REZENSIONEN 2017

ETHICA 2017/1

Ropohl, Günter: Das Wesen der Wirtschaft und das Unwesen der Ökonomen. Baden-Baden: edition sigma in der Nomos Verlagsges., 2015, 187 S., ISBN 978-3-8487-2513-7, Brosch., EUR 29.00

Prof. Günter Ropohl, mit Ausbildung in Technologie, Philosophie und Soziologie, setzt sich in diesem Buch mit dem Wesen der Wirtschaft auseinander. Dabei versteht er unter „Wirtschaft“ die tatsächlichen Handlungen und Einrichtungen, mit denen Bedarfsgüter ausgetauscht werden. Die Ergründung der Wirtschaft als solche ist für den Autor hingegen eine philosophische Aufgabe, die von den Philosophen allerdings kaum wahrgenommen wird.
Auch die Mehrzahl der Wirtschaftswissenschaftler hat sich um die Einbettung des Wirtschaftens in die menschlichen Lebensbedingungen kaum gekümmert. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Wirtschaft ein zwiespältiges Wesen ist. Auf der einen Seite sind es die Aktivitäten zur Sicherung unserer Lebenssituation durch Kaufen, Arbeiten und Sparen. Auf der anderen Seite ist die Wirtschaft ein Geflecht von Organisationen, die man meist nicht kennt geschweige denn durchschaut. So hat Wirtschaft eine subjektive und eine objektive Seite, insofern die Individuen zum einen ihren eigenen Plänen nachgehen, zum andern über individuelle Organisationsformen das individuelle Handeln in bestimmte Bahnen lenken. Damit verbunden ist die Arbeitsteilung, die einen zusammenhängenden Produktionsvorgang in Teilarbeiten gliedert und jede einzelne Teilarbeit einer bestimmten Person bzw. Maschine überträgt. Dabei erklärt sich der Wert einer Ware vor allem mit dem persönlich zu erwartenden Nutzen, den sich ein Käufer davon verspricht. Durch diese Subjektivierung des Wertes der Arbeit ist Letztere jedoch als Wertschöpfungsfaktor in den Hintergrund getreten. Geld ist zum Aushängeschild der Wirtschaft geworden, doch spiegelt Geld wider, was Menschen tun, um ihren Bedarf zu decken.
Seit Teile der Arbeit von Maschinen übernommen werden, sehen einige sogar das Ende der Erwerbsarbeit gekommen, was aber nicht auch schon das Ende der Arbeit bedeutet. Erwerbsarbeit ist nämlich nicht das ganze Leben.
Die Technik ist jedenfalls ein Mittel zur Kapitalakkumulation und Geld ist zu einer Ware geworden, die sich durch Verleihen sozusagen selbstständig vermehrt. Zinseinnahmen werden zum Einkommen ohne Arbeit, das durch den Zinseszins noch gesteigert wird. Allerdings bergen diese finanziellen Verfahren der Geldvermehrung den Keim krisenhafter Entwicklungen, wie der Immobilien-Kollaps in den USA gezeigt hat. Verschuldete Hauseigentümer konnten die Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen und sahen sich zu Notverkäufen gezwungen. Die Immobilienpreise fielen dramatisch und die Forderungen an die involvierten Banken konnten nicht mehr eingelöst werden.
In der modernen Wirtschaft tauscht man nämlich nicht nur Waren gegen Geld und Geld gegen Zins-Geld, sondern man tauscht auch zunehmend Geldforderungen gegen Geld. Auf diesem Weg können die Vermögensverhältnisse enorm gesteigert werden. So soll 1 Prozent der Menschen mit 110 Billionen Dollar die Hälfte des Reichtums dieser Welt besitzen. Dabei müssen die Reichen paradoxerweise Kapital abgeben, um für den gewinnbringenden Absatz ihrer Produkte auf eine entsprechende Kaufkraft zu kommen. Das ist das Gesetz des konsumistischen Kapitalismus, was besagt, dass sich die Geldspekulation von der Realwirtschaft völlig abgelöst hat.
Hingegen ist es das Ziel der Unternehmen, Bedarfsgüter hervorzubringen, die von an-
deren Wirtschaftseinheiten nachgefragt werden. Als vorrangiges Unternehmensziel gilt dabei die Rentabilität. So ist heute selbst im modernen Haushalt die Entwicklung dadurch gekennzeichnet, dass der Kauf extern hergestellter Güter gegenüber der Eigenproduktion gewonnen hat.
Die Vorstellung, die menschlichen Bedürfnisse wären unbegrenzt, wird mit der Vorstellung des Mehrens von Waren verbunden, was nach vielen Ökonomen ein menschlicher Urtrieb sei. Nun gibt es nach Ropohl auch Menschen, die mit dem, was sie haben, vollkommen zufrieden sind. Damit will der Autor das Wachstum allerdings nicht grundsätzlich verneinen, zumal Wachstum, wenn es allen schlecht geht, Abhilfe schaffen kann. Man müsse aber nicht grundsätzlich ständig Mehrung erstreben. Ist ein erreichter Zustand zufriedenstellend, sollte nur noch dieser Bestand aufrechterhalten bleiben.
Der Hinweis, dass der Vatikan die Begrenzung des Bevölkerungswachstums auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 durch ein Veto verhindert habe, ist allerdings ungenau, weil der Vatikan nur gegen eine rein technische Bevölkerungsbegrenzung ist, da er auf eine verantwortete Elternschaft baut. Dies deckt sich schließlich auch mit der Ropohls Aussage: „Wer nur in monetären Quantitäten denken kann, vermag menschliche Lebensäußerungen, die sich vor allem durch ihre besondere Qualität auszeichnen, natürlich kaum zu begreifen.“ (S. 176)
Das Buch gibt einen aufgefächerten und allgemein verständlichen Einblick in das Wesen der Wirtschaft mit einer Schlussattacke gegen die Ökonomen in einem unterschwelligen sozialen und antikapitalistischen Ton. Ein Literaturverzeichnis mit Nennung ausgewählter Klassiker und neuerer Quellen sowie ein Personenregister beschließen die informative Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften: Sozialethik der Pflege und Pflegepolitik. Münster: Aschendorff, 2016 (Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften; 57), 391 S., ISBN 978-3-402-10989-2, Brosch., EUR 38.00

Der vorliegende Sammelband enthält auf 391 Seiten 19 fachbezogene Beiträge zur Thematik der Pflege. Dass dies ein hochaktuelles Thema in westlichen Industriestaaten mit einer immer älter werdenden und langlebigeren Gesellschaft ist, braucht hier wohl nicht näher begründet zu werden. Die Hauptlast dieser Pflege-Arbeit trägt zwar immer noch die Familie, aber die Richtung zeigt eindeutig, dass zunehmend gesellschaftliche, seien es nun staatliche oder privat-, d.h., profitorientierte Trägerorganisationen, diese Aufgabe übernehmen. Hier tut sich, wie der Sammelband überzeugend darlegt, eine Vielzahl von Problemkreisen auf, die an dieser Stelle gar nicht alle aufgezählt werden können. Dabei werden nicht nur ethische Fragestellungen thematisiert, sondern auch, wie vor allem aus bundesdeutscher Sicht dargestellt und erläutert wird, eine Reihe von Problemen, die sich auf der politischen bzw. finanzierungstechnischen Seite ergeben.
Immer wieder tönt auch an, dass dem Beruf der Pflege, insbesondere von älteren Menschen, die dafür notwendige Anerkennung und Wertschätzung – nach wie vor – vorenthalten wird. Die Pflege stellt kein Berufsfeld dar, zu dem sich die Massen Arbeitswilliger drängen. So ist es denn auch nicht erstaunlich, dass in diesem Bereich fast ausschließlich Frauen arbeiten, die zu einem nicht zu unterschätzenden Teil aus Osteuropa, aber auch aus Asien kommen. Im Buch wird hierbei von sogenannten live-ins gesprochen. Das sind Arbeitskräfte, welche die Pflegearbeit bei den alten Menschen zu Hause verrichten. In der Schweiz kennen wir hierfür den Begriff der Spitex. Es haben sich aber auch hier mittlerweile Firmen etabliert, die auf rein profitorientierter Basis diese live-ins-Dienste anbieten.
Ein weiterer Punkt soll hier noch Erwähnung finden, nämlich der, dass die Vulnerabiliät des Klientels nicht allein bei diesem zu suchen ist, sondern oft in den gesellschaftlich-politischen Gegebenheiten. Es geht nicht um die Verletzlichkeit des alten Menschen als solche, sondern um die Verletzlichkeit, die systembedingt ist und verändert werden könnte. Davon handelt dieses Buch.
Es ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil ist mit ,Sozialethik der Pflege und Pflegepolitik‘ überschrieben und enthält drei Unterbereiche: a) Ouvertüre, 4 Beiträge, b) Forschungsbeiträge, 6 Beiträge und c) Literaturüberblick, 1 Beitrag. Der zweite Teil heißt: Forschungsbeiträge zur Sozialethik und enthält 2 Beiträge. Der dritte Teil trägt den Titel: Christlich-sozialethisches Denken und Arbeiten in Europa / Thinking and Doing Christian Social Ethics in Europe und enthält einen Beitrag aus Irland. Der vierte Bereich enthält Berichte und Mitteilungen über stattgefundene Tagungen sowie über Qualifikationsarbeiten in der deutschsprachigen katholischen Sozialethik. Dabei werden Arbeiten aus Deutschland und Österreich berücksichtigt.
Wer sich mit Pflege im umfassenden Sinn beschäftigt bzw. beschäftigen muss, wird nicht umhinkommen, sich diesen Sammelband zuzulegen.
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Witschen, Dieter: Ethischer Pluralismus. Grundarten – Differenzierungen – Umgangsweisen. Paderborn: F. Schöningh, 2016, 129 S., ISBN 978-3-506-78222-9, Brosch., EUR 19.90

Das Buch, wie es der katholische Theologe W. vorgelegt hat, räumt vor allem mit der terminologischen Unordnung in der Debatte um ethischen Pluralismus auf. In einer Vielzahl von Differenzierungen skizziert es sinnvolle und problematische Redeweisen des ethischen Pluralismus. Während W. dabei zunächst eine deskriptive Redeweise vom moralischen Pluralismus, die eine Vielstimmigkeit als Faktum konstatiert (Kap. II, 15 –23), von einer normativen Begründung (III, 24 – 69) abgrenzt, geht er dann näher auf eine Pluralität von Tugendethiken ein (IV, 70 –105), bevor er abschließend (V, 106 –129) einen „fundierten Pluralismus“ als Lösung zum Umgang mit der moralischen Vielstimmigkeit anbietet. Darunter versteht er eine Pluralität unter „Anerkennung allgemeingültiger Regeln“ (114).
Viele Differenzierungen des Buches sind klug und situationsrelativ eingefasst. Wer sich mit dem Phänomen des ethischen Pluralismus beschäftigt, wird sich häufiger in der Darstellung des Dickichts, aber auch in der Zurückhaltung gegenüber einer voreiligen Emphase für pluralistische Konzepte bestätigt fühlen. Gleichwohl ist W’s Versuch, Ordnung in ein unübersichtliches Terrain zu bringen, mit neuen Unschärfen erkauft. Das dürfte zwar der Kürze des Buches geschuldet sein; aber gerade dann hätte sich W. für eine umfassendere Darstellung entscheiden sollen. Viele methodische Entscheidungen bleiben nun im Dunkeln, so z.B. die Feststellung, metaethische Beobachtungen seien nur hin und wieder in das Buch eingeflossen (14, 131). Sollen damit die vorgenommenen Differenzierungen normativ zu verstehen sein? Dann bleibt der Leser auf Verdachtsmomente angewiesen, welche normative Leitperspektive W. einnimmt. Die Behauptung, dass in der Ethik „Geltungsgründe“ (46) stechen, übergeht aber unbegründet die Situationsethik und den Emotivismus. Ebenso fehlen die Gründe für die Behauptung, dass in einer ethischen Diskussion „Nominaldefinitionen“ (48) einzuführen sind, damit man sich in „neutraler Sprache“ (ebd.) verständigen kann. Dahinter steckt die unbegründete Unterstellung, dass eine sprachliche Ambiguität vermieden werden kann (etwa auch 69, 90).
Ich vermute dahinter einen ethischen Realismus. Ausdrücklich spricht W. davon, dass es „moralische Universalien … gibt“ (17, Herv. D.W., 33). Das Universalisierungsprinzip wird formallogisch begründet, dass es keinen Individualbegriff enthalten dürfe (32). Zwar sind moralische Erfahrungen „nicht in gleicher Weise objektivierbar wie empirische Einsichten im Feld der Naturwissenschaften“ (21), so dass die ethische Realität einer hermeneutischen Zugangsweise bedarf (ebd.). Daraus folgt aber offenbar nicht, dass sie überhaupt nicht objektivierbar wäre.
Wie sich Realismus und Hermeneutik zueinander verhalten, zeigt sich in der Darstellung der Gründe, warum trotz eingehender Diskussion ein Dissens bestehen bleiben kann (47–52). Während die meisten dieser Gründe technisch sind (sprachliche Ungenauigkeiten oder unterschiedliche Prognosen), nennt W. einen substanziellen Grund, nämlich unterschiedliche „metaphysische oder religiöse Annahmen“ (51). Wie sich solche Differenzen allerdings ausräumen lassen, bleibt wieder dem Leser überlassen. Im Realismus gäbe es hierzu zwei Optionen: Entweder bilden unterschiedliche religiöse Perspektiven jeweils verschiedene hermeneutische Zugänge zur Realität; dann wäre zu klären, ob solche Zugänge selbst ein Teil der zu erkennenden Realität sind (so anscheinend 42, wo die hermeneutische Vermittlung moralischer Äquivalente in den Weltanschauungen unterstellt wird) oder sie immer nur konstruieren. In beiden Fällen freilich wäre ein ethischer Pluralismus unausweichlich, der über einen fundierten Pluralismus hinausgehen würde. – Oder religiöse Perspektiven betreffen nur moralische Zusätze, „supererogatorische Handlungen“ (84) die zwar gelobt, aber deren Unterlassung nicht getadelt werden dürfte. Immerhin versteht W. theologische Tugenden (91) und religiöse Ideale (103) in diesem Sinn als Superadditum analog zur römisch-katholischen Zwei-Stufen-Ethik.
So sehr sich daher bei mir während der Lektüre der Eindruck eines ethischen Realismus als Leitperspektive des Buches verfestigt hat, so sehr habe ich die Begründung eines solchen vermisst. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem moralischen Pluralismus als eines Relativismus oder Partikularismus ist der bloße Verweis auf scheinbare Selbstverständlichkeiten („evident“, 12, vgl. 34) zirkulär. So muss die Prämisse von Relativisten nicht geteilt werden, dass ein Handlungsgrundsatz keine Individualbegriffe (32) enthalten dürfe, weil sie die Existenz von Universalien leugnen könnten. W. brandmarkt Partikularisten nur klischeehaft als Rassisten oder Chauvinisten (ebd.). Subtiler wäre eine Diskussion mit feministischen Ansätzen oder Tierschützern gewesen, die partikulare Begründungsmuster in Anspruch nehmen. Zudem tut W. einem Universalismus keinen Gefallen, wenn er ihn mit einem geheimen ethischen Realismus paart, so als ob diese metaphysische Vorentscheidung geschluckt werden müsse, um einen grundlegenden ethischen Konsens zu ermöglichen. Umgekehrt werden weder alle Universalisten noch alle grundierten Pluralisten der Differenz von Moral und Sitte zustimmen (26): „Was für Frauen und Männer bei welcher Gelegenheit als jeweils angemessene Kleidung angesehen wird“, sei angeblich „moralisch kein Problem“ (ebd.). Angesichts der Diskussion um Kopftuch- und Burkaverbot wüsste man hier gerne mehr, nämlich ob damit eine Tyrannei der Sitte bar moralischer Gründe über Kleidungsvorschriften entscheiden darf oder ob umgekehrt Kleidungsverbote illegitime moralische Übergriffe darstellen. W’s Realismus dürfte der Sitte jedoch in beiden Fällen einen ontologischen Status zuschreiben.
Angesichts der onto-logischen Perspektive des Buches irritiert es, dass der Art-Begriff (z.B. 7, 12, 13, 24, 32, 53), den W. für Unterscheidungen innerhalb des Pluralismus heranzieht, mehrfach äquivok verwendet wird: Er kann die Aufteilung in verantwortet / dogmatisch (12), deskriptiv / normativ /tugendethisch (13f), universalistisch / partikularistisch (31f.), statisch / dynamisch (53) meinen. Solche Äquivozitäten gehen zu Lasten der sonstigen Feinsinnigkeit von Differenzierungen, übrigens ebenso wie beim Begriff der „Ebene“ (13, 18, 29).
Warum der Tugendethik ein eigenes Kapitel zu widmen ist, wird zwar damit begründet, dass sie eine Grundart des ethischen Pluralismus sei (14). Kapitel IV. beschreibt aber eher tugendethische Ansätze als ihren pluralistischen Grundzug. Erst vom letzten Kapitel wird die tugendethische Präzisierung deutlich: W’s grundierter Pluralismus setzt letztendlich auf die Tugend der Toleranz (123). Dabei wird Toleranz nicht normativ begründet, sondern in Seinsaussagen beschrieben (125–128): Der tolerante Mensch ist selbst ein ethischer Realist, weil er sich an der „Prüfung der Realitäten“ (127) orientiert.
Lukas Ohly, Frankfurt

Wedler, Hans: Suizid kontrovers. Wahrnehmungen in Medizin und Gesellschaft. Stuttgart: Kohlhammer, 2017 (Horizonte der Psychiatrie und Psychotherapie – Karl Jaspers-Bibliothek; 3), 148 S., ISBN 978-3-17-031046-9, Brosch., EUR 26.00

Prof. Dr. med. Hans Wedler, Facharzt für Innere Medizin und Psychotherapeutische Medizin, ehem. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), legt hier seine Wahrnehmungen zum Thema Suizid in Medizin und Gesellschaft vor.
Wie bekannt, wird der Suizid heute in fast allen gesellschaftlichen Kreisen, einschließlich der Medizin, negativ gewertet und ist in vielen Staaten sogar strafrechtlich verboten. Andererseits wird er bisweilen als die dem Menschen einzig adäquate Form der Lebensgestaltung gepriesen.
Zu den Personen, die als besonders suizidgefährdet gelten, zählt man psychisch Kranke, ältere Menschen und hier vor allem Männer, Arbeitslose sowie rassisch, religiös und politisch Verfolgte und ihrer Umgebung Entwurzelte. Dabei begeht jemand Selbstmord selten aus Überlegung, sondern aus emotionaler Verengung, wenngleich sich fast jeder vor der suizidalen Handlung in irgendeiner Weise mitteilt, was durch eine Reihe von Fällen belegt ist. So schreibt z.B. Heinrich Kleist: „... die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“
Die Option zum Suizid besteht für den Menschen ein Leben lang, für das Kind zumindest ab dem Erwachen des Todesverständnisses.
Wegen seiner individuellen und gesellschaftlichen Vielschichtigkeit ist der Suizid auch vielfach Thema in Literatur und bildender Kunst. Die Medien berichten in bestimmten Fällen in besonderer Aufmachung und Ausführlichkeit. Dabei wird der Freitod nicht selten als die Höchstform menschlicher Autonomie gepriesen. Angesichts der Einengung des Denkens und Empfindens bei der Vorbereitung und Durchführung des Suizids darf die Betonung der diesbezüglichen Autonomie durchweg in Frage gestellt werden.
Was die Formen selbstbestimmten Sterbens betrifft, so bewegen sich diese von demonstrativer öffentlicher Selbsttötung bis hin zu den ausgeklügeltsten Formen der Vertuschung.
Nach diesen Beschreibungen geht der Autor auch auf die viel diskutierte Form der Suizidassistenz ein, die in einigen Ländern schon lange praktiziert wird. In Deutschland z.B. ist nach den Bundestagsbeschlüssen vom 7. November 2015 die ärztliche Beihilfe zum gemeinsamen Suizid zweier alter Menschen erlaubt, sofern sie nicht geschäftsmäßig erfolgt.
In diesem Zusammenhang wird auch die Palliativversorgung am Lebensende angesprochen. Es geht hier nicht mehr um Heilung, sondern lediglich um Linderung der durch die Krankheit ausgelösten körperlichen und seelischen Beschwerden, einschließlich der Erleichterung des Sterbens.
Man unterscheidet heute zwischen Sterbebegleitung in Form von pflegerischer Grundversorgung, Sterbeerleichterung in Form von Palliativbehandlung und Sterbebeschleunigung in Form von ärztlich assistiertem Suizid. Was die Suizidassistenz betrifft, so ist die diesbezügliche Diskussion weltweit gegeben. Katholische Kirche, Islam und Judentum lehnen sie ab, die evangelische Kirche erklärt sich hier nicht eindeutig. Auf jeden Fall ist das Tötungsverbot die Basis für jede Form sozial gestalteten Lebens. Allerdings kennt es gewichtige Ausnahmen. Das Töten des Feindes z.B. ist ein gesellschaftlich anerkanntes Kriegsziel und heute auch ein Mittel der Wahl bei der Terrorbekämpfung und zur Wahrung der öffentlichen Ordnung, wenngleich mit definierten Einschränkungen. Daher kommen eine Aufhebung des Tötungsverbotes im Rahmen der Sterbehilfe und generell die gesellschaftliche Tolerierung des Suizids in den Augen vieler einer Verletzung der Menschenwürde gleich. Zudem setze, so die weitverbreitete Meinung, eine vom Staat legitimierte und gesetzlich geregelte Sterbebeschleunigung das falsche Signal an die Gesellschaft.
Von psychiatrischer Seite wird darauf verwiesen, dass die meisten Menschen, die einen Suizid in Erwägung ziehen, an Depressionen leiden und psychisch krank sind.
Am Schluss geht der Autor noch auf die Suizidprävention ein und stellt fest, dass weder durch gute Ratschläge noch mit Zwang ein Mensch dauerhaft vom Wert des Weiterlebens überzeugt werden kann.
Wirft man nach diesen kurzen Inhaltsangaben einen Blick auf das Buch als Gesamtes, so beindrucken Abgewogenheit, Fachlichkeit und Vielschichtigkeit der Argumentation mit den zahlreichen historischen Beispielen. Ein Literaturverzeichnis, ein Personen- und Sachregister beschließen diese sehr informative und fachliche Arbeit zu einem der schmerzvollsten Themen des menschlichen Lebens.
Andreas Resch, Innsbruck

Zur Nieden, Christiane: Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Eine Fallbeschreibung. Frankfurt a. M.: Mabuse 2016, ISBN 978-3-86321-287-2, Brosch., 171 S., € 19.95.

Dieses populär geschriebene Buch ist nicht nur ein Sterberatgeber. Es eröffnet auch ein ethisches Thema, das selten so offen diskutiert wurde wie hier, nämlich die Frage, auf welche Art und Weise wir selbst sterben möchten. Das ist eine sehr persönliche, aber dennoch eine ethische Frage, die dann wirklich in den Vordergrund rückt, wenn wir damit konfrontiert sind, dass unser Leben bald enden wird. Wie soll aber eine Frage, die doch letztlich nur eine Person (jeweils „mich“) angeht, eine Frage von moralischer Bedeutung sein? Erstens deswegen, weil das Sterben das gesamte Leben betrifft. Und zweitens, weil in den Gedanken und Handlungen andere involviert und direkt oder indirekt von ihnen betroffen sind.
Es gibt verschiedene Arten des mehr oder weniger selbstbestimmten Sterbens. Und es gibt das Sterben ohne Selbstbestimmung über den Zeitpunkt. Wenn Sterben im medikalisierten Raum stattfindet, ist meistens irgendeine Möglichkeit gegeben und es sind Entscheidungen darüber erforderlich, wie die Umstände des Sterbens mitgestaltet werden sollen. Sterbefasten ist einer dieser möglichen Wege. Er beinhaltet den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Es ist rechtlich gesehen einwandfrei und bietet sich auch in Ländern als Möglichkeit an, die ansonsten restriktive Gesetzgebungen für das assistierte Sterben aufweisen. Aber nicht nur dort ist das ein Thema: In den Niederlanden – bekannt für eine sehr liberale Gesetzgebung am Lebensende – starben 2010 rund 2800 Menschen mit Sterbefasten (eine Studie ist zitiert auf S. 130).
Wenn man das tun möchte, braucht es einiges Know-how: Es geht z.B. um die richtige Mundpflege, um eine gute Schmerztherapie, um eine Rund-um-die-Uhr-Fürsorge durch Familienangehörige nach spätestens 4 –5 Tagen u.v.m. Davon handelt das Buch. Es ist mit der 25-jährigen Erfahrung einer Sterbe- und Trauerbegleiterin geschrieben, die viele Menschen mit Sterbefasten bis zum Tod begleitet und unterstützt hat. Sie weiß, wie das alte Menschen machen können. Deutlich warnt sie vor Illusionen: Für Jüngere Menschen, die sterben möchten, ist es kein möglicher Weg. Auch bei alten Menschen kann man nicht wissen, wie lange es genau dauern wird, bis das Leben auslöscht. Nur so viel ist klar: Je weniger Flüssigkeit, desto schneller wird es gehen. Die Autorin schreibt davon, dass es körpereigene Prozesse gebe, die alten Sterbenden helfen, den Prozess auszuhalten: bei manchen Betroffenen entstehe eine Schläfrigkeit durch den erhöhten Harnstoffgehalt im Blut wegen einer Nierenunterfunktion. PalliativmedizinerInnen, die ich gefragt habe, sagen aber, dass das in einigen Fällen auch zu Unruhe führen kann. Medizinisch ungeklärt sei, ob es stimmt, wie im Buch behauptet wird, dass es zu einer Ausschüttung von Endorphinen führt, die heiter stimmen.
Das Buch klärt auch über die rechtlichen Begleitumstände auf: Die Abgrenzung zum assistierten Suizid, der Sinn einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht werden erklärt, sowie die in Deutschland notwendige Modifikation der Garantenpflicht des behandelnden Arztes.
Was mich beindruckt hat an diesem Buch, ist die Aufmerksamkeit, die es den moralischen Implikationen des Sterbefastens für die Beteiligten schenkt. Zuerst geht es schon einmal darum, wie man diese Handlung der Hilfe, die Menschen einem Sterbefastenden zuteil werden lassen, richtig beschreibt. Die Helfenden helfen mit, so formuliert zur Nieden, „die sterbewillige Person sterben zu lassen“ (S. 30). Es gibt Verhandlungen zwischen der sterbenden Person und den Helfenden über Fragen der Schuld. Die sterbende Person möchte oft die Angehörigen von Schuld an ihrem Sterben freisprechen. Die unterstützenden Angehörigen fragen sich, ob sie ein Recht haben, die Hilfe abzulehnen, d.h. im Endeffekt der sterbenden Person ein Leben, das sie selbst nicht mehr als lebenswert empfindet, aufzuzwingen (S. 36).
Ist das Buch suggestiv, weil es mit der als schwierig aber letztlich als positiv beschriebenen persönlichen Sterbeerfahrung der Mutter der Autorin einsetzt? Ich hatte diesen Eindruck nicht. Es nimmt zwar für die Position Partei, dass Sterbefasten eine reale Möglichkeit des selbstbestimmten Sterbens ist, die man nicht aus moralischen Gründen von vornherein ausschlagen soll. Aber es argumentiert nicht dafür, es so zu tun oder das anderen zu empfehlen.
Es wirft einige wichtige Fragen einer existenziellen und religiösen Ethik auf: Haben wir Menschen ein Recht dazu, den Tod einzuladen, wenn das Leben am Lebensende nicht mehr lebenswert ist? Mit welchem Recht können wir das anderen Menschen verweigern, die durch konsequentes Fasten diese Einladung aussprechen möchten? Kann es uns Gott verweigern? Wie müssten wir uns Gott denken – das heißt, in welchem Verhältnis uns gegenüber – wenn wir argumentierten wollten, dass er uns das in jedem Fall verweigert?
Eine andere Frage, welche die Ethik im Gesundheitswesen beschäftigen müsste, ist die: Wie krank muss man sein, um mit Sterbefasten sterben zu dürfen? Muss man eine „vorzeigbare“ Krankheit haben wie etwa Krebs oder ein Organversagen, oder reicht es aus, dass ein langes Leben gelebt ist und fortan wegen vieler Beschwerden nicht mehr sinnvoll scheint? Sollen Hospize und Palliativstationen oder auch ambulante Palliativteams Menschen, die sterben möchten, ohne an einer vorzeigbaren Krankheit zu leiden, sondern nur sehr alt und sehr gebrechlich sind, wenn sie das ausdrücklich und nachhaltig wünschen, auf dem Weg des Fastens bis zum Tod unterstützen? Das sind Nagelproben für unser moralisches Verständnis des Todes.
Christoph Rehmann-Sutter, Basel / Lübeck

Maio, Giovanni: Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung. Freiburg i. Br. u.a.: Herder, 2015, 223 S., ISBN 978-3-451-30687-7, Geb., EUR 19.99

Das Buch ist ein Plädoyer für die Zuwendung von ÄrztInnen zu kranken Menschen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, über die kein Buch geschrieben werden müsste, wenn sie nicht in unserem durchrationalisierten, ökonomisch geprägten Gesundheitssystem zunehmend verloren ginge bzw. schon verloren gegangen ist. Der Autor begründet mit leisen Tönen, dafür umso überzeugender, warum Zuwendung der Kern ärztlicher, psychotherapeutischer und pflegerischer Praxis ist. Dazu analysiert er die Begriffe Annehmen, Vertrauen, Hoffen und Verstehen.
Das Buch beginnt mit Überlegungen zu, „wenn das Verstehen des Patienten zur Nebensache wird“. Credo dieses Teiles ist ein Zitat von Ruth C. Cohn: „Keine Methode ersetzt persönliche Wärme, Toleranz und positive Einstellung zum Menschen“. Entsprechend wird die Betrachtung (und Realität) der modernen Medizin als Industriebetrieb in Frage gestellt.
Der zweite Abschnitt ist eine „kleine Phänomenologie des Krankseins“. Analysiert werden folgende Beispiele: chronischer Schmerz, Krebs, Demenz und der sterbende Mensch. Während chronischer Schmerz und Krebs Herausforderungen an eigene Einstellungen darstellen (die ausführlich beschrieben werden), sei Demenz eine Herausforderung an die Gesellschaft, die nächsten Angehörigen und die Helfenden. Ähnliches gelte für die Zuwendung zum sterbenden Menschen. Dieser Teil beginnt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen ein primäres Verständnis von Suizid als Freiheit. Es gehe nicht um die Frage, ob der Einzelne wohlüberlegt handle (der Suizid also eine Klugheitswahl sei), sondern es sei die Frage nach der Not des Menschen zu stellen, der es in Erwägung zieht, sich selbst zu töten.
Der dritte Abschnitt befasst sich mit „Annehmen zu lernen“; warum Vertrauen nicht einklagbar ist, der Bedeutung von Hoffnung für die moderne Medizin und wie der kranke Mensch verstanden werden kann. In diesem Teil führt Maio seine andernorts begonnenen Überlegungen (Abschaffung des Schicksals, 2011) zum modernen Verständnis von Schicksal fort. Entscheidend ist für ihn „die Anerkenntnis dessen, dass es etwas gibt, was sich dem Entscheidungs- und Verfügungsbereich des Menschen entzieht… Das Schicksal widerfährt einem ohne erkennbaren Sinnzusammenhang. Es bricht als etwas Unerklärliches über uns herein … Der unvorhersehbare Einbruch von Schicksal konfrontiert den Menschen mit der Fremdheit der Welt und lässt die Empfindung der Willkür und des Ausgeliefertseins in ihm aufkommen“ (S. 113/114).
Es folgen Überlegungen zur Bedeutung von Vertrauen und Hoffnung in unserem Leben und ein letzter Abschnitt zum Thema Zuwendung. Das Buch schließt mit einem Personen- und Stichwortverzeichnis.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Schlegel, Johann Ulrich: Der Terror und die Freiheit. Reaktion, Philosophie und die zurückgekehrte Religion. Baden-Baden: Nomos, 2016, 182 S., ISBN 978-3-8487-2527-4, Brosch., EUR 29.00

Vorliegendes Buch wendet sich nicht an „abgehobene pädagogische Theoretiker“ (17), es ist vielmehr ein am Beispiel orientiertes Buch eines Pädagogen, der in einer Zeit der zunehmenden Spezialisierung eine „wiedergeborene Kultur der Besinnung auf das Wesentliche“ (18) einfordert.
Das Buch besteht aus zwei Teilen. In einem ersten Teil (13–94) wird anhand verschiedener Beispiele auf Wege unterschiedlicher Denker hingewiesen, in Staat und Gesellschaft mit Krieg und Frieden umzugehen. Diese Philosophie des Politischen wird in einem zweiten Teil (95–182), in Rekurs auf die Entwicklungen jüngster Zeit, auf eine politische Theologie hin transformiert.
Beispiele, so der Autor, offenbaren das Wesentliche. Zu den großen Denkern, die anhand ihrer Texte Wesentliches offenbarten, zählt Schlegel im ersten Teil etwa in persona Nietzsche, Mirandola und auch Kant. In Nietzsches Denken seien zwei Aussagen von größter Tragweite, teilt uns Schlegel mit: Diagnose und Prophetie (22–25). Die Diagnose liegt in der Erkenntnis des Todes Gottes, die Prophetie führt in den anbrechenden Nihilismus. Denn, so lesen wir, „in einer entgöttlichten Welt, in der es kein Jenseits mehr gibt, können auch unsere überlieferten Anschauungen nicht mehr stimmen. Wahrheit und Lüge, Wissenschaft und Kunst, Völker und Vaterländer verlieren ihren bisherigen Sinn, aber die neue Rolle des Menschen ist noch nicht durchgedacht“ (23). Mirandolas Beispiel ist ein anderes. Schlegel liest Mirandola als Denker des Übergangs. Ein Denker, der sowohl die Freiheit des Menschen erkennt als auch auf die Würde des Menschen, seine Bürde, nicht vergisst. Die umfangreichste Auseinandersetzung findet sich in dem Beitrag über Kant (38 – 61). Kant wird als Denker gesehen, der sich der Aufklärung annahm und diese durch die Zerstörung der Gottesbeweise auch überwand. „Nachdem Kant erst einmal Gott aus der Welt der Gelehrten zu streichen vermochte“, so schreibt der Autor, „füllte er die entstandene Lücke geschickt mit der für den Einzelnen noch schmeichelhaften Krone der eigenen Vernünftigkeit und der Selbständigkeit“ (52). Doch wo führt uns dieses allbekannte Diktum des „Sapere aude!“ hin, setzt es nicht letztlich technokratische Prozesse mit gesellschaftlichen gleich? Ist es nun nicht einfach, die Überwindung Gottes durch den eigenen Verstand ideologisch zu kompensieren, sich im Nihilismus einzubetten oder die innere Leere durch „pseudoreligiöse Ersatzkulte wie den … Marxismus in Russland und den Faschismus in Italien und Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (55) auszufüllen? Schlegel bejaht dies und plädiert für die Hinzunahme eines misstrauischen „Homo homini lupus est“. Der Ausweg finde sich darin, wo Metaphysik noch bestehe, nicht im alternden Westen, sondern in der aufstrebenden islamischen Welt.
Der zweite Teil befasst sich mit besagter Transformation hin zu einer politischen Theologie. Es sei eben die Religion als Bereich des Metaphysischen, die heute zu neuer Blüte gelange. Dies bringe einerseits Gefahren mit sich, biete andererseits aber zugleich eine Lösung an. Eine Lösung, wie sie etwa in der Theologie des Katholizismus und des Protestantismus, die über Jahrhunderte gereift ist, vorgefunden werden kann. Ihre Erfahrungen seien es, die gerade im aktuellen Alltag „die Menschen vor großen Gefahren bewahren können“ (96). Diesbezüglich führt Schlegel nun auch im zweiten Teil einige Beispiele an.
Mir bleibt festzuhalten: Man kann Schlegels Buch mit Gewinn lesen.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Rosenberger, Michael / Schaupp, Walter (Hrsg.): Ein Pakt mit dem Bösen? Die moraltheologische Lehre der „cooperatio ad malum“ und ihre Bedeutung heute. Münster: Aschendorff, 2015 (Studien der Moraltheologie. Neue Folge; 5), 246 S., ISBN 978-3-402-11929-7, Brosch. , EUR 39.00

Das Böse ist immer und überall – sangen einst die Musiker der Gruppe EAV. Wenn das so ist, stellt sich unmittelbar die Frage, ob und wie es sich für die Guten vermeiden lässt, zum Bösen beizutragen bzw. wie welche Art von Beitrag zu bewerten ist. Die Frage wird weitaus dringender und relevanter, wenn bedacht wird, dass es dabei nicht „nur“ um privates Verhalten geht, sondern auch um die berufliche Mitwirkung in Firmen und Institutionen, deren Aktivitäten – oft erst im Nachhinein – als Beitrag zum Bösen erkannt werden, wenn es schon (fast) zu spät ist. So kann sich etwa ein mit der Absicht, etwas Gutes zu tun, geleisteter Beitrag zur Grundlagenforschung Jahre später als Ausgangspunkt für eine neue Massenvernichtungswaffe erweisen.
Die Herausgeber des Buches weisen in der Einführung mit Nachdruck auf die Relevanz der Thematik hin und zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich eine „cooperatio ad malum“ sowohl in der theologischen als auch in der gerichtlichen Praxis interpretiert und geahndet wurde. „Von den rund 6.500 SS-Männern, die in Auschwitz-Birkenau Dienst taten, wurden nur 45 vor Gericht angeklagt. Mitglieder der Lager-Fahrbereitschaft, die Gefangene bis vor die Tür der Gaskammern fuhren, wurden als „kleine Handlanger“ freigesprochen – anders als die Fahrer von Bankräubern, die mit steter Regelmäßigkeit wegen Beihilfe zum Raub zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden“ (S. 10). Zur kirchlichen Seite: „Eine moraltheologische Aufarbeitung der Mitwirkung in Auschwitz und im Nationalsozialismus insgesamt ist aber bis heute nicht zu erkennen. Hier hat sich das Fach ähnlich gedrückt wie die Instanzen des Rechtsstaates. Doch nicht nur vergangenheitsorientiert lässt die Anwendung und Weiterentwicklung der Cooperatio-Lehre zu wünschen übrig. Auch in den aktuellen Zukunftsfeldern der Individual- und Sozialethik spielt sie im deutschen Sprachraum keine Rolle. Dabei sind ethisch sensible Kooperationen heute häufiger als je zuvor: Zwischen Kirche bzw. kirchlichen Organisationen und demokratischem Rechtsstaat; zwischen unterschiedlichen wirtschaftlichen Akteuren; auf den Gebieten von Politik und Politikberatung; im Bereich von Wissenschaft und Forschung; zwischen Non-Profit-Organisationen usw“ (S. 11).
Die im Buch versammelte Prominenz von Professoren der (Moral-)Theologie beginnt ihr gemeinsames Werk mit deutlicher Selbstkritik und weitreichender Programmatik! Wie soll das Buch diesem Anspruch gerecht werden? Im viertem Abschnitt der Einführung wird der Gesamtaufbau vorgestellt: Im ersten Teil „soll eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte die bisherige Lehre von der Mitwirkung entfalten und differenzieren. Im zweiten wird auf dieser Grundlage eine systematische Reflexion durchgeführt und auf den Prüfstand gestellt. Schließlich wird der dritte Teil konkrete Anwendungsfelder der Cooperatio-Lehre beleuchten“ (S. 15).
Der sehr differenzierten und engagierten Argumentation in allen drei Teilen kann eine Rezension schon aus Platzgründen nicht gerecht werden. Wer sich auch nur ein wenig für die Thematik interessiert, wird die aufgewendete Zeit zum Lesen und Nachdenken über das Buch nicht bereuen, sondern genießen. An einem einfachen Beispiel lässt sich die Schlussfolgerung der Herausgeber, fünf Kategorien, zwei der formalen und drei der materialen Mitwirkung zu unterscheiden, gut mitvollziehen. „Die Grundstruktur der Lehre von der Mitwirkung mit ihrer Unterteilung in zwei plus drei Kategorien trägt auch heute noch und kann die anstehenden ethischen Fragen durchaus lösen. In der konkreten Anwendung bedarf es allerdings einiger Präzisierungen und Weiterentwicklungen. Insbesondere die immanente Hermeneutik der Klassifizierungen muss vertieft und ausdifferenziert werden“ (S. 233).
Das hier angedeutete Beispiel entstand offenbar aus der Erfahrung, dass Bedienstete ein schlechtes Gewissen hatten und damit zur Beichte gegangen sind, weil ihre Herren sie zur Mitwirkung an ihren Sünden (konkret: Ehebruch) gezwungen hatten. Das Spektrum der Mitwirkung reicht vom Transport des Herren (oder der Korrespondenz zum Zwecke der Terminvereinbarung) zum Tatort über das Halten der Leiter, über die der Herr zum Fenster steigt bis hin zum Festhalten der vergewaltigten Frau. Letzteres ist offenkundig und unstrittig als formale Mitwirkung strafbare Sünde. Wie aber ist der Transport als materiale Mitwirkung zu beurteilen? Was soll der Pfarrer dem beichtenden Diener dazu sagen? Viel aktueller wirkt die folgende Frage, die der Struktur nach jedoch ganz ähnlich ist: Was soll der Pfarrer dem beichtenden Arzt sagen, an dessen Arbeitsplatz, dem örtlichen Krankenhaus, ohne seine formale Mitwirkung Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftsabbruch stattfinden?
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

Weber, Karsten / Zoglauer, Thomas: Verbesserte Menschen. Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen. Freiburg / München: Alber, 2015, 156 S., ISBN 978-3-495-48591-0, Brosch., EUR 24.00 [D], 24.70 [A]

Die beiden Autoren legen hier ein Buch vor, das aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil (57  S.) stammt von Karsten Weber, Prof. für Allgemeine Technikwissenschaften an der BTU Cottbus-Senftenberg, und trägt den Titel: (Alb)Traum und Wirklichkeit: Bilder des Menschen und Technikvisionen des Enhancements. Den zweiten Teil (63  S.) verfasste Thomas Zoglauer, er ist überschrieben mit: Die Verbesserung des Menschen: Wunschtraum oder Albtraum? Zoglauer ist Prof. für Technikphilosophie ebenfalls an der BTU Cottbus-Senftenberg. Wie an diesen Überschriften unschwer zu erkennen ist, weisen die beiden Teile diverse Überschneidungen auf, was aber kein Problem darstellt. Vermutlich war es für die beiden Autoren bzw. Kollegen so einfacher, dieses Buch zu erstellen.
Einleitend wird festgestellt, dass die Entwicklung der Technik, die sich auf den Menschen bezieht, oft zwischen dem einen Extrem „einer äußerst pessimistischen Sicht“ (S. 9) und dem anderen Extrem eines „übertriebenen Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten“ (S. 9) hin und her pendelt. Sowohl von den Befürwortern als auch von den Kritikern wird bezüglich Enhancement auf die Gerechtigkeit abgestellt. Kritiker monieren, dass damit, ähnlich wie bei der Doping-Diskussion, das Prinzip der Chancengleichheit verletzt wird. Auf der anderen Seite rücken die Befürworter eher den sozialpädagogischen Effekt in den Vordergrund, indem Defizite, Nachteile, Behinderungen etc. kompensiert werden könn(t)en.
Ein Fazit zu den zwei Teilen: Beide Autoren überzeugen durch eine Fülle von historischen Abrissen, Beispielen, Fakten und Perspektiven. Ich habe beide Teile mit großem Interesse gelesen; Einiges war mir bekannt, anderes habe ich neu erfahren. Die Schreibstile empfand ich als flüssig, d.h. sie sind gut verständlich. Also ist die Lektüre durchaus als Gewinn zu verzeichnen.
Betrachten wir die im letzten, gemeinsam erarbeiteten Kapitel normativen Fragestellungen zur beschriebenen Thematik. Es besteht (nur) aus 6 Seiten und ist überschrieben mit: „Können, sollen und dürfen Menschen sich verbessern? Oder müssen sie es sogar? Versuch einer abschließenden Bewertung“. In diesem Teil wird die grundlegende Problematik, die bereits in der Einleitung formuliert wurde, noch einmal wiederholt. Es geht dabei um Positionen des Liberalismus bzw. Kommunitarismus. Versteht man Enhancement als liberales Grundrecht, besteht die Gefahr, dass die Allokation, d.h. die Verteilungsgerechtigkeit, immer weiter in ein Ungleichgewicht abdriftet. Aber Chancengleichheit verlangt nach Normierung und Festlegung: wer, was, wann zugute hat. Dass dies kaum möglich ist, zeigt die Debatte, wer ein Spenderorgan erhält und wer nicht. Wie verhält sich der Staat, wenn es einzelnen reichen Bürgern möglich ist, sich Dinge zu verschaffen, die der Allgemeinheit so nicht zugänglich sind, „oder einfach in solche Länder abwandern, in denen die gewünschten Eingriffe erlaubt sind“ (S. 138). Im Weiteren sprechen die Autoren grundlegende Fragen der Anthropologie des Menschen an. Wann ist ein Mensch noch ein Mensch und wann beginnt er ein Mischwesen zu sein? Der Begriff Cyborg, der von den Autoren auch verwendet wird, bezeichnet ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt werden. Der Name ist ein Akronym, abgeleitet vom englischen cybernetic organism („kybernetischer Organismus“). Da Cyborgs technisch veränderte biologische Lebensformen sind, sollten sie nicht mit Androiden oder anderen Robotern verwechselt werden. Cyborgs erinnern mich an das Paradox aus der Antike von Theseus’ Schiff. Hier ergab sich schon damals die Frage: Inwieweit ist ein Schiff noch dasselbe, wenn laufend neue Planken und Ersatzteile eingefügt werden. Wann ist es nicht mehr das alte Schiff, sondern ein komplett anderes, obwohl es immer noch das Schiff von Theseus ist?
Hoch problematisch wird die Sache (!) dann, wenn es um Eingriffe in das menschliche Genom geht oder auch in das Zentralnervensystem. Die Autoren kommen hier zum Schluss, dass es „zum gegenwärtigen Zeitpunkt, prima facie nicht angeraten» ist, «solche Formen des Enhancements zu nutzen“ (S. 139). Ich hör die Botschaft, doch allein mir fehlt der Glaube (Goethe). Naturalistischen Argumentationen, was nun für den Menschen natürlich oder eben widernatürlich sein kann bzw. könnte, erteilen die Autoren eine Absage. Dies scheint mir nur folgerichtig und konsequent zu sein. Das Schlussfazit, d.h. die letzten beiden Sätze des Buches, erscheinen mir allerdings etwas blauäugig zu sein und ich kann diesem (Zweck-)Optimismus nicht ganz folgen. Sie lauten: „In jedem Fall eröffnet die Forschung im Bereich der menschlichen Verbesserung einen Pfad weg vom Sosein als Schicksal hin zu Sosein als Wahl (Buchanan et al. 2000). Es ist an jedem von uns (mit) zu entscheiden, ob und wie weit dieser Pfad begangen werden soll“ (S. 142).
Drei Überlegungen, die mit diesen Aussagen der beiden Autoren nicht ganz einig gehen, sollen hier, in der der gebotenen Kürze, wiedergegeben werden. Für mich nicht ganz nachvollziehbar blenden sie mehrere Dinge aus.
1.  Da ist zum einen der Profit, den man sich durch Enhancement auch verspricht und der oft – erstaunlicherweise – völlig negiert wird. Es entstehen ja dadurch neue Industrien und damit auch Absatzmärkte. Das kann man doch auch bei einer ethisch motivierten Betrachtungsweise nicht außer Acht lassen.
2.  Ein weiterer Punkt ist jener der normativen Kraft des Faktischen. Die Frage, die hier in den Sätzen der beiden Autoren steckt, ist doch diese: Darf der Mensch all das tun, was er auch in der Lage ist zu tun? Diese Frage ist, mit Verlaub, Spiegelfechterei. Was der Mensch tun kann, das macht er auch. Das Faktische wird zur Norm. Warum? Weil es als Fakt existent ist, geworden ist. Also: die Möglichkeit es zu tun, ergibt als Automatismus, dass es getan wird.
3.  Ein weiterer Punkt, der mir doch in der Darstellung der Autoren recht naiv erscheint, ist der, dass wir (wer ist das denn?) selber entscheiden wollen, was geforscht wird oder nicht. Wurde ich jemals gefragt, ob ich damit einverstanden bin, dass Millionen in die Forschung des z.B. Neuro-Enhancements gesteckt werden? Ich glaube nicht. Obwohl wir gerade in der Schweiz häufig zur Urne gehen, gibt es hierüber keine Abstimmungen. Es ist eben nicht an jedem von uns, mitzuentscheiden, ob ich neue Innovationen möchte oder nicht, weil hierbei keine Mitbestimmung besteht. Auf die Probleme, dass ich eventuell gar nicht in der Lage bin, ein einigermaßen vernünftiges Urteil abzugeben, will ich hier nicht eingehen.
Es wäre aber m.E. an den Autoren gewesen, diese Punkte einer tiefer gehenden Betrachtung zu unterziehen. So wurde ich z.B. nie gefragt, ob ich die Pränatale Diagnostik möchte. Ich bin einfach eines Tages aufgestanden, habe meine Morgenzeitung (oder mein Tablet) gelesen und erfahren, dass es das gibt. Ich denke, dass es wohl eher so läuft und ich, wie Hase und Igel, technologischen Entwicklungen immer hinterherhechle, hecheln muss. Von individuell-persönlicher Entscheidung kann hierbei ja wohl keine Rede sein!
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Klapheck, Elisa (Hg.): Jüdische Positionen zur Sterbehilfe. Berlin: Hentrich & Hentrich, 2016 (Injanim / Kernfragen; 1), 191 S., ISBN 978-3-95565-140-4, Ebr, EUR 19.90

Ausgangspunkt vieler der vorliegenden Texte war ein Seminar 2015 in Bielefeld zum Thema „Jüdische Perspektiven auf das Ende des Lebens“, das u.a. die mit der veränderten Gesetzeslage in Deutschland zum ärztlich assistierten Suizid entstandenen Herausforderungen diskutieren wollte. Der Band enthält die große Bandbreite sowohl jüdischer Positionen zum Thema Sterben und Tod als auch der Gesetzeslage in verschiedenen Ländern, insbesondere natürlich Deutschland. „Das Gesetz des Landes ist das Gesetz“ ist ein Ausgangspunkt der Erörterungen von 6 AutorInnen (RabbinerInnen, ÄrztInnen, Rechtsanwalt), Verständnis von „Würde“ der andere.
Allen Beiträgen ist ein Abstract vorangestellt, sie erläutern dann an Hand des Talmud die unterschiedlichen jüdischen Traditionen und fassen den Standpunkt der jeweiligen Verfasser am Ende nochmals zusammen. Dabei werden sowohl jüdische Traditionen sehr anschaulich erläutert (z.B. mit der Geschichte vom Dienstmädchen des Rabbi Jehuda, mit der herausgearbeitet werden soll, dass es schon immer die Möglichkeit gab, Hindernisse für das Sterben zu beseitigen, z.B. ein zu intensives Gebet, S. 66ff.) als auch deren Anwendung auf die neuen medizinisch-technischen Möglichkeiten aufgezeigt (heute kann das Beseitigen dieser „Sterbehindernisse“ auch verstanden werden als Beendigung nicht mehr indizierter Behandlungen oder von künstlicher Ernährung).
Ein weiterer Diskussionsstrang ist die Auseinandersetzung mit dem modernen Verständnis von Selbstbestimmung / Patientenautonomie. In der traditionellen jüdischen Lehre „hat der Mensch keinen Besitzanspruch auf sein Leben oder seinen Körper“, d.h. „in der Fürsorge zur Erhaltung von Leben wird ein höherer Wert gesehen als in der Wahrung der persönlichen Autonomie“ (S. 20). Gleichzeitig sei jedoch die Unterscheidung zwischen Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Heilung und Siechtum unscharf geworden. Hier setzten dann die unterschiedlichen Deutungen und Entscheidungen ein, die ausführlich besprochen werden. Dies beinhaltet sowohl die Erläuterung bestimmter Urteile in Israel und Deutschland als auch Ausführungen dazu, warum heute allein durch Begrifflichkeiten wie „aktiv“ und „passiv“ bzw. „direkt“ und „indirekt“ viele Handlungen nicht mehr adäquat beschrieben und beurteilt werden können. Grundsätzlich sei es Tendenz im rabbinischen Schrifttum, dass Leben zu erhalten, das Sterben aber nicht künstlich in die Länge zu ziehen (S. 61). In diesem Zusammenhang werden dann auch die unterschiedlichen Positionen zu Todesfeststellung (Herz- oder Hirntod) vor dem Hintergrund jüdischer Positionen erklärt.
Abgerundet wird das Buch durch ein Gespräch zwischen der Rabbinerin und Herausgeberin Elisa Klappheck und dem Pfarrer und Direktor des Zentrums für Ethik in der Medizin in Frankfurt a. M. über „religiöse Irritationen“, die letztendlich immer bleiben werden, gleichzeitig jedoch auch zum ständigen weiteren Nachdenken und Überdenken bisheriger Standpunkte anregen.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Niederschlag, Heribert / Proft, Ingo (Hg.): Moral und Moneten. Zu Fragen der Gerechtigkeit im Gesundheitssystem. Ostfildern: Matthias Grünewald, 2013 (Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege; 4), 169 S., ISBN 978-3-7867-2994-5, Brosch., EUR 17.99

Für die meisten Menschen ist „Gesundheit“ ein Thema, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen, wenn sie sich unwohl fühlen, sich verletzt haben oder spürbar krank sind. Eine individuelle, nicht anlassbezogene Beschäftigung mit Gesundheit im Sinne von Vorsorge, gesunder Ernährung, Bewegung und Sport, Vermeidung von Drogen etc. ist seltener. Die gesellschaftliche Sicht von Gesundheit mit Themenschwerpunkten wie Finanzierung und Gerechtigkeit bei der medizinischen Versorgung aller Menschen in einem Land ist eher ein Thema für Spezialisten, obwohl es eigentlich alle Menschen angeht. Bisher hat z.B. das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich recht gute Leistungen bei unterdurchschnittlichen Kosten erbracht.
Die bereits erkennbare Tendenz zum Zwei-
klassensystem mit Grundversorgung für alle und teuren Behandlungen für die Wohlhabenden wird aber durch zwei starke Trends gefördert. Zum einen wächst das Durchschnittsalter der Bevölkerung, während zugleich die Anzahl der Beitragszahler sinkt. Deshalb steht immer weniger Geld zur Verfügung. Zum anderen steigen durch technologische Fortschritte (= teure Forschung, hohe Anschaffungs- und Betriebskosten für moderne medizinische Geräte) die Kosten im Gesundheitssystem. Die Schere zwischen dem vorhandenen Geld und den Kosten wächst zusätzlich dadurch, dass die Medizin immer mehr Wohlbefinden und Schönheit verspricht, auch wenn Umweltverschmutzung, Arbeit, anspruchsvoll gestaltete Freizeit (inklusive Extremsport und Reisen in ferne Länder) immer mehr Gesundheitsgefährdungen implizieren. Vor diesem Hintergrund werden in diesem lesenswerten Buch verschiedene Aspekte der Ausgangsfrage erörtert, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen, aber für Richtungsentscheidungen im Gesundheitssystem bedeutungsvoll sind.
Ingo Proft setzt sich in seinem Beitrag (S. 35ff.) mit der Frage „Gesundheit – Statussymbol oder Sozialprodukt?“ auseinander und weist auf den entfremdenden Effekt von Gesundheit als Ware hin: „Der Mensch wird sich selbst zur eigenen Verheißungsgestalt … Doch, ein Scheitern ist vorprogrammiert – vielleicht sogar marktlogisch vorgesehen. Wo Gesundheit den Weg von einer Grundkategorie des Lebens hin zu einer produzierbaren Sinngestalt als Ware aufnimmt, verliert sich dessen Spur ins Ortlose“ (S. 40). Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag von Holger Zaborowski über „Wert und Würde. Zu den Grenzen der Logik des Marktes“ (S. 157ff.) Der Umgang mit Gesundheit als Ware oder Produkt auf einem Markt schafft Fehlorientierungen, die von vielen der AutorInnen – auch und besonders aus christlicher Sicht – kritisiert werden, etwa von Alois Schwarz unter Berufung auf Papst Johannes Paul II. (S. 83ff.).
Bemerkenswert sind auch die Überlegungen zum Stellenwert von Gerechtigkeit im Gesundheitswesen für den Bestand der Demokratie, der gefährdet scheint, wenn – wie empirisch zu beobachten ist – „reich und gesund“ auf der einen Seite sowie „arm und krank“ auf der anderen Seite gegeneinander stehen und kein oder zu wenig gesellschaftliches Bemühen um gerechten Ausgleich zu erkennen ist (vgl. dazu den Beitrag von Sonja Seiler-Pfister (S. 55ff.). Helen Kohlen verweist im Anschluss (S. 69ff.) daran unter Bezug auf Hannah Ahrendt darauf, wie aus einer sozialen Frage eine politische Frage werden kann. Wenn die politische Frage der Menschen nach Gerechtigkeit im Gesundheitswesen unzureichend beantwortet wird, kann daraus auch politischer Unwille entstehen.
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

ETHICA 2017/3

Zaborowski, Holger: Menschlich sein. Philosophische Essays. Freiburg / München: Alber, 2016, 159 S., ISBN 978-3-495-48815-7, Geb., EUR 22.00 [D], 23.00 [A]

Dr. Holger Zaborowski, Prof. für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, fasst hier Texte zusammen, die in den letzten drei Jahren in verschiedenen Medien veröffentlicht wurden und sich mit dem Thema „Menschlich sein“ befassen.
Zum „Menschlich sein“ braucht es dem Autor zufolge Mut, den gegebenen Herausforderungen mit Freude, Spaß und Zustimmung zur Wirklichkeit zu begegnen. Diese Begegnung zeigt bereits im Aufeinandertreffen von Mensch und Tier ein Spektrum vom Veganer über den Vegetarier bis hin zum Fleischkonsumenten, was auch damit begründet ist, dass der Mensch nie wissen kann, was es bedeutet, ein Tier zu sein. Für den Menschen selbst bilden jedenfalls Sterben und Tod eine besondere Herausforderung für die Verantwortung den Anderen gegenüber, wenngleich alles dagegen zu sprechen scheint, sterben lernen zu können.
Zu diesen persönlichen Fragen gesellen sich gesellschaftliche Fragen wie jene der Identität Europas, die gezeichnet ist durch die Betonung von Würde, Freiheit und Verantwortung des Menschen sowie seiner Verpflichtung zur Gerechtigkeit. Damit verbunden ist auch Europas Verantwortung für die Vertriebenen, die in die genannten europäischen Werte ihre Hoffnung setzen. Solche Werte wie Wahrheit, Freiheit und die Idee des Menschen sind aber stets auch eine Herausforderung, was sich vor allem im Universitätsbereich niederschlägt, der für Fortschritt und Ordnung steht. Hier zeigen sich dort Probleme, wo die individuelle Freiheit von der alles verbindenden Ordnung aussteigt. Ein solcher Ausstieg kann sich aber auch ganz auf die individuelle Vorstellungwelt von der Loslösung vom Gottesbezug im „neuen Atheismus“ beziehen, wofür nach wie vor Friedrich Nietzsche Pate steht.
Dieser hier kurz skizzierte Themenbereich wird vom Autor in einer allgemein verständlichen Sprache mit Sachkenntnis und positiver Argumentation behandelt, womit eine Möglichkeit gelungenen Menschseins aufgezeigt wird.
Andreas Resch, Innsbruck

Stieber, Anselm: Ein Netz für reiche Beute. Die Gefahr der Digitalisierung. Kiel: Ludwig Verlag, 2017, 62 S., IBN 978-3-86935-313-5, Brosch., EUR 10.90

Die Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrizität und des Computers gelten als die Startpunkte der ersten drei industriellen Revolutionen. „Die Vierte industriellen Revolution lässt sich mit den Stichworten künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Speicherung und Verarbeitung aller Daten, ihre Vernetzung durch Algorithmen und das Zusammenspiel von physischen und virtuellen Systemen beschreiben“ (S. 14f.). Der Autor sieht die Folgen keinesfalls positiv: „Mit der Digitalisierung hat die Technik die Beherrschung der Gesellschaft endgültig übernommen. Das ist das Ende unserer kulturellen Entwicklung“ (S. 19). Wer steckt dahinter? „Die Produktionsanlagen werden in kurzer Zeit immer größer, die Güterproduktion steigt stetig und potenziert damit den Einfluss und die Macht derer, die von den technischen Erfindungen Gebrauch machen konnten, auch in politischer Hinsicht: den Kapitaleignern. Heute sind wir längst Beute eines Machtkomplexes, in dem die Großindustrie und das Kapital sowie Regierung und Medien in allen entscheidenden Fragen – Waffenherstellung und Krieg leider nicht ausgenommen – eine Gemeinschaft der Inhumanität eingegangen sind“ (S. 19).
Was geschieht mit uns? „Die Bürger werden in wohldosierten Raten digitaler Machterweiterung ihres gesunden Menschenverstandes beraubt und entmündigt. Sie werden zur Beute im digitalen Netz“ (S. 57). Was kann uns in dieser Situation noch helfen? „Wir brauchen eine Evolution des politischen Bewusstseins, d.h. die Wiederbelebung und Fortführung des Projektes Aufklärung“ (S. 60). In welcher Richtung sollen wir uns entwickeln? „Größenwahn, der Kult des Großen, Gigantomanie, wie wir sie in der globalisierten Wirtschaft finden, sind Bezeichnungen für Krankheitssymptome. Mit natürlichem Wachstum und gesunden Relationen haben solche Phänomene nichts zu tun. Zum Vergleich: In gesundem Gewebe finden wir kein Zellwachstum, das wäre Krebs, sondern Zellteilung“ (S. 45).
Das kleine Buch liest sich wie die Verschriftlichung einer Rede vor einem Club von Gleichgesinnten, die nicht erst noch überzeugt, sondern nur in ihrer Überzeugung bestärkt werden wollen. Wer aber nicht schon vorher zustimmt, wird über Widersprüchlichkeiten stolpern, nach genauerer Argumentation verlangen und nach überzeugenderen Konzepten für Alternativen fragen.
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

Altenberg, Brigitte u.a.: Altern: biologische, psychologische und ethische Aspekte. Freiburg / München: Alber, 2017 (Ethik in den Biowissenschaften – Sachstandsberichte der DRZE; 16), 164 S., ISBN 978-3-495-48706-8 Brosch., EUR 16.00

Der hier anzuzeigende Band steht in der Reihe der vom Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften herausgegebenen Sachstandsberichte, deren Ziel es ist, Bestandsaufnahmen zu aktuellen Themen der Bioethik vorzulegen und so normative Grundlagen zu einer qualifizierten Meinungsbildung bereitzustellen. Beim vorliegenden Band geht es um das Thema Alter(n) als interdisziplinäres Forschungsfeld, das unter biologischer, psychologischer und philosophisch-ethischer Perspektive dargestellt wird.
Im ersten Teil über „biologische Aspekte des Alterns“ (S. 11–58) geben Brigitte Altenberg und Karl Otto Greulich Einblick in das Forschungsgebiet der molekularen und zellulären Altersforschung. Berichtet wird über den Stand biogerontologischer Forschung, der es zum Beispiel gelungen ist, an Modellorganismen wie dem Rundwurm Caenorhabditis elegans, Mäusen oder Ratten die Lebenszeit etwa durch Kalorienrestriktion beträchtlich zu erweitern. Die Bedeutung von DNA-Schädigungen und -Reparaturmechanismen als Einflussfaktoren auf die Lebenslänge wird erklärt und die molekularbiologische Suche nach Alters- oder Langlebigkeitsgenen beschrieben. Unter dem Stichwort ,Biomedizinisches Anti-Aging‘ diskutieren Altenberg und Greulich die Frage, ob so etwas wie irdisches ewiges Leben, so es sich denn wissenschaftlich realisieren ließe, überhaupt wünschbar wäre. Sie kommen zum Schluss: eher nicht. Unter evolutiven Aspekten des Alterns sind sie vielmehr überzeugt: „Würde es dem Menschen gelingen, seinen Alterungsprozess vollständig zu stoppen, wäre eine Evolution der eigenen Spezies nicht mehr möglich. Es wäre daher eher günstig, wenn diesbezügliche Bemühungen … nicht allzu erfolgreich sind… (Denn) ohne Altern und Tod gibt es keine Evolution.“ (S. 12f.) Nach Ansicht der beiden Autoren liegt das Ziel molekularer und zellulärer Altersforschung darin, Einsichten zu gewinnen, die Interventionen zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen im Rahmen ihrer maximalen Lebensspanne von etwa 120 Jahren gestatten.
Im zweiten Teil über „psychologische Aspekte des Alterns“ (S. 59 –105) beschreiben die drei Heidelberger Psychologen Valerie Elsässer, Martina Gabrian und Hans-Werner Wahl das Forschungsgebiet der Psychogerontologie, das auf alternsbezogene Veränderungen und Stabilitäten im Blick auf das Verhalten, auf Leistungen bzw. Kompetenzen sowie auf das Erleben im höheren Alter fokussiert. Altern wird als lebenslanger Entwicklungsprozess verstanden, der nicht nur Defizite, sondern ebenso Wachstumsmöglichkeiten beinhaltet. Dieser Prozess verläuft multidimensional und multidirektional und ist durch ein beträchtliches Maß an Plastizität bestimmt. Das Autorenteam zeigt auf, wie psychologische Alternsforschung von einer Lebenslaufperspektive ausgeht, derzufolge Entwicklungen im Alter an frühere Entwicklungen anschließen (Lebensphasenkontextualität). Jede Lebensphase ist gleichwertig und beinhaltet ein Zugleich von Gewinnen / Ressourcen und Verlusten / Defiziten, wenngleich sich im hohen Alter die Gewinn-Verlust-Bilanz zugunsten von Verlusten verschiebt. Neben Theorie-Ansätzen zur Interpretation der Dynamik des höheren Alters, wie etwa dem Transzendenz-Konzept von E. H. Erikson et al. (wobei eigenartig ist, dass gar nicht auf L. Tornstams maßgebliches Konzept der Gerotranszendenz verwiesen wird!) oder der Theorie sozio-emotionaler Selektivität von L. L. Carstensen, werden verschiedene Forschungsfelder dargestellt: etwa die Unterscheidung zwischen der Mechanik der Kognition und fluider Intelligenz einerseits und der Pragmatik der Kognition und kristalliner Intelligenz andererseits, wobei aufgezeigt wird, dass Letztere im Alter lange stabil bleibt. Am sog. Wohlbefindensparadox im Alter wird verdeutlicht, dass ältere Menschen besser als jüngere in der Lage sind, ihre Emotionen zu regulieren. Mit dem SOK-Prinzip (Selektion, Optimierung, Kompensation) von Paul und Margret Baltes sowie den Konzeptionen von Assimilation (primäre äußere Kontrolle) und Akkomodation (sekundäre innere Kontrolle) werden Strategien der Bewältigung von Schwierigkeiten und Herausforderungen des Alters dargestellt. Schließlich wird auf die Bedeutung sozialer Beziehungen im Alter hingewiesen (social flourishing). Als Ziel psychologischer Alternsforschung sehen die Autoren das Bereitstellen von Erkenntnissen, die dazu beitragen können, dass das Potenzial älterer Menschen möglichst voll zur Entfaltung kommt. Dabei geben sie zu bedenken, dass es „wahrscheinlich künftig zu den psychischen Herausforderungen des immer länger werdenden Lebens gehören wird, den Übergang von einem ,aktiven‘ und relativ gesunden dritten Alter in ein verletzliches viertes Alter zu bewerkstelligen.“
Im dritten Teil wendet sich der Philosoph Sebastian Knell „philosophischen und ethischen Aspekten des Alterns“ zu (106 –162). Er geht davon aus, dass es in der Philosophie seit der Antike ganz unterschiedliche Bewertungen des Alters gibt: Altersklage ebenso wie Alterslob. Argumente für die eine wie die andere Sicht werden vorgeführt aus dem Blickwinkel der Bedeutung des Alters für das Individuum einerseits und die Gesellschaft andererseits. Dabei wird zwischen vier Modi des Alterns unterschieden: dem chronologischen, dem biologischen, dem existenziellen und dem psychologischen Altern (was fehlt, ist der Modus sozialen Alterns!). In längeren Ausführungen wendet sich der Verfasser sodann drei spezifischen, ethisch relevanten Diskursen zu: einmal dem Thema des Ageismus, also der abwertenden Haltung und Diskriminierung gegenüber älteren Menschen, was insbesondere an der Frage der Legitimität der Rationierung medizinischer Leistungen aus Altersgründen diskutiert wird; sodann der Frage, ob Altern etwas Normales, zum Menschsein Gehörendes ist oder als Krankheit verstanden werden sollte; schließlich geht es um das sog. Anti-Aging, also biotechnische Projekte zur Verlangsamung des Alterns und zur Lebensverlängerung, deren Bewertung kontrovers ist.
Der vorliegende Band gibt interessante Einblicke in den Stand heutiger Alter(n)sforschung, wobei vor allem der Beitrag aus psychologischer Sicht allgemeine Grundlagen heutiger Gerontologie verständlich darzulegen vermag. Warum der Fächer der disziplinären Zugänge zur Altersthematik in diesem Band, der als umfassender Sachstandsbericht daherkommt, nur gerade auf die Biologie, die Psychologie und die philosophische Ethik hin geöffnet wurde, ist nicht ganz nachvollziehbar. Eine Ausweitung zumindest auf soziologische Aspekte des Alterns (Sozialgerontologie) wäre wünschenswert gewesen; und ein Einbezug weiterer Disziplinen wie etwa der Religions- oder der Kulturgerontologie hätte diesen Überblick über den Forschungsbereich Alter(n)swissenschaften sicher noch zusätzlich bereichern können.
Heinz Rüegger, Zollikerberg / CH

Giese, Bernd u.a.: Lebendige Konstruktionen – Technisierung des Lebendigen. Potenziale, Grenzen und Entwicklungspfade der Synthetischen Biologie. Baden-Baden: Nomos, 2015 (edition sigma), 248 S., ISBN 978-3-8487-2516-8, Brosch., EUR 24.90

Vorliegendes Buch fasst Ergebnisse einer Innovations- und Technikanalyse zusammen, in deren Rahmen das Fachgebiet für Technikgestaltung und Technologieentwicklung im Fachbereich Produktionstechnik der Universität Bremen eine umfassende Untersuchung der Synthetischen Biologie durchführte – es handelt sich dabei um ein Drittmittelprojekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Ebenso hat das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) mitgewirkt. Entsprechend hoch ist die Erwartungshaltung an einen solchen Band.
Um es vorweg zu sagen: die Erwartung wird nicht enttäuscht. Dem Leser begegnet eine differenzierte Darstellung der Synthetischen Biologie: nach einer unbedingt zu lesenden Einleitung werden im Anschluss an das Kapitel „Vorsorgeorientierung“ (15 – 20) sog. „Paradigmen und Visionen“ (21 – 40) der Synthetischen Biologie erörtert. An ihnen richten sich die „Funktionalitäten und Methoden“ (41 – 64) aus, um daraus „Anwendungen und Chancen“ (65 – 144) abzuleiten. Erst nach deren Vorliegen können „Risikopotentiale“ (145 – 182) abgeschätzt werden, um eine Lösung in Form von „Gefährdungs- und expositionsarme[n] Entwicklungspfade[n]“ (183 – 196) anzubieten. Eine gelungene „Zusammenfassung“ (197 – 204) sowie „Perspektiven und Optionen“ (205 – 210) runden das Buch ab, dem sich ein Literatur-, Abbildungs- und Schlagwortverzeichnis anschließen.
Das Hauptproblem der Synthetischen Biologie wird in „Paradigmen und Visionen“ sowie in der „Zusammenfassung“ erörtert. Es liegt darin, einerseits Prinzipien der (deterministisch operierenden) Ingenieurswissenschaft, andererseits Prinzipien der (nicht deterministischen) Selbstorganisation anwenden zu wollen. Ingenieurswissenschaften setzen eine orthogonale „top down“ Kontrolle und maximale Determination eines (linearen) Systems voraus. Selbstorganisation hingegen wird umso ausgeprägter, je komplexer das System ist: so kommt es zu einer Steigerung der Komplexität und Selbstorganisation beginnend mit der Ebene der Moleküle bis hinauf zur Ebene der Zelle. Daher ist es vielleicht noch möglich, die Nichtlinearität einfacher Systeme zu kontrollieren, jedoch wird es nicht mehr möglich sein, komplexere Systeme mit unübersehbaren und nicht determinierten Wechselwirkungen und Netzwerken orthogonal zu determinieren oder zu programmieren. Instabilitäten – übrigens als Folge nichtlinearer Wechselwirkungen – scheinen ebenso wie das sog. Rauschen, das als Ausdruck des Vorliegens von noch nicht entschiedenen Möglichkeiten gewertet werden kann, aus denen eine Option autark selektiert wird, aus lebendigen Systemen nicht einfach ignoriert werden können.
Daraus ergeben sich zwei grundsätzlich verschiedene Methoden der Synthetischen Biologie: entweder schaltet der Bio-Ingenieur sukzessiv alle Quellen des Rauschens und der Instabilität aus, doch dann wird das lebendige System ausgerechnet des Lebensprinzips beraubt; oder er versucht einen „bottom-up“-Ansatz und lässt kontrolliert Strukturen emergieren, die das Produkt der artifiziell induzierten Selbstorganisation sind. Im letzteren Fall wird durch „tinkering“, d.h. durch Versuch und Irrtum, das erhebliche Maß an Nichtwissen darüber, wie Emergenz und Selbstorganisation überhaupt funktionieren, in Kauf genommen: ähnlich wie bei einer „Black Box“ kommt es dann nur noch auf den zum Input passenden Output an. Dass der Output dabei nicht 100%ig reproduzierbar ist, liegt im nicht deterministischen Grundzug der Selbstorganisation.
Was das Buch an dieser Stelle erwähnen könnte: es gibt sehr wohl Versuche, den unterliegenden Prozess der Selbstorganisation komplexer Systeme zu verstehen. Man denke etwa an die sog. Quantenbiologie, bei der eine auf Quantenebene verborgene Ordnung für die meso- und makroskopische Ordnung zuständig sein soll. Ein komplexes Quantensystem wäre dann so etwas wie die klassische „Seele“ als ein sich selbst bewegendes und ordnendes (Informations-)Prinzip.
Dann ist es auch nur allzu verständlich, wenn in der Synthetischen Biologie ausnahmslos ein sog. „Chassis“, also eine bereits vorliegende intakte DNS-Sequenz als Minimal-Genom gebraucht wird, um auf dieser bereits lebenden Basis aufbauen zu können. Ebenso selbst erklärend ist es dann, dass es bis dato nicht einmal annähernd gelungen ist, einen primordialen Replikator – etwa ein Ribozym –, geschweige denn eine Protozelle künstlich herzustellen, schlicht und ergreifend deswegen, weil ohne ein steuerndes Quantensystem bei biochemischen Transformationsprozessen (von denen sind geschätzt >260 allein für eine primitive sich selbst replizierende Struktur vonnöten) nichts als „organische Schmiere“ in einer sog. ausfällenden, präzipitativen Reaktion resultiert. Ohne ein henadisch ordnendes Prinzip kann Synthetische Biologie i.S. der künstlichen Erschaffung von Leben nun einmal nicht gelingen.
Wie dem auch sei: es stellt sich die Frage nach der Technikfolgenabschätzung. Wäre der orthogonale, von oben nach unten determinierende ingenieurswissenschaftliche Ansatz wirklich durchführbar, so könnten konventionelle Prognosen in Anschlag gebracht werden, um die Folgen einer spezifischen Applikation abzuschätzen. Schließlich wäre das System programmiert bzw. determiniert, so dass der Bio-Ingenieur die Kontrolle nie aus der Hand geben würde. Wenn jedoch durch Versuch und Irrtum auf Basis vorhandener lebendiger Strukturen neue Modi der Emergenz komplexer Ordnung „in vivo“ versucht werden, so wird diese neue Ordnung umso weniger prognostizierbar, je komplexer bereits das lebendige System-Substrat ist. Hier hilft m.E. auch nicht die vorgeschlagene Lösung, Wechselwirkungen mit natürlichen Systemen zu minimieren. Sobald ein sich selbst replizierendes und v.a. adaptives System „bottom up“ künstlich initiiert wurde, wird das neue synthetische Leben immer wieder einen Weg der Anpassung an einen neuen Selektionsdruck finden, der durch Menschen nicht antizipierbar ist. Die Synthetische Biologie entpuppt sich umso weniger kontrollierbar, je komplexer die Struktur und die aus ihr resultierende Dynamik sind.
Zusammenfassend sei das Buch jedem, der einen profunden Overview über technologische Applikationen „in Genese“ der Synthetischen Biologie sucht, empfohlen. Der Ethiker hingegen wird nicht viel Inputs mitnehmen, da der Stand der Forschung und Technik noch in den Kinderschuhen steckt und wohl solange stecken wird, bis nicht explizit Ansätze der Quantenbiologie integriert werden. Dann wären in der Tat Applikationen möglich, wie etwa die Steuerung der Wechselwirkung von Molekülen einer Zelle durch ihr elektromagnetisches Feld u.a.m. Dann wiederum wird eine Technikfolgenabschätzung entscheidend an dem Verständnis der Steuerung komplexer Systeme ansetzen müssen.
Imre Koncsik, HS Heiligenkreuz / Wien

Benkel, Thorsten (Hrsg.): Die Zukunft des Todes. Heterotopien des Lebensendes. Bielefeld: transcript, 2016 (Kulturen der Gesellschaft; 15), 367 S., ISBN 978-3-8376-2992-7, Kart., EUR 32.99

Im Vorwort unter der Überschrift „Der lebendige Tod“ heißt es „Die individuelle Aneignung des Todes wird deshalb immer stärker angestrebt, weil kollektive Szenarien ihre Verbindlichkeit verloren haben … Tatsächlich aber gibt es keinen Tod, der losgelöst von sozialen Strukturen gedacht werden könnte“ (S. 7 – 8). Folgerichtig werden von allen AutorInnen Veränderungen in den Ansichten und Verhaltensweisen zu Tod und Erinnerungskultur stets auf dem Hintergrund der modernen Gesellschaft analysiert. Der Herausgeber fügt seinem Vorwort deshalb gleich noch einen Abschnitt zu soziologisch relevanten Aspekten des heutigen Totseins an.
Diese einführenden Bemerkungen werden in den folgenden 3 Abschnitten (mit Beiträgen verschiedener AutorInnen aus unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten) immer wieder aufgegriffen und näher ausgeführt. Weiterhin ist typisch, dass es stets um die „zwei Körper des Toten“ geht – den virtuellen (unsere Erinnerungen) und den toten Körper. Entsprechend nimmt die Entwicklung der Sepukralkultur einen breiten Raum ein. Dankenswerterweise mit vielen farbigen Bildern in exzellenter Qualität – etwas, das in unserer häufig auf Schnelllebigkeit und Verschleiß (daher Billigproduktion!) ausgelegten Gesellschaft leider selten geworden ist.
Der erste Abschnitt widmet sich „Sterbediskursen“ – ausgehend von „über den Tod spricht man nicht“ – hin zu Orten des Sterbens, die durch Palliativversorgung geprägt sind (zu Hause, im Hospiz) und jugendlichen Todesbildern im Netz. Dabei wird vor allem das „zu Hause“ als Raum des „riskanten guten Sterbens“ hinterfragt (S. 68ff.); gleichfalls erörtert werden Hospize als „Orte des idealen Sterbens“. Der letzte Beitrag dieses Abschnitts beschäftigt sich mit medialen Inszenierungen jugendlichen Selbstdesigns im vor- bzw. nachgestellten Tod auf der Fotoplattform flickr.com.
Der zweite Abschnitt ist überschrieben mit „Tod im Wandel“ und beginnt demzufolge mit gesellschaftlichen Veränderungen, die unser Verständnis von Tod und Begräbniskultur beeinflusst haben. Hier wird dann auf Sozial- und Ordnungsamtbestattungen als Herausforderungen für die Gesellschaft ebenso eingegangen wie auf Tierfriedhöfe und Friedwälder bzw. den generellen Wandel unseres Verständnisses vom Ort / Raum Friedhof. Diesem Thema ist dann vor allem der letzte Abschnitt gewidmet: „Verräumlichungen“. Darin werden eine Reihe gegenläufiger Tendenzen beschrieben (z.B. der Wunsch nach Anonymisierung etwa auf Streuwiesen bei gleichzeitiger Sehnsucht nach einem konkreten Raum zum Ablegen von Blumen und anderen Gedenkelementen). Spannend zu lesen sind dazu eine Reihe von Interviews pro und contra anonymer Bestattungen. Danach wird auf den Wandel und vor allem auf die psychologische Problematik des Umgangs mit Tot- und Frühgeburten eingegangen. Abschließend wird thesenhaft die Auflösung des Monopols von Familie und Kirche über die Gestaltung von Trauer und Erinnerung durch virtuelle Grab- und Erinnerungsstätten erläutert.
Für alle Fans von Sepukralkultur ist dieses Buch einfach ein „Muss“.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

Wilhelms, Günter / Wulsdorf, Helge: Verantwortung und Gemeinwohl. Wirtschaftsethik – eine neue Perspektive. Regensburg: Friedrich Pustet, 2017, 101 S., ISBN 978-3-7917-2885-8, Kart., EUR 16.95

Der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann schrieb dereinst: „Es gibt Wirtschaft, es gibt Ethik – aber es gibt keine Wirtschaftsethik“ (Wirtschaftsethik – als Ethik?, 134). Die Autoren des vorliegenden Bandes, Günter Wilhelms, Prof. für Christliche Gesellschaftslehre, und Helge Wulsdorf, seines Zeichens promovierter Theologe, würden ihm wohl nicht beipflichten.
Sie sehen die hier besprochene Publikation in ihrem Verständnis von Wirtschafts-Ethik – als Sozialethik, welche die wirtschaftliche Praxis reflektiert und „in evaluativen sowie normativen Hinsichten zu beurteilen sucht“ (24) –, als einen „Beitrag zur Profilbildung der Fachdisziplin Wirtschaftsethik“ (9). Um wirtschaftliches Handeln beurteilen zu können, treffen sie die gebräuchliche Unterscheidung zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene. Auf der Mikroebene verorten Wilhelms und Wulsdorf das Individuum als Akteur, auf der Mesoebene Korporationen und Organisationen und auf der Makroebene das gesamtwirtschaftliche System. Aufgrund der Verflochtenheit der einzelnen Ebenen, welche ein individualethisches Instrumentarium ihrer Meinung nach allein zu fassen außerstande sei, ist Wirtschaftsethik wesentlich Sozialethik (39). Ob ein solcher Schluss gerechtfertigt ist, bleibt dahingestellt. Zieht man diesen, lässt sich in weiterer Folge auch die Kategorie der Verantwortung auf die Meso- und Makroebene anwenden, wie die Autoren ferner zu zeigen versuchen (vgl. 35 – 45). Diese Kategorie verweist auf einen Träger, eine Person – und nicht einen homo oeconomicus –, um dessen Wohl als „Ausgangs- und Zielpunkt wirtschaftsethischer Reflexion“ (71) es letztlich gehen sollte. Diesbezüglich gelten den Autoren die vier Indikatoren Kommunikation, Partizipation, Kooperation und Transparenz als Prüfkriterien, mit denen sich „im Anwendungsbereich Wirtschaft Wege für Veränderungs- und Optimie-
rungsprozesse aufzeigen lassen“ (71). Die Funktionsweise dieser Indikatoren wird abschließend anhand von Fallbeispielen zu erläutern versucht.
Obwohl dem Buch eine vertiefende Auseinandersetzung mit Gegenpositionen wie etwa jener des eingangs erwähnten Niklas Luhmann oder neo-liberalen Positionierungen – ich denke hier an von Hayek – nicht geschadet hätte, ist es ein durchwegs gut lesbares Buch und kann, den Autoren folgend, wohl auch als „kleine Wirtschaftsethik“ (9) angesehen werden.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Prainsack, Barbara / Buyx, Alena: Das Solidaritätsprinzip. Ein Plädoyer für eine Renaissance in Medizin und Bioethik. Frankfurt a. M.: Campus, 2016, 183 S., ISBN 978-3-593-50523-7, EUR 29.95. – Prainsack, Barbara / Buyx, Alena: Solidarity in Biomedicine and Beyond. Cambridge: Cambridge University Press, 2017, 231 S., ISBN 978-1-107-07424-8, EUR 118.25

Eigentlich gehört noch ein drittes Werk beider Autorinnen zu der hier zu besprechenden Serie, nämlich der Report für den britischen Nuffield Council on Bioethics: Solidarity. Reflections on an emerging concept in bioethics von 2011. Das deutsche Buch, das 2016 bei Campus erschienen ist, ist die stark überabeitete und aktualisierte Übersetzung dieses Reports; das englische Buch von 2017 stellt nochmals eine um wesentliche Teile erweiterte, kohärente Neufassung der zentralen Argumentation dar. Das deutsche Buch allein schon liest sich als außerordentlich spannende Untersuchung, in deren Verlauf einige systematische Fragen auftauchen, die dann im englischen Buch weitergeführt und beantwortet werden.
Inspiriert von der strukturierenden Bestandsaufnahme von 2011, die zu einer neuen Arbeitsdefinition des Solidaritätsbegriffs geführt hatte, haben Prainsack und Buyx eine ethisch-sozialphilosophische Theorie der Solidarität entwickelt, in deren Zentrum die These steht, dass Solidarität „Praktiken“ sind. Der Begriff Solidarität beschreibt solidarische Praktiken. Diese zeichnen sich darin aus, dass sie ganz allgemein gesprochen „die Bereitschaft widerspiegeln, Kosten in Kauf zu nehmen, um anderen zu helfen“ (S. 82). Der dabei verwendete Praxisbegriff ist ausgeführt und vom Pragmatismus inspiriert. Er wendet sich explizit gegen die Engführung der Praxis als „Anwendung“ von Wissen oder einer Theorie. Praxis ist vielmehr ein absichtsvolles Interagieren mit der Welt, in der gelernt wird, und in der sich Erfahrungen und Wissen ergeben können. Man muss bei diesem Praxiskonzept viel mehr an das Erlernen eines Musikinstruments denken (bei dem auch die Finger lernen) als an das Ausführen einer Vorschrift. Das wird durch Beispiele aus dem biomedizinischen Bereich erläutert: die personalisierte Medizin, die Organspende, Public Health.
Als solcher ist Solidarität ein sowohl deskriptiver als auch normativer Begriff; seine Normativität ist aber nicht direkt deontologisch, sondern primär axiologisch zu verstehen: er beinhaltet Werte und Tugenden. In deontologischer Sicht sind viele als „solidarisch“ bezeichnete Handlungen als „supererogatorisch“ zu klassifizieren und sind entsprechend gerade nicht verpflichtend. Die axiologische Normativität, für deren Rehabilitierung die Beiträge von Prainsack und Buyx stehen, entfaltet eine fundamentalere moralische Orientierungskraft, die sich auch in der Gestaltung von Normensystemen und Institutionen auswirken kann: z.B. in einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem. So verstanden bietet die Solidarität eine Orientierung für Politik und gesellschaftliche Organisation: Wir sollen unsere Gesellschaften so organisieren, damit ihre Mitglieder solidarische Praktiken und Regulierungen ausüben, bevorzugen und unterstützen. Man kann dies das „Solidaritätsprinzip“ nennen.
Solidarität ist etwas Gutes. Darin stimmen viele überein. Die Frage ist, wie weit und mit wem Solidarität geübt werden soll und was es konkret bedeutet, solidarisch zu sein. Solidarität beinhaltet eine Gruppierung, eine Gemeinsamkeit. Diese setzt aber auch voraus, dass es immer Leute gibt, die nicht dazugehören. Gemeinsamkeit kann sich situativ ergeben (Reisende im gleichen Zugabteil, wenn der Zug wegen Betriebsstörung nicht mehr weiterfährt) oder sie kann eine lange und konfliktreiche Geschichte haben (z.B. die Solidarität der African Americans in den USA). Dieses „grouping“, wie die Autorinnen vor allem im Theorieteil des englischen Buches überzeugend herausarbeiten, kann problematisch werden, wenn es zu ungerechten Ausschlüssen führt. Das Prinzip Solidarität kann deshalb nicht das einzige Organisationsprinzip einer gerechten Gesellschaft sein. Das zu behaupten ist gerade nicht die Absicht der beiden Autorinnen. Die Solidarität der Gemeinschaft soll das Prinzip der Gerechtigkeit nicht konkurrenzieren. Dies wenden sie überzeugend gegen einige kommunitaristische Ansätze ein. Eine zentrale moralphilosophische Frage ergibt sich: Welcher Bewertung müssen sich solidarische Praktiken ihrerseits unterziehen lassen? Ein Kriterium dieser Bewertung kann dieses sein: Führen sie zu einer Verschlechterung der Situation derjenigen, die nicht dabei sind, die nicht eingerechnet sind, oder führen sie zu keiner Verschlechterung ihrer Situation?
Das Anliegen der beiden Werke ist, eine Klärung des Solidaritätskonzepts im Zusammenhang von verwandten Begriffen wie Mitgefühl, Freundschaft, Liebe, Reziprozität, Verantwortung, Würde etc. zu erreichen. Den Autorinnen ist aber noch mehr gelungen, nämlich die Funktionsweise des moralischen Systems der Gesellschaft in seinen inneren Zusammenhängen näher zu erläutern. In virtuoser Weise benützen sie dazu einen breiten Fundus an soziologischer und philosophischer Literatur.
Die Fallstudien zu Biobanken und zur personalisierten Medizin, zur Pandemieplanung und zur Transplantationsmedizin sind je für sich spannend zu lesen und liefern viel Diskussionsstoff. Vor allem die Pandemiesituation zeigt auch die Grenzen der Solidarität auf. Ob „Solidarität“ ein moralisches Prinzip ist? Diese Frage taucht auf. Was ist aber ein ethisches Prinzip? Es ist spannend, nach der Lektüre weiter darüber nachzudenken, was damit eigentlich impliziert wird und was nicht, wenn Solidarität ein Prinzip ist. Gibt ein moralisches Prinzip immer eine Rechtfertigung oder ist es ein Motivationsfaktor für das Gute? Ist ein Prinzip eher ein Maßstab oder eher eine Quelle? Wie weit reicht die normative Kraft der Solidarität, wenn jemand sagt: „Du sollst jetzt solidarisch sein!“, oder wenn die Gesellschaft Solidarität ihrer Mitglieder erwartet?
Diskussionen im Umkreis des Konzepts Solidarität in der Sozial- und Bioethik werden an den Büchern von Prainsack und Buyx nicht vorbeikommen. Völlig zu Unrecht wurde die Solidarität von der Bioethik bisher vernachlässigt.
Christoph Rehmann-Sutter, Lübeck

Mathwig, Frank / Meireis, Torsten / Porz, Rouven (Hrsg.): Fehlbarkeit und Nichtschadensprinzip. Ein Dilemma im Gesundheitswesen. Zürich: Theologischer Verlag, 2017, 132 S., ISBN 978-3-290-17861-1, Brosch., EUR 29.90

Der vorliegende Band (132 Seiten) ist der mittlerweile dritte der Berner Arbeitsgemeinschaft ,Ethics and Care‘. Grundlage für die Erstellung des Buches ist auch hier eine Tagung. Der erste Band stellte die Autonomie, der zweite die Fürsorge bzw. das Wohltun in den Vordergrund. Der nun erschienene neue Band widmet sich der Schadensvermeidung im Gesundheitswesen. Ein folgender soll sich mit der Gerechtigkeit beschäftigen. Man darf darauf gespannt sein. Diese an die Ausführungen von Beauchamp and Childress erinnernden Begrifflichkeiten werden nun anhand von Beiträgen unterschiedlicher Autoren aufgearbeitet.
Das Fazit vorneweg: Dieses kleine Buch ist aus meiner Sicht spannend, sehr interessant, enorm wichtig und prägnant. Letzteres deswegen, weil es vom Umfang her nicht überbordet und doch alle wesentlichen Elemente enthält, die mit der Fehlbarkeit und dem Nichtschadensprinzip bei medizinischen Entscheidungsfindungsprozessen in engem Zusammenhang stehen. Es wird mit dem Buch ein systematisches Risikomanagement im Krankenhaus aufgezeigt. Wichtig ist das Buch deswegen, weil auch heute noch die ,Götter in Weiss‘ i.d.R. a) das Sagen haben und weil sie dies haben, sind b) auch Fehler oft kein Thema. Wenn man sich an die Geschichte des Spitalswesens der letzten ca. 150 Jahre erinnert, so stellt dieses Buch, dass auch in Krankenhäusern Fehler passieren können, einen Meilenstein dar. Darauf wird in dem Buch nicht hingewiesen. Aber soll es dennoch geschehen. Dass Tabu, dass in einem Spital keine Fehlentscheidungen passieren (können), hängt wohl auch damit zusammen, dass wir als Patienten eben auch nicht fehlerhaft behandelt werden wollen. Es sind, dies muss der Gerechtigkeit halber auch gesagt sein, nicht nur die Chefärzte und Direktoren, die sich diese Unfehlbarkeit angeeignet haben, sie haben sie auch von uns in der Rolle derjenigen, die von der Behandlung abhängig sind, zugesprochen erhalten. Aber belassen wir es dabei und richten unser Augenmerk auf das hier vorliegende Buch. Es gliedert sich in acht Beiträge, die wiederum drei Hauptkapiteln zugeordnet sind. Ob dies viel Sinn macht, sei dahin gestellt. Die drei Oberbegriffe könnte man als 1. Grundsätzliche menschliche Fehlbarkeit, 2. Praxis des Gesundheitswesens in Bezug auf Fehler und 3. Die Schuldfrage bei Fehlern im Krankenhaus bezeichnen. Hier kurz die einzelnen Beiträge:
Frank Mathwig: Fehler als Chance und Risiko (19 Seiten)
Regula Schmitt: Fehlerfreundlichkeit – Gedanken und Erfahrungen aus ärztlicher Perspektive. Ein Versuch der Kategorisierung von Fehlern und ihren Folgen (6 Seiten)
Michelle Salathé: Fehler und Haftungsrecht. Die juridische Seite (10 Seiten)
Konstantin Beck: Krankenversicherer und systematische Behandlungsfehler. Das Fall-
beispiel Yasmin (26 Seiten)
Eva-Maria Jordi Ritz: Fehlererfassung und -vermeidung im Organisationskontext (7 Seiten)
Cornel Schiess / Settimio Monteverde: Second Victims im Pflegealltag. Überlegungen am Beispiel der Sturzprävention (17 Seiten)
Monika Bobbert: Verantwortung, Fehler und Schuld in Medizin und Pflege (16 Seiten)
Isabelle Noth: Die Fehler der anderen und die eigene Schuld. Perspektiven aus Spiritual Care und Praktische Theologie (6 Seiten).
Wie bereits erwähnt: ein wichtiges und damit auf jeden Fall lesenswertes Buch für jeden, der professionell mit Medizin i.w.S. zu tun hat. Das war mein erster Gedanke. Aber ist das Buch eventuell nicht auch interessant und wichtig für jeden, der sich in Spitalsbehandlung und -pflege begeben muss? Ich denke schon. Aber eben bewegen wir uns dann in der Dilemmasituation, dass wir ja als Patienten möchten, dass den Ärzten und Pflegenden doch bitte schön keine Fehler unterlaufen soll(t)en. Wir wissen jedoch auch, dass irren menschlich ist und dass auch in diesen Institutionen ,nur‘ Menschen arbeiten. Nur wer nichts macht, vermeidet Fehler.
Laut den Herausgebern des Buches wird diese Situation der Anfälligkeit gegenüber Fehlern durch die gesteigerte Effizienz der modernen Hochtechnologie-Medizin noch brisanter. Interessant ist aber auch der Aspekt, dass in Studien festgestellt wurde, dass Fehler oft auf der Basis von Störungen im zwischenmenschlichen Bereich, d.h. durch Unstimmigkeiten im Team passieren. Also spielt auch in der modernen Medizin der Faktor Mensch nach wie vor eine zentrale Rolle. Ein Fehler-Management ent-
tabuisiert somit die Meinung, dass hier, bei uns, keine Fehler passieren können, und lenkt andererseits den Fokus auf die Qualität der Zusammenarbeit.
Möge dieses Buch eine weite Verbreitung finden!
Riccardo Bonfranchi, Wolfhausen / CH

Schütz, Ronja / Hildt, Elisabeth / Hampel, Jürgen (Hrsg.): Neuroenhancement. Interdisziplinäre Perspektiven auf eine Kontroverse. Bielefeld: transcript, 2016, 177 S., ISBN 978-3-8376-3122-7, Brosch., EUR 32.99

Unter Neuroenhancement wird das Bestreben verstanden, „bei gesunden Personen eine Verbesserung von Gehirnfunktionen zu erreichen“ (S. 11). Gleichwohl befassen sich die Beiträge des Bandes mit möglichen Anwendungen sowohl bei gesunden als auch bei kranken Menschen. Die verschiedenen Verfahren werden vorgestellt und in ihren jeweiligen möglichen Wirkungen aus der Sicht von Medizin, Psychologie, Philosophie, Recht und Politikwissenschaft diskutiert. Vor allem in der Philosophie gibt es seit einiger Zeit heftige Debatten um Willensfreiheit, Autonomie und Authentizität im Zusammenhang mit real bereits existierenden bzw. erst noch zu erarbeitenden Therapien, so dass auch von einem neuen Forschungsfeld, der „Neuroethik“ gesprochen wird.
Gerade weil ein Großteil der optimistischen Ankündigungen der letzten Jahre zu den Möglichkeiten der Neurowissenschaft bisher nicht eingetroffen ist, ist es hervorhebenswert, dass deren Chancen, Risiken und mögliche individuelle wie gesellschaftliche Nebenwirkungen vorab diskutiert werden. Dies war und ist leider durchaus nicht üblich.
Die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Neuroenhancement (im weiteren NH) wird, so die Meinung der HerausgeberInnen, durch folgende Probleme erschwert:
– „Es gibt derzeit keine klare operationale Definition von NH, die Regulierungsdiskursen zugrunde gelegt werden kann.“ Es sei vielmehr ein Oberbegriff, der nur ein grobes Ziel beschreibe, ohne konkret anzugeben, mit welchen Mitteln dieses Ziel erreicht werden solle.
– Die eingesetzten Verfahren seien sehr unterschiedlich.
– „Nicht nur die technisch-wissenschaftlichen Grundlagen sind ungeklärt, Aussagen über die Auswirkungen von NH sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch weitgehend spekulativ, da Risiken, Nebenwirkungen, aber auch die Möglichkeiten noch kaum abgeschätzt werden können“ (S. 13). Insbesondere würden verlässliche Studien zur Langzeitwirkung bei Gesunden fast vollständig fehlen (J. Leefmann, S. 113).
Die Kontroverse zwischen Transhumanisten (Befürworter einer umfassenden technologischen Veränderung des Menschen) und den sog. Biokonservativen (Autoren, die sich vor allem unter Bezugnahme auf die Natur des Menschen gegen verbessernde Maßnahmen aussprechen) durchzieht mehr oder weniger alle Beiträge, auf ihre Darstellung muss hier verzichtet werden. Stattdessen sollen die aufgeworfenen ethischen Fragen herausgehoben werden. Dies sind z.B. bei der Psychologin S. Diekelmann Implikationen bei der Anwendung von NH im Schlaf. Zum einen könnten wir unseren Sinn für Begabung und Talent verlieren, da Fleiß und Mühen zur Erreichung von Zielen nicht mehr wertgeschätzt würden Zum andern könne ein direkter oder indirekter Zwang entstehen, weil andere Menschen von dieser Technik bereits Gebrauch machen würden. Letztere Argumentation taucht bei mehreren AutorInnen zu verschiedenen Anwendungsmodi auf und verweist dann regelmäßig auf die Gefahr einer Verstärkung des sozialen Ungleichgewichts (nicht alle Menschen könnten sich die Anwendung von NH finanziell leisten). In dem den Band abschließenden Beitrag der Juristin H. Bebert wird der Frage nachgegangen, ob es ein „Grundrecht auf Neuroenhancement“ gäbe und dazu sowohl verfassungsrechtlich, als auch vom Gesichtspunkt einer solidarischen Krankenkasse aus argumentiert.
Jens Clausen (Herausgeber des 2015 erschienen dreibändigen Handbook auf Neu-
roethics) verweist in seinem Beitrag auf neue Wege zu möglichen Behandlungsoptionen für bisher nicht oder kaum behandelbare Krankheitszustände. Neben den medizinischen Fragen stellen sich hier dann ebenso Fragen nach neuen Begrifflichkeiten (insbesondere bezüglich der Unterscheidung von Natur und Technik) als auch nach Art und Umfang von moralischen Anforderungen, die an Menschen mit diesen Implantaten zu stellen wären. Weiterhin sei die Klärung von Verantwortlichkeiten umfassender zu diskutieren (zwischen Hersteller, Implanteur, Nutzer einer Gehirn-Computer-Schnittstelle). Von W. Kornberger wird die Problematik von Identität und ihrer Wahrnehmung aufgeworfen. Es sei zunehmend unklar, was zur menschlichen Identität gehöre. Er verweist außerdem auf die durch Anwendung von NH bei Gesunden sich verschärfende Debatte, ob der Wert von Menschen nur anhand von funktionalen Qualitäten beurteilt werden darf.
Den im Buch vorgestellten Überlegungen ist eine breite Diskussion zu wünschen, gerade weil vieles noch Zukunftsmusik ist, d.h. die Weichen einer gesellschaftlichen Entwicklung noch nicht abschließend gestellt sind.
Viola Schubert-Lehnhardt, Halle

ETHICA 2017/4

Brücher, Gertrud: Ethik im Drohnenzeitalter. Band 1: Tötung und Tabu. München: Alber, 2017, 216 S., ISBN 978-3-495-48861-4, Kart., EUR 34.00

Ethik im Drohnenzeitalter ist als Band 3 in der Alber-Reihe Friedenstheorien erschienen. Die Autorin wendet sich in vorliegender Publikation gegen die diametrale Trennung der beiden weltanschaulichen Richtungen des Humanismus und des Posthumanismus; genauer, gegen die Auffassung, die Systemtheorie, als deren Vertreter Luhmann hier behandelt wird, könne sich vollends von philosophischen Denkfiguren lösen. Sie will auf Kontinuitäten zwischen Transzendentalphilosophie und Systemtheorie aufmerksam machen, „das Neue und Weiterführende einer die Selbstreferenz und Selbstreplikationsproblematik ernstnehmenden Theorie“ herausarbeiten und sieht das Ziel ihrer Bemühungen darin, „systemtheoretische und transzendentalphilosophische Parallelen
ausfindig zu machen“ (21). Inwiefern ihr das gelingt, gelingen kann, ist fraglich. So sieht sich der einer analytischen Tradition angehörende Rezensent schon vorab mit der Frage konfrontiert, inwieweit Systemtheorie überhaupt Theorie und nicht eher Begriffsspiel ist, scheint sie doch nicht einmal „weichen“ methodologischen Standards zu genügen (vgl. Siegwart: Systemtheorie, in: Enzyklopädie und Wissenschaftstheorie, Band 4, 192). Dessen ungeachtet zeigt sich folgendes Bild.
Neben einer Einführung besitzt das Buch drei Hauptteile und einen abschließenden Teil. Der erste Hauptteil (22– 87) trägt den Titel „Systemtheorie und Ethik“. Darin befasst sich Brücher mit Luhmanns reflexionstheoretischer Ethik, welche die dreifache Affirmation von Wissen, Dürfen und Wollen – als zeitgemäße Reformulierungen der Kant’schen Fragestellungen – in den drei Sinndimensionen des Sachlichen, Sozialen und Zeitlichen, wieder in Kritik überführt. Dies wird an den Problemen der Begründung (57ff.), der Anwendung (vgl. 70ff.) und der Institutionen (76ff.) zu exemplifizieren gesucht. Sie hält fest: „Für eine heterarchisch strukturierte Weltgesellschaft bleibt nachmetaphysisches, auf Identität (Wertegemeinschaft) setzendes Denken prekär. Akzeptabel bleibt für säkular oder religiös akkulturierte Gemeinschaften nur postontologisches, an Differenz orientiertes Denken“ (87).
Der zweite Hauptteil (88 –134) befasst sich umfänglich mit der Reformulierung der drei Kant’schen Fragen in der Sprache der Systemtheorie. Der Begrenzung des Wissens nähert sich die Systemtheorie über die Begrifflichkeit von Empirie und Realität, Operation und Beobachtung (115), der Frage nach dem Sollen, der Sozialdimension, über eine differenztheoretische Ausarbeitung hin zum Begriff der Kontingenzformel (124) und der Frage nach dem Hoffen, in ihrer Entfaltung in der Unterscheidung von selbstbezüglichem Subjekt, fremdbezüglichem Objekt und selbstbezüglichem Objekt, in der Trilogie von Selbstbeziehung, Fremdbeziehung und Transferbeziehung, die, in der formalen Figur des Aktors, der die Unterscheidung zwischen System und Umwelt vornimmt, einer Hoffnung bedarf, „dass trotz paradoxer Ausgangslage nicht alle Anstrengungen vergebens sind“ (127). Diese Funktion wird der Autorin zufolge bei Kant durch das Unsterblichkeitspostulat, bei Luhmann durch das Autopoiesiskonzept als dessen funktionales Äquivalent (129) erfüllt.
Der dritte Hauptteil (135 –200) befasst sich mit einer systemtheoretischen Reformulierung des kategorischen Imperativs. Die Trias Wissen, Dürfen, Hoffen bringe, folgt man Brücher, in der Moderne den kategorischen Imperativ hervor, während in der Postmoderne gelte, „die Gestalt einer Trias von Beobachtung 1. Ordnung (Beobachtung von Gegenständen), Beobachtung 2. Ordnung (Beobachtung des Beobachters), Beobachtung 3. Ordnung (Transferbeziehung von erster und zweiter Beobachtung) als eine unter den gegebenen weltgesellschaftlichen Bedingungen einzig plausible semantische Gestalt herauszuarbeiten, die als vermittelnde Figur die transjunktionale Operation vorsieht“ (136). Diese Operation bedürfe einer Spezifikation in drei Bestimmungsmerkmale. Zu nennen wären die Grenze (143ff.), die programmatische Profilierung (149ff.) und die Autopoiesis (155ff.). In einem zweiten Teil sucht die Autorin nach evolutionstheoretischen und sinnfunktionalen Entsprechungen für den kategorischen Imperativ. Für die Evolutionstheorie meint sie diese in Stabilisierung, Selektion und Variation, für den Sinnbegriff in Reflexion, prozessualer und operativer Selbstreferenz gefunden zu haben (vgl. 200).
Was dies alles nun letztlich mit einer Ethik in einer zunehmend technisierten Zeit, einer Zeit, in der „immer mehr Entscheidungen auf selbstregelnde computerisierte Systeme“ (10) übertragen würden, die jedoch letzten Endes immer noch an die Programmierung gebunden sind und somit nicht eine „Abdankung des autonomen selbstverantwortlichen Subjekts“ einleiten, zu tun hat, offenbart sich im abschließenden Teil (201–207). So schließt Brücher folgendermaßen: „Das Sich-Selbst des Subjekts, welches den Menschen einschließt und aus diesem Zirkel heraus zum Instrumentalisierungsverbot drängt, erscheint jetzt als Selbstreferenz von physisch-psychisch-organisch-sozial-maschinellen Systemen, die den Menschen einschließen [...]. Folglich teilen selbst jene computerisierten Systeme, die den Mensch-Maschine-verschmolzenen Einzelnen ,durchschneiden’ [...], den epistemischen Status mit allen anderen Systemen. Welche Gestalt solche Systeme auch immer annehmen, die Gestalt von Drohnen, von Schaltzentralen, von Funktionsträgern, von Kommandozentren, von Selbstschussanlagen, von Forschungsapparaturen oder intrakorporalen Sensoren und Computerchips, die reflexionstheoretische Ethik versagt tötenden Operationen jede Rechtfertigung. Und dies wäre ein Rudiment von Erwartungssicherheit, das Ethik in einer multikulturell gebrochenen funktional differenzierten Gesellschaft beitragen könnte“ (206f.).
Ob man sich jedoch einen solchen Beitrag wünschen sollte, sei jedem selbst überlassen.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck

Schallenberg, Peter: Ethik und Ewigkeit: Wegmarken einer spirituellen Moraltheologie. Paderborn: Schöningh, 2016, 185 S., ISBN 978-3-506-78438-4, Brosch., EUR 29.90

Peter Schallenberg, Prof. für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät in Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, befasst sich in dieser Arbeit, in Anlehnung an die Geschichte christlicher Spiritualität, mit Gott und seiner Ewigkeit in Relevanz für das Handeln des Menschen. Dabei geht es um die Eigenart der Moraltheologie als theologische Ethik im Blick auf das Glück des Menschen. Diesem steht das Böse als Teil der Schöpfung und als von Gott zugelassene Möglichkeit dem Menschen gegenüber, was der Autor mit der Erzählung vom verlorenen Sohn veranschaulicht. Es ist dann vor allem Augustinus, auf den der Begriff Ursünde (peccatum originale) zurückgeht, der über den Weg des Menschen zum Ziel nachdenkt. Dabei verweist er unter anderem, was die Sexualität betrifft, darauf, dass es eine unproblematische Sexualität nicht gibt, weshalb die Erfüllung des Geschlechtlichen erst dann wertvoll ist, wenn sie der Verantwortung vor dem Mitmenschen, vor der menschlichen Gemeinschaft und vor der menschlichen Zukunft geschieht. Nach Thomas von Aquin erstreckt sich das natürliche Streben des Menschen diesbezüglich auch auf das Verlangen nach sexueller Bindung an jemanden des anderen Geschlechts, in Treue und Exklusivität.
Durch die Systematisierung der Beichte und die Entscheidung zur jährlichen Beichtpflicht hinsichtlich schwerer Sünden kam es zu einer Moralisierung der Sexualität und zugleich zur Verrechtlichung des alltäglichen Lebens mit dessen Anbindung an die Sakramentenspendung in der augustinischen Perspektive eines Gegensatzes von selbstloser Hingabe und egoistischer Erotik. Ziel des Menschen ist nämlich die freie und wohlwollende Liebe als Ja zum Menschen, zu Gott und zu sich selbst.
Nach Erwägung dieser traditionellen Vorstellungen von Mensch, Gott und Moral geht Schallenberg auf die sogenannte päpstliche Revolution seit Gregor VII. (1073 –1085) ein, die zu einer Trennung der Sphären des Heiligen und des Profan führte. Zeit und Geschichte sind ausgerichtet auf die Vollendung durch den Messias. Aus dieser Geschichtstheologie erwächst die Ethik, die eschatologisch und politisch bestimmt wird. So spricht der Zisterzienserabt Joachim von Fiore (1135 –1202) sogar vom Zeitalter des Vaters, der Schöpfung, vom Zeitalter des Sohnes, des Glaubens (von der Himmelfahrt bis zu Joachim von Fiore) und vom Zeitalter des Geistes, der anbrechenden Zukunft, in der eine mönchisch verfasste Kirche ohne Dogmen herrschen wird, das Millennium, in dem sich die Hoffnung der ersten Christen verwirklichen wird.
Diese Gedanken gaben nach Schallenberg nicht nur Impulse bis in die Neuzeit und die Moderne, sondern auch für die franziskanische Theologie und die Idee einer vollendeten Menschheit in der Renaissance.
Ausgehend von der erneuerten, bei Augustinus grundgelegten Geschichtstheologie entfaltet sich nun die Ethik des Alltags und der werktäglichen Tugenden, eine Ethik des Individuums. Armut und Mitleid werden zu sozialen Faktoren.
Die Entdeckung Amerikas 1492, die protestantische Reform und die Entstehung der „neuen Wissenschaft“ samt der bahnbrechenden Erfindung des Fernrohrs kennzeichnen den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. In der Renaissance entsteht die Idee einer neuen Welt und eines neuen Menschen. Die Lust der autonomen Interpretation von Selbst, Welt und Wille stößt allerdings auf die Last der autonomen Orientierung in einer widersprüchlichen Welt. Gott und Mensch treten weit auseinander. Der Begriff der Menschenwürde, erstmals vom irischen Mönch und Theologen Alkuin (735 – 804) verwendet, wird zum Zentralbegriff. Der Mensch in der Mitte zwischen Gott und Natur, ist kaum noch an eine Grenze gebunden. Aus diesem geistigen Hintergrund entsteht das moderne Naturrecht als Begriff der Rechte eines Menschen unabhängig von seiner Religion.
Dem stellt Ignatius von Loyola das allgemeine Ziel des Menschen entgegen: die Verherrlichung Gottes, die allerdings vom Individuum in die unverwechselbare Existenz des eigenen Leben übersetzt werden muss. Jedes Individuum muss den konkreten Willen Gottes für das eigene Leben finden.
Mit Franz von Sales (1567–1622) werden die Liebe zu Gott und dessen Wille zur Grundlage für das eigene Leben, wobei die Gottesliebe allerdings nur über den Gehorsam zu erreichen ist, der das natürlich gehemmte Ich von sich befreit und zu Gott führt. Mit der Unterscheidung der erbsündlichen Eigenliebe und der natürlichen Selbstliebe gibt von Sales eine Antwort auf die calvinistische Absage an eine nach der Erbsünde verbliebene normative Restnatur des Menschen. Das Band zwischen Schöpfer und Geschöpf bleibt aufrecht. Die natürliche Neigung, Gott über alles zu lieben, gleicht einem Faden, mit dem Gott uns an sich zieht, wenn es ihm gefällt. Jedenfalls bleibt die Sehnsucht nach der erlösenden Liebe zu Gott Bestandteil des neuzeitlichen Erbes der Moraltheologie.
Abschließend stellt der Autor noch die Frage, was die theologische Ethik mit der Ewigkeit Gottes zu tun hat, und beantwortet sie mit dem Verweis auf die Mystik, verstanden als Nachfolge in der Erfahrung mit Gott. Dabei handelt es sich immer um eine innere Ergriffenheit von der Größe der göttlichen Liebe und der äußeren Lebensführung in Verantwortung gegenüber der Liebe Gottes. Wo dies in der Ethik eines eigenen Lebens gelingt, ist der Weg zur Ewigkeit Gottes hin nicht mehr weit.
Erst mit diesen Schlussworten wird der Titel des Buches Ethik und Ewigkeit verständlich. Die einzelnen Kapitel befassen sich nämlich in einer sehr fundierten Darlegung mit theologischen Aussagen von den Anfängen bis zu Franz von Sales. Man könnte fragen, ob es denn später keine neuen Impulse für Spiritualität mehr gibt. Allerdings steht bereits im ersten Absatz, dass nur einige Versuche in der spirituellen Tradition der christlichen Theologie aufgegriffen werden sollen. Berücksichtigt man diese Einschränkung, kann man die Arbeit als einen wertvollen Beitrag zur Ethik bezeichnen, weil die Betonung des Ewigkeitsbedürfnisses des Menschen zur Grundmotivation der Ethik erhoben wird.
Ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister beschließen diese gediegene und informative Arbeit.
Andreas Resch, Innsbruck

Systemänderung oder Kollaps des Planeten. Erklärung der Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating der Goethe-Universität Frankfurt – Arbeitskreis Wissenschaft. Erkelenz: Altius, 2016 (Geld & Ethik; 5), 72 S., ISBN 978-3-932483-59-2, Ebr, EUR 9.90

Adam Smith, John Keynes, Karl Marx – um einige prominente Wissenschaftler zu nennen – haben alle gemeinsam nach einem „perfekten“ ökonomischen System gesucht. Das erinnert ein wenig an die Suche nach Utopia. Vorliegendes Buch teilt diese Suche nach einem besseren System. Die herausgebende Forschungsgruppe ist um Johannes Hoffmann angesiedelt. Nach einer einleitenden Bemerkung zur Ausgangssituation (7–11) wird der Schwerpunkt auf den sog. Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden (FHL) gelegt (12–28), der präzisiert wird (29 –39). Daraus werden einige zentrale Postulate eigens thematisiert, um die Applizierbarkeit des FHL zu demonstrieren: Kreativität und Innovation aller Stakeholder ist gefragt (40 – 43); Die Entwicklung des Wertbaums des FHL in den 90-er Jahren und neue Aspekte (44 – 48), Adressaten des Leitfadens (49) sowie Kulturverträglichkeit – Kultur als normative Ressource (50 – 66). Literatur- und Quellenverzeichnis (67–70) sowie Angaben zu den Autoren (71) beschließen das Büchlein, das zwar wenige Seiten enthält, die jedoch inhaltlich sehr dicht sind und teils stichpunktartig gedrängte Auflistungen enthalten.
Das hier vorgetragene ökologische Rating, das anhand von Leitfragen präzisiert wird, bildet eine Rating-Option unter vielen anderen an (vgl. etwa Oecon Research GmbH in München u.a.). Es geht von fundamentalen Annahmen aus, die hätten transparent gemacht werden können. Von ihnen hängt die inhaltliche Substanz des Ratings ab. Eine Annahme ist etwa, dass komplexe Systeme ethisch und politisch bewertbar sind und daher auch durch ethische Appelle oder institutionelle Zwänge, d.h. durch externe politische Gewalt (!), verändert werden könnten.
Man denke hier etwa an den Appell der viel zitierten Sahra Wagenknecht, die gegen die Gier von reichen und wohlhabenden Wirtschaftsakteuren wettert. Als Beleg führt sie Statistiken an, wie etwa, dass sich 90% des Betriebsvermögens im Eigentum der vermögendsten 10% aller Familien befinden (23). Doch können diese Schätzungen – „Statistiken“ im wissenschaftlichen Sinn sind es daher nicht – auch anders interpretiert werden, etwa neutral und systemtheoretisch als nichtlineare Akkumulation von immensem Kapital in der Verfügungsgewalt weniger Akteure (so der italienische Ökonom Pareto). Der Grund für diese Pareto-(Ungleich-)Verteilung sind autokatalytische, sich selbst verstärkende, Effekte, die übrigens auch in anderen ethisch neutralen Systemen auftreten wie Bevölkerungsentwicklung, Waldbrände u.a.m. Nichtlineare Systeme, bei denen den Einzelkomponenten eine entscheidende Rolle zukommt, verhalten sich nun mal so und nicht anders. Hier hätte die wertneutrale Position Karl Homanns und seines Schülers Ingo Pies berücksichtigt werden können, was jedoch unterbleibt.
Hingegen beschweren sich die Autoren darüber, dass die „Moral“ keine Rolle im Wirtschaftssystem spielt und ziehen daraus die wohlgemerkt moralische Schlussfolgerung: „Schon daraus erhellt, dass unser Wirtschaftssystem menschenverachtend ist und grundlegend geändert werden muss“ (24). Man hätte die Amoralität bzw. moralische Neutralität des ökonomischen Systems i.S. von Adam Smith auch schlicht als Faktum zur Kenntnis nehmen können, wonach der Metzger die Wurst an den Kunden nicht aus Nächstenliebe, sondern aus dem Motiv der Gewinnmaximierung verkauft.
Die Logik des ökonomischen Systems wird auch an anderen Stellen schlichtweg nicht verstanden. Beispielsweise wird auf Folgendes verwiesen: „Während die Löhne von ca. 1970 bis etwa 2010 fast gleich blieben, stieg die Produktivität um mehr als das Doppelte. Der Produktivitätsgewinn wanderte in Richtung des großen Geldes und bescherte uns die Finanzkrise der Banken sowie die Schuldenkrise der Staaten“ (22). Abgesehen davon, dass die Finanzkrise 2007 durch die fehlende Deckung der gigantischen Geldmengen ausgelöst war, die an der Börse durch klassische Arbitrage-Geschäfte im großen Stil „erwirtschaftet“ wurden: wenn die Löhne gleich bleiben, dann kann doch nicht das Doppelte konsumiert werden (denn was produziert wird, muss auch dementsprechend konsumiert werden). Also müssten die Reichen die überschüssigen 50% effektiv konsumieren. Dann jedoch ist es unverständlich, dass durch die Kluft zwischen Arm und Reich „auch das Wirtschaftswachstum reduziert“ wird (25).
Eine hintergründig mitschwingende Ideologie, die zur revolutionären Systemveränderung durch die Benutzung des staatlichen Machtapparates im Namen der „sozialen Marktwirtschaft“ drängt, die allzu schnell zur sozialistischen Planwirtschaft degenerieren kann, zeigt sich auch in folgender Aussage: „Denn Gewinn ist ein soziales Gut, das durch die Leistung aller daran Beteiligten und auf der Grundlage einer vom Staat geschaffenen Infrastruktur zustande kommt und an dem alle – allein aus Gerechtigkeitsgründen – einen Anteil erhalten müssen. Umgekehrt ist daher jeder, der die Infrastruktur eines Gemeinwesens nutzt und dadurch Gewinne erzielt, zu Ersatzleistungen, die der Erhaltung der Infrastruktur dienen, verpflichtet. Entsprechend ist auch Geld eine soziale Institution“ (25).
So wahr die aristotelische Verteilungsgerechtigkeit („suum cuique“), auf die hier angespielt wird, ist, so fraglich ist die Identifizierung von Gewinn, Geld und sozialer Institution. Die Eigentümer des Geldes heißen nicht umsonst „Shareholder“, die Mitarbeiter und externen Rahmenbedingungen jedoch „Stakeholder“. Die Teilung des monetären Gewinns geschieht – zumindest in der Theorie – durch einen gerechten Lohn; auch sind gemischte Modelle der Beteiligung am Gewinn denkbar, etwa durch den Einbau einer leistungsabhängigen Komponente. Doch solange die monetäre (Verlust-)Haftung durch den Eigenkapitalgeber erbracht wird, hat dieser auch allein Anspruch auf die monetären Unternehmensgewinne. Auch bedeutet „Gewinn“ nicht nur monetären, sondern auch persönlichen (persönliches Interesse), sozialen (Gemeinschaft der Mitarbeiter) und psychischen Gewinn (berufliche Befriedigung). Hier erfolgt sehr wohl eine Aufteilung des Gewinns.
Die geforderten „Ersatzleistungen“ werden in Form von Steuern erbracht: und hier stellt sich die Frage, die auch nicht angesprochen wird, wie der Staat diese Steuern verwendet: in der Realität geschieht das in nicht unerheblichem Maß zur Selbstfinanzierung aller von der Staatskasse abhängigen Personen und -gruppen inkl. des damit einhergehenden Korruptionspotentials. Woher beziehen denn diese Personen ihre Legitimität und Macht? Sind sie nicht auch mit Wagenknecht „gierig“ – man denke an die verhöhnten „Parteibonzen“ der linkssozialistischen SED? Kann hier der Vorrang des Kollektivinteresses vor dem Eigeninteresse automatisch vorausgesetzt werden?
Und wenn Geld eine „soziale Institution“ wäre, so wäre es vollständig vom sozialistischen Sozialstaat abhängig, wie dies etwa bereits Lenin mit der Verstaatlichung der Banken eingeführt hat. Die ökonomischen Konsequenzen linksstaatlicher Systeme bis in die Gegenwart sind hinreichend bekannt.
Fazit: Man kann das Buch kritisch auf der Hintergrundfolie einer impliziten Ideologie lesen, oder man nimmt die entsprechenden Tendenzen als Fragezeichen und Mahnung zur Kenntnis. Was jedoch sicher ist: es ist alter Wein in neuen Schläuchen. Smith, Keynes und Marx haben hier konstruktive Vorarbeit geleistet. Die Forschergruppe hätte sich zunächst der darin enthaltenen ökonomisch konstitutiven Prinzipien vergewissern können, um aus ihnen transparent (!) das ökologische Rating abzuleiten. Doch so bleibt es ohne ein festes Fundament und ist wie auf Sand gebaut.
Imre Koncsik, www.hcf-finance.de

Alt, Jörg: Wir verschenken Milliarden. Erkenntnisse des Forschungsprojektes „Steuergerechtigkeit und Armut“. Würzburg: Echter, 2016 (Veröffentlichungen der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus; 14), 208 S., ISBN 978-3-429-03961-5, Brosch., EUR 16.80

„Anfang des Jahres 2013 beschlossen die Jesuitenmission Deutschland, das Jesuit Hakimani Center in Nairobi / Kenia und das Jesuit Centre for Theological Reflection in Lusaka / Sambia ein dreijähriges Forschungsprojekt mit dem Titel „Steuergerechtigkeit und Armut: Verringerung des Wohlstandgefälles und der Staatsverschuldung“ (S. 13). Das vorliegende Buch fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Der sachlich-nüchterne Stil, in dem über legale, halblegale und illegale Wege berichtet wird, die Reiche und Mächtige nutzen, um noch reicher und mächtiger zu werden, verstärkt eher noch die Schockwirkung der im Rahmen des Forschungsprojekts zusammengetragenen Informationen. Wir verschenken Milliarden – wir lassen sie uns wegnehmen, weil wir als „normale“ und vom sozialen Abstieg bedrohte Bürger und Bürgerinnen offenbar zu wenig Einfluss auf die Politik haben und deshalb zusehen müssen, wie Steuergesetze zugunsten der Besitzenden verändert und die Einhaltung bestehender Gesetze zu wenig durchgesetzt wird, weil z.B. im Finanzamt Stellen gestrichen oder Prioritäten bei der Steuerfahndung zu unseren Ungunsten gesetzt werden.
Dazu ein Beispiel von vielen für verschenkte Milliarden: „Da es sich bei großen Privatvermögen meistens um komplexe, intransparente und oft um grenzübergreifende Anlagen handelt, sind Nachweise schwierig zu erbringen. Dann wird schon einmal eine außergerichtliche Lösung angestrebt, die im Wert weit unter dem entstandenen Steuerschaden liegt, weil man sonst Probleme hätte, einen Sachverhalt gerichtsfest zu ermitteln (S. 65).“
Auch von den vielen Handlungsempfehlungen zur Abhilfe – wie sie übrigens auch von der OECD und vielen anderen Stellen formuliert wurden und im Buch gut erläutert aufgelistet werden – sei an dieser Stelle nur eine weniger bekannte zitiert: „Ebenfalls legen Erkenntnisse dieses Projektes nahe, dass westliche Unterstützung von Steuerverwaltungen afrikanischer Länder tatsächlich eine gute Investition ist und der Entwicklung armer Länder vermutlich wesentlich zuträglicher ist als Entwicklungshilfe“ (S. 117).
Das Buch ist wesentlich beunruhigender und aufregender als die spannendsten Horrorgeschichten über böse Vampire, weil es von Entwicklungen berichtet, die den sozialen Frieden in der realen Welt nachhaltig bedrohen. Werden die klugen Analysen der Jesuiten und die mahnenden Worte des Papstes eine Umkehr der Entwicklung bewirken oder wenigstens eine Wende unterstützen?
Jürgen Maaß, Linz-Auhof

Fritze, Lothar: Kritik des moralischen Universalismus. Über das Recht auf Selbstbehauptung in der Flüchtlingskrise. Paderborn: Schöningh, 2017 (Schönburger Schriften zu Recht und Staat; 6), 277 S., ISBN 978-3-506-78672-2, Geb., EUR 36.90

In vorliegender Publikation (Band 6 der Schönburger Schriften zu Recht und Staat) legt Lothar Fritze, Prof. für Politikwissenschaft an der TU Chemnitz, eine Kritik des moralischen Universalismus – wie bereits dem Titel zu entnehmen ist – vor. Als gedanklicher Hintergrund dient ihm hierbei die in der Flüchtlingskrise, beginnend im Jahre 2015, vertretene Auffassung, „die Interessen eines jeden nicht anders zu behandeln wie die eigenen“ (Vorwort, 10).
Die anschließenden 13 Kapitel sind der Frage gewidmet, inwieweit ein moralischer Universalismus, der eine solche Auffassung transportiert, halt- und vertretbar ist und welche Konsequenzen dieser mit sich bringt. Eine philosophische Nachbetrachtung beschließt die Publikation.
Seine Analyse von Begriff und Idee des Universalismus führt Fritze am Ende des zweiten Kapitels zur begründeten Aussage, dass die moderne Idee des Universalismus das Erbe des kommunistischen Verteilungsprinzips und einer „Vision von einer herrschaftsfreien Weltgesellschaft“ (41) ausweise. Dies, so stellt er im nächsten Kapitel fest, sei allerdings keine menschenmögliche Option. Eine schrankenlose Universalisierung moralischer Rechte widerspreche unserem stammesgeschichtlichen Erbe und negiere die exklusiven Bindungen, die zwischen Familienmitgliedern und in Kleingruppen bestehen. Mit Bezugnahme auf Biologie und Verhaltensforschung schlussfolgert er, dass es „keinen ethischen Kosmopolitismus“ (51) gebe. Im nächsten Kapitel erfahren wir, wiederum kaum zu bestreiten, dass es für die allermeisten von uns in unserem Selbstverständnis liege, uns zunächst um uns selbst zu kümmern, was einen moralischen Universalismus lebensfremd und letztlich Kultur zerstörend erscheinen lässt. Auch ist es kaum zu bestreiten, dass die „menschliche Bereitschaft, sich solidarisch zu verhalten, Verantwortung für den Mitmenschen zu übernehmen, [...] mit dessen Andersheit [sinkt]“ (74). Dies spricht für einen gemäßigten Partikularismus. Gemäßigt, da, wie uns die Geschichte lehrte, die Gefahren einer Überhöhung großes Leid über die Menschheit bringen können (vgl. 104). Im nächsten Kapitel weist der Autor beispielsweise darauf hin, dass unsere Hilfspflichten in doppelter Weise abgestuft seien, was zur Feststellung führt: „Unsere Verpflichtungen anderen Menschen gegenüber sind umso geringer, je ferner sie uns stehen und umso stärker, je größer ihre Not ist“ (131). Fritze schlägt in Kapitel 9 vor, den moralischen Universalismus, in der Form des Humanitarismus betrachtet, zu begrenzen. Er führt hierzu sechs Begrenzungen auf, die nachvollziehbar sind. Er spricht von anthropologischen, lebenspraktischen, staatspolitischen, politisch-gesellschaftlichen, kulturellen und moralischen Grenzen (vgl. 155ff.). Die nächsten Seiten geben eine Kritik der kommunistischen Gleichheitsidee (Kapitel 10) und der Erkenntnis, dass der moralische Universalismus die kommunistische Gleichheits- und Gerechtigkeitsidee impliziere (183), wider. Die letzten Kapitel sind der Kritik einer überbordenden Politischen Korrektheit (Kapitel 12), der Erkenntnis dessen, dass ein gelebter Universalismus menschenunmöglich sei (vgl. 216ff.) und einem Plädoyer für ein Sowohl-als-auch, die Akzeptanz der regulativen Ideen des Universalismus und des Partikularismus (226) gewidmet. Beschließend findet sich folgende Aussage, deren Inhalt übernommen werden kann: „Statt moralische Normen unter einem ,Schleier des Nichtwissens‘ zu entwerfen, ist es realistischer und lebensnäher, nur solche Pflichten für begründet zu halten und zu akzeptieren, die auch im wahren Leben eine Chance auf allgemeine Befolgung haben“ (241).
Ich kann dieses Buch guten Gewissens zur Lektüre empfehlen. Es liest sich flüssig, die Argumentationen des Autors sind stets nachvollziehbar und fundiert. Dass die Aussagen dieses Buches, speziell jene in Kapitel 12 getroffenen, nicht von der Hand zu weisen sind, zeigt der Umstand, dass Fritze diese Publikation auf seiner Institutsseite als Privatveröffentlichung ausweist. Allein schon deswegen lohnt es, sich eingehend mit dem moralischen Universalismus und seinen gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Implikationen zu beschäftigen.
Jürgen Koller, Tobadill / Innsbruck


 

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch