ETHICA  Wissenschaft und Verantwortung

15. Jahrgang... 2007..  Innsbruck: Resch

Leitartikel

Monika Bobbert: Was macht Menschsein aus, wenn Biotechniken die Spezies verändern? Ethische Fragen der Forschung mit embryonalen Stammzellen, alternativen Klonverfahren und Chimären 7
Martin Heinrich: Von der Gefahr pädagogischer Urteile über moralisches Urteilen. Kritische Anmerkungen zur Wirkung von Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung 51
Elisabeth Hildt: Zur Relevanz einer weiten Autonomiekonzeption für die biomedizinische Ethik 73
Bernhard Irrgang: Wegbereiter einer alternativen Moderne? Der Überwachungsstaat als Antwort auf Verunsicherung durch terroristische Umnutzung von Technologie 145
Dragan Jakowlewitsch: Worin unterscheidet sich der negative Utilitarismus vom tradierten Utilitarismus und lässt er sich mit ihm kombinieren? 377
Nikolaus Knoepffler: Prinzipien und Regeln einer nicht-medizinischen Bioethik 255
Petra Mayr: Es ist nicht alles Gold, was glänzt... Von der Universalisierung und dem Objektbereich der goldenen Regel 241
Christoph Rehmann-Sutter: Embryoselektion zur Gewebespende? Fälle von PID-HLA und ihre Analyse in individual- und sozialethischer Perspektive 115
Josef Römelt: Auf dem Weg zu einem sachgerechten Verständnis der Menschenwürde 3
Josef Römelt: Vom freien Willen als bindende Selbstbestimmung zur offenen Lebenssuche. Gibt es eine autonome Willensbildung? 227
Hanspeter Schmitt: Gewissensbildung. Zur Soziogenese sittlicher Kompetenz 339
Klaus Thomalla: Verfassungsrechtliche Elemente des Menschenwürdediskurses und ihre philosophischen Implikationen 195
Werner Veith: Generationen beteiligen! Grundzüge einer Theorie intergenerationeller Gerechtigkeit 173
Andreas Vieth: Ausweitungsstrategien des moralisch Relevanten in der Angewandten Ethik. Negative Argumente gegen Angewandte Ethik als philosophische Teildisziplin 395

Diskussionsforum

Elmar Mayer: PID 426
Franco Rest: Tötungsheilbehandlung aufgrund mutmaßlicher Zustimmung 281
Bruno Schmid: Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende. Zur Kritik des Prinziplismus 97
Klaus Thomalla: Integratives Denken oder: Wie kann der Geburt des Subjekts aus dem Geist der Biowissenschaften vorgebeugt werden? 421
Was ist ärztliche Ethik? 285

Aus Wissenschaft und Forschung

Auf dem Weg zum künstlichen Menschen? 429
Auf dem Weg zur Roboterethik 288
Irland: Lockerung der bestehenden Organspenderegelung in Sicht 289
Ironie einer Forschungsgeschichte 288
Von Chimären und Klonen 429

Dokumentation

Eike Bohlken – Nicole C. Karafyllis: Die Technisierung des Gehirns. Ethische Aspekte aktueller Neurotechnologien 430
Klaus Thomalla: Dialektik der Säkularisierung. Auf der Suche nach der Bedeutung eines Begriffs 290

Nachrichten

Palliativmedizin 297
Ethik bei klinischen Prozessen 297
Ethik-Verbundprojekt 297

Bücher und Schriften

Ach, Johann S. / Pollmann, A. (Hrsg.): No body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper. Bioethische und ästhetische Aufrisse (V. Schubert-Lehnhardt) 320
Banse, Gerhard / Kiepas, Andrzej (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung: von der wissenschaftlichen Forschung zur politischen Umsetzung (B. Irrgang) 107
Beestermöller, Gerhard / Brunkhorst, Hauke (Hrsg.): Rückkehr der Folter. Der Rechtsstaat im Zwielicht? (S. Schoknecht) 105
Birnbacher, Dieter: Bioethik zwischen Natur und Interesse (G. Kleinschmidt) 112
Dietrich, Julia / Müller-Koch, Uta (Hrsg.): Ethik und Ästhetik der Gewalt (K. Röttgers) 322
Eckl, Andreas / Ludwig, Bernd (Hrsg.): Was ist Eigentum? Philosophische Eigentumstheorien von Platon bis Habermas (K. Weber) 305
Engelhard, Kristina / Heidemann, Dietmar R.: Ethikbegründungen zwischen Universalismus und Relativismus (J. Maaß) 308
Gebhard, Ulrich / Hößle, Corinna / Johannsen, Friedrich: Eingriff in das vorgeburtliche menschliche Leben. Naturwissenschaftliche und ethische Grundlegungen (J. Koller) 438
Grimm, Petra / Capurro, Rafael (Hrsg.): Tugenden der Medienkultur. Zu Sinn und Sinnverlust tugendhaften Handelns in der medialen Kommunikation (K. Weber) 101
Hartmann, Wolfgang: Existenzielle Verantwortungsethik. Eine moraltheologische Denkform als Ansatz in den theologisch-ethischen Entwürfen von Karl Rahner und Dietrich Bonhoeffer (K. Thomalla) 312
Heimbach-Steins, Marianne / Schöttler, Heinz-Günther / Ertl, Heimo (Hrsg.): Religionen im Dialog. Christentum, Judentum und Islam (K. Thomalla) 308
Heinemann, Thomas: Klonieren beim Menschen. Analysen des Methodenspektrums und internationaler Vergleich der Bewertungskriterien (B. Irrgang) 324
Heuser, Stefan: Menschenwürde. Eine theologische Erkundung (G. Marschütz) 104
Hilpert, Konrad / Bohrmann, Thomas (Hrsg.): Solidarische Gesellschaft. Christliche Sozialethik als Auftrag zur Weltgestaltung im Konkreten (J. Maaß) 301
Höffe, Otfried (Hrsg.): Vernunft oder Macht? Zum Verhältnis von Philosophie und Politik (B. Irrgang) 108
Krisor, Matthias / Wunderlich, Kerstin (Hrsg.): Gerade in schwierigen Zeiten: Gemeindepsychiatrie verankern – Internationale Beiträge (E. Luther) 329
Kühler, Michael: Moral und Ethik – Rechtfertigung und Motivation. Ein zweifaches Verständnis von Moralbegründung (I. Koncsik) 303
Kühnhardt, Ludger / Takayama, Mamoru (Hrsg.): Menschenrechte, Kulturen und Gewalt. Ansätze einer interkulturellen Ethik (K. Thomalla) 317
Kunze, Axel: Parteien zwischen Affären und Verantwortung. Anforderungen an eine Verantwortungsethik politischer Parteien aus christlich-sozialethischer Perspektive (I. Koncsik) 223
Maio, Giovanni (Hrsg.): Der Status des extrakorporalen Embryos. Perspektiven eines interdisziplinären Zugangs (K. Weber) 436
Meier, Uto / Sill, Bernhard u. a. (Hrsg.): Zwischen Gewissen und Gewinn. Werteorientierte Personalführung und Organisationsentwicklung (I. Koncsik) 111
Oehmichen, Manfred / Engelhardt, Dietrich von (Hrsg.): Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe (I. Koncsik) 318
Pitz, Andreas: Was darf das Medizinalpersonal? Die Kompetenzen medizinischer Helfer bei eigenverantwortlichem Handeln und Arbeitsteilung (V. Schubert-Lehnhardt) 331
Prüller-Jagenteufel, Günter M.: Befreit zur Verantwortung. Sünde und Versöhnung in der Ethik Dietrich Bonhoeffers (K. Appel) 310
Rehbock, Theda: Personsein in Grenzsituationen. Zur Kritik der Ethik medizinischen Handelns (N. C. Karafyllis) 332
Rehmann-Sutter, Christoph: Zwischen den Molekülen. Beiträge zur Philosophie der Genetik (I. Koncsik) 306
Schallenberg, Peter: Jenseits des Paradieses. Ethische Anstöße für den Alltag (St. Meyer-Ahlen) 434
Schmid Noerr, Gunzelin: Geschichte der Ethik (V. Schubert-Lehnhardt) 302
Schubert-Lehnhardt, Viola (Hrsg.): Frauen als Täterinnen im Nationalsozialismus (J. Maaß) 315
Schubert-Lehnhardt, Viola / Koch, Silvia (Hrsg.): Frauen als Täterinnen und Mittäterinnen im Nationalsozialismus (J. Maaß) 316
Schweitzer, Albert: Wir Epigonen. Kultur und Kulturstaat (E. Luther) 298
Soyka, Michael: Wenn Frauen töten. Psychiatrische Annäherung an das Phänomen weiblicher Gewalt (I. Koncsik) 334
Suharjanto, Dewi Maria: Die Probe auf das Humane. Zum theologischen Profil der Ethik Franz Böckles (K. Thomalla) 102
Tiedemann, Paul: Was ist Menschenwürde? Eine Einführung (G. Marschütz) 435
Verbeek, Peter-Paul: What Things Do. Philosophical Reflections on Technology, Agency and Design (B. Irrgang) 326
Zsifkovits, Valentin: Was wir brauchen...: Zur Ethik im Alltag (J. Maaß) 302


ETHICA 2007/1

EDITORIAL

JOSEF RÖMELT: AUF DEM WEG ZU EINEM SACHGERECHTEN VERSTÄNDNIS DER MENSCHENWÜRDE

 

LEITARTIKEL / Abstracts

BOBBERT, Monika: Was macht Menschsein aus, wenn Biotechniken die Spezies verändern? Ethische Fragen der Forschung mit embryonalen Stammzellen, neuen Klonverfahren und Chimären. ETHICA 15 (2007) 1, 7–49

Die Forschung mit menschlichen Embryonen und embryonalen Stammzellen wird aus verschiedenen Gründen als wichtig erachtet. Jenseits rechtlicher Regelungen bleiben jedoch zahlreiche ethische Einwände in Bezug auf die Verwendung überzähliger Embryonen aus der Reproduktionsmedizin oder die Erzeugung von Embryonen und Stammzellen durch das Verfahren des Klonens bestehen. Um ethische Probleme zu vermeiden, wurden Alternativen vorgeschlagen, so beispielsweise die Eizellentnahme aus „toten“ Embryonen, die aus der In-vitro-Fertilisation stammen, die Extraktion pluripotenter Stammzellen aus Blastozysten, die Techniken „altered nuclear transfer“ (ANT) oder „oocyte assisted reprogramming“ (ANT-OAR) sowie Parthenogenese. Erste ethische Einschätzungen zeigen die diesbezüglich offenen Fragen auf.
Außerdem lassen sich durch neue oder weiter ausdifferenzierte biotechnologische Verfahren Chimären und Hybriden erzeugen, in denen menschliche und nicht-menschliche Zellen kombiniert werden. Es wird gezeigt, dass Mensch-Tier-Chimären, bei denen Gameten oder Embryonalgewebe mit embryonalen oder adulten Stammuzellen vermischt würden, von anderer „Qualität“ und „Eindringtiefe“ wären als bisherige Chimärenexperimente. Dies hätte nicht nur Konsequenzen für die Frage der Patentierbarkeit, sondern grundlegend für das Selbstverständnis von uns Menschen, das Konzept von Person, Identität und Gattung und die damit in Verbindung gebrachten moralischen Rechte und Pflichten. Es wird gezeigt, dass rechtlicher Regelungsbedarf besteht, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.

Altered nuclear transfer (ANT)
oocyte assisted reprogramming (ANT-OAR)
Mensch-Tier-Chimären
Stammzellen, menschliche embryonale

BOBBERT, Monika: What does it mean to be a human being if the species is altered by biotechnology? Ethical questions concerning the research on embryonic stem cells, new cloning techniques and chimeras. ETHICA 15 (2007) 1, 7–49

Research on human embryos and embryonic stem cells is considered important for different reasons. However, besides the necessity of legal regulations, many objections are to be made from an ethical point of view as far as the use of “surplus embryos” out of reproduction medicine or the creation of embryos and stem cells by cloning is concerned. In order to avoid ethical problems, alternative measures were proposed, e. g. ovum extraction from “dead” embryos that had been used in in-vitro-fertilization, the extraction of pluripotent stem cells from blastocysts, techniques like “altered nuclear transfer” (ANT) or “oocyte assisted reprogramming” (ANT-OAR) as well as parthenogenesis. A first ethical evaluation is demonstrated by the still unresolved questions in this matter.
Furthermore, by new or more differentiated biotechnological procedures chimeras and hybrids can be created in which human and non-human cells are combined. It is shown that man-animal chimeras in which gametes or embryonic tissue were mixed with embryonic or adult stem cells would differ from previous chimera experiments in “quality” and “deepness of penetration”. This would not only be of consequence for the problem of patentability but also for the self-conception of man, the conception of person, identity and species and the inherent moral rights and duties. It turns out that there is a need for legal regulation on a national as well as an international level.

Altered nuclear transfer (ANT)
oocyte assisted reprogramming (ANT-OAR)
human-animal chimeras
stem cells, human embryonic


HEINRICH, Martin: Von der Gefahr pädagogischer Urteile über moralisches Urteilen. Kritische Anmerkungen zur Wirkung von Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung. ETHICA 15 (2007) 1, 51–72

Der Beitrag nimmt seinen Ausgangspunkt von dem Phänomen, dass es uns angesichts widersprüchlicher Normen und gesellschaftlicher Bedingungen vielfach nicht gelingt, zu einem konsistenten moralischen Urteil zu gelangen (Kap. I). Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung geht demgegenüber davon aus, dass sich auch angesichts dilemmatischer Situationen die moralische Urteilsfähigkeit bestimmen und immer auch befördern ließe (Kap. II). Nach einer Kritik an Kohlbergs Stufenmodell (Kap. III) werden Ergebnisse einer empirischen Studie vorgestellt, die – entgegen Kohlbergs Annahmen – gerade eine Dekomposition des Urteilsvermögens trotz hoher Reflexionsfähigkeit aufzeigen (Kap. IV). Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse folgen abschließend Vorschläge für eine pädagogische Praxis, die diesen Erkenntnissen Rechnung trägt (Kap. V).

Kohlberg, Lawrence
Moral
Pädagogik
Urteilsvermögen, moralisches


HEINRICH, Martin: About the risk of pedagogical judgements on moral judgement. Critical remarks on the effect of Kohlberg’s theory of moral development. ETHICA 15 (2007) 1, 51–72

The paper starts with describing the phenomenon that in many cases we are not able to devise a consistent moral judgement in situations which are characterised by contradictional norms and conflicting social circumstances (chap I). Contrary to that fact Kohlberg’s theory of moral development posits the possibility of describing and improving the faculty of moral judgement even in difficult situations (chap II). After reviewing some aspects of Kohlberg’s step-by-step concept (chap III) the author presents a few results of an empirical study which – contrary to Kohlberg’s assumptions – reveal nothing but a decomposition of the faculty of moral judgement despite a high ability of reflection (chap IV). Against the background of these results the paper concludes with some recommendations for some type of moral education that takes this knowledge into account (chap V).

Education
faculty of judgement, moral
Kohlberg, Lawrence
morality


HILDT, Elisabeth: Zur Relevanz einer weiten Autonomiekonzeption für die biomedizinische Ethik. ETHICA 15 (2007) 1, 73–95

Während Überlegungen zur Patientenautonomie in medizinisch-therapeutischen Kontexten üblicherweise im Zusammenhang des informed consent vor dem Hintergrund einer engen Autonomiekonzeption thematisiert werden, wird im Rahmen dieses Beitrags die Notwendigkeit verdeutlicht, zur ethischen Reflexion nicht-therapeutischer medizinischer Verfahren eine demgegenüber erweiterte Autonomiekonzeption einzusetzen.
Ausgehend von einer Analyse autonomiebezogener Fragestellungen im Umfeld prädiktiver genetischer Diagnostik plädiert der vorliegende Beitrag für die Verwendung einer weiten Autonomiekonzeption, welche den Gesichtspunkt der selbstbestimmten Lebensgestaltung in den Mittelpunkt rückt sowie direkte und indirekte Implikationen auf individueller, familiärer und gesellschaftlicher Ebene berücksichtigt.

Autonomie
Bioethik
Genetische Diagnostik
Humangenetik
informed consent
Medizinethik
Prädiktive Medizin

HILDT, Elisabeth: On the relevance of a broad conception of autonomy in biomedical ethics. ETHICA 15 (2007) 1, 73–95

Whereas reflections on patient autonomy in medico-therapeutical contexts are usually discussed in connection with informed consent against the background of a restricted conception of autonomy, this article tries to make clear that it is necessary to put on a broader autonomy conception for considering non-therapeutical medical methods from an ethical point of view.
On the basis of an analysis of questions referring to autonomy in the context of predictive genetic diagnostics the author pleads for the use of a broad autonomy conception which makes the self-determined arrangement of life the focus of attention and also takes into consideration the direct and indirect implications on an individual, social and family level.

Autonomy
bioethics
genetic diagnostics
human genetics
informed consent
medical ethics
predictive medicine

ETHICA 2007/2

LEITARTIKEL / Abstracts

REHMANN-SUTTER, Christoph: Embryoselektion zur Gewebespende? Fälle von PID-HLA und ihre Analyse in individual- und sozialethischer Perspektive. ETHICA 15 (2007) 2, 115–143

Die Auswahl von Embryonen nach Präimplantationsdiagnostik nach immunologischen Merkmalen (HLA) stellt andere ethische Fragen als die Präimplantationsdiagnostik zur Prävention einer erblichen Krankheit. Die Fallkonstellationen lassen sich längerfristig kaum auf die Spende von Nabelschnurblut für ein krankes Geschwister einschränken. In der bisherigen bioethischen Literatur werden vor allem Einwände behandelt, die auf das Instrumentalisierungsverbot, auf eine Pflicht der Eltern oder auf die Beeinträchtigung der Interessen des gezeugten Retterkindes abstellen. Diese Arbeit diskutiert diese Argumente kritisch und schlägt eine zusätzliche sozialethische Perspektive vor, die auch die gesellschaftliche Herbeiführung von no choice Situationen für Eltern problematisiert.

Präimplantationsdiagnostik
Gewebe-Typisierung
Hämatopoietische Stammzellen
Retterkinder
Therapeutischer Imperativ



REHMANN-SUTTER, Christoph: Embryo selection for tissue donation? Cases of PGD-HLA and their analysis in an individual and social ethical perspective. ETHICA 15 (2007) 2, 115–143

Selecting embryos after preimplantation genetic diagnosis with immunological markers (HLA) raises different ethical questions than the diagnosis to prevent hereditary diseases. In the longer term it might not be possible to restrict the cases to constellations where umbilical cord blood is donated to cure an ill sibling. The current bioethical literature mainly deals with ethical objections that are based on instrumentalizing the saviour baby, on an infringement of its interests or an obligation of parents. This paper discusses these arguments critically and suggests an additional socio-ethical perspective which also enables to see the ethical issues of no choice situations that are brought about by the developments of the health care system.

Hematopoietic stem cells
preimplantation genetic diagnosis
saviour siblings
therapeutical imperative
tissue typing


IRRGANG, Bernhard: Wegbereiter einer alternativen Moderne? Der Überwachungsstaat als Antwort auf Verunsicherung durch terroristische Umnutzung von Technologie. ETHICA 15 (2007) 2, 145–172

Die Auflösung des traditionellen Krieges in eine Serie von Anschlägen, Attentaten und terroristischen Aktionen hat die Struktur militärischer Aktionen grundlegend verändert. Asymmetrische Konflikte können in immer geringerem Maße militärisch beendet werden. Die Umnutzung modernster Technologie (Verkehrsinfrastruktur, Internet) durch den Terrorismus zeigt, dass eine alternative Modernität möglich ist, die nicht als wünschenswert erscheint. Die Beibehaltung der bisherigen Sicherheitsphilosophie und ihrer Strategien gegen den Terrorismus verstärken den Weg zu einem Überwachungsstaat. Unser Sicherheitsstreben selbst wird zum Risiko.

Cyberterrorismus
Hochtechnologie
Terrorismus
Überwachungsstaat


IRRGANG, Bernhard: The surveillance state as a forerunner of an alternative modernity in reply to the uncertainty caused by the terrorists’ capitalizing on high technology? ETHICA 15 (2007) 2, 145–172

The disintegration of traditional war into a series of terrorist attacks and assassinations has brought about a fundamental change of the structure of military actions. The possibility of ending asymmetrical conflicts by militäry interventions is continually decreasing. The terrorists’ capitalizing on high technology (traffic infrastructure, Internet) points at an alternative modernity which does not seem to be desirable. The retention of present security philosophy and its strategies pave the way to a surveillance state. Our striving for security is getting a risk itself.

Cyber-terrorism
high technology
surveillance state
terrorism

VEITH, Werner: Generationen beteiligen! Grundzüge einer Theorie intergenerationeller Gerechtigkeit. ETHICA 15 (2007) 2, 173–193

Intergenerationelle Gerechtigkeit gründet einerseits auf einem differenzierten Verständnis von Generationen als Strukturformen zeitlich-sozialer Ordnung und andererseits auf einer systematischen Erweiterung der Gerechtigkeitstheorie um eine temporale Dimension. Zunächst werden deshalb mit dem genealogisch-familiensoziologischen, dem historisch-soziologischen und dem pädagogischen Generationenkonzept drei Zugänge zur zeitlichen Positionierung sozialer Gefüge in Familie und Gesellschaft vorgestellt. Es folgt eine Rekonstruktion der sozialen Gerechtigkeit bzw. der Beteiligungsgerechtigkeit, um daran die temporale Erweiterung der Gerechtigkeitstheorie anzuschließen. Diese wird mit John Rawls’ „Gerechtigkeit als Fairness“ exemplarisch vorgestellt und mit einem adäquaten Modell des Urzustandes sowie dem gerechten Spargrundsatz entwickelt. Die daraus abgeleitete Forderung nach einer temporalen Universalisierung lässt sich nun in eine diachrone Grundnorm überführen, die jede Form der Zeitpräferenz und insbesondere die Abwertung des Zukünftigen zurückweist. Intergenerationelle Gerechtigkeit kann schließlich als Gerechtigkeitsmodell identifiziert werden, das die synchronen Aspekte der sozialen Gerechtigkeit bzw. Beteiligungsgerechtigkeit aufgreift und diese zusätzlich um eine diachrone Dimension erweitert.

Beteiligungsgerechtigkeit
Generation / Generationen
Gerechtigkeit als Fairness (John Rawls)
Gerechtigkeit, intergenerationelle
Gerechtigkeit, soziale
Gerechtigkeitstheorie
Sozialethik

VEITH, Werner: Generation participation. The principles of a theory of intergenerational justice. ETHICA 15 (2007) 2, 173–193

Intergenerational justice is, on the one hand, based on a differentiated understanding of generations as structural forms of a temporal-social order and, on the other hand, on a systematic extension of the theory of justice by a temporal dimension. Thus, with the genealogical-sociological, the historical-sociological as well as the pedagogical generation concept three approaches to the temporal positioning of social structures within family and society are introduced. This is followed by a reconstruction of social justice or contributive justice, to go on with the temporal extension of the theory of justice, which is exemplified by John Rawls’ “Justice as fairness” and developed with the help of an adequate model of the original position and the just economy principle. The resulting claim for a temporal universalization can then be transferred into a diachronic fundamental norm, which rejects any form of time preference, in particular the debasement of the future. Finally, intergenerational justice may be identified as a model of justice, which takes up the synchronic aspects of social justice or contributive justice to enrich them with a diachronic dimension.

Contributive justice
generation(s)
intergenerational justice
justice as fairness (John Rawls)
social ethics
social justice
theory of justice


THOMALLA, Klaus: Verfassungsrechtliche Elemente des Menschenwürdediskurses und ihre philosophischen Implikationen. ETHICA 15 (2007) 2, 195–221

Erst mit der Besinnung auf das geistesgeschichtliche Fundament der Menschenwürdegarantie wird die Bedeutung dieser Basisnorm deutlich. Wer die Ideengeschichte ernst nimmt, wird sich des unbedingten Anspruchs bewusst und in seinen Ergebnissen im Hinblick auf aktuelle Probleme der Bioethik restriktiver vorgehen als diejenigen, die die Ideengeschichte als Last oder Beiwerk betrachten.
Die Unterscheidung zwischen zwei bioethischen Perspektiven scheint hilfreich, um den unbedingten Anspruch nicht zugunsten rechtsethischer Minimalbedingungen aufzulösen. Während eine Bioethik als Moralphilosophie durchaus von weltanschaulichen Grundüberzeugungen ausgehen kann, zielt eine Rechtsethik von vornherein auf eine allgemeinverbindliche Regelung ab und damit auf eine Vermittlung der Ansichten unter Minimalbedingungen.
Hierbei ist gegenwärtig ein Wandel in der Verfassungsinterpretation festzustellen, der darauf zielt, die sogenannte „Normkultur“ durch eine „Nutzenkultur“ abzulösen oder das Spannungsverhältnis zwischen moralphilosophischem Anspruch und rechtsethischer Wirklichkeit zugunsten der Letzteren zu negieren. Die Frage ist, ob man damit nicht das Element des Unantastbaren aufgegeben hat, ebenso wie die geistesgeschichtliche Bedeutung der Menschenwürdegarantie. Dagegen sollte man sich bewusst machen, dass der juristische und der philosophische Diskurs aufeinander angewiesen sind, da der Erstere den Letzteren benötigt, um ihn an die Grenzen der rechtspragmatischen Perspektive zu erinnern, der Letztere den Ersteren aber, um seinen Gedanken in einem säkularen Staat zur Durchsetzung zu verhelfen.
Damit bleibt das Spannungsverhältnis zwischen moralphilosophischem Anspruch und rechtsethischer Wirklichkeit bestehen und kann im bioethischen Diskurs fruchtbar gemacht werden, um jeweilige Einseitigkeiten zu korrigieren.

Menschenrechte
Menschenwürde
Moralphilosophie
Normkultur
Nutzenkultur
Rechtsethik
Unantastbarkeit


THOMALLA, Klaus: Constitutional elements of the discourse on human dignity and their philosophical implications. ETHICA 15 (2007) 2, 195–221

We can not fully appreciate the claim that human dignity is guaranteed – as a basic norm in the constitution – unless we reflect on its grounding in the complex history of ideas. If we assess the reasoned accounts presented in the history of ideas, we find a claim that is absolute, unconditional, and we will be inclined to proceed with greater caution in applying categories of human dignity and rights in problematic cases, especially in the area of bioethics.
I argue that distinguishing two ethical perspectives helps to explicate the absolute, unconditional character of the claim that human dignity is guaranteed, and to defend it against minimal, conditional legal accounts: A bioethical conception construed as part of a comprehensive ethical theory, informed by fundamental, reasoned convictions (moral philosophy), will differ from a bioethical conception that aims at formulating generally binding rules that mediate between different fundamental convictions or worldviews, guided by minimal conditions (legal ethics).
In recent interpretations of the constitution there is often a striking shift from accounts that emphasize a ‘culture of norms’ to those that stress a ‘culture of utility’, or a tendency to neglect basic explanatory demands of ethical theory in favour of more pragmatic accounts focussed on the reality of legal ethics. I argue that we need to be aware that both philosophical and legal discourse need and depend on each other: the legal discourse needs the philosophical discourse as a corrective to stress the limits of any purely pragmatic perspective; and the philosophical discourse needs the legal discourse to assert and actualize its principles in a secular state.
Thus, the tension between moral philosophy and the reality of legal ethics remains; however, it is not as such an impediment but a fruitful, dialectic relation that helps to inform and shape especially the bioethical discourse, and correct instances of one-sidedness.

Culture of norms
culture of utility
human dignity
human rights
inviolability
legal ethics
moral philosophy

ETHICA 2007 / 3

LEITARTIKEL / Abstracts

RÖMELT, JOSEF : Vom freien Willen als bindende Selbstbestimmung zur offenen Lebenssuche. Gibt es eine autonome Willensbildung? ETHICA 15 (2007) 3, 227–240

Die klassische Definition dessen, was mit dem Begriff des freien Willens des Menschen angesprochen sein soll – voluntas est intellectus in actu –, enthält eine Theorie über den Zusammenhang von vorgängiger bewusster Erkenntnis und freier Selbstbestimmung. Angesichts der skeptischen Auffassungen heutiger Natur- und Humanwissenschaft müsste man diese Formulierung aber umdrehen: intellectus est voluntas in actu. Bewusste Selbsterkenntnis und menschliche Identitäts- und Willensbildung darin ist für den Menschen moderner Gesellschaft häufig das Ergebnis konkreter körperlicher und seelischer Lebensprozesse – ja der axionalen Reizmuster des Gehirns selbst. Angesichts der Überforderung, die das Individuum im gegenwärtigen Klima der permanent neu zu leistenden Selbstdefinition in den unübersichtlichen Welten der komplexen Wirklichkeit auch erfährt, stellt sich aber die Frage: Vermag die theologische Deutung menschlicher Seinsweise dem Menschen in seiner Suche nach ehrlicher, aber auch stabiler Willenserfahrung eine Hilfe zu sein?

Autonomie
Christliches Menschenbild
Determinismus
Freiheit
Willen


RÖMELT, JOSEF: Free will as definite self-determination in view of an open search for life. Is there an autonomous formation of will? ETHICA 15 (2007) 3, 227–240

The classical definition of what is to be expressed by the concept of free will in humans – voluntas est intellectus in actu – includes a theory on the correlation between conscious cognition and free self-determination. In the face of the sceptical views of modern natural and human sciences this formulation would have to be used the other way round: intellectus est voluntas in actu. For modern man intentional self-knowledge as well as the formation of human identity and will is often the result of definite physical and mental life processes, even of the axional stimulating patterns of brain itself. However, with regard to the excessive demands which the individual in today’s climate of a self-definition that is constantly to be renewed in the confused worlds of complex reality is confronted with, the question has to be asked if the theological interpretation of human modi essendi can be helpful in the search for an honest, but also stable experience of will.

Autonomy
Christian concept of man
determinism
freedom
will

MAYR, PETRA : Es ist nicht alles Gold, was glänzt... Von der Universalisierung und dem Objektbereich der goldenen Regel. ETHICA 15 (2007) 3, 241–254

Die goldene Regel gilt als ethisches Prinzip, das es vermag, kulturelle und religiöse Distanzen mit ihrer Kernforderung zu überbrücken. Ihre Forderung, Andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, besticht durch ihre vermeintliche Praxisorientierung. Die Grenzen des ethischen Prinzips der goldenen Regel zeigen sich an seiner Universalisierbarkeit, die anhand von John Leslie Mackies Stufen der Universalisierung gemessen wird. Als Konsequenz der Anwendung des Universalisierungsprinzips von Mackie lässt sich eine Ausweitung des Objektbereichs von Moral auf leidensfähige Lebewesen begründen. Selbst in der explizit anthropozentrisch angelegten Moral Kants spielt die Leidensfähigkeit eine Rolle. Die differentia specifica der Vernunft als ausschließliches Kriterium für moralische Berücksichtigung, die scheinbar in der Kantischen Ethik eine unüberwindbare Kluft zwischen Mensch und Tier entstehen lässt, wird überbrückt durch die Fähigkeit zum Leiden, die beide Spezies verbindet. Damit erscheint die Leidensfähigkeit als ein Prinzip, dass in der goldenen Regel verankert ist, aber als Maxime der Leidvermeidung weit darüber hinausgeht.

Goldene Regel
Kant, Immanuel
Tiere
Vernunft



MAYR, PETRA : All that glitters or glisters is not gold... On universalization and the object field of the golden rule. ETHICA 15 (2007) 3, 241–254

The golden rule is seen as an ethical principle that may bridge cultural and religious distances by its key demand, namely: do as you would be done by. This demand is rather captivating because of its practical orientation. The limits of the ethical principle of the golden rule are expressed by its universalizability which are measured by John Leslie Mackie’s scale of universalization. One of the consequences of the use of his principle of universalization is the extension of the object sphere of morality to beings capable of suffering. Even in Kant’s morality, which is explicitly anthropocentric, the capability of suffering plays an important role. The differentia specifica of reason as an exclusive criterion for moral consideration, which, apparently, in Kant’s ethics leads to an insurmountable gap between man and animal, is bridged by their capability of suffering. Thus, the latter seems to be embedded as a principle in the golden rule, but also exceeds it as a maxim of prevention of suffering.

Animals
golden rule
Kant, Immanuel
reason


KNOEPFFLER, NIKOLAUS : Prinzipien und Regeln einer nicht-medizinischen Bioethik. ETHICA 15 (2007) 3, 255–280

In der Umwelt- und Tierethik ist der lange Zeit vorherrschende Anthropozentrismus nicht mehr konsensfähig. Auch aktuelle anthropozentrische Ansätze sind mit physio-, bio- und pathozentrischen Ansätzen nicht gänzlich zu vermitteln. Ein integrativer Ansatz, der zwar vom Prinzip der Menschenwürde ausgeht, aber über das zweite Prinzip der Nachhaltigkeit wichtige Anregungen insbesondere des Pathozentrismus integriert, kann diese Vermittlung zwar ebenfalls nicht vollständig leisten, bietet aber ein Set Regeln an, die individuell und sozial verträglich, ökonomisch sinnvoll und ökologisch dienlich sind. Die beispielhafte Diskussion des Problemfelds der Grünen Gentechnik und der Herstellung transgener Tiere hat gezeigt, dass die Prinzipien und die mit ihnen verbundenen Regeln ethische Bewertungen ermöglichen, wenn vielleicht auch nicht immer abschließend Lösungen anbieten können.

Bioethik
Gentechnik /Tiere
Grüne Gentechnik
Menschenwürde


KNOEPFFLER, NIKOLAUS : Principles and rules of non-medical bioethics. ETHICA 15 (2007) 3, 250–280

In environmental and animal ethics anthropocentrism, which has been prevailing for a long time, is no longer open to consensus. Even modern anthropocentric approaches cannot be completely conveyed by physio-, bio- or pathocentric ones. An integrative approach that starts from the principle of human dignity, but – by way of the second principle of sustainability – also integrates important suggestions of, e. g., pathocentrism, can, certainly, not be used to make this conveyance perfect. Nevertheless, it offers a set of rules which are individually and socially acceptable, economically and ecologically helpful. The exemplary discussion on green genetic engineering as well as on the production of transgenic animals has shown that the principles and the rules combined with them at least allow ethical evaluations, even if they are not always able to offer definite solutions.

Bioethics
genetic engineering /animals
green genetic engineering
human dignity

ETHICA 2007 / 4

LEITARTIKEL / Abstracts

SCHMITT, HANSPETER: Gewissensbildung. Zur Soziogenese sittlicher Kompetenz. ETHICA 15 (2007) 4, 339–376

Die Entwicklung bzw. Ontogenese der Gewissensfähigkeit wird klassisch als interne Ausfaltung einer anthropologisch gegebenen Veranlagung betrachtet. In der Tat geht es mit dem Gewissen um die Chance und den Vollzug einer personal unvertretbaren, die Mündigkeit und kritische Selbstrelevanz des Menschen spiegelnden sittlichen Verantwortung. Jedoch lehren moderne philosophische und humanwissenschaftliche Ansätze, das Wachstum dieser Verantwortung als von Grund auf sozial kontextuiert und interaktional geformt zu verstehen. Daher wird das Gewissen in diesem Aufsatz ausgehend von den Voraussetzungen und Erfahrungen pluraler Lebensvollzüge beschrieben: Es geht um seine Entfaltung mittels sozialer Differenzen und diesbezüglich notwendiger Kommunikationsereignisse, näherhin um jene interaktionalen Prozesse, welche die Gewissensbildung durchläuft. Diese Prozesse sind notwendig, damit das Gewissen einmal jene Interaktionskompetenz darstellt, die in der Lage ist, Pluralität zugunsten verantwortlichen Handelns zu gestalten. Der massive Einspruch der Gewissenskritik, man könne im Blick auf diese Soziogenese keinesfalls von der Freiheit und Rationalität sittlicher Verantwortung sprechen, wird abschließend als Ideologie kritisiert und zurückgewiesen.

Freud, Sigmund
Gewissen
Habermas, Jürgen
Kohlberg, Lawrence
Schöpf, Alfred
Verantwortung, sittliche

SCHMITT, HANSPETER: Formation of conscience. On the sociogenesis of moral competence. ETHICA 15 (2007) 4, 339–376

The unfolding or ontogenesis of moral competence is traditionally considered as the inner development of an anthropologically inherent disposition. Conscience, in fact, implies the chance as well as the enactment of a personally indefensible moral responsibility reflecting the determinedness and critical self-relevance of man. However, modern philosophical and scientific approaches insinuate that the growth of this responsibility is interactionally formed and entirely to be seen in a social context. Thus, conscience in this essay is described on the basis of the conditions and experiences of plural performances of life. It is about its development by social differences and, in this regard, the essential processes of communication, i. e. those interactional processes that are responsible for the formation of conscience. They are necessary in order to endow conscience with the competence of interaction that will be able to handle plurality in favour of responsible action. The massive objection by conscience critique – that, in the view of sociogenesis, one definitely cannot speak of the freedom and rationality of moral responsibility – is finally criticized and refused as pure ideology.

Conscience
Freud, Sigmund
Habermas, Jürgen
Kohlberg, Lawrence
resposibility, moral
Schöpf, Alfred


JAKOWLEWITSCH, DRAGAN: Worin unterscheidet sich der negative Utilitarismus vom tradierten Utilitarismus und lässt er sich mit ihm kombinieren? ETHICA 15 (2007) 4, 377–395

Ausgehend von der eigentümlichen Parallelität zweier Zielsetzungen (jener der Glücksvermehrung und zugleich jener der Leidensminimierung), welche die utilitaristische Tradition prägte, wird in diesem Aufsatz die den negativen Utilitarismus begründende Idee, Bewertungen von Handlungsfolgen ausschließlich an der Erzielung des negativen Nutzens zu orientieren, erörtert. Im Rahmen dieser Betrachtug setzt sich der Verfasser dafür ein, den realen Utilitarismus, wie er von Klassikern wie Epikur, Bentham, Mill usw. überliefert wurde, von den möglichen theoretischen Modellen des utilitaristischen Ansatzes zu unterscheiden. Entgegen dem auf der strengen Assymetrie-These aufbauenden Radikalismus der von K. R. Popper befürworteten Konzeption wird hier eine gemäßigte Spielart des negativen Utilitarismus entworfen. Die allgemeine Perspektive des vorgeschlagenen ethischen Ansatzes setzt sich aus folgenden drei Zielsetzungen zusammen: (i) der vollständigen Eliminierung negativer Güter; (ii) ihrer Minderung oder Minimalisierung; (iii) der Zulassung kleinerer negativer Güter, wenn dies die einzige Möglichkeit darstellt, Vorkommen größerer negativer Güter zu vermeiden.
Ein moderater negativer Utilitarismus hätte den Vorzug, dass er die meisten Regeln der üblichen Sozialmoral zu integrieren vermag – wie etwa den allgemeinen Grundsatz der Nicht-Schädigung. Auch insofern weist diese Spielart des negativen Utilitarismus bedeutsame konzeptionelle Vorteile auf.

Handlungsfolgen
Klassischer Utilitarismus
Leidensminderung
Negativer Nutzen
Negativer Utilitarismus /Spielarten
Sittliches Handeln /Zielsetzungen

JAKOWLEWITSCH, DRAGAN : What is the difference between negative and traditional utilitarianism and can they both be combined? ETHICA 15 (2007) 4, 377–395

Based on the strange parallelism of two objectives (enhancement of happiness and minimalization of suffering), which was characteristic of traditional utilitarianism, this essay discusses the idea behind negative utilitarianism, namely to orientate evaluations of consequences of action exclusively to the achievement of negative benefit. In the course of reflection the author pleads for distinguishing real utilitarianism as handed down by the classics like Epikur, Bentham, Mill, etc. from the possible theoretical models of utilitarianist approach. Contrary to radicalism founded on the theory of strong asymmetry as approved by K. R. Popper’s conception, a moderate form of negative utilitarianism is designed. The general perspective of the proposed ethical approach consists of the following three objectives: (i) the complete elimination of negative goods; (ii) their reduction resp. minimalization; (iii) the admission of smaller negative goods if this is the only possibility to avoid the occurrence of larger negative goods.
The advantage of a moderate negative utilitarianism would be the ability to integrate the majority of rules of usual social morality, as e. g. the general no-harm-principle. It is not at least in this respect that this particular form of negative utilitarianism has significant conceptual advantages.

Classical utilitarianism
consequences of action
minimalization of suffering
moral action /objectives
negative benefit
negative utilitarianism /forms


VIETH, ANDREAS: Ausweitungsstrategien des moralisch Relevanten in der Angewandten Ethik. ETHICA 15 (2007) 4, 395–420

Angewandte Ethik ist ein Kollateralschaden der modernen Ethiktradition. Nur wer in ontologischer, epistemologischer und begründungstheoretischer Hinsicht bestimmte neuzeitliche Auffassungen vertritt, muss in Fragen der praktischen Orientierung im alltäglichen Handeln über die Anwendung der Ethik nachdenken. Unterschiedliche Anwendungsmetaphern in der Diskussion zeigen allerdings, dass Angewandte Ethik kein einheitliches konzeptionelles Phänomen darstellt. Das größte Problem der modernen Ethik ist die ontologisch willkürliche, epistemologisch wenig überzeugende und begründungstheoretisch fragwürdige Einengung des Bereiches des moralisch Relevanten. Nur wer – beispielsweise – zuvor die moralische Betrachtung auf vernünftige Personen einschränkt, bekommt Probleme, wenn er komatöse Menschen und Tiere unter offensichtlich moralischen Gesichtspunkten zu betrachten hat. Vermögen konzeptionell wenig überzeugende Hilfskonstrukte Komatöse und Tiere dennoch „einzufangen“, scheitert die moderne Ethik nicht zuletzt an der unbelebten Umwelt (biologische Arten, Ökosysteme usw.). Der Beitrag soll vor diesem Hintergrund auf systematische Aspekte der Angewandten Ethik aufmerksam machen, die sie zugleich als Disziplin grundsätzlich in Frage stellen.

Angewandte Ethik
Metaethik
Metaphilosophie
Tierethik

VIETH, ANDREAS: Strategies of expansion with regard to what is morally relevant in applied ethics. ETHICA 15 (2007) 4, 395–420

Applied ethics is a collateral damage of modern ethical tradition. Only those who in an ontological, epistemological and justificatory theoretical view hold specific modern conceptions have to reflect upon the use of ethics in questions of practical orientation in daily action. However, different metaphors of application in discussion show that applied ethics does not represent a homogeneous conceptional phenomenon. The greatest problem of modern ethics is the ontologically arbitrary, epistemologically hardly convincing and justificatory-theoretically doubtful restriction of what is morally relevant. If e. g. one limits moral consideration to rational persons, he will be faced with problems when comatose persons or animals are to be considered under an obviously moral point of view. If auxiliary constructs that conceptionally are not very convincing succeed in “involving” also the comatose and the animals, modern ethics will, nevertheless, fail because of the inanimate environment (biological species, ecosystems, etc.). Against this background the systematic aspects of applied ethics will be worked out in this article which, at the same time, will call applied ethics into question as a discipline.

Animal ethics
applied ethics
metaethics
metaphilosophy

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch