REZENSIONEN 2017/16

GW 2017/1

Dietz, Karlheinz / Hannick, Christian / Lutzka, Carolina / Maier, Elisabeth (Hg.): Das Christusbild: zu Herkunft und Entwicklung in Ost und West. Akten der Kongresse in Würzburg, 16.–18. Oktober 2014, und Wien, 17.–18. März 2015. Würzburg: Echter, 2016 (Das östliche Christentum: Neue Folge; 62), 883 S., ISBN 978-3-429-04199-1, Geb., EUR 69.00 [D], 71.00 [A]

Der vorliegende Band enthält die schriftlichen Fassungen der Vorträge von zwei thematisch eng verwandten wissenschaftlichen Kongressen zum Thema Christusbilder. Der erste Kongress zum Thema Das Christusbild. Herkunft und Ursprung in Ost und West wurde vom Ostkirchlichen Institut an der Universität Würzburg organisiert und fand dort vom 16.–18. Oktober 2014 statt. Die zweite Tagung folgte am 17. und 18. März 2015 mit dem Titel Spuren vom Heiligen Antlitz: Sindon, Sudarium, Mandylion, Veronika, Volto Santo im Wiener Edith-Stein-Haus. Sie wurde von der Wiener Katholischen Akademie in Zusammenarbeit mit dem genannten Würzburger Institut organisiert.
Der vorliegende Sammelband mit den Beiträgen der einzelnen Referenten samt zahlreichen Abbildungen kann hier aus Platzgründen nur stichwortartig durch Nennung der einzelnen Autoren und ihrer Beiträge, durch kurze Inhaltshinweise und eine allgemeine Beurteilung am Schluss vorgestellt werden.
Karlheinz Dietz: Einführung und Kongressnotizen gibt als Mitherausgeber und fundierter Kenner der Thematik einen tiefschürfenden Einblick in Kontroversen und Forschung zu Grabtuch und Mandylion, der für beide Tagungen orientierend wirkt.
Auf der Tagung Das Christusbild. Herkunft und Ursprung in Ost und West (Kongress Würzburg 16.–18. Oktober 2014) wurden von den Referenten folgende Themen behandelt:
Christoph Dohmen, Regensburg: Das alttestamentliche Bilderverbot und die Entstehung der Christusbilder verweist auf die alttestamentlichen Voraussetzungen der Verehrung des Christusbildes in dem Sinn, dass nicht das Bild, sondern Christus selbst der Verehrte ist.
Stefan Heid, Rom: Das Sehen beim Beten. Visuelle Elemente der frühchristlichen Liturgie verdeutlicht, dass bereits in den ältesten Kirchen die Bildausstattung an den Längswänden zum Altarraum hinführte.
Peter Bruns, Bamberg: Die Geschichte von König Abgar und das Christusbild in der syrischen Überlieferung berichtet über das Zeugnis des Theodor Abû Qurra, die syrische Addai-Legende und die theologischen Erwägungen von Ephräm dem Syrer († 373).
Gregor Emmenegger, Fribourg: Der Abgarbrief und seine Verwendung in koptischen Amuletten legt den Text des Briefes in einer neuen koptischen Version auf einem schmalen Papyrusamulett vor.
Josef Rist, Bochum: Das Bild von Kamuliana und seine Bedeutung für das frühe Byzanz beschreibt den Weg des nicht von Menschenhand gemachten Bildes von Kamuliana (Kapadokien) nach Konstantinopel, wo es als Palladium diente und für das frühe Byzanz eine besondere Bedeutung er-
hielt.
Hans Georg Thümmel, Greifswald: Die Christusbilder in Byzanz vom 6. Jahrhundert bis zum Ende des Bilderstreits gibt einen Überblick über den nur noch geringen ikonographischen Bestand von Christusbildern des 6.– 8. Jahrhunderts in Byzanz.
Karl Christian Felmy, Effeltrich: Theologie der Christus-Ikone betont die inkarnatorisch-christologische Verankerung der Ikonen in den Konzilsentscheidungen (692 und 787) und in der Theologie des Johannes von Damaskus und erläutert an konkreten Beispielen den Weg zur orthodoxen Theologie der Christus-Ikone.
Mechthild Flury-Lemberg, Bern, Die Leinwand mit dem ungemalten Christusbild – Spuren ihrer Geschichte stellt fest, dass nach dem textilen Befund nichts dagegen spricht, dass es aus der Zeit Jesu stammen könnte.
Giuseppe Ghiberti, Turin: Bibel und Turiner Grabtuch sagt, dass die Bestattungsberichte der Synoptiker ohne Schwierigkeiten mit dem Turiner Grabtuch vereinbar seien. Der Exeget Ghiberti ist Präsident der Turiner Grabtuchkommission.
Bruno Barberis, Turin: A Panorama of the scientific studies concerning the Shroud of Turin gibt einen informativen Überblick über den Stand der naturwissenschaftlichen Forschung zum Grabtuch und befasst sich dabei mit der Bildentstehung, den Blutuntersuchungen, den Mirkroorganismen, den Computeranalysen, der sog. Negativität der Fotografien und der Datierung des Tuches.
Gian Maria Zaccone, Turin: Dalle acheropite alla Sindone: pietà e storia befasst sich mit dem historischen Zusammenhang zwischen den frühen Acheiropoietoi Christi und dem Turiner Grabtuch als Zugangsweise des Betrachters und Verehrers. Zaccone ist Direktor des Grabtuchmuseums von Turin.
Andrew Palmer, Zwijndrecht, Edessan Images of Christ with an appendix an the Life of Daniel of Aghlosh beschäftigt sich mit den als Mandylion bezeichneten Christusbildern von Edessa in der griechischen und syrischen Überlieferung bis 944. Er lehnt ihre Identität mit dem Grabtuch ab und bespricht schließlich das Christusbild in der syrischen ‚Vita des Daniel von Aghlosh‘, das er als ein zwischen 413 und 417 gemaltes Bild betrachtet.
Christian Hannick, Würzburg: Das Christusbild in der armenischen Überlieferung zeigt, dass die armenische Überlieferung mehr am Brief König Abgars als am Christusbild interessiert war.
Jadranka Prolović, Wien, Das „Wahre Bild“ Christi in der slawischen Überlieferung verfolgt die von Byzanz ausgehende reichhaltige slawische Überlieferung zum Christusbild. Am häufigsten wird das Mandylion bis heute in Russland verehrt. Der Bote König Abgars ist Lukas.
Jannic Durand, Paris: L’image d’Abgar à la Sainte-Chapelle de Paris vertritt die Ansicht, dass das in Konstantinopel verehrte Mandylion durch den hl. König Ludwig IX. um 1240 in die Sainte-Chapelle von Paris gebracht, später als Veronica bezeichnet wurde und nicht mit dem Grabtuch identisch war, aber nicht das Interesse des Königs auf sich zog. In der französischen Revolution wurde es zerstört.
Rainer Riesner, Dortmund: Von Jerusalem nach Edessa? Ein möglicher Weg des Grabtuchs Jesu im 1. bis 3. Jahrhundert geht von der Annahme aus, dass die Tücher aus dem Grab am ehesten innerhalb der Familie des Gekreuzigten aufbewahrt worden seien. Er zeigt auf, dass in einem nicht kanonischen Text der Herrenbruder Jakobus tatsächlich mit Addai, dem Missionar von Edessa, verbunden war.
Karlheinz Dietz, Würzburg: Abgars Christusbild als Ganzkörperbild weist darauf hin, dass es alte Texte gebe, die dem Abgarbild die Eigenschaft eines Ganzkörperbildes verleihen und es nicht auf das Mandylion zu reduzieren sei.
Carolina Lutzka, Würzburg: Die byzantinischen Hymnen auf das Mandylion untersucht die Hymnentexte der Menäen (liturgisches Buch) zum 16. August, dem Gedächtnis der Übertragung des Mandylions von Edessa nach Konstantinopel, hinsichtlich der Bezeichnungen, der Beschaffenheit des Materials und der Entstehung des Christusbildes.
Alexei Lidov, Moskau: The Shroud of Christ and the Holy Mandylion in Byzantine Hierotopy betont, dass es sich beim Grabtuch um zwei verschiedene Reliquien gehandelt hat, die in der Pharoskapelle von Konstantinopel aufbewahrt wurden. Die dortige Sindon war vielleicht mit dem Turiner Grabtuch identisch.
Enrico Morini, Bologna: Aìr, Epitáfios-Plaščanica, Antimínsion and the Turin Shroud handelt von der Bezeichnung dreier Tücher, die in der Liturgie der orthodoxen Kirche verwendet werden. Morini beschreibt ihre Geschichte, ihre Übereinstimmungen und Unterschiede zum Grabtuch.
Ilaria L. E. Ramelli, Mailand/Detroit, MI: Σινδών – Mandylion – Turin Shroud? The Long Development of the Abgar Legend and the Emergence of the Image of Jesus hält eine Gleichsetzung von Sindān der Evangelien, Mandylion und Sindone di Torino für wahrscheinlich.
Martin Illert, Hannover: Mandylion und Turiner Tuch beschreibt das Mandylion im Rahmen der Theorie der visuellen Wahrnehmung und gibt sich bezüglich der Identität von Mandylion und Turiner Grabtuch zurückhaltend.
Nach diesen Beiträgen zum Kongress von Würzburg folgt ein tabellarischer Einschub von 88 Farbtafeln zu den einzelnen Beiträgen, gefolgt vom Bericht über die Tagung in Wien.
Auf der Tagung Spuren vom Heiligen Antlitz. Sindon, Sudarium, Mandylion, Veronica, Volto Santo (Tagung Wien, 17.–18. März 2015) wurden von den verschiedenen Referenten folgende Themen angesprochen:
Giuseppe Ghiberti, Turin: Soudarion und Sindon behandelt das Begriffspaar sudarium und sindon. Das Sudarium dürfte auf die Kinnbinde hinweisen, das bei der Bestattung Jesu zusammengerollt und dann nicht mehr aufgelöst wurde. Die sindon bilden eine Verkleinerungsform von othone und werden häufig mit „Binden“ übersetzt.
Jadranka Prolović, Wien: Mandylion und Veronica: Eine Gegenüberstellung zweier Acheiropoietoi zeigt, in Anlehnung an die östliche Legende des Mandylions, dass im 12./13. Jahrhundert Mandylion und Veronika-Bild miteinander verbunden und teilweise sogar identifiziert wurden.
Alexander Rausch, Wien: Hymnen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit für die Verehrung des Hl. Grabtuchs und der Veronica behandelt die Konstanten und Varianten in der musikalischen Entwicklung der spätmittelalterlichen Veronica-Hymnen.
Karlheinz Dietz, Würzburg: Die Schwarze Veronica und ihre Maske – Eine Skizze zur Vera Icon im Vatikan untersucht, gestützt auf die Schriften von Giacomo Grimaldi und Francesco Maria Torrigio, die Arbeit des Kanonikers Pietro Strozzi von 1616/17. Das Veronica-Bild wurde bereits 1125 mit dem Abgarbild identifiziert.
Roberto Falcinelli, Rom: Der Schleier der Veronica und das Antlitz von Manoppello. Neue Untersuchungen und Erkenntnisse berichtet über die von ihm persönlich vermessenen Veronica-Schreine von 1350 bis 1675 und korrigiert die im 16. und 17. Jahrhundert aufgekommene Behauptung, die Veronika sei gestohlen worden. Das Bild selbst hält er für ein Gemälde.
Erwin Pokorny, Wien: Die Tüchleinmalerei und der Schleier von Manoppello bezeichnet den Volto Santo auf dem Schleier von Manoppello als lichtdurchlässige Tüchleinmalerie, die hauptsächlich mit Tinte auf feinstem Leinen ausgeführt worden sei. Der Kunsthistoriker Pokorny sieht darin Anklänge an Gemälde des Löwener Stadtmalers Dirk Bouts, die Stirnlocke weise jedoch auf einen deutschen Künstler hin.
Mechthild Flury-Lemberg, Bern: Das Wunder von Manoppello oder die Realität eines Gemäldes. Anmerkungen zum Schleier von Manoppello zeigt praktische Experimente von Transparenzmalerei auf extrem feinen Geweben, die vor dem Licht völlig verschwinden.
Felicitas Maeder, Basel: Nicht überall, wo Byssus draufsteht, ist Muschelseide drin. Sprachliche und materielle Aspekte eines Missverständnisses – und die Folgen, verweist darauf, dass ein nur annähernd transparentes Gewebe aus Muschelseide bislang nicht bekannt ist. Zudem bezeichnete Byssus bis in die frühe Neuzeit ein sehr feines Gewebe, das in der Regel aus Leinen bestand.
Paulus Rainer, Wien: “Uno de veli di Sta veronica”. Das Schweißtuch der Veronika in der Geistlichen Schatzkammer Wien erläutert die Untersuchungen der Veronika in der kaiserlichen Schatzkammer Wien. Die Untersuchungen des Rahmens und der bei der Anfertigung verwendeten ungewöhnlichen Tropftechnik machten es sehr wahrscheinlich, dass die Wiener Kopie Pietro Strozzi zuzuweisen sei.
Elisabeth Maier, Wien: Zur Verehrung der Veronica im 19. Jahrhundert gibt Einblick in die Verehrungsgeschichte der Veronica im 19. Jahrhundert und darüber hinaus.
Die hier kurz angedeuteten Inhalte der Beiträge zum „Christusbild“ auf dem Kongress in Würzburg (2014) und der Tagung in Wien (2015) bieten aus historischer Sicht einen breit gefächerten Einblick in das Thema. Die Beiträge sind durchgehend mit zahlreichen Belegen versehen, sogar mit Übersetzungen von seltenen Texten, wie dem Abgartext durch Karlheinz Dietz, und angereichert mit zahlreichen Abbildungen, sodass man von einem echten Kompendium zum Christusbild sprechen kann, was die historischen und künstlerischen Daten betrifft. Die naturwissenschaftlichen Aspekte der Thematik werden hingegen nur angedeutet.
Problematischer ist hingegen die allgemeine Gestaltung des Buches. Die 88 Farbtafeln mit seltenen Bildern und hervorragendem Druck hätte man auf Kunstdruck- statt auf Werkdruckpapier darstellen müssen, zumal sich die reinen Papierkosten in Grenzen halten. Zudem ist das Fehlen eines Personen- und Sachregisters geradezu unverständlich, wenngleich dies bei Kongressberichten die Norm zu sein scheint. Bei diesem Band geht es jedoch um eine höchst bedeutsame Dokumentation, die viele Fragen beantwortet, sofern man die Stellen auch finden kann.
Abseits dieser Randbemerkungen ist das Buch jedem zu empfehlen, der sich für das „Christusbild“ interessiert.
Andreas Resch, Innsbruck

Schetsche, Michael / Berenike-Schmidt, Renate (Hg.): Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. Bielefeld: transcript, 2016, 262 S., ISBN 978-3-8376-3185-2, Kart., EUR 29.99

Der vorliegende Sammelband befasst sich in 6 Beiträgen mit den veränderten Bewusstseinszuständen von Rausch, Trance und Ekstase auf der Ebene einer sozialhistorischen Diskussion. Rausch, Trance und Ekstase sind einerseits Ausgangspunkt von Abgrenzungsdiskursen und -praktiken zur
Herstellung der allgemeinen sozialen Ordnung, andererseits bieten sie eine Möglichkeit des Ausstiegs aus der sozialen Ordnung zur individuellen Befreiung vom kontrollierten Alltagsleben. Der gegebene Modus einer maximalen Konstruktion der Wirklichkeit von heute machte eine Veränderung in der kulturellen Interpretation und Bewertung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit notwendig. So ist der Rausch heute einerseits mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft an das Individuum unvereinbar, andererseits enthält er eine Funktion psychischer Entlastung. Daher werden Alkoholrausch und andere veränderte Bewusstseinszustände zu einem kulturellen Gegenhorizont. Die Vorstellung, dass Rausch, Trance und Ekstase grundsätzlich problematische Bewusstseinszustände seien, gilt nach Michael Schetsche in seinem einleitenden Beitrag als eine Besonderheit der westlichen Moderne.
Mit der Zeit des Rauschs befasst sich Robert Feustel. Nach ihm werden Rauscherfahrungen zunehmend als Vehikel der Verbesserung der eigenen Kreativität oder Leistungsfähigkeit gesehen.
Die Rauschkultur der DDR beschreibt Ina Schmied-Knittel. Im Marxismus und Leninismus, der politischen Ideologie der DDR, war Drogenkonsum als Gesellschaftssystem eine wesensfremde Erscheinung. Der neue sozialistische Mensch sollte klar denken und nüchtern handeln. In Wirklichkeit lag die DDR in Sachen Alkohol international im Spitzenbereich, und zwar als Gegenkultur in Form von Flucht vor den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen des real existierenden Sozialismus.
Auf den Konsum von psychotropen Substanzen in Kriegssituationen geht Wolf-Reinhard Kemper ein. Kampf, Gefecht und Krieg schaffen für den Menschen Grenzerfahrungen, die als Rausch, Trance und Ekstase wahrgenommen werden. Dabei ist Tabakkonsum als der kleine Rausch seit 600 Jahren ein Fluchtmittel der Soldaten. Ferner ist der Einsatz von Drogen im Krieg als Waffe zur Steigerung der Überlegenheit der Kämpfer schon aus der Antike bekannt, wobei die verwendeten Drogen jeweils nach den Kenntnissen ihrer besonderen Wirkkraft zum Einsatz kommen.
Die Verbindung von Rausch, Trance, Ekstase mit dem gesellschaftlichen Unbewussten beschreibt Lorenz Böllinger. Nach ihm lassen sich Drogenabstinenz und Drogenverbot nicht erzwingen, da Rausch, Trance, Ekstase zur urmenschlichen Suche nach ewiger Lust, Sinn, Spiritualität und Hochgefühl gehören, nicht selten verbunden mit Unkontrollierbarkeit und Abhängigkeit. Die dabei entstehenden Probleme kommen nicht nur aus der Droge, sondern primär aus den persönlichkeitsmäßigen und objektiven gesellschaftlichen Bedingungen ihres Konsums.
Zur Soziologie des sexuellen Rausches schreibt Thorsten Benkel, dass sexuelles Handeln paradox ist, zumal kaum etwas so tabuisiert zu sein scheint wie das sexuelle Geschehen zwischen zwei Menschen. Wo nämlich private Zusammenhänge de-privatisiert und zur potenziellen massenhaft rezipierten Unterhaltungsware umformatiert werden, setzt die immanente Überwachung ein. Was das Wesen des sexuellen Rausches betrifft, so bestehe dieses möglicherweise darin, einem Phantom nachzujagen, dessen Maske nicht abgenommen werden kann, weil sie darunter nichts birgt.
Mit der Dionysischen Ekstase in der griechischen Antike befasst sich Susanna Gödde. Beim Kult des Dionysus, der ohne Alkoholgenuss stattfand, sind Ekstase und Festfreude streng voneinander zu trennen. Die Ekstase wurde durch Tanz zum Rhythmus der Musik, durch das „Schweifen“ durch die Wälder und durch Laufen bis an die Grenzen der Möglichkeit hervorgerufen. Unerlässliches Accessoire der rasenden Frauen war dabei der Thyrsosstab, ein mit Efeu oder Weinlaub umwundener Fenchelstängel, der auch zur Abwehr gegen sexuell zudringliche Satyrn diente. Zum Kulttanz gehörte der genaue Ort der Ekstase-Rituale, der durch den Kultkalender der jeweiligen Polis reguliert wurde. Die Oreibasie, das nächtliche Rasen in den Bergen, fand hingegen im 2-Jahres-Rhythmus statt und wurde nahezu ausschließlich von Frauen vollzogen. Die Rolle der Männer bleibt hingegen umstritten.
Ekstase und Trance, verbunden mit Tanz, wird insbesondere, wie Jürgen Wasim Frembgen darlegt, im Sufi-Islam gepflegt. Das breite Spektrum des Sufi-Islam, dessen Wesenskern aus der Verinnerlichung und der Transformation des Selbst besteht, umfasst die gefühlsbetonte Religiosität. Zu den wichtigsten Andachtsformeln der Sufis gehört das durchgeführte Gottesgedenken (dhikr). Dabei wird durch die stete Wiederholung bestimmter magischer, machtverleihender Formeln das Selbst im Gedenken an Gott schrittweise aufgelöst.
Eine besondere Form der Trance bildet die Schamanische Trance durch den Zaubertrank Ayahuasca. Dieser soll zu Visionen, Erkenntnis, Heilung und dem Zugang zur anderen Welt verhelfen, wie Gerhard Mayer darlegt. Als wichtiges Hilfsmittel der Schamanen prägen der Trank und die durch ihn erhaltenen Visionen die Kultur und Kosmologie indigener Gruppen im oberen Amazonasgebiet. Ayahuasca verbreitete sich über die sogenannten Ayahuasca-Religionen – die erste davon, Santo Daime, wurde 1929 gegründet – auch in andere Länder. Manche Forscher glaubten, darin die Natur des menschlichen Bewusstseins zu finden. Jedenfalls bilden die an Ayahuasca ausgelösten Visionen einen ganz eigenen Erfahrungskosmos.
Joseph Imorde nimmt den kommerziellen Rausch unter die Lupe. Bereits im 18. und frühen 19. Jahrhundert befassten sich Lexika mit dem Thema der verschiedenen Berauschungsformen, und zwar sowohl verneinend als auch bejahend. Immanuel Kant lehnte sie als widernatürlich und gekünstelt ab. Die Avantgarde schwärmte für die unerhörten Erfahrungen im Rausch, die jedoch die letzte Befriedigung schuldig blieben. Dies ändert nach Imorde jedoch nichts daran, „dass der inszenierte Ausnahmezustand mittlerweile zu einem unverzichtbaren Bestandteil nicht nur der Kunst, sondern vor allem auch der Populärkultur geworden ist“ (S. 210).
Mit Rausch und Ekstase als choreographische KörperSzene setzt sich Sabina Huschka auseinander. Im Bühnentanz nehmen Rausch und Ekstase einen Phänomen-Bereich ein, der sich körperlich ausagiert und in Szene setzt. Dabei fungieren Rausch und Ekstase vor allem als ästhetische Konzeptionen des Choreographischen, um Überschreitungen des Köpers im transmedialen Geflecht der Darstellung in Szene zu setzen, denn ohne Ekstase gibt es keinen Tanz.
Den Abschluss bildet der postume Beitrag Klang als Brücke zwischen den Welten. Musik und Trance, Musik und Ekstase von Christian Kaden († 2015). Nach Kaden stehen Musik und Veränderte Bewusstseinszustände in so enger Verknüpfung, dass man von einem Universale sprechen kann. Doch wer Trance und Ekstase will, muss dafür Motive haben und sich fallen lassen, von selbst stellen sie sich nicht ein.
Wie die angeführten Beiträge darlegen, bilden Rausch, Trance und Ekstase eine Alternative zur reinen Vernunft und somit die Grundlage zur erlebten Gestaltung von Leben und Kunst, freilich auch immer verbunden mit dem Verlust der Selbstkontrolle bis hin zur Verwahrlosung. Trotz dieser Gefahr könnte man die aufgestellte Forderung nach Freigabe der diesbezüglichen Stimulanzien zum Ausbau der Selbstkontrolle im gesamten Lebensbereich und zur Eliminierung des Schwarzmarktes bejahen.
Abschließend ist jedoch noch zu vermerken, dass in den vorgestellten Betrachtungen von Rausch, Trance und Ekstase die religiöse Dimension der Mystik nicht berührt wird, weil diese eine völlig andere Lebensdynamik darstellt.
Die einzelnen Beiträge zeigen im Inhalt Fachkompetenz und sind in der Form jeweils mit Quellenverweisen und Literaturangaben versehen. Ein Personen- und Sachregister hat man sich allerdings erspart.
Andreas Resch, Innsbruck

Lux, Anna/Paletschek, Sylvia (Hg.): Okkultismus im Gehäuse. Institutionalisierungen der Parapsychologie im 20. Jahrhundert im internationalen Vergleich. Berlin/Boston: Walter de Gruyter, 2016 (Okkulte Moderne; 3), 433 S., ISBN 978-3-11-046376-7, Geb., EUR 59.95, ISSN 2366-9179

Der hier vorliegende Sammelband befasst sich in verschiedenen Beiträgen mit der Institutionalisierung der Parapsychologie im 20. Jahrhundert, wobei neben dem Problem der Institutionalisierung und der parapsychologischen Forschung in Russland, Frankreich, Deutschland, Ungarn und der DDR die Internationalisierung der parapsychologischen Forschung, ihr Einsatz bei der Polizeiarbeit, das Verhältnis von Wissenschaft und Okkultismus im Film sowie die Okkultismus-Forschung und die Suche nach Ordnung und Lust an der Anarchie zur Sprache kommen.
Da es im Rahmen dieser Besprechung nicht möglich ist, auf die einzelnen Beiträge näher einzugehen, sollen sie hier nur angeführt und kurz beschrieben werden.
Anna Lux, Sylvia Paletschek: Institutionalisierung und Parapsychologie. Die beiden Herausgeberinnen erklären in ihrer Einführung, dass mit „Okkultismus im Gehäuse“ die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Paranormalen und ihre Institutionalisierung zur Sprache kommen.
Ulrich Linse: Klassische Orte parapsychologischer Wissensproduktion im Fin de Siècle und zu Beginn des 20. Jahrhunderts befasst sich mit Albert von Schrenck-Notzing und seinem Münchner Kreis zwischen Salon, Labor und Bühne und verweist einleitend darauf, dass sich die anfängliche wissenschaftliche Erkundung des Paranormalen nicht in Hinterzimmern, sondern im Herzen einer Residenzstadt wie München abspielte.
Ingrid Kloosterman: An Institutionalised ,Fremdkörper‘ berichtet über sieben Perioden der akademischen Parapsychologie in den Niederlanden von 1880–2011, wobei die Arbeit von Tenhaeff in Utrecht besonders hervorsticht.
Anna Lux: Passing Through the Needle’s Eye beschreibt die Dimension der universitären Integration der Parapsychologie in Deutschland und den USA, wobei Rhine und Bender eine besondere Rolle spielten.
Elizabeth R. Valentine: Institutionalisation and the History of Psychical Research in Great Britain in the 20th Century gibt einen Überblick über selbständige und universitäre Institutionen mit Nennung der besonderen Rolle von John Beloff und Hinweisen auf die heutige Situation.
Birgit Menzel: Parapsychologie im sowjetischen und postsowjetischen Raum. Status, Forschung, Experimente bemerkt, dass bis heute eine fundierte Geschichte der Parapsychologie in der SU noch aussteht, wenngleich sie in der Sowjetzeit und in der postsowjetischen Gegenwart immer betrieben wurde und wird.
Renaud Evrard: The Orthodoxization of Psychology in France at the Turn of the 20th Century. In Frankreich wurde die Parapsychologie durch die Etablierung der Psychologie an die Seite geschoben und hat selbst durch die Bezeichnung Métapsychique durch Richet und die Errichtung des „Institut Métapsychique International“ (1919) die offizielle Unterstützung nicht gefunden.
Júlia Gyimesi: The Institutionalisation of Parapsychology in Hungary in the 20th Century. In Ungarn konnte die Parapsychologie, der die metapsychische Forschung vorausging, auch nach der politischen Wende in den 1980er Jahren institutionell nicht Fuß fassen.
Ina Schmied-Knittel, Andreas Anton, Michael Schetsche: Institutionalisierung aus-
geschlossen… Zum Umgang mit paranormalen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR. Alle im weiteren Sinne okkulten, esoterischen und alternativ-religiösen Themen wurden in der DDR nicht nur wegen der Leninismus-Marxismus-Doktrin, sondern auch zur Gewährleistung der internen Sicherheit ausgeschlossen.
Eberhard Bauer: Internationalisierung und Professionalisierung parapsychologischer Forschung im 20. Jahrhundert am Beispiel von „Parapsychology Foundation“ und „Parapsychological Association“. Der Autor gibt einen Einblick in die Entwicklung und Tätigkeit der beiden Institutionen, die für die internationale Verbreitung der Parapsychologie von besonderer Bedeutung sind.
Martin Schneider: Soldaten der Aufklärung. Die „Deutsche Gesellschaft Schutz vor Aberglauben“ und ihr Kampf gegen Parapsychologie und Okkultismus (1953 –1963). Der Beitrag enthält einen sehr aufschlussreichen Bericht über den verbissenen Kampf gegen Parapsychologie und Okkultismus in den 1950er Jahren.
Uwe Schellinger: „Kriminaltelepathen“ und „okkulte Detektive“. Integrationsversuche paranormaler Fähigkeiten in die Polizeiarbeit im deutschsprachigen Raum 1920 bis 1960. Der Autor berichtet über die Versuche der Einbeziehung paranormaler Fähigkeiten wie Telepathie in die Kriminalarbeit im deutschsprachigen Raum.
Natascha Adamowsky: Spooked, Haunted or just Paranormal? Zum Verhältnis von Wissenschaft und Okkultismus im Film. Wenngleich der Film begründet kaum Interesse an der wissenschaftlichen Klärung des Paranormalen zeigte, ist dies für ihn ein willkommenes Thema der Dramaturgie.
Bernd Wedemeyer-Kolwe: „Vom Untergrund des Abendlandes“. Der Göttinger Volkskundeprofessor Helmut Möller und die deutsche Okkultismusforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Eine biographische Annäherung. Hellmut Möller starb 2013 und hinterließ und hinterließ eine Spezialbibliothek und ein einzigartiges Privatarchiv, das heute eine wichtige Quelle für die Erforschung okkultistischer Strömungen bietet.
Eberhard Bauer: Suche nach Ordnung und Lust an der Anarchie. Antworten auf Fragen von Anna Lux und Ehler Voss. Die Fragen befassen sich mit Bauers wissenschaftlichem Werdegang, seiner Arbeit mit Prof. Bender im IGPP und seiner Beurteilung der Forschungsergebnisse auf dem Gebiet des Paranormalen.
Am Schluss dieser Aufzählung der im Buch enthaltenen Beiträge ist festzustellen, dass diese im Umfang verschieden und in der Ausführung sehr aufschlussreich sind, versehen mit Anmerkungen und jeweils einer ausführlichen Bibliografie. Zudem kommen Themen zur Sprache, die man sonst nur selten findet. Biografische Daten der Autorinnen und Autoren, ein Namen- und Ortsregister sowie ein Institutionen- und Begriffsregister beschließen die informative und abgewogene Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

GW 2017/2

Schön, Christian: Die Sprache der Zeichen. Illustrierte Geschichte. Stuttgart: J. B. Metzler, 2016, 159 S., ISBN 978-3-476-02663-7, Geb., EUR 24.95 [D]

Dr. Christian Schön, deutscher Kunstwissenschaftler, Kurator, Kommunalpolitiker und Autor, stellt hier nach Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur (s. GW 2016 / 3, 282) in der wertvollen Reihe „Illustrierte Geschichte“ des Metzler Verlags „Die Sprache der Zeichen“ vor.
In der Einleitung dazu wird darauf verwiesen, dass zwar jeder Gegenstand, jedes Geschehen, jede Erscheinung, jede Geste als Zeichen verstanden werden kann, aber nicht alle Erscheinungen der wahrnehmbaren Welt in den Bereich der Zeichen fallen. So kann das unmittelbare Erleben der Jetztzeit nicht direkt durch Zeichen erfasst werden, da sich die absolute Gegenwart der Welt der Zeichen grundsätzlich entzieht. Im Mitteilungsgefüge sind hingegen Zeichen von grundlegender Bedeutung, wie der Autor auf verschiedenen Gebieten aufzeigt.
In der Medizin war schon lange vor der Semiotik in der Diagnose von Krankheitszeichen die Rede. So führte Hippokrates die Tuberkulose auf schlechte Luft zurück und die Psychologie analysierte veränderte Wahrnehmungen und Verhaltensweisen. Von besonderer Bedeutung sind Zeichen wie Siegel und Stempel in der Urkundenlehre.
Die wichtigste Kategorie für Zeichen bildet ohne Zweifel die Sprache, geschrieben wie gesprochen. Sie bestimmt fast alle Bereiche des menschlichen Lebens unter Einschluss von Zeichensprache und Tonfrequenz.
Zeichen und Zeichenprozesse finden sich aber auch in nahezu allen Bereichen des Universums. In der Kommunikation des Menschen mit den Tieren, der Tiere untereinander und von Tier und Mensch zur Natur. Dabei bleiben verschiede Merkmale in der Natur nach wie vor ungeklärt, wie etwa die Bedeutung der Zebrastreifen. Doch auch im Innersten aller Lebewesen, wie etwa der DNA, spielen Zeichenprozesse eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt noch der Zeichensatz der Düfte, vom Körpergeruch bis zum Blumenduft.
Unzählbar sind auch die Zeichen des Körpers, von den Linien der Hand, den Zeichen der Physiognomik bis hin zur nonverbalen Kommunikation, Gebärden- und Körpersprache. Dagegen fordern die Zeichen in Texten und Literatur sowie in Ästhetik und Fiktion schon ein fachliches Verständnis, während die Bilder als Zeichen ein sachliches Verständnis verlangen, etwa der Code der Bilder, die Symbolik der Farben, Formen und Zeichen.
Zeichen finden auch in den Medien vom Film bis zur Werbung, Architektur und Musik vielfachen Einsatz.
Unter „rätselhaften Zeichen und Offenbarungen“ kommt der Autor auch auf den Bereich der Zeichen in Magie, Religion, Astrologie, Prophezeiungen und außergewöhnlichen Botschaften zu sprechen.
Ebenso kommen die künstlichen und formalen Zeichensysteme zur Sprache. Es handelt sich hierbei um das jüngste und zugleich am stärksten expandierende Teilgebiet der Semiotik, getrieben insbesondere durch die immer dominantere Computertechnik. Mit Hilfe künstlich geschaffener formaler Sprachen mit begrenztem Zeichenvorrat und vorab festgelegten Regeln kommt es zur Bildung einer formalen Sprache, die es ermöglicht, mittels binärer Codes Schaltkreise zu steuern. Der Wunschtraum, der damit verfolgt wird, ist es, die Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen durch Entfaltung der sogenannten künstlichen Intelligenz zu perfektionieren.
Abschließend befasst sich der Autor noch mit den Versuchen, die Kultur als Zeichensystem zu erfassen, wie dies Ernst Cassirer in seinem dreibändigen Werk „Philosophie der symbolischen Formen“ (1923 –1929) anstrebt.
Eine Zeittafel von 500 v. Chr. bis heute fasst im Anhang die Entwicklung der Zeichensprache und des Zeichenverständnisses in einer Übersichtstabelle zusammen, wodurch die im Buch angeführten Darlegungen der einzelnen Themen noch eine historische Einbettung in die Kulturgeschichte des Menschen erfahren.
Die sehr übersichtlichen Beschreibungen auf Kunstdruckpapier werden zudem noch durch 100 Abbildungen aufgelockert, womit das Buch in seiner originellen Gestaltung in die Nähe eines Bildbandes rückt, zugleich aber dem Inhalt den absoluten Vorrang lässt, der in Form und Gediegenheit beeindruckt. Eine Literaturempfehlung beschließt diese wertvolle Arbeit, die Autor und Verlag gleichermaßen auszeichnet.
Andreas Resch, Innsbruck

Hirte, Markus (Hg.): Mit dem Schwert oder festem Glauben. Luther und die Hexen. Rothenburg ob der Tauber / Darmstadt: Theiss / WBG, 2017 (Kataloge des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber; 1), 224 S., ISBN 978-3-8062-3451-0, Ebr, EUR 19.95 [D]

Dr. Markus Hirte, Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber, widmet Luther und dem Hexenglauben eine große Sonderausstellung und legt hier den reich bebilderten Begleitband mit 120 eindrucksvollen Objekten vor. Dabei wird der Hexenglaube durch folgende Autoren und Beiträge beschrieben.
Markus Hirte, „Mit dem Schwert oder festem Glauben“ – Luther und die Hexen, gibt in diesem Beitrag einleitend einen Überblick über die Ausstellung mit dem Hinweis, dass die Grundlage der frühmittelalterlichen Hexenverfolgungen im elaborierten Hexendelikt folgende Vorwürfe enthielt: Verüben von Schadenzauber, Pakt mit dem Teufel, sexueller Verkehr mit dem Teufel, Flug durch die Lüfte und Teilnahme am Hexensabbat. Luther warnte zwar davor, das Hexenwerk zu überschätzen, und rief zum Gebet auf. Andererseits drohte er den Hexen mit Folter und Tod. Seine Haltung in konkreten Zauberei- und Hexerei-Fällen schwankte zwischen unnachgiebiger Verfolgung, Bekehrung und Glaubensstärke. Nach 1525 nahm Luthers Bedeutung jedoch zusehends ab. Bei der sogenannten Augsburger Konfession 1530 war er nicht mehr dabei. Im 18. Jh. löste sich die Lutherrezeption von der konfessionellen Bindung, im 19. Jh. wurde Luther jedoch zum nationalen Mythos hochstilisiert. In den weiteren Ausführungen geht Hirte auf die Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit ein und listet die europäischen Hexenverfolgungen des 15.–18. Jh. in Gesellschaft und Literatur mit zahlreichen Abbildungen und einer geographischen Darstellung auf.
Wolfgang Schild, „Die frühen Hexenschriften“, geht in seinem Beitrag von der Ausbildung der von Hans Fründ um 1430 gebildeten Sekte ketzerey der hexssen und zubrern aus, deren Mitglieder als Ketzer von kirchlichen und weltlichen Amtsträgern verfolgt wurden, da das Neue die Verschmelzung mit dem herkömmlichen Schadenzauber war. Nach Schild sei es für diese Zeit jedoch aufgrund unzureichender Quellenlage schwierig, Ketzerprozesse von Zaubereiprozessen und dann von wirklichen Hexenprozessen zu unterscheiden. Von besonderer Bedeutung wurden hier daher die theologischen und juristischen Aufarbeitungen der Verfahren, weshalb sie einzeln vorgestellt werden, nämlich: Claude Tholosan: Ut magorum ed maleficiorum errores (um 1436); Hans Fründ: Chronik (um 1430); Traktat Errores Gazariorum (um 1437, anonym); Johannes Nider: Formicarius (1437); Martin Le Franc: Le Champion des Dames (1440/42). Den Abschluss dieser Quellenangaben bildet ein Hinweis auf die Bedeutung des Konzils von Basel 1431–1449, das sich vor allem auch mit der Häresiefrage befasste. Papst Eugen IV. wiederholte 1434 und 1437 die Bullen seiner Vorgänger, mit denen die Inquisitoren aufgerufen wurden, gegen Loswerfer, Wahrsager, Dämonenanrufer, Verschwörer, Abergläubische und Weissager vorzugehen.
Heinz Schilling, „Reformation und Luthers Hexenbild“, nennt in seinem kurzen Beitrag als Ausgangspunkt der Reformation das Reformverlangen nach philologischer Bearbeitung der Heiligen Schrift und die devotio moderna mit ihrer Betonung der persönlichen Gotteserfahrung in Eigenverantwortung. Diese Reformbewegungen wurden von den Päpsten blockiert, von Luther aber auf das Kernproblem der alles entscheidenden göttlichen Gnade konzentriert. In der Folgeentwicklung der Ablass-Thesen wurden Papst, Priester und Heilige als Mittler abgesetzt und das Priestertum auf alle Getauften mit der einfachen Devise übertragen: solus Christus, sola fide, sola gratia (allein durch Christus, allein durch den Glauben, allein durch die Gnade). Dabei blieben für Luther trotz dieser reformatorischen Wende Gott und der Teufel, Dämonen und Hexen alltägliche Lebensrealität.
Günter Jerouschek, „Luthers Hexenglaube und die Hexen­verfolgung“, stellt nach dem Hinweis, dass der Begriff „Hexe“ im deutschen Sprachraum erstmals 1293 in Hugo von Langensteins Versepos „Martina“ auszumachen ist, fest, dass Luther den landläufigen Zauber- und Hexenglauben in vollem Umfang geteilt hat. Sein Wüten gegen die Hexen erreichte in den 1530er Jahren seinen Höhepunkt. Das Gesetz, nach dem auf Hexerei die Todesstrafe steht, ist für ihn ein überaus gerechtes Gesetz. Allerdings zeigt sich Luthers Haltung zur Hexenverfolgung als sehr schwankend. Will er das eine Mal selbst zum Verbrennen schreiten, so sind für ihn das andere Mal Buße und Bekehrung die Mittel der Wahl – ganz abhängig von seiner psychischen Gestimmtheit.
Wolfgang Beutin, „Luthers Größe – Ein tiefenpsychologischer Versuch“. Bei diesem Versuch einer psychologischen Analyse Luthers bedient sich der Autor der Psychoanalyse zur Deutung von Elternhaus, Kloster und seiner Gefühlsambivalenz. Gerade bezüglich Letzterer entwickelte Luther in seinen Vorlesungen über mehrere Bücher der Bibel die Ansicht, dass im Ringen eines jeden Menschen sich nichts Geringeres als Christi Passion jeweils aufs Neue abspiele. Vor dieser Passion rette ihn allein die Erkenntnis, dass ihm als Geschenk Gottes die Gnade, die Rechtfertigung, zuteilwerde. Das Geschehen, das sich aus der Übertragung der Konfliktstruktur Luthers auf seine Anhängerschaft übertrug und entwickelte, heißt in den Lehrbüchern der Geschichte „Reformation“. Aus der Sicht des Reformators und seiner Mitstreiter war ihr Vorhaben die radikale Entmachtung des „Heiligen Stuhls“, die Gottvater, dem Schöpfergott, zugutekommen sollte.
Alison Rowlands, „Eine lutherische Reichsstadt ohne Hexenwahn – Rothenburg ob der Tauber von 1550 bis 1750“, beschreibt in ihrem Beitrag das außergewöhnliche Phänomen, dass trotz der gravierenden Hexenverfolgung in Deutschland gerade die lutherische Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber davor verschont blieb. Der Hauptgrund war die vorsichtige Art und Weise, mit der Generationen von Ratsherren mit Hexenanklagen gerichtlich umgingen. So behandelten sie diese nicht als crimen exceptum, d.h. als ein Verbrechen, das so abscheulich war, dass man die übliche Gerichtspraxis außer Kraft setzen konnte, sondern hielten sich an das von der Carolina vorgeschriebene ordentliche Gerichtsverfahren. Dieses Festhalten an der Carolina entsprang vor allem der Absicht, als lutherische Reichsstadt dem katholischen Kaiser die Treue zu halten, um einen Eingriff in die Politik der Stadt zu vermeiden.
Arnd Koch und Verena J. Dorn-Haag, „Juristische Kritik an den Hexenverfolgungen.“ Hier verweisen die Autoren zunächst darauf, dass die Kritik am Hexenglauben so alt ist wie der Hexenglaube selbst. Zu ihrem Höhepunkt und Abschluss gelangte die Kritik in der Spätaufklärung mit der Leugnung der Hexerei al solcher. Dabei gehen die Autoren auch auf die historischen Fehlaussagen zu den Hexenverfolgungen ein.
Falsch ist die Rede von mittelalterlichen Hexenprozessen, da diese erst in der Frühen Neuzeit begannen. Falsch ist auch die Rede von 9 Millionen Toten. Dieser Neun-Millionen-Mythos geht auf einen Aufsatz des Quedlinburger Stadtsyndikus Christian Voigt (1740 –1791) zurück, der 1783, ausgehend von einigen älteren Prozessen seiner Heimatstadt, zu abenteuerlichen Hochrechnungen für ganz Europa gelangte. Die Autoren geben in einer Tabelle für das Hl. Römische Reich 25.000 Fälle an, wobei sich die katholischen Staaten wie Spanien, Portugal und das heutige Italien durch eine sehr geringe Verfolgungsintensität auszeichnen. Die angeführte Tabelle der Hinrichtungen im Rahmen der Hexenprozesse in Europa fußt auf den neuesten Kenntnissen. Die im Kulturkampf des 19. Jh. vom protestantischen Lager verbreitete Propaganda, dass die katholische Kirche für die Hexenverfolgung verantwortlich sei, ist schlichtweg falsch, wenngleich einige katholische Kurfürstentümer wie Köln und Mainz hohe Opferzahlen aufweisen. Die endgültige Verbannung des Hexendelikts aus den Strafgesetzbüchern erfolgte jedoch erst zu Beginn des 19. Jh.
Am Schluss dieser kurzen Auflistung der Beiträge lässt sich vermerken, dass sie bei ihrer verschiedenen Länge jeweils informationsorientiert und darstellungsobjektiv abgefasst sind. Dabei kommen vor allem die Hexenprozesse zur Sprache, während Luther nur in seiner Einstellung zu diesen Prozessen genannt wird. Neben den Beiträgen beeindrucken die Gestaltung dieses Begleitbandes zur Ausstellung „Luther und die Hexen“ mit 120 Abbildungen auf Kunstdruckpapier, großteils in Farbe, die Anmerkungen zu den Beiträgen, Auswahlbibliographie und die übersichtliche Gliederung. Ein wirklich gelungener und informativer Band zur Sonderausstellung „Mit dem Schwert oder festem Glauben“ – Luther und die Hexen.
Andreas Resch, Innsbruck

Hofmann, Peter: Bildtheologie: Position – Problem – Projekt. Paderborn: F. Schöningh, 2016 (ikon BILD + THEOLOGIE), 220 S., ISBN 978-3-506-78449-0, Brosch., EUR 34.90 [D]

Peter Hofmann, Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg, versucht in der vorliegenden Arbeit eine Bildtheologie vorzustellen. Dabei geht es nicht um eine Theologie des Bildes oder über das Bild, sondern um die Frage der theologischen Aussagekraft des Bildes, über dessen Verehrung sich schon das zweite Konzil von Nizäa (787) ausgesprochen hat, ohne sie bildtheologisch zu begründen. Diese Begründung sucht Hofmann in seinem Buch nachzuholen.
Zunächst geht es um die Frage, ob ein Bild Gottes überhaupt möglich ist oder ob „Gottesbilder“ immer nur Verweise sind. Sind sie immer nur einfach durchsichtig auf etwas anderes hin oder wahren sie eine Art Opazität, die nicht in einem semiotisch beschreibbaren Akt des Zeigens aufgeht, wird doch Christus „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) genannt.
Diese unmittelbare Präsenz darf also vom Menschen biblisch ausgesprochen werden. Dem auf bildliche Entsprechung ausgelegten Menschen gibt sich der menschgewordene Gott zu erkennen. Dabei ist Jesus Christus als der menschgewordene Gott das Bild Gottes schlechthin.
Demgegenüber ist Offenbarung als Wort und Bild Gottes in Welt und Geschichte zu verstehen. Die vielen Worte und Bilder unterscheiden sich dabei allerdings von dem einen Wort und dem einen Bild schlechthin, als das sich Gott selbst zeigt.
Nach diesen grundsätzlichen Aussagen geht der Autor auf das westliche Verständnis der Theologie des Bildes bei Romano Guardini, Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar sowie auf die östliche Theologie der Ikone bei Paul Florenskij, Sergej Bulgakov und Paul Evdokimov ein.
Nach Hofmann gehört das Bild als Ikone sogar konstitutiv zum Glauben und bestimmt auch seine Praxis. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, so wie ich auch ganz erkannt worden bin“(1 kor 13,12), sagt Paulus. Dieser Spiegel komme besonders in der Ikonologie des vera ikon, der römischen Veronika, zum Tragen.
Die diesbezüglich angeführten Hinweise auf Goethe und Dante haben allerdings nur historische Bedeutung, kommen der Phänomenologie der Veronika und des Grabtuches von Turin jedoch kaum in die Nähe. Hofmann spricht von der römischen Veronika und dem Tuchbild des Ostens, geht aber auf die zugehörigen neuesten empirischen Forschungen nicht ein, zumal es dem Autor wesentlich um die Theologie des Bildes geht. So ist für ihn die Veronika sowohl Reliquie als auch Bild. Ihr eigentlicher Präsenzstatus ähnle nämlich der sakramentalen Präsenz Christi in der Hostie, die ihn zwar nicht anschaulich zeigt, doch immer wieder auch als „Gestalt“ bildähnlich verstanden worden ist.
Für Hofmann ist das Bild ein Phänomen, das dem intentionalen Subjekt gegenübertritt und sein ausgeprägtes Bildkonzept mitbringt. Dieses ist vom Betrachter zu deuten und zu erfassen. Im Kultbild des Acheiropoieton, des nicht von Menschenhand gemachten Bildes, kommt es zur paradoxen Koinzidenz des Göttlichen und des Menschlichen. Daher ist die Ikone kein entbehrliches Hilfsmittel, sondern ein Bildzeuge neben dem Wortzeugnis, wie Theodor von Studion zum geistlichen Bildverächter schreibt:
„Er mag noch so vollkommen sein, er mag mit der Bischofswürde bekleidet sein, dennoch braucht er noch das Buch des Evangeliums und ebenso dessen bildliche Darstellung. Beide sind nämlich gleich verehrungswürdig“ (S. 177). So sagt auch Hofmann: „Auf das Bild und das Wort des Evangeliums als Zeugnis kann und darf die Betrachtung jedoch nicht verzichten, denn sie kann nicht jenseits von Sehen und Hören zu einem unanschaulichen und unhörbaren Gott vordringen“ (S. 177) Schließlich gehören zum Bildkonzept auch die Zeiten und die Orte der liturgischen Handlung, durch die es definiert und kontextualisiert, interpretiert und kommuniziert wird.
Mit diesen Schlussfolgerungen wird die hier vorgelegte Bildtheologie Hofmanns nach den verschiedenen Argumentationen und Analysen erst voll verständlich, und zwar als Bild und Spiegel Gottes. Wäre und würde diese Vorstellung allgemein beachtet, hätte es keinen Bildersturm gegeben und würde es auch heute keinen geben.
Ein Literaturverzeichnis und ein Namenregister beschließen diese gediegene, seltene und informative wie grundlegende Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

GW 2017/3

Bauer, Nicole Maria: Kabbala und religiöse Identität: eine religionswissenschaftliche Analyse des deutschsprachigen Kabbalah Centre. Bielefeld: transcript, 2017, 287 S., ISBN 978-3-8376-3699-4, Kart., EUR 39.99

Die vorliegende Inauguraldissertation von Nicole Maria Bauer zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg von 2015 wird hier in überarbeiteter Fassung Lesern vorgelegt, die sich für das Gedankengut der religiösen Frage mit besonderem Bezug zur Kabbala interessieren. Wie bereits im Titel vermerkt, geht es konkret um eine Analyse des deutschsprachigen Kabbalah Centre und nicht der Kabbala als solcher.
Der Name Kabbalah Centre steht für eine religiöse Organisation, die in den späten 1960er Jahren von Philip Berg (1929 –2013) gegründet wurde, um säkulare Juden über Kabbala mit ihrer jüdischen Religion vertraut zu machen. Dabei entwickelte Berg nach dem bedeutenden Kabbalisten Yehuda Ashlag (1884 –1954) eine eigen Kabbalistische Lehre unter Adaptierung kabbalistischer Narrative, wie der Idee des Tikk und der Vorstellung der zehn Sefirot. Im Laufe der letzten Jahrzehnte öffnete sich die Ausrichtung des Kabbalah Centre für Selbsthilfe und Selbstoptimierung auch für nicht-jüdisches Publikum.
Diese Öffnung wurde durch das aufkeimende Interesse für buddhistische bzw. hinduistische Ideen, die Krishna- und Bhagwan-Bewegung, insbesondere aber durch das allgemeine Interesse an alternativer Religiosität der New-Age Bewegung hervorgerufen und bewog Philip Berg, seine Kabbalah Centre-Ideologie mit Ideen und Praktiken der New-Age Ideologie anzureichern, um jüdischen Menschen, die sich vom Judentum distanziert hatten, eine Alternative zum Judentum anzubieten. Schließlich übernahm Berg den Anspruch der Wissenschaftlichkeit und der Verbreitung von Kabbala an alle Menschen.
Es geht dabei um die Schaffung einer kollektiven Religiosität, die von den religiösen Akteuren rezipiert und in das eigene Selbstbild integriert wird, um so eine religiöse Identität auf personaler Ebene zu erzeugen. In diesem Zusammenhang findet sich in den Schriften der Selbstdarstellung des Kabbalah Centre sehr häufig auch das Motiv der zehn Sefirot, insbesondere in der Darstellung der zehn Sefirot als Baum des Lebens. Kabbala wird somit auch zum Instrument der Heilung im Sinne von Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung.
Kabbala lehrt vor allem, dass der Körper lediglich ein Instrument ist, um die Arbeit der Seele hier auf Erden zu verrichten. Danach wandert die Seele in die oberen Welten, um dort grenzenlos zu leben.
Neben diesen inhaltlichen Hinweisen zum Kabbala Centre ging es der Autorin vor allem auch um die ökonomischen Ansätze als Modell der Religionsökonomie. Dabei konnte gezeigt werden, wie eine religiöse Gruppe durch bestimmte Marketingstrategien und Werbung zu einem spezifischen Markenzeichen wird.
Die ist das Resultat der durchgeführten Erforschung von Gegenwartsreligiosität im Zusammenhang mit dem Kabbalah Centre, das nunmehr als Heimat kollektiver Religiosität bezeichnet werden kann und jeden religiös Interessierten ansprechen soll. So kann nach Bauer die erfolgreiche Publikation von Yehuda Berg, Die Macht der Kabbalah. Von den Geheimnissen des Universums und der Bedeutung unseres Lebens, auch als „die Macht der Diskurse“ gelesen werden. Sie sollen die Geheimnisse der Wechselwirkung zwischen religiösen, populärkulturellen und therapeutischen Diskursen und Akteuren sowie die Bedeutung derselben für das Leben und die persönliche Identität enthüllen.
Die Autorin beschreibt in vielfältiger Form das historische, religionsgeschichtliche und soziologische Umfeld des sogenannten Kabbalah Centre als offenes Gesprächszentrum für die persönliche Identität, ohne konkrete Ausrichtung. Die Ausführungen sind mit zahlreichen Anmerkungen, Literaturhinweisen, Abbildungen und Grafiken versehen. Ein Literaturverzeichnis beschließt diese seltene und informative Arbeit. Personen- und Sachregister hat man sich leider erspart.
Andreas Resch, Innsbruck

Resch, Andreas: Heilen. Formen und Perspektiven. Innsbruck: Resch, 2015 (Reihe R; 9), XII, 280 S., 26 Abb., ISBN 978-3-85382-098-8, Ln, EUR 24.30 [D], 25.00 [A], SFr 27.00

Der vorliegende 9. Band der Schriftenreihe R fasst all jene Veröffentlichungen von Andreas Resch zusammen, die sich mit dem Thema „Heilen“ befassen.
Nach einem Hinweis auf die verschiedenen Formen der Heilung und ihre kulturellen Bedingtheiten folgen eine Auflistung der verschiedenen Heilungsansätze der Komplementärmedizin und ein besonderer Hinweis auf die Bedeutung des Immunsystems.
Damit ist der Weg frei für Originalberichte über konkrete Heilungsprozesse bei einer Zwangsneurose und einer Psychose aus der psychotherapeutischen Praxis von Resch. Wer diese beiden Beiträge liest, weiß nicht nur eine Neurose von einer Psychose zu unterscheiden, sondern bekommt auch ein Empfinden für die Eigenart und Dynamik dieser Störungen, zumal er sich an Originalaussagen der Betroffenen orientieren kann.
Nach diesen beiden Erstveröffentlichungen folgen Beiträge zum Heilen durch den Geist, Darstellungen von Wunderheilungen sowie ein Beitrag zur Macht des Gebets.
Im Einzelnen werden folgende Themenbereiche behandelt: Neue Richtungen in der Heilkunst – Alternative Heilpraktiken: Exotische Heilpraxis – Paranormale Heilung in anderen Kulturen – Bedenken und Herausforderung. Ganzheitsmedizin: Die mehrdimensionale Medizin – Akupunktur, Neuraltherapie und andere energetische Methoden ­– Homöopathie und andere komplementäre Heilmethoden – Ethnomedizin – Heilung durch verändertes Bewusstsein – Immunsystem und Schmerz – Immunsystem und Psyche – Psychosomatik des Schmerzes aus religiöser Sicht – Psychoanalyse, Psychotherapie, Erziehung, Honorar – Der Fall Lea: Heilung einer Zwangsneurose – Der Fall Jolanda: Heilung einer Psychose – Geistiges Heilen – Möglichkeiten und der Grenzen der Heilung durch den Geist – Wunderheilungen bei Heiligsprechungsverfahren und in Lourdes – Die Macht des Gebets.
Die angeführten Themenbereiche werden durch zahlreiche Beispiele aus Forschung und Leben untermauert, sodass man einen sehr plastischen Einblick in die Thematik gewinnen kann, der durch die umfassenden Literaturangaben noch erweitert wird. Ein Namen- und Sachregister beschließen die vielfältige, gediegene und inhaltsreiche Arbeit. rm

Schlimme, Jann E. / Brückner Burkhart: Die abklingende Psychose. Verständigung finden, Genesung begleiten. Köln: Psychiatrie Verlag GmbH, 2017, 272 S., ISBN 978-3-88414.642-2, Geb., EUR 29.95

Priv.-Dozent Dr. med. Dr. phil. Jann E. Schlimme, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und Burkhart Brückner, Prof. für Sozialpsychologie und psychosoziale Prävention, legen hier eine Arbeit vor, die sich mit dem schwierigen Thema der therapeutischen Möglichkeiten bei abklingenden Psychosen befasst. Sie nehmen an, dass jede Person, die eine Psychose erfolgreich bewältigen konnte, im Prozess des Abklingens ihrer Psychose Sozialräume fand und mitgestaltete. Dabei unterscheiden sie zwei Arten der Verständigung: die Verständigung durch direktes Handeln und die Verständigung im zwischenmenschlichen Kontakt.
Diesen Vorstellungen folgt auch die Gliederung der Arbeit. Im ersten Abschnitt geht es um die Beschreibung des Prozesses der Verständigung, des Abklingens von Psychosen und um ein handhabbares Modell der Genesung. Der zweite Abschnitt handelt von der Begleitung der Genesung durch Sozialräume, von Abschalttechniken und Erzählräumen, auch „Trialektik der Genesung“ genannt. In dritten Abschnitt stellen die Autoren ein lebensweltliches Verständnis von Normalität vor.
Bekanntlich ist in der Psychose die eigene Erfahrung grundlegend verändert, neue Bedeutungen entstehen, was anhand von zahlreichen Zeugenaussagen von Psychotikern veranschaulicht und kommentiert wird. Als Übergang zur Normalität kann dabei auch das Leben in doppelter Realität dienen, was anhand von Beispielen erläutert wird. Der Ausstiegsprozess kann durch eine Dosierung der sozialen Teilhabe erfolgen. Dabei unterscheiden die Autoren zwischen einer kritisch gewendeten Erfahrung bzw. einer integrierten Psychose, einer „geparkten“ Psychose-Erfahrung bzw. dem einfachen Symptomablassen und einer lang anhaltenden Psychose-Erfahrung. Die Genesung erfolgt durch die Beheimatung in der sozialen Realität. Dazu braucht es Unterstützung durch Assistenz bei der gemeinsamen Suche, bei gewissen aggressiven Anwandlungen auch durch Formulierung der konträren Ansicht. Bei dieser Begleitung geht es nämlich vor allem darum, Orte, Gemeinschaften und Tätigkeiten der Genesung zu finden, um ein eigenständiges Wohnen, am besten mit anderen, beispielsweise mit dem Partner, der Familie, mit Haustieren oder auch in einer Wohngemeinschaft, zu ermöglichen. Bei all diesem Gestalten von Sozialräumen nimmt die Dosierung einen besonderen Stellenwert ein, sowohl was die Handlungsmöglichkeiten als auch was die Größe der Gruppe und die Vertrautheit der Personen betrifft. Dabei braucht es in bestimmten Phasen auch Raum für den Eigensinn. In diesen selbsterkämpften Rückzugsräumen können Gefühle und Gedanken sortiert werden, um die Sprachlosigkeit und den Rückzug aufzulösen.
Schließlich gilt es die verschiedenen Kräfte des Genesungsprozesses miteinander zu verknüpfen. Dabei sind Medikamente nur so lange dienlich, bis die Kreativität wieder geweckt werden kann. Dieses Wechselspiel zwischen einer Medikation, die in gewissen Phasen der Psychose unumgänglich ist, und der persönlichen Lebensgestaltung ist eine der größten Herausforderungen der Therapie von Psychosen. Hier kommt dem Therapeuten ein hohes Maß an einfühlender Gestaltungskraft zu, geht doch das Abklingen der Psychose Hand in Hand mit der Wiedereingewöhnung von adäquaten Einstellungen zur Lebenswelt.
Am Schluss gehen die Autoren in Erörterung ihrer theoretischen Grundlagen auf die Frage der natürlichen Einstellung, die Typifizierung und den Sozialraum, den Handlungs- und Projektraum, die Handlungsoptionen, die Bedeutungen und Wertnehmungen, die Wahrnehmung, den Körper und Leib sowie auf den Sinn der Verständigung ein.
Was schließlich ihr Modell der abklingenden Psychosen betrifft, so verweisen sie auf die empirische Begründung in Durchführung eines erfahrungswissenschaftlichen Forschungsprozesses, dessen Anfänge auf das Jahr 2011 zurückgehen. Damals stellten sie fest, dass es bis dato noch kein detailliertes Modell der abklingenden Psychose gab, zumal sich die herkömmliche psychopathologische Forschung mit dem Entstehen der Psychose und deren Medikation befasste.
Ihr Pilotprojekt der abklingenden Psychose begann daher mit der Auswahl der Patienten, gefolgt von diagnostischen Interviews und halbstrukturierten Interviews der Autoren.
Transkription und Auswertung führten zur Kennzeichnung folgender Etappen des Genesungsprozesses: Bestehender Wahn – Beginnende Entaktualisierung – Genesungskrise – Doppelte Realitätsorientierung – Stabile Entaktualisierung – Orthostrophe, Einsicht, Realität.
Diese Strukturierung des Heilungsprozesses, die durch zahlreiche Beispiele aus den genannten Interviews veranschaulicht wird, deckt ein hoffnungsvolles Bemühen bei der Therapie von Psychosen auf, die experimentell allerdings nur empirisch erfasst werden können, zumal das so wichtige emotionale Band zwischen Psychotiker und Therapeut nur individuell erfahren wird.
Die Arbeit ist sehr gut strukturiert, mit Grafiken und einem Literaturverzeichnis versehen und eröffnet einen neuen Horizont für die Therapie der Psychose in Psychiatrie und Psychotherapie zumal man sich in der Medizin fast ausschließlich nur für die Entstehung und die Medikation der Psychose interessierte.
Ein Sach- und Autorenregister hat man sich allerdings bei einer in Inhalt und Form so gediegenen Arbeit unverständlicherweise erspart.
Andreas Resch, Innsbruck

Kleinknecht, Konrad (Hrsg.): Quanten 4. Stuttgart: S. Hirzel, 2016 (Schriften der Heisenberg-Gesellschaft; 4), 121 S., ISBN 978-3-7776-2540-9, Geb., EUR 22.00

Der vorliegende 4. Band der von dem Experimentalphysiker Konrad Kleinknecht herausgegebenen Schriftenreihe „Quanten“ umfasst zwei Vorträge der Mitgliederversammlung der Heisenberg-Gesellschaft vom Oktober 2015, zwei Briefe von Heisenberg an Pauli mit Antwort sowie ein Nachwort.
Nach einem kurzen Vorwort des Herausgebers mit Hinweisen auf den Geburtstag der Allgemeinen Relativitätstheorie 1915 und der Quantenmechanik 1925 referiert der Experimentalphysiker Rainer Blatt über „Quantencomputer – Rechenkunst nach Heisenberg“. Wie bekannt sind Rechentechniken seit Jahrtausenden die Grundlage für den technischen Fortschritt. In den letzten 50 Jahren hat dabei nach Blatt die Computertechnologie, insbesondere durch die Quantenphysik, einen rasanten Fortschritt gemacht. Demnach gelten Atome als Quanten der Materie, Elektronen als Quanten der Elektrizität und die Lichtquanten als Quanten des elektromagnetischen Feldes.
Nach diesen Vorbemerkungen gibt Blatt einen anschaulichen Einblick in Theorie und Praxis der quantenmechanischen Informationsverarbeitung mit Quantenregis-
ter, Quantenprozessor, Quantengatter und Quantenstimulation. Dabei ist trotz intensiver Forschungsarbeit der letzten Jahre immer noch nicht klar, welche Technik bzw. Technologie das Rennen nach einem universellen Quantenrechner machen wird, wenngleich, laut Blatt, die Machbarkeit grundsätzlich bestehe. „Es ist nicht die Frage ob es einen Quantencomputer geben wird – dieser ist bereits Realität – es ist nur die Frage, wann und mit welcher Technologie die Heisenbergsche Rechenmaschine neue Möglichkeiten für die Physik und Anwendungen erschließen wird.“ (S. 43)
Im zweiten Vortrag „Faszination Quantenmechanik – Eine geheimnisvolle Theorie ist die Basis der modernen Technologie“ beschreibt der emeritierte Professor für Experimentalphysik Peter Schmüser zunächst die Physik des frühen 20. Jahrhunderts, nämlich Relativitätstheorie und Quantentheorie. Dabei lautet die populärste Form der Relativitätstheorie und der Physik überhaupt: E = mc2, Energie ist gleich Masse (Materie). Für die Quantentheorie ist hingegen der Teilchen-Welle-Mechanismus ein charakteristisches Merkmal, das unsere Anschauung allerdings auf eine harte Probe stellt: Verschiedene Wellen können überlagert werden, was man als Superposition bezeichnet, wobei durch Interferenzen zwei Wellen sich verstärken oder auslöschen können.
Nach diesen Hinweisen befasst sich Schmüser mit Halbleitertechnik und Computer, Laser, Positronen-Emissions-Tomographie, superleitenden Magneten und Hochstromkabel, mit dem Tunnelmikroskop, der Atomuhr und der Quantentypografie. Am Schluss geht der Autor noch auf die relativistische Quantentheorie, die Vereinigung der Speziellen Relativitätstheorie und die Quantenmechanik ein.
Die Beiträge sind so abgefasst, dass sie selbst dem Nicht-Fachmann Einblick in die Quantenmechanik zu bieten vermögen. Auf die beiden genannten Vorträge zur Quantenphysik folgen in Originalkopie zwei Briefe von Werner Heisenberg an Wolfgang Pauli, der Heisenberg für den Nobelpreis vorschlug.
Ein Essay über die Jahre 1905, 1915 und 1925, die der Herausgeber als Wunderjahre der Physik bezeichnet, sowie ein Autorenverzeichnis beschließen diesen sehr informativen Band.
Andreas Resch Innsbruck

Sonnabend, Holger: Illustrierte Geschichte der Antike. Stuttgart: Metzler, 2017, 175 S., ISBN 978-3-476-04337-5, Geb., EUR 25.69

Holger Sonnabend, Prof. für Geschichte an der Universität Stuttgart, legt hier im Rahmen der qualitativen Geschichtsbände von J. B. Metzler die „Illustrierte Geschichte der Antike“ vor.
Die Bezeichnung „Antike“ ist zwar ein Produkt des Mittelalters und der frühen Neuzeit, hatte doch die Gelehrte Welt bis weit in das 18. Jahrhundert hinein kein Interesse am realen Leben der Menschen. Zudem besteht bis heute in der Geschichtsforschung keine Einigkeit über die genaue zeitliche Einordnung der Antike. Jedenfalls entstanden um 3000 v. Chr. fast zeitgleich die Hieroglyphenschrift in Ägypten und die Keilschrift in Mesopotamien, dem heutigen Irak. Im engsten Sinn ist die Geschichte der Antike die Geschichte der Griechen und Römer, da sich bereits um 2000 v. Chr. auf der Insel Kreta die erste Hochkultur entwickelte. Die vorliegende Darlegung der Antike beginnt jedoch mit der Beschreibung der außereuropäischen Hochkulturen.
Die Ägypter entwickelten auf der Grundlage ihrer Beobachtung, dass der Nil stets zur gleichen Zeit über seine Ufer tritt, einen Kalender, der über Vermittlung der Römer zur Grundlage der modernen Zeitrechnung wurde. Die Glanzzeit der ägyptischen Geschichte war das Neue Reich (etwa 1550 –1070). Künstlerisch fasziniert bis heute die Büste der Nofretete.
Neben Ägypten ist das Land zwischen Euphrat und Tigris, das die Griechen Mesopotamien nannten, die zweite Region der antiken Welt der frühen Hochkultur. Unter Nebukadnezar II. (605 – 562 v. Chr.) kam es zu umfangreichen Eroberungen. Die Hauptstadt Babylon wurde zur Residenz ausgebaut.
Ebenso spannend ist die Geschichte der Hethiter, die zwischen 1600 und 1200 v. Chr. weite Teile Anatoliens und des Vorderen Orients beherrschten und von denen man bis 1834, der Entdeckung der Stadt Hattuscha in der heutigen Türkei, nur aus der Bibel wusste.
Das größte Imperium vor den Römern entstand jedoch im 6. Jh. v. Chr. im mittleren Asien, wo die Perser unter der Führung der Achämeniden ein Herrschaftsgebiet eroberten, das sich von Indien bis nach Ägypten erstreckte.
Im 5. Jh. v. Chr. bezeichnete der Historiker Herodot jene als hellenisches Volk, das gleichen Blutes ist, die gleiche Sprache spricht, gemeinsame Bauten für Götter und Opfer besitzt und eine Übereinstimmung der Sitten aufweist. Kulturgeschichtlich gebührt dabei Kreta der erste Platz. Hier entwickelte sich um 2000 v. Chr. die herausragende Zivilisation der Minoer. Die zweite große Kultur war die mykenische Kultur, eine raue kriegerische Gesellschaft, die ihre Blütezeit zwischen 1600 und 1150 erlebte.
Die Zeit zwischen 800 und 500 v. Chr. wird als die „archaische“ Zeit Griechenlands bezeichnet. Mit der Entstehung der Polis, dem Stadtstaat am Ende der Wanderbewegungen, entstanden aristokratische Regierungen. Eine Ausnahme bilden die Athener, die ein demokratisches Gemeinwesen erstellten und mit der zwischen 447 und 406. v. Chr. erbauten Akropolis die berühmteste Stadtfestung der griechischen Antike errichteten. Das feste Band zwischen den alten Städten und den neuen griechischen Gründungen bildete die Religion. Homers Odyssee ist dabei eine Chronik der Großen Griechischen Kolonisation. Besondere Signalwirkung hatte die Einführung des Münzgeldes durch die Lyder, während die großen Kriege den Anfang und das Ende der klassischen Zeit Griechenlands bilden. Untrennbar mit der griechischen Klassik sind Literatur und Philosophie verbunden. Dabei richtet die Philosophie mit ihren großen Gestalten wie Platon und Aristoteles das Interesse vor allem auf den Menschen.
Mit den Eroberungen Alexanders des Großen begann die Zeit des Hellenismus, der mit dem Tod von Kleopatra VII. und der damit verbundenen Okkupation Ägyptens durch die Römer endete.
Rom entstand langsam und begann damit, dass eine etruskische Adelsfamilie es zu ihrer Residenz wählte. Die Etrusker waren erstaunlich hoch entwickelt. Ab etwa 700 v. Chr. verfügten sie über eine Schrift, die bis heute noch nicht voll entziffert ist. Mit dem Ende der etruskischen Könige bildete sich die Praxis heraus, Ämter nur für ein Jahr zu vergeben. Rom entwickelte sich zur Vormacht in Italien und dann ab 264 v. Chr. zur Weltmacht. Am Ende des 1. Jh. v. Christus wurde die römische Republik von einer neuen Monarchie abgelöst, mit Augustus, dem Architekten des Prinzipats. Im 3. Jh. nach Chr. verfiel das Römische Reich. Die germanischen Völker nützten diese Schwäche aus und pochten an die Grenzen. Mit Kaiser Diokletian (284 –305) begann die Spätantike.
Zu den bedeutendsten Entwicklungen in der Folgezeit zählen der Siegeszug des Christentums und die Teilung des Imperiums in ein West- und ein Ostreich. Im 4. und 5. Jh. machten dem Römischen Reich schließlich die Völkerwanderungen, allen voran die germanischen Völker, schwer zu schaffen. 476 setzte der germanische Heerführer Odoaker den letzten Kaiser des Weströmischen Reiches ab.
Der Osten des Imperiums Romanum, also jene Territorien, die sich aus der Reichsteilung ergaben, umfassten neben Anatolien den gesamten vorderen Orient mit Syrien, Palästina und Ägypten. Byzanz wurde zu einem Zentrum von Wissenschaft und Kultur.
Kurz nach dem Tod Mohammeds 632 schickten die islamischen Herrscher ihre Krieger im Namen Allahs, weniger zur Verbreitung ihrer neuen Religion als vielmehr zur Wahrung der von Mohammed mühsam geschmiedeten sozialen Einheit der Araber und ihrer Expansion, auf Eroberung. 1453 gelang es dem osmanischen Sultan, Konstantinopel einzunehmen.
Dieser hier skizzenhaft geschilderte geschichtliche Überblick über die Antike wird im Buch in ausführlicher Form beschrieben und mit zahlreichen Farbbildern in Kunstdruck illustriert, sodass die Lektüre in Inhalt und Form zu einem wahren Genuss wird. Eine Zeittafel mit den wichtigsten Daten und Literaturempfehlungen zu den einzelnen Abschnitten beschließen diesen Band der qualitativen Geschichtsbände von J. B. Metzler.
Andreas Resch, Innsbruck

Resch, Andreas: Der Innenraum des Menschen. Innsbruck: Resch, 2017 (Reihe R; 10), XVI, 417 S., 77 Abb., ISBN 978-3-85382-100-8, Ln, EUR 37.90 [D], 39.24 [A], SFr 43.20

Der vorliegende 10. Band der Schriftenreihe R enthält in überarbeiteter Form all jene Beiträge von Andreas Resch, die sich mit dem Innenraum des Menschen befassen.
Da man von einem Innenraum nur sprechen kann, wenn es auch eine Seele gibt, die als Teil der Weltseele, der Anima Mundi, den Menschen belebt und steuert, wird einleitend ein Blick auf die Geschichte des Seelenbegriffs und seine Bedeutung geworfen. Um die einzelnen Wahrnehmungen der Seele (Außersinnliche Wahrnehmung, Formen veränderter Bewusstseinszustände, Bewusstseinsformen religiöser Erfahrung) zur Sprache kommen zu lassen, ist vor allem die Wechselwirkung von Physis, Bios, Psyche und Pneuma übergreifend zu beachten. Eine Sonderform in diesem Kontext bilden die Hypnose und Psychotherapie nach Milton H. Erickson sowie Auditionen und Visionen.
Es folgt die Beschreibung außergewöhnlicher Erfahrungen, wie Telepathie, Hellsehen, Präkognition, Psychokinese, Spuk, Besessenheit, Wunder und Mystik.
Ein spezielles Phänomen des Innenraums des Menschen sind die Zeitraffungs- und Zeitdehnungsphänomene in der Pathologie und in den verschiedenen Bewusstseinszuständen von Traum, Bewusstlosigkeit, klinisch totem Zustand, Trance, Luzidität und Mystik. In diesen Bereich gehören auch die Erfahrungen mit LSD von Albert Hofmann, Aldous Huxley und Ernst Jünger.
Zur Einführung in das Verständnis der Inselbegabungen (Savant-Syndrom) dient die Beschreibung des Autismus. Unter Inselbegabung versteht man das Phänomen, dass sowohl normal begabte als auch kognitiv oder anderweitig beeinträchtigte Menschen in gewissen Teilbereichen („Inseln“) spezielle außergewöhnliche Leistungen aufweisen können. Der Bogen spannt sich hier
von den Erinnerungstalenten über die rechnerischen, sprachlichen und visuellen bis hin zu den künstlerischen und musikalischen Inselbegabungen.
Die weiteren Abschnitte werfen einen Blick auf die Grundformen der Angst, das
Museum der Verrückten sowie die Ängste und Hoffnungen an der Schwelle der Zeitenwende.
Die angeführten Themen werden mit zahlreichen Beispielen aus Forschung und Leben untermauert, sodass ein sehr plastischen Einblick in die Thematik entsteht, der durch die zahlreichen Literaturangaben noch erweitert wird. Ein Namen- und Sachregister beschließen die vielfältige, gediegene und inhaltsreiche Arbeit. rm

Hach, Wolfgang / Hach-Wunderle, Viola: Von Monstern, Pest & Syphilis: Medizingeschichte in fünf Jahrhunderten. Stuttgart: Schattauer, 2017, XIV, 273 S., ISBN 978-3-7945-3210-0, Brosch., EUR 19.99 [D], 20.60 [A]

Prof. Dr. med. Wolfgang Hach, Facharzt für Chirurgie und Innere Medizin, und Prof. Dr. med. Viola Hach-Wunderle, Fachärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Angiologie, führen in der vorliegenden Arbeit unter dem provokanten Titel „Von Monstern, Pest & Syphilis“ durch markante Abschnitte der Medizingeschichte. Am Anfang stehen Berichte über monsterhafte Gestalten des 16. und 17. Jahrhunderts, insbesondere die Beschreibungen von Fortunius Licetus (1577–1657) mit Hinweisen auf Missbildungen, bis ins 20. Jahrhundert.
Darauf folgt ein Bericht über die Pest in Wien 1679, unter Zuhilfenahme der damaligen Pestbücher.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts tauchte eine neue, aus Amerika eingeführte Krankheit auf – die Syphilis, mit dem grässlichen Erscheinungsbild an Haut und Schleimhäuten, üblem Geruch sowie grausamen Knochenschmerzen. Durch die Einführung von Chemotherapie und Antibiose gelang es zwar, die furchtbare Krankheit zu beherrschen, völlig ausgerottet werden konnte sie jedoch nicht.
Schon völlig vergessen ist hingegen die von Paracelsus beschriebene sympathetische Salbe, die über Entfernungen hinweg eine schnelle Heilung von durch Stichwaffen verursachten Wunden bewirken sollte. Mit diesem Hinweis verbinden die Autoren eine kurze Einführung in die Theorien und Werke des Paracelsus, wobei auch auf den Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Glaube eingegangen wird.
Dem schließt sich die Darlegung der Physiognomie bis zur Pathophysiognomie, der Krankheitsdiagnose auf den ersten Blick, an. Diese Diagnoseformen werden auch in Zukunft Säulen der Arzt-Patient-Beziehung bleiben. Damit verbunden wird eine ausführliche Beschreibung der Krankheiten Friedrich Schillers und seiner Bestattung sowie der Arbeit von Johann Christian Stark, dem Arzt der „Weimarer Klassik“, mit überaus aufschlussreichen historischen Details.
Nach einem kurzen Hinweis auf die Aderlass-Therapie gehen die Autoren auf das Kindbettfier ein, das ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert unseren Kulturkreis erschütterte. Die Eitererreger werden durch den Geburtskanal eingeschleppt, fuhren zur Entzündung der Gebärmutter und greifen schnell auf das Peritoneum über.
Eine weitere, bis heute feststellbare Störung, ist die venöse Thrombose, der man durch die Chirurgie der großen Venen entgegenzutreten sucht. Dabei gilt die sekundäre Leitveneninsuffizienz als wissenschaftliche Grundlage zur Favorisierung der Frühoperation.
Das Besondere an der Darstellung dieser stichwortartig aufgelisteten Themen besteht jedoch darin, dass auf die jeweiligen historischen Werke zurückgegriffen wird und aus ihnen zahlreiche Abbildungen angeführt werden. Die gebotenen Ausführungen sind auch mit Informationstabellen versehen, was den historischen Duktus verlebendigt und so die Medizingeschichte von fünf Jahrhunderten zum plastischen Erlebnis macht.
Ein Literatur- sowie ein Personen- und Sachverzeichnis beschließen diese fundier-
te Arbeit der Medizingeschichte, die angereichert ist mit zahlreichen teils farbigen Abbildungen und so selbst dem Laien einen Einstieg in das Verständnis der medizinischen Forschung der letzten 500 Jahre, die Kenntnis der verschiedenen Krankheiten und den Versuch, diese zu überwinden, bietet.
Andreas Resch, Innsbruck

GW 2017/4

Eckhardt-Henn, Annegret / Spitzer, Carsten (Hrsg.): Dissoziative Bewusstseinsstörungen: Grundlagen - Klinik – Therapie. Stuttgart: Schattauer, 22017, XX, 562 S., ISBN 978-3-7945-3201-8, Geb, EUR 69.99 [D], 72.00 [A]

Dr. med. Annegret Eckhard-Henn, Professur für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Tübingen, und Prof. Dr. med. Carsten Spitzer, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn in Rosdorf, legen hier unter Mitarbeit von 41 Fachleuten ein Handbuch zum Thema „Dissoziative Bewusstseinsstörungen“ vor. Dies mag verwundern, gibt es doch bis heute aufgrund der hohen konzeptionellen Komplexität von Dissoziation keine einheitliche Definition. Das ändert nichts an der Tatsache, dass allen Bewusstseinsstörungen eine Dissoziation zugrunde liegt, wie die Gliederung der Thematik in 36 Kapitel veranschaulicht.
Einleitend wird geschichtlich darauf verwiesen, dass Dissoziation ursprünglich als Spaltung der Persönlichkeit verstanden wurde. Auf der Basis des aktuellen Wissens besagt Dissoziation Störung von Bewusstseinsfunktionen und körperlichen Funktionen, Konversion. Nach der Anthropologischen Psychiatrie lässt sich beim Vorliegen einer Dissoziation nicht eindeutig auf eine bestimmte nosologische Kategorie schließen, sondern nur auf den Bezug zum dissoziativen Spektrum. Entwicklungspsychologisch scheinen frühe Bindungserfahrungen wichtiger zu sein als traumatische Erfahrungen.
Klinisch gesehen manifestieren sich dissoziative Symptome zwischen dem Beginn der Adoleszenz und dem 3. Lebensjahrzehnt vor allem in Form des zu viel Erlebens und des zu wenig Erlebens.
In der Neurologie wird Dissoziation als Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der unmittelbaren Wahrnehmung von sich und der Umwelt, der Körperwahrnehmung, der Körperkontrolle und des Verhaltens verstanden. Dabei spielt die Verarbeitung emotionaler Reize eine besondere Rolle, stehen doch dissoziative Symptome in einem Zusammenhang mit emotionalem Stress, wobei sich die dissoziative Symptomatik auch mit unterschiedlichen neuroendokrinologischen Mechanismen und Transmittersystemen vergesellschaftet zeigt.
In der psychoanalytischen Sicht gelten dissoziative Bewusstseinsstörungen als spezifische Folge schwerer chronischer Traumatisierungen in der Kindheit und auch im Erwachsenenalter. Nach der Psychoanalyse von Melanie Klein gehen dissoziative Bewusstseinszustände aus komplexen Spaltungsvorgängen hervor.
Nach der Kognitionspsychologie stellen Gedächtnisstörungen, wie sie insbesondere mit dissoziativen Störungen einhergehen, eine echte Bedrohung für die Integrität und Aktionsfähigkeit eines Individuums dar. In diesem Zusammenhang ist auch die peritraumatische Dissoziation zu nennen, nämlich das Erleben dissoziativer Phänomene unmittelbar während oder in zeitnaher Folge eines traumatischen Ereignisses. Bei der Dissoziationsanalyse muss auch damit gerechnet werden, dass verschiedene Personen aus verschiedenen Gründen Symptome angeben, die Übertreibungen beinhalten.
Besonders aufschlussreich ist der II. Teil des Buches, der sich mit den Grundlagen der Klinik befasst. Hier wird der unscharfe Begriff Dissoziation aufgefächert in bestimmte Bewusstseinsänderungen, Entfremdungsgefühle, in willentlich nicht beeinflussbare Hypermnesie, in bestimmte Körpersymptome sowie in normale und pathologische Dissoziationen, was auch bei der testpsychologischen Diagnostik zu beachten ist.
Als dissoziative Störungen werden dissoziative Amnesie, dissoziative Fuge (zielloses Weglaufen), dissoziativer Stupor und Trance, Besessenheitszustände, dissoziative Phänomene in der spirituellen Praxis und dissoziative Anfälle beschrieben. Die Interdependenzen zwischen dissoziativen und epileptischen Störungen stellen sich auf unterschiedlichen Ebenen dar.
Als eine der ungewöhnlichsten Störungen aller psychischen Strukturveränderungen gelten die dissoziative Identitätsstörung und die multiple Persönlichkeitsstörung. Ihnen gegenüber bezeichnen die Phänomene der Depersonalisation und der Derealisation eine veränderte Wahrnehmung des Selbst und der Umwelt. Als atypische Formen der Dissoziation gelten auch das Ganser-Syndrom und die Pseudologia phantastica. Das Ganser-Syndrom kennzeichnet in erster Linie das „haarscharfe“ Vorbeiantworten oder Vorbeihandeln während die Pseudologia phantastica die Tendenz zu einem habituellen grundlosen Übertreiben oder Lügen bezeichnet.
Systematische Untersuchungen zur Phänomenologie, Diagnostik und Therapie dissoziativer Bewusstseinsstörungen im Kindes- und Jugendalter liegen im Gegensatz zu Untersuchungen über Konversionsstörungen bisher nicht vor.
Zu den Dissoziationen bei anderen psychischen Erkrankungen gehören die akuten Belastungsreaktionen und die posttraumatischen Belastungsstörungen, die Dissoziation bei den Borderline-Persönlichkeitsstörungen und die Suchterkrankungen. Die psychotischen und komplexen dissoziativen Störungen werden als Herausforderung für Kliniker und Forscher bezeichnet, während Dissoziation mit Aggression und Delinquenz oft auch mit forensischen Aspekten zu verbinden ist.
Was schließlich die Therapie betrifft, so ist die Rede von Akuttherapie und Stabilisierung mit Krisenintervention und traumatherapeutischen Ansätzen. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht sind dissoziative Störungen durch ein multifaktorielles Zusammenwirken von genetischen, neurobiologischen und psychosozialen Faktoren bedingt, weshalb es wichtig ist, dass Patienten dissoziative Zustände erkennen und durchbrechen können. So spielen bei der Behandlung komplexer dissoziativer Störungen auch psychodynamische Techniken eine große Rolle, nicht zuletzt auch die Körperpsychotherapie und Körpertherapie mit Körper- und Gefühlswahrnehmung.
Diese Auflistung der Themen, die unter dem Titel Dissoziative Bewusstseinsstörun-
gen behandelt werden, umfasst – bei aller Unschärfe des Begriffes Dissoziation – alle möglichen Störungen menschlichen Denkens, Empfindens und Handelns in einer physiologischen wie psychologischen Sicht, welche den Menschen in seiner körperlichen und geistigen Verfassung beschreibt.
Die Ausführungen der einzelnen Beiträge sind jeweils sehr fachlich, übersichtlich strukturiert und mit reichen Literaturhinweisen versehen. Wenngleich das Buch vor allem themenbezogen ist, kommen praktische Hinweise durch eine Reihe von Beispielen, graphischen Darstellungen und Tabellen nicht zu kurz.
Es handelt sich hier um ein Nachschlagewerk zu Bewusstseinsstörungen auf der Höhe der heutigen Forschung, das durch das ausführliche Sachverzeichnis gezielt zugänglich ist. Herausgeber, Autoren und Verlag gilt besondere Anerkennung.
Andreas Resch, Innsbruck

Asendorf, Christoph: Planetarische Perspektiven: Raumbilder im Zeitalter der
frühen Globalisierung.
Paderborn: Wilhelm Fink, 2017, 498 S., ISBN 978-3-7705-
6123-0, Geb., EUR 59.00 [D], 60.70 [A]

Christoph Asendorf, Prof. für Kunstgeschichte an der Europa-Universität Viadrina, geht im vorliegenden Buch von der Feststellung aus, dass die Globalisierung zu einem neuen Umgang mit Raum führt. Dies wirke sich besonders auch auf die Kunst- und Kulturgeschichte aus, was sich auf mehreren Ebenen im Wandel der Raumbilder und -vorstellungen von der Malerei bis zur Stadtplanung, von der Durch­formung einer Landschaft bis zur Kosmologie und in den Auswirkungen neuer Verkehrs- und Kommunikationstechnologien zeigt, womit die Kunst- und Kul­turgeschichte auch als Raumgeschichte gelesen werden kann.
Den Beginn dieses Prozesses raumübergreifender und irreversibler weltweiter Ver­netzung liegt nach Asendorf um ca. 1500 und reicht bis zur vollen Ausprägung des industrialistischen Weltsystems um 1850, womit auch der Rahmen der vorliegenden Ausführungen abgesteckt wird, der folgende drei Stufen aufweist:
Auf das unruhige und wechselhafte Zeitalter der Entdeckungen folgte die Globalisierung und Stabilisierung im 17. Jahrhundert. Darauf kam die „Sattelzeit“, die Spätzeit der Aufklärung und die Zeit vor und nach der Französischen Revolution, von ungefähr 1750 bis 1850, eine Epoche erneuter fundamentaler Umbrüche.
Auch in der Analyse der Raumbilder unterscheidet Asendorf drei historische Epochen:
1. Eine Epoche der Ausbildung neuer Konstellationen, die das 16. Jahrhun­dert als Weg von der „geschlossenen Welt zum unendlichen Universum“ umfasst. Zwischen Anfang und Ende des 15. Jahrhunderts füllen sich bereits die privaten Räume mit Komfort und Repräsentationsbedürfnissen. Das Raumverständnis weitet sich, was im Raumbild „Alexanderschlacht“ von Albrecht Althofer 1529 besonders eindrucksvoll zum Ausdruck kommt. Eine Manifestation der produktiven Krisen dieser Epoche ist die Kunst des Manierismus.
2. Die Epoche zwischen 1600 und ca. 1720 erscheint hingegen als Zeit der großen Ordnung. Angesichts der vielfältigen Konflikte vor 1650 ist man auf Formgebung und Stabilisierung der Dynamiken bedacht. Es entstehen übergreifende Bau- und Raumstrukturen wie das Schloss und der Park von Versailles. Die Welt wird als beherrsch- und steuerbar gedacht. Der Jesuitenorden entwickelte dazu eine globale Ikonographie. In München wurde ein großes Jesuitenkolleg unter der Schutzherrschaft des Erzengels Michael errichtet und mit einem Schauspiel mit 900 Mitwirkenden eröffnet. In China leiteten die Jesuiten in Peking sogar das astronomische Amt, was ihnen die Reform des chinesischen Kalenders ermöglichte. In Paraguay eröffneten sie den sogenannten „Jesuitenstaat“, der auch Uruguay, Argentinien und Brasilien berührte. Athanasius Kircher entwarf eine neue Kosmogonie.
Insgesamt weiten sich die Dimensionen der Planung. Räume werden in alle Richtungen und in jeder Dimension erfasst. Die horizontale Raumerfassung wird durch eine vertikale ergänzt. Dem Blick von oben folgt der Blick von unten.
3. Die Epoche der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der ein zweites Zeitalter der Entdeckungen anbricht. Durch die Dynamik der zivilisatorischen Entwicklung lösen sich die gesicherten Koordinaten des überlieferten Weltbildes auf. Telegraphie, Verkehr, Kanalisation und Kartographie formen landschaftliche Gefüge um. Räume rücken zusammen und Zeitverläufe erscheinen beschleunigt. Die Kontu­ren der gegenwärtigen Welt der Gleichzeitigkeit werden sichtbar.
In diese aufgefächerten Zeiträume fügt Asendorf die jeweiligen Ereignisse in Kunst, Gesellschaft, Politik und Technik ein, wobei vor allem die Fluktuation der jeweiligen Raumbilder hervorgehoben wird – eine Darstellung, die völlig neue Einblicke in das Kunst- und Weltgestalten von 1500 bis 1850 vermittelt.
Die zahlreichen Quellenangaben und Abbildungen untermauern das Verständnis und die Gediegenheit dieser sehr informativen Ausführungen. Anmerkungsverzeichnisse zu den einzelnen Kapiteln, ein Personenregister und ein Bildnachweis beschließen diese wertvolle Arbeit. Auf ein Sachregister hat man allerdings verzichtet.
Andreas Resch, Innsbruck

Almond, Philip C.: Jenseits: eine Geschichte des Lebens nach dem Tode. Darmstadt: WBG (Lambert Schneider), 2017, 248 S., ISBN 978-3-650-40202-8, Geb., EUR 24.95

Prof. Dr. Philip C. Almond aus Australien legt hier seine Geschichte des Lebens nach dem Tode vor, nachdem er bereits mehrere religionsgeschichtliche Bücher veröffentlicht hat. In seiner Darlegung geht er vom Schicksal der Toten aus.
Im Judentum waren die Toten an einem Ort versammelt. Samuel konnte jedoch von dort aus unter den Lebenden erscheinen. Diesen Ort, der sich unter der Erde befand, nannte man Totenreich. Dabei war das Schicksal der Toten im siebten Jahrhundert vor Christus, mit wenigen Ausnahmen, im alten Griechenland und in Israel, ein Halbleben im Reich der Schatten ohne besondere Unterschiede. Erst später wurden die Ungerechten von Engeln nach links bis an den Rand der Hölle gezogen. Die Gerechten hingegen wurden nach rechts geführt, wo sie an einen lichtdurchfluteten Ort gelangten.
Im frühen Christentum kamen die in Christus Gestorbenen, nach der meistverbreiteten Ansicht, direkt ins Paradies, während die anderen je nach Einstellung und Schuld in das Fegefeuer oder in die Hölle kamen, wie Dante dies in seiner Göttlichen Komödie bildhaft beschreibt. Doch anders als Dante, für den sich die Väter und die ungetauften Kinder eine Vorhölle teilten, setzte Thomas von Aquin das Fegefeuer zwischen die Vorhölle der Väter, die sich über, und die Vorhölle der Kinder, die sich unter dem Fegefeuer befand.
Nach diesen Erwägungen befasst sich Almond mit der Frage der Seelen und der Körper. Athenagoras vertrat um das Jahr 180 in seinem Werk über die Auferstehung der Toten die Ansicht, dass der Mensch aus einem sterblichen Körper und einer unsterblichen Seele bestehe. Dabei gab es hinsichtlich des Ursprungs der Seele vor allem drei Theorien: die Seele wird mit dem Samen des Mannes übertragen, die Seele wird bei der Empfängnis jeweils von Gott geschaffen und, drittens, sämtliche Seelen werden zur Zeit der Schöpfung erschaffen und dann in der Zeit von Gott jeweils einem neuen Körper zugewiesen.
Was die Auferstehung betrifft, so befürwortete der frühe Augustinus die Auferstehung des Auferstehungsleibes nach Paulus als geistiger Leib.
Bezüglich des Fegefeuers erklärte Benedikt XII. in seiner Bulle Benedictus Deus (1336), dass alle würdigen Seelen (in manchen Fällen nach der Läuterung) Gott einfach, klar und offen sehen. Am Jüngsten Tag würden aber auch sie in ihren Körpern vor dem Richter Christi erscheinen, um sich für die von ihnen begangenen Taten zu verantworten. Dafür, dass es ein Gericht für die Einzelseele gibt, finden wir eine klare Aussage erst in der Mitte des zweiten Jahrhunderts.
Hinsichtlich der Läuterung nach dem Tode unterschied bereits Clemens von Alexandria (ca. 150 – ca. 250 n.  Chr.) zwischen ewigen und zeitlichen Strafen.
Durch das Aufkommen des Bittgebetes und der guten Werke der Lebenden für die Verstorbenen im Fegefeuer zur Abmilderung ihrer Strafen stellte sich ein neuer Aspekt in der Stellung zu den Toten ein, der dann 1439 auf dem Konzil von Florenz näher definiert wurde: Die Strafen des Fegefeuers können durch die Bittgebete der Frommen in diesem Leben gemildert werden, nämlich durch Messen, Gebete, Almosen, und andere Werke der Frömmigkeit.
Im Jahre 1517 wurde schließlich der Dominikaner Johannes Tetzel (1465 –1519) von Papst Leo X. (1475 –1521) beauftragt, Ablassbriefe zu verkaufen, um den Umbau des Petersdomes zu vollenden. Dieses Vorgehen prangerte Martin Luther am 31. Oktober 1917 in einem Brief an seinen Erzbischof, Albrecht von Magdeburg und Mainz, an und schlug eine Disputation über 95 Thesen vor. Da der Bischof die Hälfte des eingenommen Geldes erhalten sollte, war seine Gesprächsbereitschaft beeinträchtigt. Dies war der Anfang der folgenschweren Teilung der Christenheit in Katholiken und Protestanten, was sich auch theologisch auswirkte. Luther strich das Fegefeuer und damit die Gebete für die Verstorbenen. Da die Auferstehung am Jüngsten Tag erfolgt, überbrückte Luther die Zeit bis dahin durch den Schlaf der vom Körper befreiten Seele.
In den weiteren Ausführungen geht Almond dann auf die verschiedenen Auswirkungen des protestantischen Ansatzes ein, wie den Triumph der Seelenleugnung, die Endgültigkeit des
Todes, die Annihilisten, die Visionen Emanuel Swedenborgs sowie die Technologien des Lebens nach dem Tode.
So sollte angesichts des Materialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts der darwinistische Agnostizismus in philosophische Gewissheit übergehen. Dabei ließ der deutsche Darwinist Ernst Haeckel keinen Zweifel daran, dass die Wissenschaft jede Behauptung persönlicher Unsterblichkeit als unhaltbar erwiesen hat. Das Suchen nach dem Sinn des Lebens wurde nun zum Suchen nach dem Sinn im Leben.
Almond schließt seine Ausführungen mit der Feststellung, dass wir zwar alle sterben müssen, was jedoch jenseits des Todes liegt, sei uns völlig unbekannt. Was jedoch bleibt, ist die Hoffnung auf ein besseres Leben, wie schon Paulus sagt: „Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18).
Was schließlich die allgemeine Art der genannte Darlegung betrifft, so muss man Almond neben einem tiefen Wissen und einer abgewogenen Argumentation, die sich vor allem bei der Auffächerung des Protestantismus in der Frage des Jenseits zeigt, eine informative Vielfalt und Sachlichkeit bescheinigen. Ein Verzeichnis von 572 An-
merkungen, eine Bibliografie, Abbildungen, ein Bildnachweis und ein Register beschließen diesen wertvollen geschichtlichen Einblick in das Verständnis des Jenseits von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Andreas Resch, Innsbruck

Albrecht-Birkner, Veronika u.a. (Hg.): Pietismus: eine Anthologie von Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts. Leipzig: Evangel. Verlagsanstalt, 2017, XXII, 714 S., ISBN 978-3-374-04545-7, Geb., EUR 64.00

Mit Pietismus wird bekanntlich eine religiöse Erweckungsbewegung bezeichnet, die sich seit ca. 1670 in Deutschland als kirchliche und außerkirchliche Reformkräfte entwickelten und seit den 1690er Jahren durch publizistische Auseinandersetzungen hervortraten.
Es war der Leipziger Professor für Poesie, Joachim Feller, der 1689 in einem Gedicht die Anhänger einer kurz zuvor in studentischen und bürgerlichen Kreisen Leipzigs aufgekommenen religiösen Erweckungsbewegung als Pietisten bezeichnete. Pietist ist nämlich einer, der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heiliges Leben führt. Diese Bewegung hat den deutschsprachigen, nordamerikanischen und partiell den europäischen Protestantismus und seine kulturellen Kontexte nach­haltig geprägt und wirkt bis heute nach.
Die hier vorgelegte Anthologie will diese pie­tistische Reformbewegung durch eine breit angelegte Sammlung von Quellenauszügen des 17. und 18. Jahrhunderts in der Vielfalt ihrer theologischen, frömmig­keitlichen, sozialen, kulturellen und literarischen Arbeiten zu Wort kom­men lassen. Die dafür ausgewählten Quellentexte betref­fen Aspekte der Geschichts- und Literaturwissenschaft, Medizin- und Pharmaziegeschichte, Amerikanistik, Pädagogik, Musik-, Kunst- und Architekturgeschichte sowie weitere historisch arbeitende Disziplinen. Dabei wurde die Quel­lenauswahl auf den Zeitraum von 1670 bis 1770 beschränkt und im We­sentlichen auf den deutschsprachigen Bereich konzentriert.
Neben den klassischen Themen der Pietismusforschung wie Frömmigkeitspraxis, Theologie, Bibelverständnis oder Mission kommen auch biografische Texte sowie die im Pietismus verbreiteten Lebensregeln und praktischen Verhaltenslehren mit den divergieren­den Ansätzen im Bereich von Ehe, Sexualität und Geschlechterrollen zur Sprache. Ferner finden sich Darstellungen und Reflexionen zu Prophetie, Inspiration und Offenba­rung, die häufig jenseits orthodoxer Dogmatik lagen, und die vielfach von Paracelsismus, Alchemie und Pansophie beeinflussten Naturvorstellun­gen, Kommunikationsformen und Medien, Konzepte im Bereich von Pädagogik, Sozialfürsorge, Politik und Wirtschaft wie auch die durch­aus komplizierten Einstellungen zu zeitgenössischen Formen von Literatur, Kunst, Architektur und Musik. Das letzte Kapitel dokumentiert schließ­lich exemplarisch Stimmen von Kritikern und Gegnern sowie Entgegnun­gen, welche die pietistische Bewegung fortwährend begleiteten.
Die ausgewählten Quellentexte werden grundsätzlich originalgetreu nach der jeweils ersten Auflage des Drucks bzw. nach den handschriftlichen Vor­lagen dargeboten. Alle Kapitel und Quellen sind mit einer kur­zen, sehr aufschlussreichen Einleitung versehen. Im Einzelnen werden die Quellentexte von den Herausgebern in folgende Kapitel gegliedert und dargestellt:
1.  Veronika Albrecht-Birkner: Kirchenkritik
2.  Veronika Albrecht-Birkner: Kirchen- und Gemeinschaftskonzepte
3.  Christian Soboth: Frömmigkeitspraxis
4.  Wolfgang Breul: Bibel und Hermeneutik
5.  Joachim Jacob: Prophetie, Offenbarungen, Inspiration
6.  Wolfgang Breul: Geschichtsdeutung und Zukunftserwartung
7.  Christian Soboth: Pädagogik und Erziehung
8.  Joachim Jacob: Lebensregeln
9.  Markus Matthias: Lebenszeugnisse
10.  Wolfgang Breul: Geschlechterrollen
11.  Wolfgang Breul: Ehe, Sexualität und Androgyne
12.  Veronika Albrecht-Birkner: Armen- u. Waisenfürsorge
13.  Veronika Albrecht-Birkner: Politik und Obrigkeit
14.  Alexander Schunka: Wirtschaft
15.  Alexander Schunka: Kommunikation u. und Medien
16.  Alexander Schunka: Mission und internationale Beziehungen
17.  Markus Matthias: Gotteserkenntnis und Theologie
18.  Markus Matthias: Weisheit und Wissenschaft von der Natur
19.  Joachim Jacob: Künste und Kunstkritik
20.  Christian Soboth: Kritiker und Gegner
Die Art der der Textwiedergabe ist sehr leserfreundlich und ein wahrer Quellengrund zum Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts, dessen Zugang durch einen ausführlichen Anhang mit folgendem Inhalt noch erleichtert wird: Chronologisches Quellenverzeichnis, Verzeichnis der Quellenautoren, Abkürzungsverzeichnis, Abbildungsverzeichnis, Personenregister, Ortsregister und Bibelstellenregister.
So kann die vorliegende Dokumentationsarbeit als ein wahres Kleinod zum Verständnis des Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts bezeichnet werden, einer Bewegung, die auch dem Innenraum des Menschen Ausdruck verlieh.
Andreas Resch, Innsbruck

Oberlin, Gerhard:  Krieg im Herzen: das Drama der ungelebten Gefühle. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2016, 261 S., ISBN 978-3-8260-5986-5, Brosch., EUR 29.80

Dr. Gerhard Oberlin, freier Literatur- und Kulturwissenschaftler, befasst sich in diesem Buch, nach den zahlreichen Publikationen zum Thema, mit der menschlichen Empathie und kulturpsychologischen Aspekten des 21. Jahrhunderts.
Menschen, für die der Frieden ein Zustand des inneren Unfriedens ist, betrachten den Krieg als Fortsetzung des Alltags mit anderen Mitteln. Daher finden Gesellschaften, die nach dem Krieg zur „Normalität“ zurückkehren wollen, diese genau so wenig wieder, wie sie vorher bestand. Musste der Mensch doch schon sehr früh erkennen, dass seine „innere Stimme“, seine Gefühle auf Widerstand stoßen, speziell in Industriegesellschaften.
Grundlage des menschlichen Wohlempfindens ist die Liebe, wie Camus sich ausdrückt. Liebe ist aber mit Gefühlen verbunden, auf die allerdings kein Verlass zu sein scheint. Andererseits entbehren wir der Werte, wenn wir nicht nachfühlen und mitfühlen können. Wo dies nicht gegeben ist, gibt es keine Gesellschaft als Gemeinschaft in unserem Weltbild. Dieses ist daher umso realistischer, je mehr wir unsere Gemeinschaft psychisch einverleiben und uns imaginativ vorstellen. Somit ist der Weltbegriff, den jeder Einzelne in sich herumträgt, nach Oberlin eine selbst erarbeitete Hypothese, die symbolisch die Wirklichkeit als Objektersatz darstellt und als Weltsymbolik tief im Emotionalen verankert ist. Demgegenüber ist die Begabung zur Intelligenz eine Begabung zur Dummheit, zumal Geist Nebel und Klarheit zugleich ist. Daher sind auch Gut und Böse keine anthropologischen Dominanten. Im Tiefsten meldet sich vielmehr das unstillbare Verlangen nach dem vollen Kelch der Gefühle, der Liebe.
Dem steht heute die weitverbreitete psychische Störung der Depression, ein Leben der Orientierungslosigkeit, gegenüber. Hier kann auch Religion nicht helfen, die zwar den Leidensdruck zu kompensieren vermag, ihn aber nicht beseitigt, da sie eher regressive als progressive Ventile schafft. Zudem brächten die Religionen immer nur neue psychische Probleme hervor, weil sie die anthropologische Perspektive nicht durchhalten, weil sie selbst schon Symptom eines mentalen Defizits seien. Die Weltreligionen seien zudem lediglich Nachfahren der Mythen einer längst vergangenen Zeit.
In der heutigen Welt geht es dagegen nur mehr um Bereicherung, Konsum, Unterhaltung und Vergnügen, was sich neben der Depression immer mehr auch in der Fettsucht niederschlägt, die nach Oberlin eher eine Krankheit der Vernunft ist, sofern man darunter den Anspruch versteht, ein Leben der rationalen Regie zu führen – geht es dabei doch um die Anwendung der neuzeitlichen Lebensphilosophie, die das Glück des Einzelnen kognitiv an seine Tüchtigkeit bindet. Anthropologisch gesehen sei die Kognition ein Quantensprung in die Selbstausrottung der Spezies. „Da Menschen bekanntlich denken, bewegen sie sich in einer qualitativ anderen, einer virtuellen Dimension des Seins, der man das Natur-Sein absprechen kann“ (S. 102). Der Krieg liegt also im Menschen. Er besteht im Ignorieren und Verdrängen von Leid und der Entfremdung des emotionalen Potenzials.
Nach diesen Beschreibungen von psychischer Reife und Realität, Empathie und Soziabilität aus psychologischer Sicht folgt eine Auswahl von Aussagen aus der Literatur, welche die Komplexität des menschlichen Zusammenspiels wiedergibt, da sie nach dem Autor eine phänomenologische Kulturgeschichte ist. Dies besagt auch, dass mit einer abstrakten Buch-Ethik auf Erden kein humaneres Leben gestaltet werden kann, zumindest nicht in Zeiten der globalen Wirtschaft und der politischen Großsysteme. Es kann vielmehr nur darum gehen,
die rechte Wärme, die maßgerechte Liebe, im Umfeld der ersten Lebensschritte bis wenigstens ins Latenzalter zu pflegen. Ob jedoch ohne Transzendenzbezug eine maßgerechte Liebe voll gelebt werden kann, darf bezweifelt werden. Daher ist auch die negative Bewertung der Weltreligionen als unangebracht zu bezeichnen, haben doch der Tod und die Frage des Fortlebens nach dem Tode einen eminenten emotionalen Stellenwert.
Der ausführlich beschriebenen Bedeutung der Emotionen für den vertikalen Lebensvollzug stimmt man hingegen gerne zu. Ein Literaturverzeichnis beschließt diese lebendige Zeitkritik gesellschaftlichen Lebens. Ein Personen- und Sachregister hat man sich allerdings erspart.
Andreas Resch, Innsbruck

Feld, Helmut: Jeanne d’Arc: geschichtliche und virtuelle Existenz des Mädchens von Orléans. Berlin: Lit, 2016 (Christentum und Dissidenz; 5), XII, 339 S., ISBN 978-3-643-13462-2, Geb., EUR 49.90

Der Historiker Helmut Feld, der 2013 mit seinem Buch „Ende des Seelenglaubens“ für große Aufmerksamkeit sorgte, legt hier mit der gleichen detektivisch-wissenschaftlichen Akribie eine quellenorientierte Beschreibung des außergewöhnlichen Lebens der Jeanne d’Arc vor.
Jeanne d’Arc wurde 1411 oder 1412 in Domrémy an der oberen Maas in einer ziemlich wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Sie hatte neben einer Schwester noch drei Brüder und galt als gutes und frommes Mädchen. In ihrer Jugend entwickelte sie exzessive Züge religiösen Lebens, insbesondere was die Häufigkeit der Beichte, den Kommunionempfang und den Messbesuch betraf. Auffallend war dabei vor allem ihr Kontakt mit dem Jenseits durch die von ihr gehörten Stimmen und die zu diesen Stimmen gehörenden Erscheinungen.
Am 27. Februar 1431 erklärte sie dann beim Verhör, sie sei ungefähr 13 Jahre alt gewesen, als ihr der hl. Engel Michael zum ersten Mal erschien. Zudem fühlte sie sich durch die Heiligen Katharina und Margareta geleitet.
Ihre Aufgabe sei es, das Königreich Frankreich wiederherzustellen. Wenn sie auch nicht den angemessenen Stand habe, so müsse sie doch von zu Hause fortgehen und dies tun, weil der Herr wolle, dass sie so handle. Sie komme von Seiten des Himmelskönigs und habe Stimmen und einen Rat, die ihr anzeigen würden, was sie zu tun habe. So habe sie zwei Dinge zu erfüllen: erstens die Belagerung Orleans aufzuheben und zweitens den König zu seiner Krönung und Weihe nach Reims zu führen.
Auf ihre Initiative hin erhielt Johanna den Befehl über eine Truppe des Heeres und innerhalb desselben wurde ihr ein Kommando zugewiesen. Am Abend des 29. April 1429 zog Johanna in Orleáns ein. Sie entschied, dass man die Engländer in Freiheit ziehen lasse, was auch geschah. Die Krönung des Königs erfolgte dann am 17. Juli 1429 in der Kathedrale von Reims. Johanna hielt dabei ihr Banner in der Hand.
Nach Erfüllung der beiden Aufträge, Befreiung von Orleans und Weihe des Königs, setzte das Kriegsglück Johannas allerdings aus. Beim Angriff auf Paris wurde sie am Oberschenkel verletzt, der Einsatz schlug fehl und Karl VII. zeigte kein Interesse mehr am Krieg. Dies entfremdete Johanna vom König. Sie begab sich nach Lagny-sur-Marne, um von dort aus den Krieg gegen die Engländer fortzusetzen. 1430 erreichte sie ohne Verluste Compiègne. Da die Brücke hochgezogen und das Stadttor geschlossen wurde, blieb Johanna mit wenigen ihrer Getreuen draußen, wurde als Letzte der Nachhut vom Pferd gezogen und von einem Dienstmann des Grafen Johann von Luxemburg gefangengenommen. Unter strengster Bewachung wurde sie an verschiedene Orte gebracht. Im Kastell von Beaulieu unternahm sie 1430 den ersten Ausbruchsversuch. Im nächsten Gefängnis, dem Schloss Beauvoir, sprang sie vom Turm, da sie es vorzog, eher zu sterben, als an die Engländer ausgeliefert zu werden, denen an ihrem Tod gelegen war. Den Engländern wurde sie dann wahrscheinlich in Le Crotoy übergeben, die sie im Schloss von Rouen festsetzten. In Rouen fand dann auch der Prozess gegen Johanna statt. Den Vorsitz führte freiwillig Bischof Pierre Couchon von Beauvais, ein eifriger Parteigänger der Engländer, der Johanna ebenfalls lieber tot als lebendig gesehen hätte. Er vereidigte drei Engländer als Wächter, die wiederum fünf weitere Engländer, und zwar Stallknechte der niedrigsten Sorte, zur Bewachung ansetzten. In Johannas Zelle befanden sich ein Bett und ein Balken, an den sie mit einer eisernen Kette mit Schloss gebunden wurde. Ferner habe ein Schmied einen eisernen Käfig geschmiedet, in dem sie ausgestreckt und an Hals, Händen und Füßen gefesselt bis zum Beginn des Prozesses gehalten wurde.
Der Auftakt des kirchlichen Prozesses war am 9. Januar 1431 in Rouen. Am 27. Februar 1431 sollte in der vierten Sitzung des Tribunals geklärt werden, ob sie als Hexe und Häretikerin zu betrachten war. Am 12. März 1431 wurde sie schließlich noch zu ihrer Männerkleidung befragt.
Am 13. März 1431 übernahm der Vizeinquisitor, Jean Le Maistre. O.P., das Richteramt mit den damit verbundenen Verhören. Im folgenden „ordentlichen“ Prozess, in dem Johanna mit den einzelnen Anklagepunkten konfrontiert wurde und die Richter und Sachverständigen ihre Beurteilung abgaben, spielte der Promotor Jean d’Estivet mit seiner boshaften Einstellung gewissermaßen die Hauptrolle. Johanna wurde vorgeworfen, dass sie sich die Autorität Gottes und der Engel anmaße und sich über jegliche Amtsgewalt der Kirche erhebe. Darauf antwortete sie, dass sie wohl an die Kirche glaube, sich aber bei ihren Worten und Taten ganz auf Gott beziehe, der sie das tun ließ, was sie getan habe. Sie werde daher nichts anderes sagen, selbst wenn sie das Feuer sähe.
Beim Tribunal am Donnerstag der Pfingstwoche im Kirchhof der Abtei Saint-Ouen in Rouen schritt der Vorsitzende, Bischof Couchon, zur Verkündigung des Urteils. Schon bei den ersten Worten sagte Johanna, „sie wolle sich an alles halten, was die Richter und die Kirche sagen und urteilen würden, und sie wolle durchaus deren Anordnung und Willen gehorchen“.
Nachdem Johanna mündlich und schriftlich Widerruf und Abschwörung geleistet hatte und dies vom Gericht angenommen worden war, verlas Bischof Couchon das „definitive Urteil“ des Tribunals, worin sie zwecks heilsamer Buße zu ewigem Kerker mit dem Brot des Schmerzes und dem Wasser der Traurigkeit mit endgültigem Urteil verdammt wurde.
Indessen kam den Richtern zu Ohren, dass Johanna immer noch an die Offenbarungen glaubte. Darauf angesprochen, erwiderte sie, Gott habe ihr durch die hll. Katharina und Margareta die große Erbärmlichkeit dieses begangenen Verrats mitteilen lassen, dem sie zugestimmt habe, indem sie Abschwörung und Widerruf geleistet habe, um ihr Leben zu retten, und dass sie sich verdamme, um ihr Leben zu retten. Sie sagte ferner, dass der Prediger Unwahrheiten von sich gab, und dass sie, wenn sie sagte, Gott habe sie nicht gesandt, sich verdammen würde. Die Wahrheit sei, dass Gott sie gesandt habe. Zudem sagte sie, dass sie das, was sie geäußert habe, aus Angst vor dem Feuer gesagt habe. Johanna wurde daraufhin von den Richtern „zur Rückfälligen, Exkommunizierten und Häretikerin“ erklärt, die als faules Glied von der Kirche abzuschneiden und der weltlichen Macht zu übergeben sei. Dabei baten die kirchlichen Richter die weltliche Macht, dass sie, abgesehen von Tod und Verstümmelung der Glieder, bei der Urteilsvollstreckung Mäßigung walten lassen möge. Das eigentliche Urteil schloss mit den Worten: „Und wenn bei dir echte Zeichen der Reue erscheinen sollten, dann soll dir das Sakrament der Buße gewährt werden.“
Nachdem die Kirche Johanna verlassen hatte, wurde sie von bewaffneten Engländern übernommen und ohne Urteil eines weltlichen Richters am 7. Juli 1431 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Am 15. Februar 1450 beauftragte Karl VII. Magister Guillaume Bouillé, die Wahrheit im Fall Johannas zu erforschen. Da die Wiederaufnahme des Inquisitionsverfahrens allein in die Kompetenz des Papstes fiel, betraute Nikolaus V. (1447–1455) den Kardinal Guillaume d’Estouteville mit den weiteren Untersuchungen. Der sogenannte Nullitätsprozess fand am 7. Juli 1456 im erzbischöflichen Palais zu Rouen seinen Abschluss mit der Rehabilitierung Johannas, die dann am 11. April 1909 von Papst Pius X. selig- und am 16. Mai 1920 von Benedikt XV. heiliggesprochen wurde. Damit endete die außergewöhnlichste Biografie der Geschichte.
Diese Biografie beschreibt Helmut Feld in einer Form, die sich wie ein Krimi liest, in Wirklichkeit aber eine historische Quellenbeschreibung beinhaltet, welche an Akribie bei der Suche nach den vorhandenen Daten und deren Analyse im historischen Kontext kaum zu überbieten ist.
Eine Zeittafel, eine Bibliografie geordnet nach Quellen und Sekundärliteratur sowie ein Personenregister beschließen diese einmalige Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

Tworuschka, Monika / Tworuschka, Udo:  Illustrierte Geschichte des Islam. Stuttgart: J. B. Metzler, 2017, 175 S., ISBN 978-3-476-04348-1, Geb., EUR 25.69

Dr. Udo Tworuschka, Prof. für Religionswissenschaft an der Universität Jena, und seine Frau Monika, freie Autorin und Islam-, Religions- und Politikwissenschaftlerin, verfassten für die vornehme Reihe „Illustrierte Geschichte“ des J. B. Metzler Verlages den Band „Illustrierte Geschichte des Islam“.
Bei dieser Geschichte des Islam werden vor allem die politische und militärische Ereignisgeschichte, die sozialen Zusammenhänge und die kulturellen Besonderheiten des Islam aufgezeigt. In diesem Zusammenhang kommt der Koran nur kurz zur Sprache.
Schauplatz der Entstehung des Islam war die bedeutende zentralarabische Metropole einer von tribunalem Charakter geprägten Gesellschaft des 6. Jh. n. Chr., nämlich Mekka. Das Verbrechen eines Einzelnen wurde in einer solchen Gesellschaft vom ganzen Stamm gesühnt.
Und in einer solchen Gesellschaft wurde schließlich 570/71 Mohammed geboren. Er war das jüngst Mitglied einer Großfamilie der Banu Hashim aus dem Stamm der Quraish, der seit dem 5. Jh. n. Chr. das Gebiet um die Kaaba bewohnte. Als Großhandelskaufmann besaß Mohammed einen so guten Ruf, dass er Al-Amin, „der Treue“, genannt wurde. Dies trug ihm die Achtung Khadijas ein, die dem 25-Jährigen den Ehewunsch antrug. Aus dieser Ehe entsprangen zwei Söhne, die bereits im Kindesalter starben, und vier Töchter. Alle Nachkommen Mohammeds stammen von der jüngsten Tochter Fatima (606 – 632) ab.
Nachdem Mohammeds Lage in Mekka untragbar wurde, übersiedelte er 622 nach Medina, wo sich ihm zwei Probleme stellten, die Verfolgung seiner Anhänger durch die Mekkaner und der Aufbau einer gut organisierten Umma („Gemeinschaft“). Bereits 630 zog Mohammed mit seiner Armee nach Mekka, ohne auf größeren Widerstand zu stoßen, da sich die Mehrheit der Mekkaner zum Islam bekehrte. Als Mohammed 632 in Medina starb, war er bereits der Führer fast der gesamten arabischen Halbinsel. Diese Oberhoheit wurde jedoch durch die Ridda, den Abfall der Stammesgruppen, bedroht, die sich den dem Propheten gegebenen Versprechen und den eingegangen Bündnissen nicht mehr verpflichtet fühlten. Diese Ridda-Kämpfe wurden von kriegerischen muslimischen Gruppen in verschiedenen Teilen Arabiens in Bewegung gesetzt und führten zu gemeinsamen Feldzügen in die Grenzgebiete der einzelnen Imperien, was als Öffnung nicht islamischer Länder für die Muslime mit Gottes Hilfe verstanden wurde.
In der Nachfolge Mohammeds kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten. Eine kleinere Gruppe von Gläubigen war mit der Wahl der ersten drei Kalifen nicht einverstanden, da ihnen zufolge nur ein Mitglied aus der Familie des Propheten berechtigt war, der Umma als Oberhaupt vorzustehen. Ihrer Überzeugung nach hatte nämlich Mohammed seinen Vetter und Schwiegersohn Ali dazu bestimmt. Ali ging zwar aus dem Machtkampf nach dem Tod des dritten Kalifen Uthman als siegreicher Kalif hervor. Die Anhänger Uthmans, der mit Hilfe des Sekretärs des Propheten durch das Sammeln verschiedener Teile die heutige Fassung des Korans erstellt hatte, hielten Ali jedoch für schuldig an Uthmanns Tod. Dies führte schon bald zu Bürgerkriegen innerhalb der jungen islamischen Gemeinschaft.
Es war gerade dieser Streit, der zur Unterscheidung zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen führen sollte. Das schiitische Glaubensbekenntnis (Schia = Gruppe) lautet: „Es gibt keine Gottheit außer Gott und Mohammed ist der Gesandte Gottes und Ali der Freund Gottes.“ Für die Sunniten („Sunna“ = Tradition) ist Ali hingegen nur der vierte Kalif. Als Sunniten galten später die Anhänger der vier islamischen Rechtsschulen, die sich seit dem 9. Jh. als Vertreter der Sunna des Propheten und der Gemeinschaft der Muslime bildeten und die Expansion des Islam förderten.
Diese Expansion wurde während der Regierungszeit der Umayyaden zu Ende ge-
führt. Muslimische Truppen eroberten Nordafrika, und 711 überschritt der Feldherr Tarik die nach ihm benannte Meerenge von Gibraltar. Das Westgotenreich brach zusammen. Viele Nichtmuslime, in erster Linie Juden und Christen, bekleideten hohe Ämter. Abd al-Mali führte eine arabische Währung und Arabisch als Amtssprache ein.
Auf die Umayyaden folgte die Abbasiden-Dynastie, die ihre Herkunft auf einen Onkel des Propheten zurückführte und am Anfang sogar die Schiiten mit einbezog. Die Hauptstadt wurde von Damaskus nach Bagdad verlegt und ein zentralgesteuertes Verwaltungssystem errichtet. Der persische Einfluss nahm zu und Militär und Verwaltung entglitten zunehmend der Kontrolle. Immer öfter kam es zu Hof- und Haremsintrigen. Trotzdem setzte die Herrschaft der Abbasiden wichtige Maßstäbe für die Zukunft. Sie schafften die Voraussetzung, dass alle Muslime an der Umma teilnehmen konnten: Zugang zur Literatur, Unterstützung des sunnitischen Islam gegen die Schiiten, Formung eines Kultursystems, das alle arabischen und nichtarabischen Muslime einbezog. Die Gründung des berühmten „Hauses der Weisheit in Bagdad“ und die ursprünglich aus Indien eingeführten „arabischen“ Ziffern bereicherten den wissenschaftlichen Fortschritt. Islamische Ärzte wiesen als Erste den Blutkreislauf nach, besaßen Kenntnisse über Infektionen, kannten die Funktion der Gebärmutter und beschrieben bereits Krankheiten wie Masern und Gelenkrheumatismus. Große Kliniken besaßen Fachwissen bezüglich Innerer Medizin, Chirurgie, Gynäkologie und Psychiatrie.
Was das islamische Recht betrifft so stellte der Koran als Kundgabe der Gebote Gottes die Hauptquelle dar. Da der Koran in arabischer Sprache geoffenbart wurde, ist seine Autorität an den genauen Wortlaut des arabischen Originaltextes gebunden. Wo er keine direkte Antwort gibt, greift man zur Sunna, den Überlieferungen, mit den sogenannten Hadithen („Mitteilungen“). Finden sich auch hier keine eindeutigen Regelungen, so gilt der Konsens der Rechtsgelehrten („Idjma“) einer Generation zurück. Diese Entwicklung von Normen und Werten führte schließlich zur Scharia, dem islamischen Recht, das jedoch bis in die Neuzeit weder vereinheitlicht noch kodifiziert wurde.
In den weiteren Ausführungen befassen sich die Autoren mit der arabisch-islamischen Philosophie und den bedeuteten Denkern des Mittelalters, wie Alkindus, Alpharabius, Avicenna, Averroes usw.
Politisch führte der Verfall des Abbasidenreiches Ende des 8. Jh. zur Regionalisierung der Herrschaft. Um 900 entstanden schiitische Dynastien. Al-Andalus, Andalusien, ist der heute noch weiterlebende arabische Name für die 711 bis 1492 unter islamischer Herrschaft stehenden maurischen Gebiete Spaniens. Erst mit der Herrschaft der Seldschuken im 11. und 12. Jh. erhielt der sunnitische Islam einen Teil seiner Macht wieder zurück. Doch bereits 1236 nahm Ferdinand III. Cordoba ein und vertrieb unmittelbar darauf die letzten in der Stadt verbliebenen Muslime. Dabei darf nicht vergessen werden, dass bereits Mitte des 10. Jh. in Cordoba bei 250.000 Menschen lebten, um 950 Laternen die Innenstadt erhellten, den Einwohnern 6000 Moscheen, 3000 Bäder, 50 Hospitäler und 17 Hochschulen zur Verfügung standen.
1143 verfasste Robert von Ketton im Auftrag von Petrus Venerabilis die erste lateinische Koranübersetzung, auf deren Grundlage weitere Übertragungen in andere Sprachen folgten.
Eine ganz besondere Strömung des Islam ist der Sufismus, der als innerer Aufstieg der Seele zu Gott verstanden wird und zunächst ab dem 7. und 8. Jh. als Angelegenheit asketischer Einzelgänger betrachtet wurde, bis sich im 12. Jahrhundert Sufi-Gemeinschaften bildeten, die bis heute auch politisch fortbestehen.
Im späten Mittelalter hat sich dann die islamische Welt auch nach Indien und weiter nach Osten ausgebreitet. Im 14. Jahrhundert entstand das nach dem Gründer Osman I. (reg. 1300 – 1326) benannte Osmanische Reich, das durch eine stabile militärische und verwaltungstechnische Organisation über Jahrhunderte ein gigantisches Gebiet befehligte und zu Beginn der Neuzeit zu einer Großmacht aufstieg, die nahezu alle Länder der arabisch-islamischen Kultur umfasste.
Mit dem Einfall Napoleons 1798 in Ägypten setzte die Expansion des industriellen Europa verstärkt im vorderen Orient ein und zwang dessen Gesellschaften, europäische Errungenschaften zu übernehmen. Es kam zum Niedergang des Osmanischen Reiches. Die Briten bauten ihren weltumspannenden Einflussbereich vor allem dadurch aus, dass sie Völker ökonomisch von sich abhängig machten. Diesem Vordringen des Westens suchte man mit der nationalistischen Ideologie des Panarabismus zu begegnen, der sich als überkonfessionell verstand. Ihm stellte sich jedoch der Panislamismus entgegen, der die Solidarität aller Muslime betont.
Dabei gehört Saudi-Arabien zu den wenigen islamischen Ländern, die nie unter Kolonialherrschaft standen. Der saudische Staat, der seit 1924/25 auch die zwei heiligen Stätten Mekka und Medina kontrolliert, gründete seine Legitimation auf den Wahhabismus, der auf den sunnitischen Religionslehrer Ibn Abd al-Wahhab (1720 –1792) zurückgeht, welcher sich selbst als Muwahhidun („Bekenner der Einheit Gottes“) bezeichnete. Allerdings sind die wahhabitischen Ansichten bei der Mehrheit der Muslime bis heute umstritten. Sie zeichnen sich durch die wörtliche Auslegung des Koran, der Prophetentradition (Sunna) und den Protest gegen für verdorben gehaltene Sitten aus.
In der nun weltweit geforderten Behauptung der einzelnen Strömungen innerhalb und außerhalb der eigenen Glaubensrichtung verbindet sich der Islamismus oft auch mit terroristischen Aktivitäten.
Wie diese kurze Skizzierung der Themen des Buches zeigt, ist der Islam ein so vielfältiges Phänomen, bei dem das eigentlich Religiöse nur einen Bezugspunkt bildet, mit dem man alles zu vernetzen sucht. Das wahre Aktionsfeld ist jedoch die militärische und politische Auseinandersetzung innerhalb und außerhalb des Islam.
Es sind diese Auseinandersetzungen, welche die Autoren dieser Geschichte des Islam bis in Einzelheiten darzustellen versuchen, was die Lektüre nicht immer leicht macht. Die zahlreichen Abbildungen in Farbe, die Grafiken und die tabellarischen Darstellungen mit den Zeittafeln am Schluss fördern das Verständnis dieser so vielfältigen Geschichte des Islam und damit auch das Verständnis desselben. Auf alle Fälle sind die gebotene Information und die Gestaltung dieser Geschichte des Islam durch den Verlag bewundernswert.
Andreas Resch, Innsbruck

Strasser, Peter: Ontologie des Teufels. Mit einem Anhang: Über das Radikalgute. Paderborn: Wilhelm Fink, 2016, ISBN 978-3-7705-6108-7, Brosch., EUR 17.90

Prof. Dr. Peter Strasser befasst sich in diesem Buch der Ontologie des Teufels mit dem Problem des Radikalbösen. In einem ersten Abschnitt wird das Böse an der Gestalt Hitlers veranschaulicht und dabei zugleich auch darauf verwiesen, dass die Gräueltaten Hitlers neuerdings zum Gegenstand der Unterhaltung werden. Dies zeige den uns angeborenen Hang zum Bösen. So müsse, im Sinne des kategorischen Sollens, Hitler in uns eine ontologische – nicht bloß ethische – Erscheinungsform des Bösen bleiben, um nicht mit den womöglich besten Absichten vor dem Teufel zu kapitulieren.
Der Umgang mit dem Radikalbösen hatte zwar stets spielerischen Charakter und vermochte dabei denkerisch und künstlerisch fulminante Ergebnisse zu zeitigen, weshalb es für große Teile der modernen Welt, bekannt aus Film und Fernsehen, eine weitaus vitalere Figur darstellt als Gott. Allerdings bleibt diese Figur dabei stets in der Sphäre des Uneigentlichen. Da es nun das Böse gibt – und nur so lange, als es das Böse gibt –, kann sich das Gute an ihm bewähren. Wenn am Ende das Gute endgültig siegt, dann nach Strasser „doch nur dank des Bösen, ohne welches es keine Welt, keinen Kosmos, keinen Krieg als Vater aller Dinge jemals gegeben hätte“ (S. 31). Aus diesem Grunde ist der Mensch auch zu schwach, um aus sich selbst eine Moral zu entwickeln, die von allen mit guten Gründen angenommen werden sollte, da die menschlichen Gründe dafür niemals ausreichen. Doch das Leben, gedacht als Triumph der Immanenz, ist die Hölle, während die Gnadenquelle der göttlichen Barmherzigkeit, die das Böse vom Bösen erlöst, das Radikalgute ist. So sollten wir uns dessen bewusst bleiben, dass unser Geist jene begriffslose Urquelle unseres Seins und Daseins ist, die wir in einer religiösen Perspektive Gott nennen.
Wer somit heute eine Ontologie des Radikalbösen schreiben möchte, das heißt eine Seinsgeschichte des Seelenverlustes, müsste sich auf die Verschränkung von physikalischer und digitaler Intelligenz konzentrieren. Diese beiden zusammen produzieren ein künstliches Sinnuniversum ohne die Frage nach dem Sinn der Welt, aus der alles Geistige zugunsten der künstlichen Erleichterungswelten vertrieben wird. Diese Bedrohung des Seelischen ist eine Wirkung des Radikalbösen. Dem Teufel geht es nämlich darum, die Seele des Menschen zu zerstören und das Böse als Teil der Evolution im Rahmen der Psychologie zu neutralisieren. Damit bildet das Radikalböse keine genuin normative Kategorie mehr und entzieht sich folglich dem authentischen Moralbereich. Das Radikalböse kommt zwar von nirgendwo her, da es als metaphysisches Strukturelement der Welt seit jeher da ist. Ohne das Radikalböse wäre zudem auch das Radikalgute, nämlich Gott, in seiner absolut vollkommenen Reinheit und Transparenz nicht denkbar.
Das Buch ist essayistisch verfasst, vermittelt dabei aber grundlegende Einsichten in die gegenwärtigen gesellschaftlichen und geistigen Strömungen mit einer Orientierung in Richtung Sinn des Lebens.
Andreas Resch, Innsbruck


Folgende Rezension konnte leider nicht mehr in die Zeitschrift aufgenommen werden und erscheint daher an dieser Stelle:

Rees, Valery: Von Gabriel bis Luzifer: eine Kulturgeschichte der Engel. Darmstadt: WBG (Lambert Schneider), 2017, 343 S., Abb. farb. u. sw, ISBN 978-3-650-40205-924, Ln, EUR 29.95 [DE]

Valery Rees, Senior Member am Language Department der School of Economic Science in London und Renaissance-Expertin, legt hier eine Kulturgeschichte der Engel in Beantwortung der Frage vor: Was verstanden Menschen in Vergangenheit unter Egeln und welche Bedeutung können Engel für uns heute noch haben?
Dem Namen nach ist der Engel ein Bote, der frohe Ereignisse verkündet und schlimme verhindert - so bei Abraham, Jakob und in den Berichten der Propheten. Die Beschreibung ihrer Gestalt mit ausgebreiteten Flügeln erinnert an die geflügelten Wesen auf den Portalen assyrischer und babylonischer Architektur. Im Neuen Testament finden wir, angefangen vom Erzengel Gabriel, Engel mit den verschiedensten Aufträgen. Gabriel ist auch im Islam von besonderer Bedeutung, soll er doch Mohammed den Koran geoffenbart haben.
Geflügelte Gestalten gibt es ebenso in der Ikonographie Ägyptens. In Sumerien, Akkadien, Assyrien und Babylon spendeten geflügelte Figuren Kraft und Schutz. Auch im Hinduismus oder bei den Griechen und im Zoroastrismus gibt es geflügelte Gestalten sowohl als Schutzengel des Alltags als auch als geistige Vorbilder. Daher bezeichnet die Autorin Engel auch als universelle und archetypische Gestalten, die den Raum zwischen Erde und Himmel beleben. Da Engel keinen materiellen Leib besitzen, bleiben sie unseren Sinnen verschollen, obwohl sie gelegentlich verschiedene Formen annehmen können.
Eine nähere Beschreibung der mystischen und symbolischen Natur dieser himmlischen Intelligenzen finden wir unter anderem bei Dionysius dem Pseudo-Aeropagiten und bei Marsilius Ficinus.
Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal der Engel war ihr Mangel an freiem Willen. So geschah es erst durch die Ausübung seines freien Willens, dass Satan rebellierte und seinen Status als Engel verlor. Die dadurch entstandene Vorstellung von Engeln und Dämonen der drei abrahamitischen Religionen hat hierin ihre Wurzel.
Was die Wissenschaft von den Engeln, die Angelologie, betrifft, so erreichte diese ihren Höhepunkt im Mittelalter.
Nach einem Hinweis auf das Verständnis der Engel in der Reformation geht Rees auf die bösartigen Geister ein, die den Raum zwischen Himmel und Erde bevölkern, die Dämonen, die nicht nur im christlichen Verständnis, sondern auch im Islam und selbst im Judentum Furcht auslösen.
Nach diesen grundsätzlichen Aussagen zur Angelologie widmet sich die Autorin der Frage, warum  Engel Flügel oder keine Flügel haben. Sicher ist, dass Cherubim und Seraphim Flügel haben. Hingegen bleibt die Frage offen, warum einige Engel zwei Flügel haben, andere dagegen vier oder sogar sechs. Noch rätselhafter ist folgender Vers aus dem Koran:
„(Alles) Lob gehört Allah, dem Erschaffer der Himmel und der Erde, Der die Engel zu Gesandten gemacht hat mit Flügeln, (je) zwei, drei und vier!“ (Koran 35, 1) Es ist nämlich schwer, sich einen dreiflügeligen Engel vorzustellen, es sei denn, dass damit drei Flügelpaare gemeint sind.
Einen besonderen Stellenwert unter den Engeln nimmt die Gattung der Cherubim ein. Im mittelalterlichen Zohar stimmen die Cherubim den täglichen Zyklus des Lobpreises an. In der Bibel zeichnen sie sich durch die totale Hingabe an das Wissen um Gott und an den Lobpreis aus. Im Gegensatz dazu kommen die Seraphim in der Bibel nur selten vor, nehmen aber in Hymnen, Literatur und Künsten einen hohen Stellenwert ein.
In diesem Zusammenhang weist Rees auch auf die Visionen vom göttlichen Wagen und dem himmlischen Thron hin, die für die kabbalistische Lehre und die mystischen Strömungen eine besondere Rolle spielen. Vor allem die Darstellung des Wagens und des Thrones der Herrlichkeit Ezechiels beeinflussten weitere mystische Traditionen.
Eine weitere Schar von Engeln bilden die Erzengel und die „gewöhnlichen Engel“, die den Menschen am nächsten stehen. Die Erzengel Michael, Gabriel, Raffael und der Erzengel des Todes, der in der islamischen Tradition der vierte Erzengel ist, werden einzeln behandelt.
Nach diesen historischen und biblischen Darstellungen befasst sich Rees mit den führenden Engeln in der kommenden Welt, wobei sie besonders auf die Apokalypse des Evangelisten Johannes eingeht. Charakteristisch ist dabei, dass die Kräfte des Guten im Kampf mit den Kräften des Bösen stehen. In der Apokalypse des Abraham werden Engel täglich aus einem Strom aus Licht und Feuer geboren. Im Gegensatz dazu stehen die führenden Engel in dieser Welt, die Schutzengel, dem Menschen und insbesondere den Kindern dauernd zu Seite. „Dir begegnet kein Unheil, kein Unglück naht deinem Zelt. Denn er befiehlt seinen Engeln dich zu behüten auf all deinen Wegen“ (Psalm 91-10-11, wiederholt bei Matthäus 4, 6).
Den Gegenpol zu diesem Schutz bilden die gefallenen Engel mit Luzifer, dem Leuchtenden, an der Spitze, der vom Himmel herabgestürzt wurde.
Ganz anders als die gefallenen Engel sind die Engel der Vergeltung oder Racheengel. Ihre Aufgabe besteht darin, Unrecht zu bestrafen.
Diese aufgezeigte Vielschichtigkeit der Engel ist ein besonderes Merkmal der vorliegenden Arbeit, welche die verschiedenen Vorstellungen in Geschichte, Religion und Kultur von den Anfängen bis in die Gegenwart beschreibt. Dabei beeindrucken das umfangreiche Wissen der Autorin wie auch die abgewogene Darstellung der Thematik mit den zahlreichen Quellenangaben und den illustrierenden Bildtafeln. Ein Anmerkungsverzeichnis, eine nach Themen gegliederte Bibliografie, ein Abbildungsverzeichnis sowie ein Index mit Hinweis auf Schlüsselstellen durch Fettdruck beschließen dieses informative Buch.
Wer sich für das Thema Engel im breiten Spektrum von Geschichte, Kultur und Religion interessiert, findet in dieser Arbeit reiche Information.
Andreas Resch, Innsbruck

 

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch