den persönlichen Gedanken und Gefühlen sowie den jeweiligen Lebensumständen stark beeinflusst“ (S. 97).
Das Buch bietet also Antworten auf Schlaf- und Traumverhalten anhand von Befragungen, nicht eine Psychologie des Schlafens und Träumens. Die Darstellung ist sehr übersichtlich und aufschlussreich. Zudem gibt sie einem die Möglichkeit, das eigene Schlafverhalten in einem größeren Kontext zu sehen. Ein Literaturverzeichnis und ein Anhang mit dem Fragebogen von 1977 und jenem von 2008 sowie eine Tabelle der Langzeiterhebung zum Schlafwunsch beschließen diese informative Zusammenfassung einer ganz seltenen Langzeituntersuchung. Ein Sachregister hat man sich allerdings erspart.
A. Resch

Leuschner, Hannes: Die Geister der Neuen Welt: religiöse und soziale Integration von brasilianischen Geistwesen im candomblé von Santo Amaro, Bahia, Brasilien. Berlin: Lit, 2011 (Estudos Brasileiros /Brazilian Studies; 6), 133 S., ISBN 978-3-643-11409-9, Ebr, EUR 19.90

Hannes Leuschner berichtet in diesem Buch über seine ethnographischen Untersuchungen, die er in den Jahren 2008, 2009 und 2010 in den terreiros, den Candomblé-Tempeln, im Stadtgebiet von Santo Amaro in Bahia, Brasilien, durchgeführt hat. Wie bekannt, war das Wenige, das die 3.600.000 afrikanischen Sklaven bei ihrer Verschleppung nach Brasilien mitnehmen konnten, Glaubensvorstellungen, bestimmte Kulturrezepte und die eigene Körperlichkeit. Diese mitgebrachten Glaubensvorstellungen bildeten die Grundlage der Entwicklung der afro-brasilianischen Religionsformen, die eine Vielzahl von Geistwesen (orixás) kennt wie caboclos (Geister eines brasilianischen Indigenen), boiadeiros (Geister eines Mestizen) oder preto velho (Geist eines afrobrasilianischen Vorfahren).
Die dabei aus verschiedenen afrikanischen Elementen in mehr oder weniger tiefgreifendem Synkretismus mit dem katholischen Glauben entstandene Religion ist candomblé mit dem zentralen Element der Besessenheitstrance. Besessenheit besagt die Anwesenheit einer außermenschlichen Entität im Körper des Mediums und Trance die geistige Abwesenheit des Mediums. Im Unterschied zu diesem „orthodoxen“ candomblé, in dem sich die orixás in den Teilnehmern inkorporieren, geht es im candomblé de cabolco (Indianer) nach Leuschner um Archetypen brasilianischen Ursprungs.
Demgegenüber ist umbanda eine noch nicht in „Nationen“ differenzierte Rohform des Candomblé. Im Kern handelt es sich bei umbanda um einen Synkretismus aus dem brasilianischen candomblé und dem Spiritismus von Alan Kardec.
Nach dieser Differenzierung der beiden religiösen Gruppierungen, candomblé und umbanda, werden deren einzelne Komponenten beschrieben.
Die orixás werden im Kern nicht als Personen, sondern als transzendente Kräfte bzw. als Kräfte der Natur verstanden, wie Wind, Feuer und Wald.
Das terreiro ist der topographisch und architektonisch zusammengesetzte Ort einer candomblé-Gemeinschaft, oft auch casa genannt.
Die Initiation, die Aufnahme in den candomblé, erfolgt meist aus Liebe zur Religion oder aufgrund von Schmerzen, um Heilung zu finden. Von der Initiierung an kann man neben den biologischen Lebensjahren auch die spirituellen Jahre zählen.
Besonderen Raum nimmt die Beschreibung der brasilianischen Geistwesen ein, vom cabolco und boiadeiro bis zum Exú, dem Teufel in seinen verschiedenen Erscheinungsformen.
Schließlich versucht Leuschner die verschiedenen inkorporierten Entitäten, die in Santo Amaro verehrt werden, in eine Art theologische Ordnung zu bringen.
Wie die hier kurz skizzierte Untersuchung zeigt, ist es aufgrund der vielfältigen Aspekte, die im vorgelegten Bericht angeschnitten werden, nicht ganz einfach, einen umfassenden Einblick in die Praktiken und Lehren des candomblé und der umbanda zu gewinnen, was der Autor auch eingesteht. So gut zudem die vielen Namen in der Lokalsprache (Portugiesisch) die Originalität unterstreichen mögen, so sehr belasten sie die Lektüre. Dem versucht der Autor allerdings mit einem Glossar gegenzusteuern. Neben dem Glossar finden sich auch eine Liste der untersuchten terreiros sowie ein Literaturverzeichnis.
Man spürt schließlich, dass solche Untersuchungen afrikanisch-brasilianischer Religionsformen vor Ort noch am Anfang stehen. Umso lobenswerter ist es, dass Leuschner hier 30 teirreiros persönlich aufgesucht und erforscht hat.
A. Resch

Goclenius, Rudolf: Von Hexen, Weisen und Sieben Künsten: drei akademische Festreden gehalten an der Universität zu Marburg zwischen 1583 und 1598 / Aufgefunden, zusammengestellt, übersetzt mit Einleitungen und erklärenden Anmerkungen versehen von Hans Günter Zekl. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2012, 156 S., 978-3-8260-4711-4, Geb., EUR 38.00

Die vorliegende Schrift enthält, wie schon der Titel sagt, drei akademische Festreden von Rudolf Goclenius jeweils anlässlich des Studienabschlusses seiner Studenten.
Goclenius wurde am 1. März 1547 als Rudolf Gockel in Korbach geboren und starb am 8. Juni 1628 in Marburg. Er war Professor für Philosophie, Logik, Metaphysik und Ethik an der Philipps-Universität Marburg und erlangte allgemeines Ansehen nicht zuletzt auch als Hexentheoretiker durch seine Schrift Oratio de natura sagarum in purgatione & examinatione per frigidam aquis[!] innatantium (Über die Natureigenschaften von Hexen. Wenn Hexen bei der Kaltwasserprüfung zur Rechtfertigung oder Erkennung im Wasser schwimmen), die er zunächst als Rede gehalten hat und 1584 veröffentlichte.
Diese Rede bildet die erste von Hans Günter Zekl kommentierte Festrede im vorliegenden Buch. Zekl betont dabei, dass Goclenius die Rede ohne große Vorbereitung und Überzeugung gehalten hat und dabei dem Zeitgeist gefolgt ist, ohne die damals schon bekannten Gegner des Hexenwesens zu nennen. So schreibt er auch: „Ich habe hier ohne anspruchsvollen Redeschwung erstens meine Erwägungen dazu entfaltet, warum Hexen in fließendes Wasser eingelassen oder gelegt, auf der Wasseroberfläche mittreiben , ohne unterzugehen; sodann habe ich entkräftet, was dem offensichtlich entgegensteht; (76) wobei ich einstweilen die Frage, ob eine derartige Hexenprüfung oder Unschuldserweis junger, hilfloser Frauen, die ins Gerede der Leute gekommen sind, im Wasser, worin sie gewissermaßen die Beschmutzung falscher ihnen angetaner Anschuldigungen und Anklagen abzuwaschen gezwungen sind, – ob das also hinreichend sicher ist und gerecht, und ob man das mit dem Glauben vereinbaren kann, der Diskussion und dem Urteil der Theologen, Rechtsgelehrten und kluger Amtspersonen überlassen will“ (S. 41).
Im Zuge der frühzeitlichen Hexenverfolgung war nämlich das alte Gottesurteil der Wasserprobe als Hexenbad wieder vermehrt durchgeführt worden, was zu einem Gelehrtenstreit über seine Rechtmäßigkeit führte. In diesen Streit mischte sich Goclenius ein, indem er in seinem Vortrag vor allem gegen den vehementen Verfechter der Rechtmäßigkeit, Wilhelm Adolph Scribonius, argumentierte. Dies wird von Zekl eingehend dargelegt, sodass man neben den Informationen über die neuzeitliche Hexenjagd auch einen ausführlichen Kommentar zu den einzelnen Aussagen bekommt. Zudem wird im Anschluss daran der angesprochene Sendbrief des Wilhelm Adolph Scribonius abgedruckt, der einen Einblick in die damaligen Begründungen der Hexenverfolgung gibt.
Auf diese Hexenrede folgt die Rede „Über das Leben des Sokrates“, des Ahnherrn der Philosphie, die – so Zekl – Goclenius auf der Höhe seines Könnens zeigt. Es geht dabei um die sokratische Existenz als unermüdliches Suchen nach Wissen, rastlosen Fragens nach dem Grund des Besseren. Der Satz des Sokrates, dass er nichts wisse, sei in keiner Weise als Verständnislosigkeit zu verstehen. „Sokrates sagte nämlich, er wisse nichts, um Anderen, die sich rühmten, sehr viel zu wissen, zu zeigen, wie wenig, oder auch gar nichts, sie wüssten. Und mithilfe der von ihm gestellten Fragen pflegte er, in der Maske des Nichtwissenden und sich verstellend, Andere zu bilden oder zu widerlegen“ (S. 75). In diesem Sinne folgt die Rede ganz dem Sokratischen Motto, das zwar nicht direkt zitiert wird: Ein Leben ohne Selbstforschung ist für den Menschen nicht lebenswert.
Die dritte Rede anlässlich einer Magisterpromotion ist ein Lob auf die sieben freien Künste: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie, mit einem abschließenden Fürstenlob und einem Aufruf an die Jugend zum Lernen sowie einem Dank an alle Hörer. Die Rede ist im lateinischen Original in Hexameter gegossen. In der vorliegenden Übersetzung ist an vielen Stellen die Originalform verändert, um Inhalt und Verständlichkeit zu verbinden. Die einzelnen Loblieder sprechen in Fluss und Inhalt verschieden an, sind aber durchwegs von einem tiefen Einblick in den menschlichen Innenraum und seinen geschichtlichen Außenraum geprägt. Man kann daher tatsächlich, wie Zekl treffend bemerkt, von einem Meisterwerk der Redekunst und Poesie sprechen.
All diese Texte wären in der gebotenen Form nicht zugänglich, hätte sie nicht Hans Günter Zekl aufgefunden, zusammengestellt, übersetzt und mit Einleitungen und erklärenden Anmerkungen versehen, die an Umfang und Inhalt wesentlichen Anteil an dieser Veröffentlichung haben. Man hat Mühe, die Einzelheiten durch die verschiedenen historischen und literarischen Hinweise zu verarbeiten. Zudem hat die Sprache von Zekl selbst einen poetischen Zug, ohne dabei die fachliche Kompetenz und die wissenschaftliche Methodik zu verlassen – eine enorme Leistung! Ein Verzeichnis ausgewählter Literatur und ein Namenregister beschließen diese einzigartige Arbeit in Inhalt und Form.
A. Resch

Sacks, Oliver: Das innere Auge – neue Fallgeschichten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011, 282 S., ISBN 978-3-498-06408-2, Kart., EUR 19.95

Dieses Buch mit sehr eindrucksvollen neuen Fallgeschichten hat der be­kannte Neurologe und Psychiater (Columbia University, New York) seinem Arzt, Dr. David H. Abramson, gewidmet. Oliver Sacks erkrankte Ende 2005 an einem bösartigen Tumor am Auge und D. H. Abramson war sein Therapeut. Er beschreibt im sechsten Kapitel, „Augenträgheit – Ein Tagebuch“, nicht nur seine Erfahrung, mit Krebs zu leben, und den überaus schmerzlichen Verlust wichtiger visueller Fähigkeiten, sondern entdeckt auch überraschende neue Phänomene (Illusionen und Halluzinationen) sowie Veränderungen in der Wahrnehmung von Farben und Umrissen. Gleichzeitig er­fahren die Leser, dass die visuelle Welt einen komplexen Beziehungszusammenhang zwischen Gehirn, Auge, Wahrnehmung (Hand, Auge und Ohr) und dem Körper darstellt. Die neuen Fallgeschichten sind aus psychologischer, pädagogischer, erkenntnistheoretischer, philosophischer und anthropologischer Sicht sehr informativ. Man erfährt nicht nur Interessantes und Erstaunliches über die Genese von Wahrnehmungsprozessen und über die Gefühlswelt bei Kleinkindern und Säuglingen, sondern auch über die Funktionen der Sinnesorgane und de­ren Bedeutung für das störungsfreie Leben des Menschen. Sacks be­schäftigt sich darüber hinaus in den Fallgeschichten (z.B. über die gefeier­te Pianistin, welche die Fähigkeit verlor, Noten zu lesen, oder über die schie­lende Neurobiologin, die mit fünfzig Jahren zum ersten Mal perspekti­visch sehen konnte) mit folgenden Fragen: Wie lernen wir lesen? Wie ler­nen wir schreiben? Welche Rückkoppelungsprozesse zwischen Hand, Auge und Ohr gibt es? Wie unterscheidet sich das Denken der Sehenden vom Den­ken, Fühlen und Empfinden der Blinden? Welche Konsequenzen haben neuro­logische Störungen im Gehirn auf die Raum- und Zeitauffassung des Men­schen? Die Fallgeschichten werden immer zu Biografien, Geschichten über das Leben von Menschen, die auf Krankheit oder Verletzung, Stress oder Unglück reagieren. In den meisten Anrufen und Briefen, die Sacks er­hält, geht es um Unglücksfälle, Probleme, Verluste der einen oder ande­ren Art. Manchmal ist der Anrufer oder Briefschreiber auch verwirrt oder tief betroffen und sucht dringend Rat und Hilfe.
Man kann das Werk des Autors am besten durch ausgewählte Zitate charak­terisieren. Die beiden ersten Zitate betreffen die Veränderung der Raum- ­und Zeitauffassung, die sich als Folge der Augenerkrankung (bösartiger Tumor am rechten Auge) ergeben haben. Sacks schreibt: „Der Raum war einmal ein gastliches Reich voll Tiefe, in dem ich mich verorten und nach Belieben umherbewegen konnte. Ich betrat ihn, lebte in ihm und unterhielt räumliche Beziehungen zu allem, was ich sah. Diesen Raum gibt es für mich nicht mehr – weder visuell noch mental.“ Am Schluss des Tage­buchs zu seiner Krebserkrankung stellt er im Dezember 2009 fest: „Die Zeit wird zeigen, ob ich fähig bin, mich auf diese neue visuelle Heraus­forderung einzustellen – vielleicht wird das Blut auch vorher abgebaut, sodass mein rechtes Auge zumindest einen Teil seines peripheren Sehens zurückgewinnt. Bis dahin habe ich ein riesiges ,Nirgendwo‘ im rechten Gesichtsfeld und im Gehirn, ein Nirgendwo, dessen ich mir unmittelbar nicht bewusst bin und nie sein kann. Für mich werden sich Menschen und Gegenstände auch weiterhin ,in Luft auflösen‘ und ,aus heiterem Himmel auftauchen‘ – das sind keine Metaphern mehr für mich, sondern beschreibt so exakt wie irgend möglich meine Erfahrung des Nichts und Nirgendwo.“
Im letzten Kapitel seines Buches beschäftigt sich Oliver Sacks mit „dem inne­ren Auge“. Zunächst beschreibt er die Situation des Religionspädagogen John Hull, der in England mit eingeschränktem Sehvermögen aufwuchs, mit dreizehn Jahren grauen Star bekam und im Alter von achtundvierzig Jahren völlig erblindete. J. Hull hat seine Lebenssituation (1990) in dem un­gewöhnlichen Buch Im Dunkeln sehen – Erfahrungen eines Blinden in er­greifender Form dargestellt. Es ist sein Tagebuch, das er in den folgenden drei Jahren diktierte. Dieses Buch enthält nicht nur scharfsinnige Erkenntnisse über die Umstellung auf ein Leben in Blind­heit. Hull beschreibt auch, dass nach der Erblindung ein allmähliches Erschlaffen der visuellen Vorstellungs- und Gedächtnistätigkeit einsetz­te, bis sie praktisch völlig erlosch (ausgenommen in Träumen). Er nennt diesen Zustand ,tiefe Blindheit‘. Hull war darüber zunächst sehr beküm­mert. Er konnte sich noch nicht einmal mehr die Gesichter seiner nächsten Angehörigen (Frau und Kinder) vergegenwärtigen. Dann aber erlebte er eine besondere Intensität der auditiven Erfahrung und eine besondere Schärfung seiner anderen Sinne. Es entwickelte sich ein Gefühl „inniger Vertrautheit, eine besondere Unmittelbarkeit des In-der-Welt-Seins“. Ein anderer Fall ist Dennis. Er entwickelt nach Verlust des Augenlichts ein besonderes Gespür für die Gefühlszustände seiner Mitmenschen. Stimmen und Gerüche offenbaren das eigentliche Wesen der Menschen. Das optische Erscheinungsbild ist diesbezüglich sekundär!
G. Kleinschmidt

GW 2013/2

Schmidt-Biggemann, Wilhelm: Geschichte der christlichen Kabbala, Band 2: 1600 –1660. Stuttgart-Bad-Cannstatt: from mann-holzboog, 2013 (Clavis Pansophiae; 10,2), XI, 383 S., ISBN 978-3-7728-2570-5, Gewebe, EUR 88.00

Dr. Wilhelm Schmidt-Biggemann, Prof. für Philosophie und Geistesgeschichte, legt hier den 2. Band seiner Geschichte der christlichen Kabbala in 3 Bänden vor. Während sich der erste Band (2012) mit dem 15. und 16. Jahrhundert beschäftigt und der dritte Band den Zeitraum 1660 –1850 abdeckt, beschreibt der dem Rez. vorliegende zweite Band die Zeit von 1600 –1660.
Unter christlicher Kabbala ist eine Strömung, vor allem in der Renaissance, zu verstehen, welche die jüdische Kabbala aufgriff, um einerseits das christliche Weltverständnis zu erweitern und andererseits den Juden das Christentum näherzubringen. In der vorliegenden Arbeit geht es jedoch allein um die Darstellung der wichtigsten christlichen Autoren und ihrer Werke mit kabbalistischer Thematik, nämlich um Heinrich Khunrath, Robert Fludd, Marin Mersenne, Jakob Böhme, Abraham von Franckenberg, Johann Stephan Rittangel und Athanasius Kircher.
Heinrich Khunrath wurde 1560 in Leipzig geboren, promovierte 1588 in Basel, der damaligen Hochburg der Parazelsisten, zum Dr. der Medizin, schloss in Bremen unter anderem Bekanntschaft mit John Dee und starb 1605 in Leipzig oder Dresden. Wann und wie er mit der Kabbala in Kontakt kam, ist unbekannt. Nach Schmidt-Biggemann reichten seine Kenntnisse kaum über die Texte hinaus, die Pistorius 1587 in der Sammlung Ars Cabalistica veröffentlicht hatte. Khunrath verstand die Kabbala als theosophische Grundlage der Alchemie. So ist auch sein Hauptwerk Amphitheatrum Sapientiae aeternae von 1595 mit vier Kupferstichen kabbalistisch-alchemistisch abgefasst. Für die Neuausgabe hatte er fünf weitere Kupferstiche vorbereitet, konnte aber die Kommentare nicht mehr schreiben, sodass Erasmus Wohlfahrt die zweite Ausgabe mit den angefertigten Ergänzungen und den fünf zusätzlichen und rechteckigen Kupferstichen herausgab, jedoch ohne sie zu kommentieren. Dies hatte insofern keinen besonderen Nachteil, als die Stiche, die zwar nur alchemistische Elemente enthalten, die eigentliche Attraktion bildeten. Der Schlüssel zu seinem Amphitheatrum ist die Logos-Theologie, die der Weisheitskonzeption seiner 365 geistlichen Aphorismen den inneren Halt gibt, während die Kupferstiche das gesamte spirituelle Universum darstellen.
Robert Fludd wurde am 17. Januar 1574 in Milgate House in Kent geboren, studierte in Oxford Artes und Medizin, begann schon in der Studienzeit enzyklopädisch zu experimentieren und befasste sich auch mit Astrologie. Er war ein erfolgreicher Arzt. Sein größter Erfolg aber war chemischer Natur, nämlich ein Patent zur Härtung von Stahl durch Steinkohle, mit dem er ein Vermögen machte. Die Werke Fludds, die spätestens 1627 auf den römischen Index kamen, umfassen zwei große Bereiche: den Bereich der Enzyklopädie mit Utriusque Cosmi Historia (1618 –1625) sowie den medizinischen Bereich mit den kosmologisch-medizinischen Werken Philosophia sacra (1626), die Medicina catholica (1631) und Philosphia Mosaica (1638). Utriusque Cosmi Historia versteht sich als eine Enzyklopädie aller Theorien, die in der Epoche der Aufklärung als abergläubisch und irrational aus dem Kanon der Wissenschaftlichkeit ausgegrenzt wurden. Seine Werke der kosmischen Medizin stehen ganz in der Tradition der neuplatonischen florentinischen Schule. Schließlich versuchte Fludd auch mit der Rosenkreuzerbewegung in Kontakt zu treten, die er als reale Sozietät frommer hermetischer Gelehrter auffasste, obwohl sie nie existiert hatte.
Mit Marin Mersenne erwuchs dem Platonismus, speziell Franciscus Zorzi, auch Franciscus Georgius Venetus genannt, und Fludd ein erbitterter Gegner.
Mersenne wurde am 8. September 1588 in Oizé geboren, studierte bei den Jesuiten in La Flèche, ging dann nach Paris, trat 1611 in den Orden der Minimen ein und wurde Professor für Philosophie und Theologie in Nevers. In seinen Quaestiones celeberrimae in Genesim (1623) unterzog er die kabbalistisch-neuplatonische Exegese der Renaissance einer scharfen Kritik, insbesondere die kabbalistisch-pythagoreischen Klassiker wie Zorzi mit seinen In Scripturam sacram Problemata, Guillaume Postel mit seinem Kommentar zum Sefer Jezira und vor allem seinen Zeitgenossen Robert Fludd, der für Mersenne der theosophische Wiedergänger Zorzis war. Mersenne setzte sich insbesondere mit Fludds Utriusque Cosmi Historia auseinander und nennt ihn einen „Cacomagus“. Dabei geht es um die Kabbala, die Alchemie, die Magie, die kosmische Medizin, die Anima Mundi und die Rosenkreuzer, die von den Gegnern Fludds als unwissenschaftlich hingestellt werden, da sie sich gegen eine rationalistische und mechanische Physik stemmen und auf die Bibel verweisen.
Jakob Böhme wurde 1575 in Alt-Seidenberg in der Oberlausitz geboren, absolvierte eine Schuhmacherlehre und lebte von 1594 an in Görlitz. 1600 soll er nach Abraham von Franckenberg eine Schau gehabt haben, in der er die Struktur seiner Theosophie erblickte, die er 1612 bis 1613 in seinem Traktat Morgenröte im Aufgang zusammenfasste, was ihm ein Schreibverbot einbrachte, das er allerdings 1619 seinem Schreibdrang opferte, um in den ihm noch verbleibenden fünf Jahren seine umfangreiches Werk zu schreiben, ohne es allerdings zu Lebzeiten veröffentlichen zu können. Böhme starb am 17. November 1624 in Görlitz, wo ihm schließlich doch ein kirchliches Begräbnis gewährt wurde. Dabei gibt es keinen deutschsprachigen Schriftsteller im 17. Jahrhundert, der eine solche Wirkung hatte wie Böhme. Seine Anleihe an der Kabbala sind der Begriff vom unbestimmten Einen, den er für seine Beschreibung von Theogonie und Schöpfung verwendet, sowie das Konzept der kosmischen Weisheit. Dabei beruft er sich nicht auf eine uralte Tradition, sondern ist der Ansicht, dass ihm die biblischen Texte und die Natur selbst einen Einblick in den göttlichen Prozess und das Leben der Natur geben. Indem sich Gott selbst als selbsterkennend in seinem Sein konstituiert, ist Gott in allem. Als Schöpfung und Schöpfer wird er durch die Spiegelung seiner selbst. So wird die Natur zum Schauplatz des göttlichen Lebens. Es ist daher bei dieser Theosophie nicht mehr unterscheidbar, ob es sich um Naturbeschreibung oder um spekulative Theologie handelt.
Abraham von Franckenberg, 1593 in Ludwigsdorf bei Oels in Niederschlesien geboren, wo er 1652 auch starb. Franckenberg studierte Jura in Leipzig, Wittenberg und Jena und erwarb sich schon in seiner Studienzeit eine umfassende Bildung in Sprachen und in der Literatur der christlichen Mystik und Kabbala. 1623 lernte er Jakob Böhme kennen. 1640 verfasste er seine kabbalistische Arbeit Raphael oder Artzt-Engel. Dieses Büchlein steht in der Tradition des Marsilius Ficinus von einer kosmisch-magischen Medizin und behandelt die Themen Theo-Kosmogonie, Schöpfungsprozess und Vollendung der Welt als ihre Heilung. Die Schöpfung wird als Entäußerungsprozess Gottes sowie als Offenbarung und Fleischwerdung des Wortes verstanden. Beim Schöpfungsprozess steht das H wie bei Böhme als Buchstabe des göttlichen Hauches und als Symbol des sich in der Schöpfung realisierenden Geistes über den Wassern, den er als Weisheit bezeichnet.
Johann Stephan Rittangel, 1606 in Forchheim geboren, studierte Theologie und Orientalistik mit längeren Aufenthalten im Orient und wurde 1640 Professor der orientalistischen Sprachen in Königsberg, wo er im Oktober 1652 starb. In seinen 32 Wege[n] der Weisheit, dem Sefer Jezira und dem Büchlein De Veritate Religionis Christianae akzeptiert er allein die Lehre der Sefirot als authentische kabbalistische Tradition, sofern diese mit dem spekulativen Christentum, wie er es auffasst, vereinbar ist. Geht es ihm doch vor allem darum, in jüdischen Quellen trinitarische Strukturen aufzufinden.
Abschließend kommt der Autor noch auf den Jesuiten Athanasius Kircher zu sprechen, der am 2. Mai 1602 bei Fulda geboren wurde, an der Universität Würzburg als Professor für Ethik, Mathematik und orientalische Sprachen tätig war und schließlich in Rom bis zu seinem Tod 1680 Mathematik, Physik und orientalische Sprachen lehrte. In diesem Abschnitt geht Schmidt-Biggemann auch kurz auf den Umgang der katholischen Kirche mit der Kabbala ein, der allein schon durch das Verbot der Beschäftigung mit der gesamten hebräischen Literatur durch Clemens VIII. stark eingeschränkt war, was allerdings den hebräischen Buchhandel selbst in Rom kaum beeinträchtigte, wenngleich die Hebräisch-Studien zumindest bis zum Tod des Papstes 1605 darunter litten. Den kabbalistischen Einfluss sieht der Autor bei Kircher vor allem in seinem Oedipus Aegyptiacus. Dabei ging es Kircher, wie er behauptet, nicht um das Lüften der göttlichen Geheimnisse, sondern allein darum, was aus den alten Schriften zu lernen sei. Die Verwandtschaft zwischen den Geheimnissen von Kabbala und Hieroglyphen sei augenscheinlich. Doch sei keine Tradition dagegen gefeit, missbraucht zu werden, wie durch die neuen jüdischen Kabbalisten und Talmudisten.
„Sie missbrauchen das göttliche Gesetz und scheinen allein das Ziel vor Augen zu haben, durch die abstruse Interpretation von Punkten, Akzenten, Vertauschungen, Zahlenwerte der Wörter, eine fiktive Gematria, Buchstabenumstellungen, Verkürzungen und schlecht gemachte Anagramme die heiligen Geheimnisse der Theologie in Materien des Irrtums zu verwandeln, sie in Abgründe von systematischen Irrlehren zu ziehen und so die Seelen zu verderben“ (S. 329).
Ging es Kircher doch um die Entschlüsselung der Hieroglyphen, die fast 150 Jahre nach Kirchers Tod dem Franzosen J. F. Champollion gelang, allerdings nicht ohne die Vorarbeit Kirchers.
Diese etwas ausführlichere Inhaltsangabe sollte zumindest ein Hinweis auf die Fülle der behandelten Thematik sein, die selbst für den Fachmann eine Herausforderung darstellt. Dies auch deshalb, weil die kabbalistische Weltsicht der einzelnen Autoren Visionen entfaltet, die neben der Konfabulation auch Perspektiven aufzeigen, wie die Vorstellung einer Anima Mundi, einer Harmonia Divina oder eines Mysterium Magnum, die von grundsätzlicher Bedeutung sind und gerade in einer Zeit rein mechanistischer Weltbetrachtung nötige Freiräume des Denkens vermitteln.
Die sehr übersichtlichen, mit zahlreichen Querverbindungen und genauen Quellenangaben sowie mit Tabellen angereicherten Ausführungen, einem Namenverzeichnis sowie einem Verzeichnis der Bibelstellen und der Geschichtsbücher machen die Arbeit zu einem Kleinod in der Darstellung der christlichen Kabbala.
Andreas Resch, Innsbruck

Kassung, Christian / Mersmann, Jasmin /Rader, Olaf B. (Hrsg.): Zoologicon: ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere. München: Wilhelm Fink, 2012, 491 S., ISBN 978-3-7705-5454-6, Geb., EUR 49.90

Das hier vorliegende Buch ist in jeder Hinsicht ein Unikat, und zwar sowohl, was die Darstellung als auch was den Inhalt betrifft. Anlass zur Arbeit war der 60. Geburtstag von Thomas Macho, seit 1993 Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für ihn sind Zoologiken verschiedene Wissensordnungen, mit deren Hilfe sich Lebewesen, also Menschen wie Tiere, systematisieren lassen.
In diesem Sinne haben die Herausgeber, Christian Kassung, Prof. für Kulturtechniken und Wissensgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, Jasmin Mersman, Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität, und Olaf B. Rader, Mitarbeiter an den Monumenta Germaniae Historica an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, eine Reihe kurzer essayistischer Texte gesammelt, in denen jeweils ein Tier in seinem kulturellen Kontext beleuchtet wird. Darunter sind neben den normalen Tieren auch wundersame Geschöpfe wie Medusa zu finden. Die Texte stammen von Freunden, Schülern und Kollegen, von Philosophen, Kunst- und Kulturhistorikern, Medientheoretikern, Künstlern und Soziologen. Jeder dieser Texte ist durch zwei Aspekte gekennzeichnet: Was zeichnet das spezielle Tier in seiner Kulturgeschichte gegenüber anderen Tieren aus und warum fiel die Wahl des Autors /der Autorin gerade auf dieses und nicht auf ein anderes Tier?
Die Beiträge sind jeweils mit einem Bild, schwarz-weiß auf Kunstdruckpapier, versehen. Die Qualität der einzelnen Beiträge ist sowohl der Länge wie dem Inhalt nach verschieden. Da es im Rahmen einer Rezension nicht möglich ist, auf die 120 Essays einzeln einzugehen, die alphabetisch nach den Tiernamen geordnet sind, soll die Vorstellung des ersten Beitrags für die übrigen stehen.
Der Aasgeier (Neophron percnopterus Linnaeus, 1758; engl: Egyptian vulture; frz. percnoptère) von Tina Weber.
Zu den Aasgeiern zählt Weber all jene Geier, die sich hauptsächlich vom Aas ernähren. Viele Aasgeier stehen schon lange auf der Liste gefährdeter Tiere. Weber beschränkt ihre Arbeit allerdings auf die europäischen Aasgeier, deren Zahl seit einiger Zeit sogar im Ansteigen ist.
Gleich zu Beginn räumt Weber mit der landläufigen Meinung auf, der Aasgeier sei ein abscheuliches Tier, wurde er doch schon frühzeitig in Schutz genommen. Schon vor viertausend Jahren war der Aasgeier in Ägypten die erste geschützte Spezies weltweit.
Er ist eher scheu und flüchtet bei Gefahr. Nur der Truthahngeier verteidigt sich mit einem sogenannten projectile vomitting, einem explosiven Erbrechen auf den Widersacher. Mit ihren kahlen Köpfen können Aasgeier Fleischstücke aus Kadavern reißen, ohne dass es zu Infektionen kommt, weil die Bakterien nur schwer an den kahlen Köpfen haften bleiben. Der Legende nach verdankt der Vogel sein Aussehen König Salomon: Weil die Vögel ihn nicht gegen die Sonne schützten, bestrafte er sie mit einen kahlen Kopf, damit ihnen die Hitze der Sonne Gleiches antun würde.
Mit seinen gewaltigen Schwingen eignet sich der Geier auch als Seelengeleiter.
Die ägyptische, griechische und christliche Kultur teilten lange den verbreiteten Glauben, dass es nur weibliche Aasgeier gäbe, die durch den Wind befruchtet würden, dies vielleicht deshalb, weil er die Nester in hohen Felsenschluchten baut. Zudem war der Aasgeier in diesen Kulturen auch ein Symbol von Visionen und Vorhersehung. Beobachtet der Gänsegeier doch seine Nahrungsquelle lange aus der Höhe und nähert sich ihr nach der Landung in einer Entfernung von 100 m nach neuerlich kritischer Prüfung. Mit den muskulösen Krallen fixiert er die Haut, stößt seinen hakenförmigen Schnabel in die Bauchdecke und reist diese mit einem kraftvollen Ruck auf. Beim Reißen und Verschlingen liegt die Verteidigung brach, weshalb sich nun auch die Rangniedrigeren langsam nähern.
In der griechischen Mythologie riss er als Eton dem zur Bestrafung am kaukasischen Felsen hängenden unsterblichen Prometheus täglich Stücke aus der Leber, bis Herakles den Vogel tötete.
Der schlechte Ruf des Aasgeiers ist jedoch nur bedingt begründbar. Die Assoziationen mit Tod und Leben, Göttinnen, Maternität und Visionen zeichnen ein differenziertes Bild. Es gibt auch Berichte, dass Aasgeier mit Menschen zusammenleben. In jüngster Zeit wird der Aasgeier auch immer wieder in Comics verwendet.
In ähnlicher Form werden auch die anderen Tiere dargestellt, wobei der kulturelle Aspekt einer Reihe von Tieren eine vielfältigere Bedeutung hat. Die Beiträge sind flüssig geschrieben, zum Teil mit Quellenangaben versehen und amüsant zu lesen, weil viele kulturelle Aspekte aufscheinen, von denen man kaum eine Ahnung hat.
Ein Literaturverzeichnis beschließt diese Luxusausgabe des Zoologicon.
A. Resch

Ruschmann, Eckart: Weltanschaungen und Gottesbilder. Reflexionen für (und von) Laienphilosophen. Bielefeld: tao.de, 2012, 239 S., ISBN 978-3-95529-045-0, Geb., EUR 24.99

Univ.-Dozent Dr. Eckart Ruschmann versucht seit Jahren, an Lebensfragen Interessierten eine „persönliche Philosophie“ im Sinne der Reflexion des eigenen Weltbildes zu vermitteln. Dabei verwendet er seit einiger Zeit für die Inhalte der persönlichen Weltsicht den Begriff der „Laienphilosophie“. Dieser Begriff ist bisher wenig gebräuchlich, eignet sich nach Ruschmann jedoch gut, sowohl die Abgrenzung von der akademischen Philosophie als auch die Verbindung zu ihr zu charakterisieren. Dabei machte er die Erfahrung, dass für die meisten Menschen ein persönlicher, erfahrungsbezogener Zugang zu einer transzendenten (geistig-spirituellen) Dimension wichtig ist. Daher versucht er in dieser Arbeit durch kurze Textbeispiele aufzuzeigen, wie sich die Weltbilder in den Zeitabläufen entwickelt haben.
Nach einem kurzen Einblick in die Geschichte der Weltbildvorstellungen in mythischer Zeit und in den philosophischen Ansätzen in der Antike beschreibt Ruschmann das Weltbilddenken, angeregt von Burkhard Heim, auf den Seinsebenen von Physis, Bios, Psyche und Pneuma, also von Materie, Leben, Seelenwelt und Geist. Diese Ebenen stehen im Grunde in steter Wechselwirkung, werden aber von einzelnen philosophischen Denkformen jeweils für absolut genommen. So wird von den Naturalisten, Materialisten und Physikalisten der materielle „Stoff“ als einzige Substanz der materiellen Welt bezeichnet. Reicht das?, fragt sich Ruschmann und erläutert die diesbezüglich philosophische Diskussion in ihrer historischen Entwicklung bis zur aktuellen Argumentation. In derselben Form werden auch die Ebene des Lebens, der Psyche und des Geistes beschrieben. Dadurch gewinnt der Leser neben einem historischen Einblick in die verschiedenen Denkformen zu Leben, Psyche und Geist ein sehr breitgefächertes Verständnis der Gesamtdynamik des Menschen. Um dieses ganzheitliche Verständnis jenseits theoretischer Fixierungen an Vitalismus, Panpsychismus oder Spiritismus geht es dem Autor.
Durch das Aufzeigen der verschiedenen Denkformen in Geschichte und Gegenwart soll dem Leser die Diskussionsgrundlage vermittelt werden, im offenen Dialog mit den persönlichen Seinsebenen von Materie, Leben, Psyche und Geist die persönlichen Schlüsse zu ziehen. Zu diesen Schlüssen gesellt sich unweigerlich auch die Frage nach dem Sinn des Lebens, wie Ruschmann abschließend feststellt: „Ich frage mich immer wieder, warum so viele zeitgenössische Philosophen ein solches Unbehagen empfinden, wenn sie sich vorstellen, es könnte tatsächlich eine transzendente Dimension bzw. transzendente Ebene geben.“ (S. 207)
Die Reduzierung der vier Seinsebenen beim Menschen auf den Körper und das Bewusstsein nimmt dem Menschen nicht nur seinen Transzendenzbezug, sondern grenzt auch seinen Lebenshorizont auf die Ebene der Kalkulation ohne die ersehnte unendliche Weitung ein.
Ruschmann bleibt daher in seiner „Laienphilosophie“ transzendenzoffen, um alle vier Ebenen zur Entfaltung zu bringen. Darin liegt das Besondere dieser Arbeit: allgemein verständlich, informierend und lebensoffen, eine „Laienphilosophie“.
Literaturangaben, ein Verzeichnis von Laienphilosophinnen und -philosophen sowie ein Personenregister beschließen die Arbeit. Ein Sachregister hat man sich erspart.
A. Resch

Gietenbruch, Felix: Höllenfahrt Christi und Auferstehung der Toten: ein verdrängter Zusammenhang. Wien u. a.: LIT, 2010 (Studien zur Systematischen Theologie und Ethik; 57), 200 S., ISBN 978-3-643-80040-4, Brosch., EUR 18.90, SFr 29.90

Der evangelische Theologe Felix Gietenbruch legt hier seine für die Veröffentlichung aktualisierte Lizenzarbeit über die Höllenfahrt Christi und die Auferstehung der Toten vor. Nach Gietenbruch ist die Auferstehung ohne die Höllenfahrt gar nicht zu verstehen. Diese Feststellung versucht er anhand folgender vier Problemkreise der Auferstehungsdiskussion im 20. Jahrhundert unter Beweis zu stellen:
1. Leibliche Auferstehung und Unsterblichkeit der Seele. Hier hat sich in der protestantischen Theologie die Ansicht durchgesetzt, dass der Mensch ganz stirbt. Von einer Unsterblichkeit der Seele könne keine Rede sein, daher komme Auferstehung einer Neuschöpfung gleich. Demgegenüber versteht der Autor Auferstehung als Errettung der leibhaften Seele im Sinne einer Feinstofflichkeit.
2. Individuelle und universale Eschatologie. Durch den Ganztod muss die verstorbene Person bis zur Neuschöpfung durch Bewahren der Person in Gott oder durch eine Art Schlafzustand erhalten bleiben.
Nach Gietenbruch eröffnet Christus durch die Höllenfahrt einen Heilsweg vertikal ins Himmelreich, den jeder individuell gehen muss. Hingegen versteht er die vorchristliche Wartezeit auf die Erlösung und die nachchristliche Heilszeit des Heimkehrens zum Vater als horizontale Zeit.
3. Allerlösung oder doppelter Ausgang. In der protestantischen Theologie ist das Gericht, das als Enthüllung der Wahrheit und Wiederherstellung der Gerechtigkeit verstanden wird, die einzige Perspektive nach dem Tod.
Demgegenüber betont der Autor, dass die Höllenfahrt Christi den Gedanken einer ewigen Hölle verunmöglicht, da sie einen Weg aus der Bosheit zu Gott hin bahnt. Der Tod ist nicht auf Gottes Gericht hin, sondern als Möglichkeit der Umkehr und Entwicklung zu verstehen. „Die aus diesen Gedanken entspringende Allerlösung ist aber keine billige, die etwa nur in einer passiven Verwandlung des Bösen zum Guten durch Gott geschehen würde; sondern sie ist Weg, der mit aller Kraft zu gehen ist.“ (S. 19)
4. Aussagemöglichkeiten über das Jenseits. In der modernen Theologie wird die Unerkennbarkeit alles Jenseitigen und damit auch Gottes fast einstimmig behauptet.
Gietenbruch hingegen ist der Auffassung, dass es neben der weltimmanenten Erfahrung auch eine transzendenzoffene Weltsicht gibt, welche die Möglichkeit einer übersinnlichen Erfahrung voraussetzt. So sind etwa die Erscheinungen des Auferstandenen für das Christentum absolut konstitutiv, dabei kann gerade die Höllenfahrt die verlorene Einheit von Diesseits und Jenseits überwinden. Sie versteht nämlich die Auferstehung so, dass Verstorbene und Lebende gleichermaßen in sie einbezogen werden.
Diese hier genannten Alternativen sind für den Autor eine persönliche Antwort auf den unbefriedigenden Standpunkt der angeführten eschatologischen Modelle des Protestantismus. Unbefriedigend einerseits deshalb, weil die übersinnlichen Erfahrungen aus erkenntnistheoretischen Gründen abgelehnt werden, andererseits weil das protestantische Jenseitskonzept von Grund auf jede Entwicklung der Persönlichkeit nach dem Tode durch Überbetonung der Rechtfertigungslehre verneint.
In den folgenden Kapiteln werden die angeführten vier Alternativthesen historisch- systematisch untermauert, wobei der Autor eine große Belesenheit und Argumentationsvielfalt aufweist. Wenn man auch die Argumentation vom Heilsuniversalismus und Heilspartikularismus differenziert betrachten wird, kann man dem Gedanken einer Feinstofflichkeit im Zusammenhang mit der Seele im Sinne einer Individualisierung und eines himmlischen Auferstehungsleibes etwas abgewinnen.
Aufschlussreich sind auch die Ausführungen im systematischen Teil zur Frage nach der Wahrheit, dem reduzierten Erfahrungsbegriff und dem transzendenzoffenen Wirklichkeitsverständnis aufgrund der parapsychologischen Forschungsergebnisse,
wobei man hinzufügen muss, dass die angeführten Daten weit über die offizielle Parapsychologie hinausreichen, denn die offizielle Parapsychologie ist transzendenzverschlossen, weshalb ich lieber von Paranormologie spreche, um gerade auch die transzendenzoffenen Phänomene der Diskussion zugänglich zu machen, was Gietenbruch in seinen Ausführungen auch tut.
Ein Anhang mit Quellentexten und einem Literaturverzeichnis beschließen diese ori-
ginelle theologische Arbeit zur Frage der Auferstehung, die auch den Mut hat, bei der Betrachtung der Grenzphänomene trans-
zendenzoffen zu sein. Ein Personen- und Sachregister hat man sich erspart.
 A. Resch

Frenschkowski, Marco: Die Hexen: eine kulturgeschichtliche Analyse. Wiesbaden: marixverlag, 2012, 223 S., ISBN 978-3-86539-965-6, Geb., EUR 5.00

Prof. Dr. Marco Frenschowski, evangelischer Theologe und Religionswissenschaftler, Prof. für Neues Testament an der Universität Leipzig, legt hier nach Veröffentlichungen zu Themen wie Geheimbünde, Mysterien des Urchristentum und Theorien zum frühen Christentum eine kulturgeschichtliche Analyse der Hexen vor, ohne dabei schon eine historische Synthese, sondern vielmehr eine Skizze der Thematik zu geben.
Einleitend wird gleich eine Reihe von allgemein verbreiteten Ansichten aufgelistet, die geschichtlich schlicht falsch sind wie:
– Hexenverfolgung war primär eine Sache des Mittelalters.
– Hexenverfolgung ist eine typisch europäische Erscheinung
– Es wurden fast nur Frauen als Hexen hingerichtet.
– Die Hexen waren Bewahrerinnen einer vorchristlichen Naturreligion.
– Das Bild der „bösen“ Hexe ist vor allem ein Resultat der christlich-kirchlichen Frauen- und Leibfeindlichkeit.
– Vor allem Hebammen, „weise Frauen“ und Kräutersammlerinnen wurden als Hexen verdächtigt.
– Hexenverfolgungen geschahen von oben nach unten.
– Die Intensität der Hexenverfolgungen war dort am größten, wo die Macht der Kirchen ungebrochen war.
Diese Hexenklischees entstammen älteren Darstellungen, wo man das Phänomen der „Hexen“ noch nicht in einen weltkulturellen Zusammenhang stellte, sondern vor allem auch als antikirchliches Argument ausbaute. So ist die kolportierte Zahl von 9 Millionen hingerichteten Hexen für Europa auf höchstens 50.000 gesunken. Auch die Aussage, dass die katholische Kirche die Hauptträgerin dieser Hinrichtungen gewesen sei, ist schon dadurch, dass der Großteil der Hinrichtungen in nicht katholischen Gebieten stattfand, von der Hand zu weisen. Zudem stimmt auch die Ansicht nicht, dass die Hexenverfolgung vornehmlich von oben kam. Hier greift gestern wie heute bei Unglücksfällen, Epidemien und Katastrophen dass Denunziantentum, wenn schon nicht im Großen, so doch im Kleinen, unter Berufung auf magische Manipulationen, wie auch die neuere Hexenforschung zeigt. Zudem wird klar, dass das Thema „Hexe“ bereits in der Antike bekannt war. So ist nach den Erzählungen von Homers Odyssee Kirke mehr Hexe als Göttin. Von Hexen ist auch im Alten Testament die Rede, so etwa in Ex 22,17: „Eine Hexe sollst Du nicht am Leben lassen.“
In der Spätantike versuchte man zwischen höheren und niederen, legitimen und illegitimen, achtbaren und verächtlichen Formen der Magie zu unterscheiden, doch hatte dies kaum Einfluss auf die Wertung der „Hexerei“.
Was das deutsche Wort „Hexe“ betrifft, so hat es westgermanische Wurzeln. Dabei sind die germanischen Hexen nicht identisch mit den wahrsagenden Frauen, die etwas Heiliges in sich haben. So droht nach der Lex Salica (510), einem der ältesten germanischen Rechtssysteme, demjenigen, der eine Frau „Hexe“ (stria) nennt eine Geldstrafe. Im kirchlichen Bereich versuchten verschiedene Konzilien dem Überhandnehmen magischer Praktiken einen Riegel vorzuschieben. Einen besonderen Platz nimmt hier der sogenannte „Canon Episcopi“ aus dem frühen 10. Jahrhundert ein, in dem Hexerei als illusionäres, aber infames Verbrechen hingestellt wird. Anders steht es hier mit dem Hexenhammer, lateinisch Malleus Maleficarum, der in zahlreichen Auflagen erschienen ist und vom Dominikaner Heinrich Kramer („Henricus Institoris“, um 1430 –1505) verfasst wurde, wobei der mitgenannte Jakob Sprenger kaum federführend war. Dem zweiten Druck liegt auch die Bulle von Papst Innozenz VIII., Summis desiderantes affectibus, vom 5. Dezember 1884 gegen die Ketzerei der Hexen bei, was dem Ganzen eine offizielle Note verleiht, wenngleich sie in Wirklichkeit keinen „offiziellen“ Status hatte und auch ihre Wirkung nicht überschätzt werden darf.
In den weiteren Ausführungen kommen „Die Hexe als Fremde“, der Hexenkult als „Neue Religon“ nach Margaret Murray und das „Hexenimaginarium“ der Frühen Neuzeit zur Sprache. Besonders aufschlussreich ist die Chronologie der Verfolgungen und der Überwindung des Hexenglaubens in Europa. Das Thema Hexen ist jedoch, wie schon einleitend bemerkt, nicht nur ein europäisches, sondern ein universales Phänomen, wie der Autor durch die Beschreibung von Hexenbildern in außereuropäischen Kulturen belegt. Den Abschluss bilden ein Bericht über die Tragödie von Salem, ein Gespräch mit Carlos Ginzburg, ein Hinweis auf die Hexenbilder in Literatur und Film und auf den Wiccakult. Besonders hervorzuheben ist schließlich der Anhang mit wichtigen Originaltexten aus der Literatur zur Hexenfrage.
Insgesamt beindruckt neben der klaren Gliederung und Sprache sowie der angeführten Literatur zu jedem Kapitel die überwältigende Fachkenntnis des Autors, die, wie er selbst einleitend bemerkt, in der vorliegenden Form nicht für die Wissenschaft im engeren Sinne mit dem ganzen wissenschaftlichen Apparat, wohl aber wissenschaftlich fundiert zum Ausdruck gebracht wird. Dabei ist besonders auch die interkulturelle Darstellung des Phänomens „Hexe“ hervorzuheben. Auf eine Personen- und Sachregister hat man allerdings verzichtet.
A. Resch

GW 2013/3

Stubbe, Hannes: Lexikon der Psychologischen Anthropologie. Ethnopsychologie, Transkulturelle und Interkulturelle Psychologie. Stark erw. u. korrig. Neuaufl. d. Ausg. v. 2005 (Lexikon der Ethnopsychologie und Transkulturellen Psychologie). Gießen: Psychosozial-Verlag, 2012, 708 S., ISBN 978-38379-2120-5, Geb., EUR 69.90

Hannes Stubbe, Dr. phil. habil., Ethnologe und Dipl.-Psych., Prof. für Ethnopsychologie und Transkulturelle Psychologie /Psychologische Anthropologie an der Universität Köln, legt hier die zweite Auflage seines Lexikons der „Psychologischen Anthropologie“ vor. Als einziger Deutscher, der das Fach Ethnopsychologie vertritt, war es ihm eine Verpflichtung, seinen Studenten aus den verschiedenen Fachgebieten ein Begriffsinventar an die Hand zu geben, mit dem sie sich kritisch auseinandersetzen, aber auch einen Überblick über das umfangreiche Gebiet erhalten können.
Das Lexikon ist aus einer über 20-jährigen universitären Lehr- und Forschungstätigkeit in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa hervorgegangen. Dabei ließ sich Stubbe beim Abfassen der Arbeit von wissenschaftshistorischen, kulturanthropologischen und beispielbezogenen Prinzipien leiten. So werden sowohl die historischen Wurzeln der Ethno­psychologie und Transkulturellen Psycho­logie berücksichtigt als auch die etische (mit den Augen eines Insiders) und emi­sche (mit den Augen eines Beobachters von außen) Sichtweise miteinander verbunden. Ferner werden angrenzende Gebiete, wie z.B. die Transkul­turelle Psychiatrie, Ethnopsychotherapie, vergleichende Soziologie, (Kultur-)Ethologie, vergleichende Religionswissenschaften usw., berücksichtigt. Ethnopsycho­logisches Forschen ist nämlich ein interdisziplinäres Forschen und somit einem ständigen kulturellen Wandel ausgesetzt.
Da es hier nicht möglich ist, auf die einzelnen Begriffe einzugehen, sollen drei Begriffe herausgriffen werden, die Psychologie, Ethnologie und Kulturanthropologie berühren.
Abwehrmechanismen: Verhaltensweisen,
die Triebregungen, welche von der Zensur nicht gebilligt werden, in andere Formen psychischer Energie überführen, als da sind: Verdrängung, Sublimierung, Identifikation, Regression, Kompensation, Isolierung, Introjektion, Projektion, Askese, Intellektualisierung, Verneinung, Verleugnung, Vermeidung, Reaktionsbildung,
Wendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Konversion, Ungeschehenmachen usw. Hinweise auf einschlägige Autoren und Literaturangaben beenden die Beschreibung.
Ethnozentrismus (m). (W. G. Sumner 1906): Die Bearbeitung dieses Begriffes weist hingegen einen ganz anderen Umfang auf. Der Begriff wurde, wie zu Beginn angedeutet, von W. G. Sumner 1906 zur Beschreibung des Verhaltens und Erlebens eingeführt, bei dem das eine „Volk“, die eigene Volksgruppe“, die eigene „Ethnie“, „Rasse“, Religionsgemeinschaft, Nation, Schicht usw. in den Mittelpunkt des Denkens, Fühlens und Handelns gestellt wird. Der Eigengruppe werden dabei nur positive oder positiv verstandene Merkmale zugeschrieben. Nach Hinweisen auf einzelne Vertreter des Ethnozentrismus wird die historische Kontinuität des E. in der deutschsprachigen Psychologie dargestellt, da der E. seit 1849 die ganze Geschichte der deutschen Psychologie durchzieht. Stubbe nennt in diesem Zusammenhang die Psychologie von Johann Kaspar Lavater (1741–1801), Carl Gustav Carus (1789–1869), Wilhelm Wundt (1832–1920), des Dritten Reiches und die gegenwärtige Psychologie. Die gegenwärtige deutsche Psychologie versteht sich zwar als international, bleibt aber in der angloamerikanischen Psychologie stecken.
Nach diesen Bemerkungen geht Stubbe auf die Psychologie der Dritten Welt ein und kommt zur Feststellung, dass unter den in den westlichen Industrieländern vorherrschenden „Psychologien“ kaum eine ist, die für sich in Anspruch nehmen könnte, für die Dritte-Welt-Länder modellhaft zu wirken. Zudem sollten nicht nur jene als Partner in der Dritten Welt gesucht werden, die ohnehin nur das machen, was die Industrieländer ihnen beigebracht haben. Hier sei eine Umstellung vom Ethnozentrismus zur Kulturanthropologie notwendig. Ein Literaturverzeichnis beschließt die nahezu sieben Seiten umfassende Abhandlung.
Lateinamerika, speziell als Region gewählt, weil sich hier alle wesentlichen Probleme der sog. Dritten Welt aufzeigen lassen. Zunächst wird der Begriff tabellarisch in seine Einzelteile aufgegliedert: Amerika: benannt nach dem Florentiner Amerigo Vespucci; Südamerika um 1600: America meridionalis; Lateinamerika: Gesamtheit aller amerikanischen Staaten, deren Bevölkerung eine auf Latein basierende Sprache spricht; Iberoamerika: Hispano- und Luso-Amerika; Mesoamerika (Mittelamerika); Angloamerika (Nordamerika) und Neue Welt (seit 1508, Mundus Novus nach einem Brief von Amerigo Verspucci).
Die Geschichte Lateinamerikas ist mehr oder weniger eine Geschichte von Kolonialismus und Kriegen. Das Volk selbst kommt kaum zur Sprache. Dabei kennzeichnen nach Stubbe folgende miteinander verknüpfte Grundprobleme und Merkmale die Situation der Psychologie in der lateinamerikanischen Wirklichkeit: der unermessliche Raum; das überwiegend tropische Klima; die vielfältige ethnische Zusammensetzung; ökonomisch das geringe durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen; unterschiedliche demographische Merkmale zu den Industrieländern wie eine Population, in der bei 50% jünger als 14 Jahre sind; ökologische Krise, ähnlich den Industrieländern; Unterernährung; Bildungskultur, gekennzeichnet durch einen hohen Anteil an Kindern und Analphabetismus; rapider sozialer und kultureller Wandel; die religiöse Situation ist vom Katholizismus, von afro-lateinamerikanischen Kulten, dem Spiritismus und vielen fundamentalistischen Sekten, die aus Nordamerika kommen, geprägt; die instabilen politischen und ökonomischen Verhältnisse prägen die soziale Stimmung.
Was konkret die Psychologie betrifft, so ist immer noch die europäische und englischsprachige dominant. Der Beitrag schließt mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis.
Diese kurze Skizzierung der drei Begriffe zeigt nicht nur, dass die einzelnen Begriffe unterschiedlich lang sind und zum Teil eine Vielfalt von Themen beinhalten, die soziale kulturelle und psychologische Inhalte aufweisen. In den einzelnen Texten wird jeweils eine Reihe von Literaturhinweisen zur Vertiefung der Thematik gegeben. Zudem sind die längeren Beiträge sehr übersichtlich gegliedert. Eine solche Arbeit aus der Feder eines Autors ist nur auf der Grundlage jahrelanger Forschung möglich, wie Stubbe einleitend bestätigt.
So muss man das Lexikon der Psychologischen Anthropologie von Hannes Stubbe in Inhalt und Gestaltung als ein Standardwerk bezeichnen, das zudem kultur- und völkerverbindend ist und in jeder Bibliothek stehen sollte.
Andreas Resch, Innsbruck

Jacob, Frank Hg.): Geheimgesellschaften: Kulturhistorische Sozialstudien / Secret Societies: Comparative Studies in Culture, Society and History. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2013 (Globalhistorische Komparativanalysen; 1), 321 S., ISBN 978-3-8260-4908-8, Geb., EUR 39.80

Frank Jacob, der in Würzburg und Osaka Geschichte und Japanologie studierte, interessiert sich vor allem für übergreifende historische Themen und rief dazu die vorliegende Reihe ins Leben. In diesem ersten Band geht es um einen globalhistorischen Vergleich von Geheimgesellschaften. Geheimgesellschaften gab es nicht nur in Europa, sondern nahezu auf der ganzen Welt. Ihre Wurzeln reichen bis in die Antike zurück, wobei die Gründe ihres Entstehens in religiösen, sozialen, nationalistischen oder reaktionären Motiven liegen können, die jeweils aus einem historischen Kontext erwachsen. Diese Gegebenheit versucht Jacob in diesem Band durch die folgende Sammlung von Aufsätzen zu beleuchten, die hier nur aufgelistet und inhaltlich kurz beschrieben werden können:
Frank Jacob: Die Pythagoreer – Wissenschaftliche Schule, religiöse Sekte oder einflussreiche Geheimgesellschaft?
Neben dem mathematischen Satz: a2 + b2 = c2 soll Pythagoras, von dem nichts Schriftliches vorliegt, die antike Welt in vielerlei Hinsicht beeinflusst haben, wenngleich die Meinungen über seine Bedeutung auseinandergehen. Die einen nennen ihn einen Schamanen, die anderen einen Propheten, den ersten Philosophen oder den Gründer einer religiösen Gemeinschaft. Der Beitrag befasst sich verstärkt mit der Gesellschaft der Pythagoreer.
E. Glenn Hinson: Early Christianity as a Secret Society.
So ungewohnt es klingen mag, mussten auch die christlichen Gemeinden, vor allem in Rom unter Kaiser Nero, ein Geheimleben führen, mit nächtlichen Zusammenkünften und Geheimhaltung der Ausübung ihrer religiösen Überzeugungen.
Helmut Reinalter: Die historischen Ursprünge und die Anfänge der Freimaurerei. Legenden – Theorien – Fakten.
Zu kaum einer anderen Geheimgesellschaft haben sich im Laufe der Jahrhunderte so viele Theorien, Legenden und Mythen entwickelt wie um die Freimaurerei. Ihre Vorläufer sind jedoch die handwerklichen Bruderschaften, die Bauhütten und Baumeister, auf deren Brauchtum sehr viel freimaurerisches Gedankengut zurückgeht, wie Reinalter ausführlich darlegt. So konzentrieren sich seine Ausführungen auf die spätmittelalterlichen und die frühneuzeitlichen Gesellschaften, die mit dem Beginn der „spekulativen“ Maurerei eng verbunden sind. Die erste Großloge wurde am 24. Juni 1717 in London gegründet.
Tim Murtagh: Irish Secret Societies in the 1790s: The United Irishmen and Defenders.
In Irland spielt die Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten eine besondere Rolle. Zur Überwindung dieser Gegensätze wurde 1791 die Gesellschaft United Irishmen gegründet. Sie forderte ein freies Irland ohne konfessionelle Spaltungen nach dem Muster der Französischen Revolution, wurden aber aus Angst davor, dass diese auf das Land übergreife, verboten. Die United Irishmen fusionierten in der Folge mit der agrarisch ausgerichteten Geheimgesellschaft der Defenders.
Wolfgang Altgeld: Die Carbonari und die Carboneria: Opposition in Zeiten der europäischen Restauration und Reaktion.
Die Carbonari und deren Carboneria, die Köhler und deren Köhlerei, wurden in Italien als Ausdruck der Unzufriedenheit der Italiener mit der nach-napoleonischen Ordnung der Halbinsel gesehen. Im Sommer 1820, im Zeichen der neapolitanischen Juli-Revolution, konnten sie im Königreich beider Sizilien für ein Dreivierteljahr öffentlich agieren, versickerten aber ab 1823 rasch, arbeiteten im Untergrund weiter und wurden schließlich in den 1830er und 1840er Jahren zum Inbegriff der politischen Geheimbündelei im europäischen Vormärz.
Simon Walter: Die Rosenkreuzer?
Neben der Freimauerei ist vor allem das Rosenkreuzertum von zahlreichen Legenden umrankt. Sein Ursprung liegt jedoch in den sogenannten Rosenkreuzermanifesten, die im Zeitraum 1614 und 1616 anonym erschienen und im vorliegenden Buch in Inhalt und Akzeptanz eingehend beschrieben werden.
Frank Kleinehagenbrock: Die Illuminaten.
Der Geheimbund der Illuminaten wirkte zwar nur für die kurze Zeitspanne von neun Jahren, doch gehört er zu jenen Erscheinungen des späten 18. Jahrhunderts, die bis heute schillernd geblieben sind, zumal er 1776 an einer Hochschule entstand, die bis zur Aufhebung der Jesuiten durch ein Breve Papst Clemens’ XIV. von 1773 von diesen geleitet wurde. Am Anfang stand der junge Professor für Kirchenrecht, Adam Weishaupt (1748–1830), mit seiner dezidiert kritischen Haltung gegenüber der Kirche an sich.
Albrecht Götz von Olenhusen, Irmtraud Götz von Olenhusen und Frank Jacob: Der Germanenorden 1912–1922.
Dieser Orden, der bewusst dem jüdischen Geheimbund entgegentreten sollte, blieb wissenschaftlich völlig unbedacht, obwohl er in gewisser Hinsicht schon einige Merkmale der späteren nationalsozialistischen Bewegung in sich trug und zum Ausgangspunkt von Agitationen und Organisationen im rechten Milieu wurde.
Maxwell Owusu and Godfrey Uzoigwe: The Ogboni Cult. A Secret Society in Transition.
In Nigeria blickt die Geheimgesellschaft der Ogboni auf eine lange Tradition zurück. Der Beitrag beschreibt ihren gesellschaftlichen Stellenwert wie auch den Initiationsritus und den Prozess der Mitgliederrekrutierung.
Andreas Riffel: The Invisible Empire – der Ku Klux Klan von 1866 –1871 als Geheimgesellschaft.
Der Ku Klux Klan gehört zu den berüchtigtsten rassistischen Gruppierungen in den USA und ist zugleich eine der ältesten existierenden Terrororganisationen. Er ist weder eine zentralisierte Organisation noch besteht er in der ursprünglichen Form heute noch fort. 1915 wurde er neu gegründet und koexistiert seit 1970 mit zahlreichen anderen rechtsextremen Gruppierungen.
Dian Murray: Secrecy and the Origins of the Chinese Triads.
Wer heute an die Triaden denkt, hat vor allem das Bild organisierter Verbrechen im Kopf. Ursprünglich waren die Triaden jedoch eine Geheimgesellschaft, die sich aus sozialen und ökonomischen Faktoren entwickelte und so an die Freimaurer erinnert, wie die Ausführungen zeigen.
Frank Jacob: Japanische Geheimgesellschaften: Die Gen’yôsha und die Kokuryûkai.
Im Schlussbeitrag gibt der Herausgeber noch einen Einblick in die japanischen Geheimgesellschaften. Dabei wird die Entstehungsgeschichte der Gen’yôsha, die Gründung der Ten’yûkyô – einer Guerilla-Einheit, die einen Krieg mit China provozieren sollte – und deren expansionistisches Wirken sowie die Entstehungsgeschichte der Kokuryûkai dargelegt.
Dieser Überblick über Autoren und Beiträge mit jeweils einer kurzen Inhaltsangabe zeigt, dass Geheimgesellschaften aus verschiedenen Epochen und Ländern beschrieben werden, womit das Phänomen solcher Gesellschaften einen zeitgeschichtlichen und interkulturellen Akzent erhält. Dabei geht es um Untergrundaktivitäten, die geschichtlich und gesellschaftlich oft einen bemerkenswerten Einfluss hatten und haben. Jacobs Aussage, dass diese Themen – aus welchen Gründen auch immer – von der offiziellen Wissenschaft kaum aufgegriffen werden, ist zuzustimmen. Die eröffnete Buchreihe scheint hier eine echte Lücke zu schließen.
Was die Beiträge selbst betrifft, so geben sie jeweils, dem Umfang entsprechend, einen informativen Einblick in die beschriebene Gesellschaft, wobei die Fußnoten zu weiterer Vertiefung anregen. Eine originelle und informative Arbeit! Ein Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Sachregister sucht man allerdings vergebens.
A. Resch

Thiede, Werner: Mythos Mobilfunk: Kritik der strahlenden Vernunft. München: oekom, 2012, 299 S., ISBN 978-3-86581-404-3, Brosch., EUR 19.95 [D], 20.60 [A], CHF 27.90

Werner Thiede, evangelischer Pfarrer, Univ.-Prof. für systematische Theologie in Erlangen, schreibt hier umfassend über den Mobilfunk und beleuchtet dabei Aspekte, die bisher noch niemand so detailgenau und fast allwissend erklärt hat. Bei Systemen kennt er sich aus, ich habe selten solche, auch kybernetische, Aussagen so leserlich gefunden.
Im ersten Teil spricht Thiede von den mystischen, kosmologischen, gesellschaftlichen sowie psychologischen Funktionen des Mobilfunks und zeigt sich stets auf dem neuesten Stand der Literatur. Er zitiert korrekt und findet die profundesten Zitate. Wohltuend ist, wie er kritische und industriehörige Literatur auseinanderhält, auch dass er die Arbeitsweise von Medien und PR klar durchschaut.
Im zweiten Teil macht er sich dann folgerichtig an die Entmythologisierung, wie beim Schulaufsatz mit These, Antithese und Synthese gelernt. Es erfreut mich immer wieder aufs Neue, diese Regeln angewendet zu finden. Die Entzauberung gelingt und es ist erstaunlich, welch riesige Menge an Literatur Thiede kennt, ja, Rez. gewann den Eindruck, dass er einige Jahre nichts anderes gelesen hat. Dabei streift er auch esoterische und verschwörungstheoretische Grenzgebiete, etwa die Überwachung und Gedankenkontrolle der Menschheit. Aber er zieht die Grenze.
Zu loben ist, dass viele Professionen, Psychologen, Theologen, Politiker, Ärzte und andere, aus den ihrem Fach gewidmeten Kapiteln großen Gewinn erzielen können, übersichtlich und tieferes Studium ermöglichend.
Alles in allem ein Buch, das statt des neuen Handy unter dem Weihnachtsbaum liegen sollte!
Dieter M. Schmidt, Referat für Umweltmedizin der Ärztekammer Kärnten / Ö


GW 2013/4

Lohmann, Hans-Martin / Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Sonderausgabe. Stuttgart / Weimar: J. B. Metzler, 2013, 452 S., ISBN 978-3-476-02514-2, Kart., EUR 19.95

Hans-Martin Lohmann, freier Publizist in Frankfurt, und Joachim Pfeiffer, Professor für neuere deutsche Literatur und Literaturdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, legen hier in Zusammenarbeit mit über 40 Mitarbeitern ein Handbuch vor, das Leben, Werk und Wirkung von Siegmund Freud vor allem aus kulturwissenschaftlicher Sicht zu beschreiben versucht, war Freud doch selbst der Ansicht, dass er „zu den Autoren gehört, denen eine große Nation wie die deutsche bereit ist, Gehör zu schenken“ (GW XVI, 33). Unter dieser Perspektive werden ohne Vernachlässigung der klinischen Aspekte sämtliche Schriften Freuds thematisch und zuweilen in chronologisch angeordneten Werkgruppen vorgestellt. Dabei kommen auch die wichtigsten Thesen der Freudschen Theorie, ihre Akzeptanz und Wirkung zur Sprache.
Zunächst wird das Leben von Freud in seinem gesellschaftlichen, philosophischen und lokalen Kontext beschrieben. So scheint Freud, der vier Semester Franz Brentano zum Lehrer hatte, insbesondere vom anthropologischen Materialismus Ludwig Feuerbachs, von der Evolutionstheorie, dem Biophysikalismus und dem englischen Empirismus zu einem positivistisch-naturwissenschaftlichen Weltbild geführt worden zu sein. Allerdings kam er nicht umhin, sich auch der traditionell philosophischen Frage zu stellen, ob es neben dem bewussten auch ein unbewusstes Psychisches gebe. Dabei knüpfte er an die in der Psychologie von Johann Friedrich Herbart berücksichtigte Dynamik von Verdrängung, Widerstand und Reproduktion von Vorstellungen an.
Die Traumdeutung enthält bereits eine ontologische Sicht des Unbewussten, zumal ihm dieses als Basis des psychischen Lebens diente. So ist das Unbewusste der größere Kreis, der den kleineren des Bewusstseins in sich einschließt, da alles Bewusste eine unbewusste Vorstufe hat.
Hatte Freud bereits in seiner mittleren Schaffensperiode Übereinstimmungen mit Schopenhauer und Nietzsche eingeräumt, so tritt in seinem Spätwerk seine Affinität zur Macht des „Willens“ und zur Ohnmacht des Intellekts deutlich zutage. In seiner Kulturkritik verband er eine Kampfansage gegen alle Formen von Irrtum, Illusion, Aberglauben, Vorurteil und Kollektivpathologie, wie überhaupt gegen die Fabrikation von Weltanschauungen. Angesichts dieser philosophischen Einstellung wurde Freud zu Recht als „Anti-Metaphysiker“ bezeichnet.
Als Freud, der bis dahin kaum als Sexualforscher hervortrat, 1905 sein nur 83 Seiten umfassendes Werk „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ veröffentliche, erreichte die „erste sexuelle Revolution“ in Mitteleuropa einen ihrer Höhepunkte. Dennoch war das Freuds Verhältnis zu den Sexologen angespannt. Historisch hat sich nämlich die Psychoanalyse entlang des Unterschieds von Unbewusstem und Bewusstem, von innerer Phantasie und äußerer Realität, von Struktur und Symptom, Erleben und Verhalten, Latenz und Manifestation bewegt und somit von der Sexologie unterschieden.
Dies kommt auch, entgegen allen gängigen Behauptungen, in Freuds persönlichem Leben zum Ausdruck, wie weiter ausgeführt wird. So sieht die seriöse Freudforschung in ihm einen Mann, der sich zeitlebens bemühte, den Anforderungen von Familie, Beruf und Karriere gerecht zu werden. Für die Verhältnisse seiner Zeit war er jedoch ein sexualpolitischer Freigeist, obwohl er später für die Sublimierung der Triebe eintrat.
Bei allem Erfolg seiner Arbeit, die sogar an den Nobelpreis denken ließ, war sein Leben neben den vielen Freundschaften, die fast alle in Brüche gingen, von großen Feindseligkeiten begleitet, insbesondere durch die Wiener Ärzteschaft. Der Triumph der Psychoanalyse setzte erst nach dem Ersten Weltkrieg ein. Dieser Triumph wurde allerdings durch ein unheilbares Krebsleiden mit über 30 Operationen und die politische Entwicklung mit Verbrennung seiner Bücher getrübt. In allem war seine Tochter Anna die loyalste Stütze.
Nach dieser historischen Betrachtung geht das Handbuch auf die Darstellung der Werke Freuds und ihrer Thematik ein, die hier nur in der Reihenfolge ihrer Besprechung aufgelistet werden können.
Werke und Werkgruppen:
Frühe Schriften: Die sogenannten voranalytischen Schriften (wann und wo „voranalytisch“ zur Bezeichnung Freuds Frühwerke eingeführt wurde, ist nicht bekannt). Bei ihnen steht das Psychische noch nicht im Zentrum. – Die Kokain-Schriften – Zur Auffassung der Aphasien (1891);
Hysterie-Studien (Ausgangspunkt für Freuds Neuroseforschung);
Vorlesungen und einführende Schriften: Über Psychoanalyse (1909) – Kurzer Abriss der Psychoanalyse (1924) – Psycho-Analysis (1926) – Vorlesungen;
Schriften zur Traumdeutung;
Theorie des Unbewussten: Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901) – Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) – Das Ich und das Es (1923) – Metapsychologische Schriften – Weitere Schriften zum Unbewussten.
Zwangshandlungen, Phobien, Paranoia, Theorie der Angst;
Behandlungstechnik;
Sexualtheorie und Triebtheorie: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) – Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908) – Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens (1910 –1918) – Zur Einführung des Narzissmus (1914) – Jenseits des Lustprinzips (1920) – Psycho-
sexualität der Frau;
Kulturtheorie: Totem und Tabu (1912/13) – Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921) – Die Zukunft einer Illusion (1927) – Das Unbehagen in der Kultur (1930) – Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939 [1934 –38]) – Schriften zum Thema Krieg und Tod;
Literatur und Kunst: Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“ (1907) – Der Dichter und das Phantasieren (1908) – Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910) – Das Motiv der Kästchenwahl (1913) – Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit (1916) – Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit“ (1917) – Das Unheimliche (1919) – Der Humor (1927) – Dostojewski und die Vatertötung (1928) – Psychopathische Personen auf der Bühne (1942) – Der Moses des Michelangelo (1914).
Autobiographische Schriften; Briefe; Der Autor Freud.
Themen und Motive:
Kulturbegriff; Antike und Mythos; Religion; Biologie und Materialismus; Krankheit und Gesundheit; Theater, Szene und Spiel.
Rezeptions- und Wirkungsgeschichte:
Psychoanalyse: Rezeption im deutschsprachigen Raum, in Frankreich, in den angloamerikanischen Ländern – Institutionalisierung der Psychoanalyse;
Psychologie; Kulturwissenschaft; Kunst und Kunsttheorie; Literatur; Literaturwissenschaft; Philosophie; Marxismus; Kritische Theorie; Feminismus/Gender Studies; Pädagogik; Film- und Kinotheorie; Ethnopsychoanalyse; Soziologie; Politische Psychologie.
Den Abschluss der Arbeit bilden ein Anhang mit Zeittafel, Siglen und Abkürzungen, Freuds Schriften chronologisch nach den Gesammelten Werken (GW + Nachtragsband), ein Autorenverzeichnis sowie ein Personenregister.
Die angeführten Beiträge sind themenbezogen, flüssig geschrieben und jeweils mit Literaturangaben versehen, sodass die Hinweise im Text leicht auszumachen sind. Durch diese Form der Darstellung von Leben, Theorie und Thematik Sigmund Freuds bekommt man einen sehr aufgefächerten Einblick in sein Werk, der selbst einem Freund-Kenner wie dem Rezensenten vieles verständlicher und einsichtiger macht, zumal die Darlegungen inhalts- und sachbezogen sind. Das Buch ist daher durch die breitgefächerte Rezeption der Psychoanalyse jedem Kulturinteressierten zu empfehlen. Unverständlich bleibt allerdings, dass man auf ein Sachregister verzichtet hat.
Andreas Resch, Innsbruck

Schmidt-Biggemann, Wilhelm: Geschichte der christlichen Kabbala. Band 3: 1660 –1850. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 2013 (Clavis Pansophiae; 10,3), XVI, 440 S., ISBN 978-3-7728-2571-2, Gewebe, EUR 98.00

Der dritte Band der „Geschichte der christlichen Kabbala“ befasst sich in chronologischer Abfolge in einer biografischen und inhaltlichen Beschreibung mit den wichtigsten Vertretern kabbalistischen Gedankengutes in den Jahren 1660 bis 1850.
Die Beschreibung beginnt mit einer ausführlichen Biografie von Franciscus Mercurius van Helmont (1614 –1698). In seiner Schrift „Kurtzer Entwurf des eigentlichen Naturalphabets der heiligen Sprache“ deutet er die hebräischen Buchstaben als Naturalphabet, da sie der natürlichsten Zungenstellung entsprechen. Wenngleich das Büchlein Seder Olam (Ordnung der Welt) nach Schmidt-Biggemann in seiner Verfasserschaft umstritten ist, geht er doch näher darauf ein und erörtert dabei auch die Frage der Widergeburt und der Unsterblichkeit der Seele. In der von Leibniz 1697 herausgegebenen Schrift „…Cogitationes super quatuor priora capita libri primi Moysis“ entstand aus dem Gespräch, das van Helmont mit der Kurfürstin von Hannover und Leibniz führte, eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Seelenwanderung.
Der Kabbalist Henry More (1614 –1687) stellte seine neuplatonische philosophische Position in seinem Gedicht Psychozoia, im Antidote against Atheism und im Enchiridion metaphysicum dar und vertrat in der Conjectura Cabbalistica die Ansicht, dass der Pythagoreismus kabbalistische Ursprünge habe.
Christian Knorr v. Rosenroth (1636 –1689) wurde insbesondere durch seine Kabbala Denudata, ein Geflecht aus Übersetzungen, Zusammenfassungen, Briefen, Lexika und Kommentaren, bekannt. Sie ist einerseits eine Sammlung jüdischer Quellen in lateinischer Sprache, andererseits entspricht sie einer spezifisch christlichen Kabbala mit einem 740 Seiten umfassenden Begriffslexikon des Sohar. Nach weiteren Texten wird die Welt vierfach charakterisiert: durch die Emanation (Azilut), durch die Schöpfung der Seelen (Bria), durch die Engelswelt (Jezira) und durch die Erdenhülle (Asia). Am Ende des sechsten Jahrtausends wird die äußere Erde in einem großen Brand vergehen.
Diese Kosmogonie widersprach den Vorstellungen einer philosophischen Kabbala, die er auf pythagoreischen Mustern gründen wollte, denn die rabbinische Tradition habe den Pythagoreismus, welcher der ursprünglichen Kabbala am nächsten kommt, korrumpiert.
Streit gibt es auch zwischen Johann Jakob Zimmermann (1644 –1693) und Abraham Hinckelmann (1652–1695) um Böhme und die Kabbala. Hinckelmann diskutiert in seiner Detectio Fundamenti Böhmiani die Frage nach dem Verhältnis von Böhme und Kabbala und sieht den Ursprung des Böhme’schen und sonstigen mystisch-neuplatonischen „Fanatismus“ in der „chaldäischen“ uralten Theologie der Sabier, die er mit der ägyptischen und persischen Tradition verbindet.
Gegen 1700 erreicht dann die Debatte um Spinoza und die Kabbala durch Johann Georg Wachters Spinozismus im Jüdenthumb eine breite und nachhaltige Diskussion, bei der die christliche Kabbala zur Philosophia Hebraeorum uminterpretiert wurde. Die Identifizierung von Spinozismus und Kabbala vollzieht Wachter anhand von Quellen, die sich in Knorrs Kabbala Denudata finden.
1701 begann auch die Auseinandersetzung von Johann Franz Budde (1667–1729) mit der Dissertatio philosophica de Spinozismo ante Spinozam und 1702 mit der Introductio ad Historiam Philosophiae Ebraeorum. Dabei versuchte er Spinozismus, Kabbala und Religionskritik zu trennen, womit er der Geschichte der christlichen Kabbala eine besondere Wende gab. Mit dem Topos Lingua Adamica stellt er fest, dass die Weisheit ursprünglich ihren Sitz bei den Juden gehabt habe. Zudem unterscheidet er die Cabala philosophica als mosaische Physik von der Cabala symbolica, die er ablehnt.
Diese Ablehnung jeglicher Form der Mystik vertritt auch Johann Christoph Wolf (1683–1739). Er konzentrierte sich auf Literaturgeschichte und Bibliografie und veröffentlichte vier Bände der Bibliotheca Hebraea, die zum wichtigsten Instrument der kritischen Hebraistik der Aufklärung wurde. Auch Johann Jakob Brucker (1696–1770), bedeutender Historiker der Philosophie des 18. Jhs., zementierte in seinen philosophischen Werken nicht nur die strikte philosophiegeschichtliche Trennung von der platonischen Philosophie und verneinte die Hypothese, dass sich die Dogmen der christlichen Religion und der uralten jüdischen Tradition fänden.
Nach Darstellung von Friedrich Christoph Oetingers Lehrtafel der Prinzessin Antonia, illustriert mit zwei Falttafeln, folgt die Beschreibung der sehr vieldeutigen Theosophie Saint-Martins, die Johann Friedrich Kleuker in seinem Buch „Magikon“ zusammenfassend darlegte. In dieser Ausführung schlägt bereits die Verbindung von Freimaurerei und Kabbala zu Buche. Nach dem Freimaurer Johann Friedrich von Meyer (1772–1849) können die ältesten kabbalistischen Bücher Sohar, Jezira, Bahir und die späteren Kommentatoren nur im Lichte des Christentum hinreichend erklärt werden.
Der Ruhm von Franz Joseph Molitor (1779 –1860) kam vor allem dadurch zum Tragen, dass Gershom Scholem ihn als Initiator seines Interesses an der Kabbala und als Kenner dieser Materie in der romantischen Epoche benannt hat. Molitor befasste sich ab 1817 hauptsächlich mit der christlichen Kabbala, wie aus seinem Werk Philosophie der Geschichte oder über die Tradition hervorgeht.
Diese stichwortartige Darlegung des Inhalts der Arbeit von Schmidt-Biggemann zeigt, dass es sich hier um eine chronologische Aneinanderreihung der wichtigsten Autoren kabbalistischen Gedankenguts von 1660 bis 1850 und nur indirekt um eine Präsentation der Geschichte der christlichen Kabbala handelt. Die Vorstellung der einzelnen Autoren erfolgt jeweils nach dem Muster Biografie und Werke, eingebettet in einen ausführlichen wissenschaftlichen Apparat. Ein Namenverzeichnis, ein Verzeichnis der Bibelstellen sowie ein Abbildungsverzeichnis beschließen diese informative und gediegene Arbeit.
A. Resch

Zivie-Coche, Christiane / Dunand, Françoise: Die Religionen des Alten Ägypten. Stuttgart: Kohlhammer, 2013 (Die Religionen der Menschheit; 8), 765 S., ISBN 978-3-17-019942-2, Geb., EUR 179.00

Prof. Dr. Christiane Zivie-Coche, Studiendirektorin an der „École Pratique des Hautes Études“, in Paris, und Dr. Françoise Dunand, emeritierte Professorin für Religionsgeschichte an der Universität Strasbourg, legen hier eine umfangreiche Arbeit zu den Religionen des Alten Ägypten vor. Darunter wird die Zeit vom Mittelpaläolithikum bis zur Römerzeit verstanden. Als Hauptforschungsquelle wird die Erforschung der Nekropolen genannt, die Aufschlüsse über die Bräuche der Bestattung und damit die Annäherung an ein Weltbild geben.
Als gegen Ende des vierten Jahrtausends die ersten schriftlichen Dokumente erschienen, lieferten diese zwar noch kaum Informationen über das religiöse Universum, da es sich um Rechnungsdokumente handelte, doch bestand bereits vor der Reichsgründung eine enge Beziehung zwischen Horus und dem König. Dabei wurde die religiöse Aktivität der Könige der ersten Dynastien besonders in den erhaltenen Fragmenten des Palermosteins hervorgehoben. So kann man nach den Autorinnen von „ägyptischer Religion“ sicher mit Beginn der dynastischen Zeit sprechen. Hier dürfte auch der konstitutive Mythos der ägyptischen Weltanschauung, der Antagonismus von Horus und Seth seinen Ursprung haben.
Von zentraler Bedeutung ist dabei die Beziehung des Königs zur Welt der Götter als guter Gott auf Erden in seiner Herrscherfunktion, die sich von Pharao zu Pharao fortsetzt. Menschlich ist der König hingegen mit allen Begrenztheiten und Schwächen einschließlich Tod versehen, im Gegensatz zu den Göttern, die einen unsterblichen Körper haben.
Den unmittelbaren Kontakt mit den Göttern suchen die Pharaonen in den Träumen und in der Magie. Zudem ist der Pharao von einer „sakralen Gloriole“ umgeben und verfügt über übernatürliche Kräfte. Nach dem Tode ist er himmlisch, insofern er Horus ist, aber auch unterirdisch als Mensch im Reich des Osiris.
Nach diesen allgemeinen Aussagen zur Rolle des Pharao wird auf den Einfluss der Eroberung Ägyptens durch Alexander sowie die Rolle des Ptolomaios und der Römer eingegangen. In der Ptolomäerzeit erwächst dem Klerus in der Gesellschaft eine beträchtliche Rolle, ohne jedoch die Macht des Königs zu untergraben. In der Römerzeit, wo die Ländereien der Tempel konfisziert werden, wird auch die Macht des Klerus beschnitten.
Nach diesen Hinweisen auf die geschichtlichen Veränderungen von Macht und Religion befassen sich die Autorinnen mit der Welt der Götter, ihrer Bezeichnung und ihrer Bildlichkeit. Dabei haben die Ägypter ihre Götter in Menschen-, Tier- oder Mischgestalt dargestellt. Ihrem Wesen nach sind sie größer als alles, was man auf Erden antrifft und ihr Körper besteht aus unvergänglichem Stoff.
Dem Kosmogonie-Modell, dem heliopolitanischen System nach, ist Atum der alleinige Demiurg, der sowohl die Götter als auch die Menschen und die Elemente schuf und eine Genealogie der Götter anführte, was von den Autorinnen mit Hinweis auf die fremden Götter eingehend beleuchtet wird.
Nach dieser Darstellung der Götter und ihrer Funktionen werden Schöpfung, Bau, Zeitlichkeit und das Funktionieren der Welt beschrieben, deren Ende von Atum in den Sargtexten beschreiben wird.
Die Verehrung der Götter erfolgte im Tempel, dem Haus des Gottes, wobei die Kulte und Feste im Lauf der Geschichte die verschiedenen Ausformungen zeigen. In diesem Zusammenhang gehen die Autorinnen auch auf die persönliche Frömmigkeit des Einzelnen, seine Beziehung zum Göttlichen ein, wobei die Maat, die Ordnung der Welt, von anderen auch einfach als Weisheit bezeichnet, die leitende Kraft darstellt und das von Träumen und Magie durchwirkte Verhalten steuert. Dieses erhält durch den Tod, der im ägyptischen Denken breite Beachtung findet, eine neue Form, wie ausführlich dargelegt wird. Ist doch das Grab der Ort des Toten, an dem er weiterleben und in freundliche und weniger freundliche Beziehungen zu den Lebenden treten kann.
Die beiden letzten Kapitel befassen sich mit den Religionen in einer sich wandelnden Zeit (4. Jh. v. Chr. bis 4. Jh. n. Chr.), nämlich die Eroberung durch Alexander, die Ansiedlung der Griechen in Ägypten und die Herrschaft der Römer, und mit den ägyptischen Religionen im Spiegel der Interpretationen. So bezeichnet Herodot die Ägypter als „außerordentlich fromm“.
Nach dieser kurzen Inhaltsangabe gilt es festzustellen, dass die umfangreiche Arbeit zu den Religionen des Alten Ägypten eine wahre Fundgrube der Stellung der Religion in den verschiedenen Epochen der Geschichte Ägyptens von den Anfängen bis ins 4. Jh. n. Chr. darstellt. Die einzelnen Abschnitte sind jeweils klar gegliedert und mit Anmerkungen versehen. Der Text ist fließend, obwohl es sich um eine Übersetzung aus dem Französischen handelt.
Ein über 100 Seiten umfassender Anhang verleiht der ohnehin schon vorzüglichen Arbeit Seltenheitswert: Chronologie bis zum 8. Jh. v. Chr. – Repertorium der Götter – Abkürzungen – Quellen – Literaturverzeichnis – Register – Karten und Pläne.
A. Resch

Rudolf Steiner: Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung. Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums. Stuttgart-Bad Cannstatt / Basel: frommann-holzboog – Rudolf Steiner Verlag, 2013 (Rudolf Steiner: Schriften – Kritische Ausgabe; 5: Schriften über Mystik, Mysterienwesen und Religionsgeschichte), LXXIX, 375 S., ISBN 978-3-7728-2635-1; 978-3-7274-5805-7, Gewebe, EUR 88.00, sFr 110.00

Mit dem vorliegenden Band 5, „Schriften über Mystik, Mysterienwesen und Religionsgeschichte“, beginnt die kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners, der wohl bedeutendsten esoterischen Bewegung des 20. Jahrhunderts. Steiners zentrale Schriften zwischen 1884 und 1910 werden in ihrer Textentwicklung und hinsichtlich ihrer Quellen und Bezüge transparent gemacht, wie der vorliegende Band zeigt. Dass diese kritische Ausgabe durch Christian Clement gerade mit Band 5 beginnt, begründet der Herausgeber damit, dass innerhalb der intellektuellen Entwicklung Steiners „Mystik“ (1901/1902) und „Das Christentum“ (1902/1910/1925) eine zentrale Stellung einnehmen. Sie dokumentieren den Übergang des Philosophen Steiner zum Mystiker und Esoteriker, und zwar aus ganz handfesten Gründen. Als er bei seinem Aufenthalt in Berlin (1897–1902) dem finanziellen Ruin nahe war, eröffnete ihm die Einladung der Sophie Gräfin von Brockdorff, einer Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft Deutschlands, zu Vorträgen über aktuelle Themen (z.B. über Nietzsche) auch geistige Räume, die ihn zur Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens (GA 7) und zum Christentum als mystische Tatsache (GA 8) führten.
In der Mystik bespricht Steiner einerseits als Gelehrter historisch greifbare Texte und Autoren, andererseits spricht er vor allem über seine eigene mystische Erfahrung und führt die jeweils besprochenen Denker und Theorien nur zur Illustration an. Saubere Quellenarbeit und Methodenschärfe nach den damaligen und heutigen Standards wissenschaftlichen Arbeitens lagen Steiner jedoch weniger. Ausdrückliches Ziel war vielmehr die mystische Erfahrung selbst, die übrigens schon in seiner Jugend einsetzte. Im Vorwort von 1923 zur Neuauflage der Mystik sagt er, dass es ihm um die Frage ging, warum eine besondere Form der Mystik und die Anfänge des gegenwärtigen wissenschaftlichen Denkens in der Zeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert aufeinanderstoßen. Die mittelalterliche Mystik verkümmerte, so Steiner, weil sie den Untergrund der Forschung verloren hatte, der den Seelenkräften die Richtung zum Geiste gibt. Es ist der Geist, welcher der Natur zugrunde liegt und der daher in ihr gefunden werden muss und nicht von außen in sie hineingetragen werden darf.
So enden die Ausführungen zur Mystik mit der Feststellung, dass Fichte und Hegel als die philosophischen, Darwin und Haeckel hingegen als die naturwissenschaftlichen Erben der europäischen Mystik zu bezeichnen sind. Das eigentliche Ziel der Mystik-Schrift, ist daher die methodologische Fundierung einer modernen, aus mystischer Erfahrung schöpfenden Geisteswissenschaft, welche mit der modernen Naturwissenschaft eine Synthese eingehen kann. Somit ist die Mystik Steiners ein transzendenzloser Immanentismus.
Dieses Interesse für Mystik setzt der monistische Erkenntnistheoretiker Steiner ab 1902 für das Mysterienwesen fort. Ab 1906 wurde er als Leiter einer esoterischen Schule zum spirituellen Führer vieler nach esoterischem Wissen Suchender und praktizierte sogar selbst in zu rosenkreuzerischen Tempeln ausgestalteten Wohnzimmern freimaurerisch inspirierte Einweihungen. Ein weiterer Kontext der Christentum-Schrift ist der zu Steiners Zeit intensiv geführte Historizismus-Streit innerhalb der Theologie und die Leben Jesu-Forschung, die er zum Teil akzeptierte, zugleich aber kritisierte, dass sie die biblischen Texte aus rein philologischer Sicht betrachte. Unter diesen Gesichtspunkten inszeniert die Christentum-Schrift die Geschichte des abendländischen Bewusstseins von der Antike bis zum Mittelalter in drei Schritten: 1. Rekonstruktion von Theorie und Praxis der antiken Mysterien, Weisheit und ihrer Reflexion in Mythos und Theorie, 2. Deutung des frühen Christentums als eine besondere Ausformung der Mysterien-Weisheit, 3. Umformung der so entstandenen frühchristlichen Mysterien-Religion in die antimystische Theologie der mittelalterlichen Kirche.
Ein zentraler Bestandteil von Steiners Darlegungen ist die gnostische Unterscheidung von Jesus als dem Menschensohn und Christus als dem Gottessohn. Entgegen der theosophischen Reinkarnationslehre vertrat er jedoch die Ansicht, dass die Inkarnation Christi in einem Menschenleib ein einmaliges Ereignis gewesen sei, das sich unmöglich wiederholen könne, was im Herbst 1912 zum Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft und zum Jahreswechsel 1912/13 zum Ersetzen des Wortes „Theosophie“ durch „Anthroposophie“, zum Streichen verschiedener Begriffe und der früheren Charakterisierung Jesu als Träger einer Buddha-Natur führte.
Neben diesen Korrekturen flossen neue Aspekte in die Neuauflage der Christentum-Schrift von 1925 ein. Dazu gehören die Profilierung des kosmischen Christus gegenüber dem historischen, der Wandel der mysteriengeschichtlichen Bewertung des Christentums und der Einbezug eigener Übertragung von Bibeltexten, um die Überlegenheit der geistigen Forschung gegenüber der historisch-philologischen Bibelkritik unter Beweis zu stellen.
Was schließlich die Wirkung der beiden Schriften betrifft, so hat die „Mystik“ nur wenig Resonanz gefunden im Gegensatz zum „Christentum“, dessen greifbarste Wirkung in der Christengemeinschaft zu sehen ist.
Die eigentliche Bedeutung der vorliegenden Arbeit liegt jedoch nicht sosehr in der Beschreibung des Inhalts als vielmehr in der Anführung der beiden Texte auf den Seiten 1 – 230 und in den Kommentaren im Anhang von 231– 340. Hier beeindrucken die Vielfalt der Querverweise und die wissenschaftlich saubere Analyse der einzelnen Textstellen.
Ein Literaturverzeichnis, Namenregister und -verweise sowie ein Bibelstellenregister beschließen diese hochwertige Arbeit, die geeignet ist, den Zugang zu den genannten Veröffentlichungen Steiners zu erleichtern und zu versachlichen.
A. Resch

Küppers, Bernd-Olaf:  Die Berechenbarkeit der Welt. Grenzfragen der exakten Wissenschaften. Stuttgart: S. Hirzel, 2012, IX, 307 S., ISBN 978-3-7776-2151-7, Gewebe, EUR 32.00

Der Physiker und Philosoph Dr. Bernd-Olaf Küppers beschäftigte sich bei seinen Forschungen am Max-Planck-Institut in Göttingen (1971–1993) mit den Prinzipien der Selbstorganisation und der Evolution des Lebens; von 1994 bis 2009 lehrte er an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Naturphilosophie.
Diese naturwissenschaftliche und philosophische Berufstätigkeit spiegelt sich auch in der vorliegenden Arbeit wieder, welche aus verschiedenen Vorträgen entstanden ist, die aber für diese Veröffentlichung entsprechend aufbereitet wurden. Es geht um die Suche nach einem Wissen, dass für sich absolute Gewissheit und Geltung beanspruchen kann.
Nach einem kurzen historischen Hinweis auf die verschiedenen Ansätze zur Beantwortung der Frage nach einer absoluten Erkenntnis der Natur zur Überbrückung der Differenz zwischen metaphysischer und empirischer Wirklichkeit befass sich der Autor mit der Frage: „Gibt es unlösbare Welträtsel?“
Nach Du Bois-Reymond, wie Küppers bemerkt, gibt es „sieben Welträtsel“, die prinzipiell unlösbar seien: das Wesen von Kraft und Materie – der Ursprung der Bewegung – die Entstehung des Lebens – die anscheinend absichtsvolle, zweck- und planmäßige Einrichtung der Natur – das Entstehen einfacher Sinnesempfindung – dass vernünftige Denken und der Ursprung der damit verbundenen Sprache – die Frage nach der Willensfreiheit.
In seinem Blick auf den heutigen Stand des Wissens sieht Küppers von den sieben jedoch nur noch zwei als Welträtsel übrig: das vernünftige Denken und die Willensfreiheit.
Das Leben entstand in der konvergenten Phase der Selbstorganisation, in deren Verlauf sich die biologischen Molekülverbände zu informationstragenden Molekülverbänden zusammengeschlossen haben. Information basiert auf Zeichen und Zeichenfolgen und deren Beziehung untereinander. Sprache ist ein Naturphänomen, denn für alle Stufen der belebten Materie, vom Biomolekül bis zum Menschen, sind die allgemeinen Prinzipien der Speicherung, Übertragung und Erzeugung von Information essentiell. „Sie alle bilden die Elemente einer Sprache, ohne welche die Entstehung der Evolution des Lebens wohl nicht möglich gewesen wäre. In diesem Sinne ist die Sprache in der Tat ein allgemeines Naturphänomen“ (S. 159), so auch das Naturschöne, zumal Ordnung und Regulation als Ausdrucksformen von Harmonie letztlich das Ergebnis evolutionärer Entwicklungen sind.
Beim Phänomen der Zeitlichkeit ist davon auszugehen, dass es die Struktur der Zeit in einem objektiven Sinn gibt und dass das menschliche Gehirn diese Struktur der Wirklichkeit auch objektiv abbildet. Das besagt nach Küppers, dass das Sein nicht bloß ein Substrat ist, auf das die Zeit einwirkt, sondern dass sich das Sein erst durch die Zeit in der Zeit konstituiert.
Auch das Weltgeschehen, das sich dem Betrachter in der Gesamtschau als Chaos erweist, lässt sich in Formeln fassen. Denn die Prozesse, die in den chaotischen Systemen ablaufen, sind ebenso einzigartig wie alle geschichtlichen Vorgänge.
Nach dieser Analyse stellt der Autor am Schluss noch die Frage: Wohin führen die Wissenschaften?, die auf der einen Seite maßgeblich unser Welt- und Menschenbild bestimmen, auf der anderen Seite wegen der zunehmenden Spezialisierung und Zergliederung die Wirklichkeit aus dem Blick verlieren und damit einen Wirklichkeitsverlust verursachen. Die Antwort geht dahin, dass die Grenzen der herkömmlichen Wissenschaftsdisziplinen von den Strukturwissenschaften, auch „computational sciences“ genannt, abgelöst werden, da erst durch sie die komplexen Phänomene in Natur und Gesellschaft wissenschaftlich verständlich gemacht werden können.
„In Zukunft wird es nicht mehr so sehr darauf ankommen, über die Bildungsinstitutionen Wissensinhalte zu vermitteln, als vielmehr Wissenspraktiken, die den Einzelnen zum konstruktiven Umgang mit Wissen befähigen“ (S. 286). Daher kann das Ziel wissenschaftlichen Forschens und Denkens nur auf dem Weg der Berechenbarkeit der Welt erreicht werden.
Diese Berechenbarkeit der Welt bewegt sich völlig im immanenten Bereich „Welt“, wo sich das Leben durch Selbstorganisation aus dem Chaos gebildet hat. Nur Denken und Willensfreiheit fallen noch aus dem strukturierten Rahmen. „Aber nichts spricht gegen die Annahme, dass auch diese Probleme eines Tages ihren rätselhaften Charakter verlieren werden“ (S. 55.).
So kann man die Arbeit als einen Einblick in das naturwissenschaftliche Bemühen, Welt und Mensch berechenbar zu machen, bezeichnen. Die Ausführungen sind durch eine Reihe von Abbildungen bereichert, mit zahlreichen Anmerkungen versehen und werden durch ein Literaturverzeichnis, den Angaben der Textquellen und ein Sach- und Autorenregister abgeschlossen.
A. Resch

Ramachandran, Vilayanur S.: Die Frau, die Töne sehen konnte – Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Reinbek: Rowohlt, 2013, 524 S., ISBN 978-3-498-05794-7, Kart., EUR 24.95

In diesem interessanten Werk geht es dem aus Indien stammenden und am „Center for Brain and Cognition“ in San Diego lehrenden und arbeiten­den bekannten Neurowissenschaftler um die rätselhaften, schwer fassba­ren Verbindungen zwischen Gehirn, Geist und Körper. Nur wer grundsätzliche Fragen stellt, kann nach Antworten suchen, auch wenn diese nur vor­läufig sind. Solche fundamentalen Forschungsfragen sind: Wie nehmen wir die Welt wahr? Was hat es mit der sogenannten Geist-Körper-Verbindung auf sich? Was ist Bewusstsein? Wie entsteht Autismus? Wie kann man als Neuro­wissenschaftler so rätselhafte menschliche Fähigkeiten wie Kunst, Sprache, Metaphorik, Kreativität, Ich-Bewusstsein und religiöse Empfindungen ver­stehen? Ramachandran akzentuiert sein Grundproblem: „Als Wissen­schaftler treibt mich die Frage um, wie es der Evolution gelang, dem Ge­hirn eines Affen – eines Affen! – eine solche Fülle gottähnlicher Fähig­keiten zu entlocken.“ Mit ähnlichen Grundsatzfragen beschäftigt sich der Wiener Nobelpreisträger für Medizin Eric Kandel in seinem Buch Das Zeit­alter der Erkenntnis – Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn (München 2012). In die gleiche Richtung weisen die Argumente des Medizin-Nobelpreisträgers G. M. Edelman, die er in seinem Werk Gött­liche Luft, vernichtendes Feuer – Wie der Geist im Gehirn entsteht (München 1995) diskutiert hat. Für Ramachandran und Edelman spielen die kontrovers diskutierten „Qualia“ eine intensiv erörterte Rolle (vgl. Re­zension in GW 1995/4). Die zusammenfas­sende Würdigung erlaubt nur wenige exemplarische Hinweise auf einige mar­kante Aussagen. Ramachandran unterscheidet sehr klar zwischen wis­senschaftlich abgesicherten Erkenntnissen und spekulativen Annahmen und Vermutungen. Ein oft verwendetes Hilfsmittel mit Brückenfunktion zwischen Empirie und Spekulation sind sogenannte „Gedankenexperimente“. Er ver­teidigt nachdrücklich folgende These: „Wir müssen unsere besten Hypothe­sen, unsere Ahnungen und verrückten, unausgegorenen Vermutungen ausbrei­ten und uns dann den Kopf zerbrechen, wie wir sie überprüfen können.“ Fragen sollen die treibende Kraft der wissenschaftlichen Forschung sein, aber keine methodologischen Erwägungen. Menschen sind nicht nur Affen, Säugetiere und Wirbeltiere. Sie sind nicht nur schwammige, pulsierende Kolonien aus mehreren zehn Billionen Zellen. Jeder Mensch ist vielmehr etwas Einzigartiges, nie Dagewesenes, etwas Transzendentes. „Wir sind etwas völlig Neues unter der Sonne – mit einem unausgeloteten und viel­leicht grenzenlosen Potenzial.“ Ramachandran liefert viele Fallbeispie­le aus seiner Beratungspraxis. Er behandelt insbesondere Patienten, die durch Schlaganfälle, Tumore oder Kopfverletzungen Hirnschädigungen erlit­ten haben und infolgedessen in Wahrnehmung und Bewusstsein beeinträchtigt sind. Er spricht immer wieder von sogenannten „Phasenübergängen“ in der Evolution, die für die Entstehung des Menschen entscheidend waren. Ein solcher Phasenübergang brachte uns Errungenschaften wie eine vollständig entwickelte menschliche Sprache, künstlerische und religiöse Empfindun­gen, Bewusstsein und Selbstwahrnehmung (Selbstreflexien). Ein entscheidender Faktor in der menschlichen Evolution ist die Neuroplastizität. Sie steht in Verbindung mit der „Neotenie“, d. h. mit der verlängerten Kindheit und Jugend des Menschen. Ohne Neotenie und Plastizität wären wir noch immer „nackte Savannenaffen“, ohne Feuer, Schrift, Überlieferung, Glau­ben oder Träume. Die Synästhesie liefert einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis einiger der rätselhaftesten Aspekte des menschlichen Verstan­des und des Denkens. An dieser Stelle weist Ramachandran auf die umstrit­tenen „Qualia“ hin. In mehreren Kapiteln beschäftigt er sich mit den soge­nannten „Spiegelneuronen“, die möglicherweise eine entscheidende Rolle gespielt haben für unsere Entwicklung zu einer einzigartigen Spezies, die über Kultur verfügt. In diesem Kontext werden fünf Grundsatzfragen dis­kutiert, deren Beantwortung für die Evolution des menschlichen Geistes und Gehirns wichtig sind. Allerdings sind die Antworten bislang immer noch nicht zufriedenstellend. Sie können an dieser Stelle nicht vorgestellt werden.
Mit den Spiegelneuronen hat es eine genetische Veränderung im menschli­chen Gehirn gegeben, die uns paradoxerweise von der Genetik befreite, indem sie unsere Fähigkeit, voneinander zu lernen, weiter verstärkte. „Diese einzigartige Fähigkeit erlöste uns Menschen von den Darwin’schen Fesseln und ermöglichte die Verbreitung neuer Erfindungen, neue Kultur, neue Zivilisation.“ Abschließend ist noch anzumerken, dass das ausführ­liche Glossar und die detaillierten Anmerkungen eine wichtige Lesehilfe sind. Ein ebenso ausführliches (aktuelles) Literaturverzeichnis regt überdies zum weiteren vertiefenden Studium an.
G. Kleinschmidt, Leonberg-Ramtel

Dillinger, Johannes: Kinder im Hexenprozess. Magie und Kindheit in der Frühen Neuzeit. Stuttgart: Franz Steiner, 2013, 264 S., ISBN 978-3-515-10312-1, Geb., EUR 24.90

Universitätsdozent Dr. Johannes Dillinger unterrichtet Geschichte an den Universitäten Oxford und Mainz. Bereits 2007 erschien sein Buch Hexen und Magie. Die vorliegende Arbeit handelt von der Rolle der Kinder bei den Hexenprozessen und von Magie und Kindheit in der Frühen Neuzeit. Unter Kinderhexenprozessen versteht der Autor Kriminalprozesse, die sich mit dem Delikt der Hexerei befassten und in deren Zentrum als Beklagte oder Belastungszeugen Kinder standen. Als Kinder galten Jugendliche bis zu einem Höchstalter von 16 Jahren. Hexerei wurde in der Zeit vom 14. bis ins 18. Jahrhundert als schwerstes Verbrechen überhaupt angesehen. Dillinger beschränkt sich in seiner Arbeit auf das 16. bis 18. Jahrhundert, also die Frühe Neuzeit, und geografisch auf den europäischen Raum.
Der damalige Volksglaube kannte eine Unzahl von Geistwesen, vom Teufel bis zu Naturgeistern. Nachdem die Reformation das Fegefeuer abgeschafft hatte, fielen auch die im Allgemeinen gutmütigen Totengeister aus, und das gesamte Geisterwesen bekam den Anstrich von Tricks des Teufels. Damit ging auch die in der katholischen Kirche heute noch übliche Verbindung mit den Verstorbenen verloren. In diesem Zusammenhang erläutert der Autor die Rolle der Magie, die vor allem in der Mantik der Beschaffung der magischen Wissenstechnik diente, um durch Aussagen, die anderen nicht zugänglich sind, Macht auszuüben. Allerdings war Hexerei nicht einfach Magie, sondern bestand nach Dillinger aus fünf Komponenten: Pakt mit dem Teufel, Geschlechtsverkehr mit Dämonen, Flug durch die Luft, Teilnahme an geheimen Zusammenkünften der Hexen und schädigender Magie. Magie war grundsätzlich verboten und strafbar.
Wenn Dillinger in diesem Kontext darauf verweist, dass die Inquisition vornehmlich nur Ketzer und Apostaten bekämpfte, so kann dem nur bedingt zugestimmt werden, ging es doch beim ersten Hexenprozess in Tirol um eine Frau, der magische Handlungen vorgeworfen wurden. Bemerkenswert ist hingegen der offene Hinweis auf den immer noch gepflegten Irrtum, dass die katholische Kirche an der Hexenverfolgung schuld sei – ein Vorwurf, der sich nach Dillinger in der deutschen Öffentlichkeit lediglich als Spätfolge der kirchenfeindlichen Propaganda des Kulturkampfes und der NS-Diktatur halten kann.
Die Grundlage für die Verfolgung von Hexen wurde, völlig unabhängig von der kirchlichen Inquisition, von den weltlichen Herrschern gelegt – dies, obwohl in der Carolina, dem Strafgesetzbuch von 1532, das Sammeldelikt Hexerei und der Kontakt mit Dämonen nicht einmal erwähnt wird. Die Todesstrafe sah das Gesetz für Schadenzauber vor. Andere Formen der Magie blieben dem Ermessen der Richter überlassen. Die Kursächsischen Konstitutionen von 1572 schrieben hingegen die Todesstrafe für den Teufelspakt vor.
Die zentrale Schwäche der Hexenprozesse war das Indizienrecht. Dies gab den Hardlinern unter den Richtern breiten Spielraum, wie der Autor am konkreten Fall von Marion Clerk aus dem Jahre 1499 in Great Ashfield in der englischen Grafschaft Suffolk illustriert.
Weitere Themen sind die Entführung von Kindern durch Geister, die Kinder der Hexen selbst sowie die Bedrohung der Kinder durch Hexen. So sollten die Hexen aus Kinderleichen Zaubermittel herstellen, womit sich heute die chemische Industrie befasst, und dem Satan neugeborene Kinder übergeben. Kinder traten aber auch ihrerseits als Denunzianten auf. Insgesamt waren es aber die Erwachsenen, welche die Kinder zu Kinderhexen stempelten, indem sie normale Äußerungen der Kinder für ihre Zwecke nutzten. Anspielungen der Kinder auf Hexerei wurden falsch interpretiert, schließlich sprachen Kinder über Hexen und Hexerei mit dem klaren Ziel, die Verfolgungen zu beeinflussen.
All das wird anhand von Fallstudien ausführlich dokumentiert, die historisch, gesellschaftlich und juridisch besonders aufschlussreich sind.
Abschließend geht der Autor noch auf Muster und Strukturen der Kinderhexenprozesse ein. Diese waren vielfach die ersten und letzten Ausläufer der Hexenprozesse und endeten daher größtenteils nicht mehr mit Hinrichtungen.
Das Buch ist sehr flüssig geschrieben, mit einigen Abbildungen und Literaturhinweisen versehen, nicht aber mit durchgehenden Quellenangaben, was besagt, dass es der allgemeinen Information dient, die in sich fundiert ist. Gerade diese Sachlichkeit ist es, die beeindruckt und die Arbeit lesenswert macht.
Dass Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis. Personen- und Sachregister hat man sich erspart.
A. Resch

Weidner, Daniel / Willer, Stefan (Hg.): Prophetie und Prognostik. Verfügungen über Zukunft in Wissenschaften, Religionen und Künsten. München: Wilhelm Fink, 2013 (Trajekte: eine Reihe des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin), 346 S., ISBN 978-3-7705-5359-4, EUR 44.90

Der vorliegende Sammelband, herausgegeben von den stellvertretenden Direktoren des Zentrums für Literatur-und Kulturforschung Berlin, den Privatdozenten Daniel Weidner und Stefan Willer, enthält zum Großteil die Beiträge einer Tagung vom November 2010 am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Dabei geht es darum, das Sprechen über Zukunft und seine politischen, epistemischen und ästhetischen Implikationen insbesondere in Wissenschafts- und Religionsgeschichte im Blick auf Prophetie und Prognose aufzuzeigen. Die Beiträge werden nach einer Einführung von den Herausgebern in fünf Gruppen gegliedert:
POLITIKEN DER ZUKUNFT:
Brian Britt: Die Zukünfte der biblischen Prophetie;
Daniel Weidner: Mächtige Worte. Zur Politik der Prophetie in der Weimarer Republik;
Benjamin Bühler: Von „Hypothesen, die auf einer Hypothese gründen“. Ökologische Prognostik in den 1970er Jahren;
Armin Grunwald: Prognostik statt Prophe-
zeiung. Wissenschaftliche Zukünfte für die Politikberatung.
SCHAUPLÄTZE DES SPRECHENS:
Herbert Marks: Der Geist Samuels. Die biblische Kritik an prognostischer Prophetie;
Robert Stockhammer: Das Tier, das vorhersagt. Ver-Sprechakte zwischen Pro- und Para-Sprechakten, besonders im Bereich des Klimawandels;
Birgit Griesecke: Then you know. Sprachspiele der Pränataldiagnostik.
TECHNIKEN DER MODELLIERUNG:
Bernd Mahr: Zum Verhältnis von Angst, Prophezeiung und Modell, dargelegt an der Offenbarung des Johannes;
Margarete Vöhringer: Die Zukunft der Architektur. Utopisches und Konkretes im Bauen der russischen Avantgarde;
Gabriele Gramelsberger: Intertextualität und Projektionspotenzial von Klimamodellen.
NACHLEBEN DER VORGÄNGER:
Angelika Neuwirth: Der Prophet Muham-
mad. Ikone eines Rebellen im Wahrheitsstreit oder Tabula rasa für den Empfang göttlicher Wahrheit;
Ian Balfour: Über den Geist der Prophetie. Shelley zwischen Spinoza und Benjamin;
Jürgen Brokoff: Prophetie, Poeta vates und die Anfänge moderner Dichtungswissenschaft. Anmerkungen zur Konstellation Hölderlin – Hellingrath – George.
WISSEN DES UNGEWISSEN:
Rüdiger Campe: Prognostisches Präsens. Die Zeitform des probabilistischen Denkens und ihre Bedeutung im modernen Roman;
Stefan Willer: Zwischen Planung und Ahnung. Zukunftswissen bei Kant, Herder und in Schillers „Wallenstein“;
Elena Esposito: Formen der Zirkularität in der Konstruktion der Zukunft. .
Die aufgelisteten Autoren und ihre Beiträge zeigen, dass es in diesem Band nicht nur um eine Geschichte des Zukunftswesens geht, sondern auch um die Frage der Unschärfen in der Darstellung der Zukunft. Dabei werden Prophetie und Prognostik weder gegeneinander ausgespielt noch voneinander abgeleitet, zumal nach den Herausgebern Prophetie und Prognostik prinzipiell mehr an Wissen, Autorität und Verfügungsgewalt versprechen als sie halten können, weil sie dies nur als Versprechen formulieren, da für menschliche Erkenntnisse komplexe Auslegungsschritte notwendig sind. Der biblische Prophet verkörpert hingegen das Paradox eines Boten, der eine Botschaft von jemand anderem bringt. Die Wahrheit einer Prophetie kann sich allerdings nur nach dem Eintreffen oder Ausbleiben dessen richten, was sie vorhersagt. Im Gegensatz dazu sind die Träger prognostischen Wissens, die Mantiker, Seher und Visionäre, immer auch Rollenmodelle politischen Handelns, die Revolutionen schüren oder den Untergang prognostizieren, denn vom rein menschlichen Wissen her gesehen kann jede Zukunft immer nur aus der jeweiligen Gegenwart heraus in die Zukunft projiziert werden. Dies trifft sowohl für die Politik als auch für die ökologische Prognostik und die wissenschaftliche Zukunftsdeutung der Politik zu.
Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Zukunftsdeutung erfolgen die prognostischen Entwürfe in Architektur, Kunst und Literatur auf einer prognostischen Empfindungsebene, die nicht nur gestalten, sondern auch gesellschaftlich wirken. Mögen vor allem in der Architektur die futuristischsten Pläne niemals realisiert werden, weil sie meist an der finanziellen Schranke scheitern, so sind sie doch Ausdruck einer Vision, die über das Konkretisierte hinaushebt. Allerdings haftet jeder Prognose sehr rasch das Merkmal von Gestern an, weil sich das Empfindungsgefüge, was äußere Formen betrifft, ständig ändert. Ausgenommen davon sind jene Ausdrucksweisen, insbesondere in Dichtung und Musik, die psychologische Grundempfinden ansprechen.
Das Besondere des vorliegenden Bandes liegt nun gerade darin, dass zwischen Prophetie im biblischen Sinn und Prognostik wohl unterschieden wird, man diese aber nicht in Konkurrenz stellt. Damit weitet sich der Horizont des Zukünftigen, was nicht nur für die menschliche Kreativität sondern auch für den konkreten Lebensvollzug von grundsätzlicher Bedeutung ist.
Die einzelnen Beiträge sind übersichtlich gestaltetet, mit zahlreichen Quellenangaben versehen und dennoch flüssig geschrieben. Wie heute bei solchen Veröffentlichungen allgemein gepflegt, bildet den Schluss ein Autoren- und Abbildungsverzeichnis. Ein Sach- und Autorenregister sucht man hingegen vergebens. Dessen ungeachtet muss die Arbeit als eine mutige und vielschichtige Darlegung von Prophetie und Prognostik als Impuls für einen breitgefächerten Lebensentwurf bezeichnet werden.
A. Resch

 

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch